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  • 30.03.2013           2      Teilen:   |

"Unwiderruflich glücklich"

Das letzte Buch von Mario Wirz?

Artikelbild
Christoph Klimke (li) und Mario Wirz sinnieren unterhaltsam wie (selbst)ironisch über das Glück respektive Unglück (Bild: Ralf Rühmeier)

Zusammen mit Christoph Klimke hat der an Knochenkrebs erkrankte Berliner Autor den Band "Unwiderruflich glücklich" vorgelegt – 40 heitere Texte über das Glück und den Tod.

Von Angelo Algieri

"Diesmal werde ich die Einladung des Todes annehmen müssen. Er hat lange geduldig gewartet." – So dramatisch, wie es klingt, ist es auch. Denn dem Lyriker und Schriftsteller Mario Wirz wurde Knochenkrebs mit Metastasen in der Lunge diagnostiziert. Wirz verweist zu Recht darauf, dass er dem Tod bisher ein Schnippchen geschlagen hat. Er ist seit Mitte der 1980er Jahre HIV-positiv und hat zuletzt 2010 einen anderen Tumor erfolgreich bekämpft. Eine lange Verschnaufpause wurde ihm leider nicht gegönnt. Nun scheint das Ende nahe.

Über diese traurige Gewissheit schreibt Wirz erstaunlich offen in seinem Text "Zimmer 3". Er ist im gemeinsam mit seinem Schriftstellerkollegen Christoph Klimke herausgebrachten Buch "Unwiderruflich glücklich" erschienen. Die beiden befreundeten Autoren haben bereits 2009 den Gemeinschafts-Band "Nachrichten von den Geliebten" (ebenfalls im Querverlag) veröffentlicht – das Tandem hat sich demnach bewährt. Für den zweiten gemeinsamen Band, in dem es um das Glück, den Krebs und den Tod geht, haben Wirz und Klimke jeweils etwa 20, meist kurzseitige Texte beigesteuert.

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Knochenkrebs versus Tumor an der Niere

Erzählungen, Anekdoten und Autobiographisches: "Unwiderruflich glücklich"
Erzählungen, Anekdoten und Autobiographisches: "Unwiderruflich glücklich"

Auch beim 53-jährigen Christoph Klimke wurde Krebs festgestellt. Bei ihm sitzt der Tumor an einer Niere. Vor allem sein lakonischer Bericht "Gibt es im Unglück Glück?" zeichnet nach, wie er von der Nachricht erfahren hat und wie sein Freund und seine Freunde reagiert haben. Aber auch, wie er ins Krankenhaus kommt, operiert wird und alles glatt läuft. Dabei erzählt er weniger von seinen Gefühlen, sondern beinahe steril, was nacheinander geschieht und welche Erinnerungen ihn befallen. Erstaunlich kühl, als ob Klimke einen Abstand sucht, als ob Krebs nicht Teil seiner Lebensgeschichte wäre.

Doch wer glaubt, dass die restlichen Texte traurig sind und betroffen machen, der irrt. Denn die meisten anderen Berichte, Erzählungen, Erinnerungen, assoziative Passagen, Skizzen und Szenen haben einen durchweg heiteren Ton. Es geht ja schließlich – wie der Titel pathetisch angibt – um das unwiderrufliche Glück! Erst recht bei todbringenden Diagnosen.

So erweist sich insbesondere Wirz als humorvoll, ironisch – und vor allem selbstironisch. Etwa wenn er über seine Tortensucht schreibt: Er verwandelt sich regelmäßig in ein Tortenmonster. Das Besondere an seinem Text "Torten" ist die surreale Übertreibung, aber auch die Lust am Genuss. Gibt es etwas Schöneres als im Hier und Jetzt wollüstig zu essen?

Übergewichtige Männer als Sexidol

In einer anderen Erzählung stellt Wirz die Präferenz von Begehrlichkeiten auf den Kopf. Eines Tages gelten übergewichtige Menschen, wie Wirz selbst, als geil. Doch lamentiert er, dass er nun kaum einer Schwuppe entkommen kann. Zu anstrengend! Und sehnt sich nach den guten alten, ruhigen Zeiten… Eine amüsante "Rubensiade".

Humorvoll ist auch Wirz' Erinnerung, wie er Ronald M. Schernikau, den er sehr verehrt, im ersten Augenblick nicht erkennt, als dieser ihn anspricht. Obwohl es Wirz peinlich ist, landen beide doch in der Kiste und reden anschließend unermüdlich die ganze Nacht. Sie sollten sich daraufhin nur noch winkend über den Weg laufen…

Während Wirz autobiografisch-angehauchte Geschichten zum Besten gibt, ist Klimke eher der assoziierende Anekdotenerzähler, teils mit ironischen Pointen. Zwar mischt sich in seine Texte Autobiografisches ein, doch schon bald verlässt er diese Spur und hüpft von lustigen oder skurrilen Anekdoten von Berühmtheiten zu anderen. So erfahren wir etwa, dass die Schauspielerin Brigitte Mira an Fußpilz litt, weil er zum selben Arzt geht wie sie. Doch der Doktor hält sich nicht an seine Schweigepflicht. Oder wie der Theaterschauspieler Bernhard Minetti zu einer Frau im Publikum gegangen ist, als sie zuvor geschrien hatte, er möge doch lauter sprechen. Er flüsterte ihr ins Ohr, ob es dadurch besser werden würde. Und immer wieder erzählt Klimke Storys über die Dichter Federico García Lorca und Pier Paolo Pasolini, als deren Experte er gilt.

"Ohne Muße keine Lyrik und ohne Umkehr kein weiter so"

Wirz' Prosa-Band "Es ist spät, ich kann nicht atmen" erschien 1993  – schon damals rechnete der HIV-positive Autor mit seinem raschen Tod
Wirz' Prosa-Band "Es ist spät, ich kann nicht atmen" erschien 1993 – schon damals rechnete der HIV-positive Autor mit seinem raschen Tod

Doch was die meisten Texte verbindet ist das Sinnieren über das Glück respektive Unglück. Und so verwundert es nicht, dass im Buch verstreut von beiden Autoren Quintessenzen oder trockene Statements zu lesen sind: "Glück und Unglück verweigern sich der Mittelbarkeit", "Das kleinere Glück wird zum großen und zwar auch durch die Rituale an jeden Tag" oder "Ohne Muße keine Lyrik und ohne Umkehr kein weiter so. Das kann glücklich machen."

Natürlich gibt es auch Trotzig-Komisches zu berichten: "Ich bin glücklich, weil ich seit einer Woche nicht mehr in die Hose mache", gibt Wirz zu, der durch den Krebs seinen Kot nicht kontrollieren kann und auf Windeln angewiesen ist.

Wir ahnen schon: Das Glück ist nicht einfach zu formulieren. Doch durch diese vierzig Texte nähern wir uns dem Glück zumindest an. Ob durch die Liebe zu Freund, Freunde, Vierbeiner, Süchten, Literatur oder zum Augenblick definiert. Ebenso durch die Vergegenwärtigung, wenn man wieder glücklich davon gekommen ist. Klimke schreibt hierzu treffend: "Mir ist etwas weggeschnitten, das von meinem Dasein Nachricht gegeben hat und immerhin nicht von meinem Dagewesensein."

Mario Wirz schreibt über seinen 70. Geburtstag in 20 Jahren

Höhepunkt von Wirz Texten ist seine 20-seitige Erzählung, wie er sich seine 70. Geburtstagsfeier in 20 Jahren vorstellt – bis dahin haben ihn seine Bücher reich gemacht und er lebt mit seinem Freund in einem offenen Haus an der niederländischen Küste mit Jungschwuppen ("Rabauken") zusammen. Humorvoll: Wirz zeichnet sich dabei als eher schrullig und old-fashioned, er will vor allem seine Ruhe haben.

Ein Wunsch, der sich wohl leider nicht erfüllen wird. Und doch hat diese letzte Geschichte etwas Hoffnungsvolles. Mehr noch: Diese Story zeigt die Kraft der Literatur. Sie kann ein Ereignis ermöglichen. Und sie hat für Wirz' Freund und Freunde künftig etwas Tröstendes. Aber auch Erheiterndes. Weil er die Zukunft "glücklich" weiterspinnt. Er erschafft eine Was-wäre-wenn-Welt. Eine Geburtstagsfeier für die Ewigkeit – um es ähnlich pathetisch wie Wirz auszudrücken.

Fazit: Trotz manch ermüdender Eitelkeiten ist Klimke und Wirz mit "Unwiderruflich glücklich" ein heiter-trauriges, entfesselnd-offenes und tröstend-hoffnungsvolles Buch gelungen. Beide Autoren sind insofern hochmodern, da sie blogartig meist kurze Texte liefern. Gemeinsam verdeutlichen sie, dass Autoren dann tot sind, wenn sie nicht mehr schreiben. Und bis dahin unwiderruflich glücklich leben!

Die Buchpremiere findet am Donnerstag, den 4. April um 20 Uhr im Roten Salon der Berliner Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz statt. Mit Christoph Klimke und Mario Wirz sowie mit den Gästen Jochen Kowalski und Andreas Seifert. Eintritt: 6 Euro. Mehr Infos auf volksbuehne-berlin.de.

  Infos zum Buch
Christoph Klimke/Mario Wirz: Unwiderruflich glücklich. Querverlag, Berlin 2013. 176 Seiten. 14,90 €. ISBN: 978-3-89656-211-1.
Links zum Thema:
» Mehr Infos zum Buch und Bestellmöglichkeit bei Amazon
» Leseprobe als PDF downloaden
Mehr zum Thema:
» Rezension des Buches "Nachrichten von den Geliebten": Hymne auf die Freundschaft (07.02.2010)
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Tags: mario wirz, christoph klimke, querverlag, krebs, glück, tod
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Reaktionen zu "Das letzte Buch von Mario Wirz?"


 2 User-Kommentare
« zurück  1  vor »

Die ersten:   
#1
30.03.2013
16:48:38


(+1, 5 Votes)

Von Finn


Ist das nicht ein bißchen makaber, sensationsheisched und taklos vom "letzten Buch" des Mario Wirz zu schreiben - zumal für bereits ein neuer Lyrikband von Wirz im Aufbau-Verlag angekündigt ist?


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#2
31.03.2013
13:43:37


(+3, 5 Votes)

Von ****


"Und immer wieder erzählt Klimke Storys über die Dichter Federico García Lorca und Pier Paolo Pasolini, als deren Experte er gilt."

Salon Rot
Bühne Volk
Platz Rosa Luxemburg
Euro 6

Ort Berlin

Als Wirz noch Kind war:

Ort Berlin

"Springerpresse und Parteien schürten das Feuer weiter und mobilisierten für eine Kundgebung am 21. Februar 1968. Die BILD-Zeitung titelte Anfang Februar: "Stoppt den Terror der Jungroten jetzt! Und fügte hinzu: "Man darf auch nicht die ganze Drecksarbeit der Polizei und ihren Wasserwerfern überlassen."
Veranstalter dieser Kundgebung, die den hübschen Titel "Für Freiheit und Frieden" trug, war der Senat von Westberlin. Unterstützt wurde sie vom Abgeordnetenhaus, von den im Parlament vertretenen Parteien, dem Westberliner DGB und dem Ring politischer Jugend. Der Deutsche Beamtenbund mobilisierte ebenso wie der Interessenverband Westberliner Grundstücks- und Geschäftseigentümer (Ostgeschädigte) e.V. Arbeiter und Angestellte bekamen dienstfrei. Die Berliner Verkehrsgesellschaft richtete Sonderlinien ein. Im Radio wurde unaufhörlich zur Teilnahme an der Kundgebung aufgerufen. Schließlich versammelten sich fünfzig- bis achtzigtausend APO-Gegner vor dem Schöneberger Rathaus.
Der Regierende Bürgermeister von Berlin, Klaus Schütz (SPD) schimpfte: "Extremisten politische Rowdys Unappetitlichkeiten des vergangenen Wochenendes Revoluzzer im Miniformat Randerscheinungen". Der SPD-Landesvorsitzende Kurt Mattick bereicherte das Vokabular mit: "Außenseiter Sonntagsmarschierer, die den Sieg der Kommunisten wollen". Der CDU-Landesvorsitzende Franz Amrehn sprach von "einer Schar anarchistischer Weltverbesserer Extremisten Straßenterror". Und auch der DGB-Vorsitzende Walter Sickert (SPD) war um Gezeter nicht verlegen: "eine Handvoll Halbstarker politische Wirrköpfe Randalierer".
Ungehindert konnten die Teilnehmer der Kundgebung Transparente und Plakate zeigen, auf denen beispielsweise stand: "Teufel zur Hölle, Dutschke über die Mauer", "Wir fordern harten Kurs gegen den SDS", "Dutschke Volksfeind Nr. 1" und "Politische Feinde ins KZ".

Link:
ad-sinistram.blogspot.de/2013/03/sit-venia-verbo_2
9.html


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