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  • 01.04.2013           24      Teilen:   |

Marko Martin

Ein schwuler Autor erklärt Israel

Artikelbild
Morgens am noch leeren Stadtstrand von Tel Aviv (Bild: Wiki Commons / David Shankbone / CC-BY-SA-3.0)

In seiner Textsammlung "Kosmos Tel Aviv" trifft Marko Martin das Who-is-Who der israelischen Gegenwartsliteratur – und provoziert mit scharfen Kommentaren.

Von Angelo Algieri

"Da schreibt einer, der kein Jude ist, über Israel", das konstatiert anerkennend der Autor und Grandseigneur Ralph Giordano, der kürzlich 90 Jahre alt geworden ist, in seinem Vorwort der Textsammlung "Kosmos Tel Aviv" von Marko Martin. Natürlich meint Giordano mit "einer" seinen deutlich jüngeren 42-jährigen Kollegen Martin, der vor allem mit dem Roman "Der Prinz von Berlin" im Jahr 2000 mit seinem libanesischen Protagonisten Jamal in der schwulen Literaturszene für Furore sorgte.

Neben regelmäßigen Berichten aus Südostasien (etwa Undercover aus Birma) und Lateinamerika hat sich Marko Martin in erster Linie als Israelkenner bewiesen – gerade in Begegnungen mit Gegenwartsautoren. Der nun vorliegende Band versammelt seine Israel-Artikel, die u.a. in den Tageszeitungen "Die Welt", "Neue Zürcher Zeitung" "Jüdische Allgemeine" oder in der seit letzten Dezember eingestellten Zeitschrift "Kommune" erschienen sind. Enthalten sind unterschiedliche Texte: Sie reichen von literarischen Reportagen über Rezensionen, Interviews bis hin zu Kommentaren und Kurzessays. Sie sind zwischen 2000 und 2012 entstanden, wobei der Zeitraum 2008 bis 2011 stark dominiert.

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Gespräche, Wein und Widerspruch

Marko Martin, Jahrgang 1970, verließ im Mai 1989 als Kriegsdienstverweigerer die DDR und lebt, sofern nicht auf Reisen, als freier Schriftsteller und Publizist in Berlin
Marko Martin, Jahrgang 1970, verließ im Mai 1989 als Kriegsdienstverweigerer die DDR und lebt, sofern nicht auf Reisen, als freier Schriftsteller und Publizist in Berlin

Überraschend und bewundernswert, mit wem Martin sich trifft – meist nicht nur um ein Interview zu führen, sondern mit ihm oder ihr zu essen oder ein paar Glas Wein zu trinken. Mit Eli Amir, Asaf Gavron, Chaim Noll, Shulamit Lapid, Ron Leshem, Mira Magén, um nur einige zu nennen. Ein wahrliches Who-is-Who der israelischen Gegenwartsliteratur!

Und natürlich darf auch nicht der bekannte junge Shootingstar der Linksintellektuellen, Nir Baram ("Gute Leute"), fehlen, mit dem Martin gut befreundet zu sein scheint. Dabei zeigt er, dass man auch unter guten Freunden kontrovers diskutiert. Zum Beispiel wenn es um die israelische Netanjahu-Regierung geht: Da ist Martin derjenige, der sie verteidigt, während Baram sie kritisiert. In diesem Austausch der Argumente werden neue Ansichten und Perspektiven zu Tage gefördert – garantiert erkenntnisreiche Gespräche!

Interessant ist auch die Begegnung mit dem Autor Yoram Kaniuk. Er bedauert, in Deutschland nicht mehr auf Foren eingeladen zu werden. Der vermeintliche Grund: Kaniuk bezeichnet sich seit 2000 (Camp David) nicht mehr als Linker und kritisiert seitdem die Araber. Weil er glaubt, dass eine Annäherung nicht stattfinden könne. Die kulturell-religiösen Unterschiede seien zu groß, meint der Mitbegründer der Friedensbewegung resigniert. Und so zeigt uns Martin, wie deutsche Veranstalter oder Verlage nur ein bestimmtes Bild von Israel zulassen. Wer keine Shoa-Literatur bietet oder den israelisch-palästinensischen Konflikt kritisch behandelt, wird in der deutschen Öffentlichkeit kaum wahrgenommen.

Fremdenfeindlichkeit und religiöse Orthodoxie in Israel

Andere Themen, die in Israel stark verhandelt werden, fallen so unten durch. Etwa die soziale Spaltung des Landes. Auch Fremdenfeindlichkeit und religiöse Orthodoxie sind ein tiefgreifendes Problem. Martin rückt auch die muslimischen Araber in den Fokus, die ein Viertel der israelischen Bevölkerung ausmachen. Dazu liefert er eine spannende Reportage über arabisch-israelische Intellektuelle wie den Autor Sayed Kashua ("Zweite Person Singular") und den Publizisten Khaled Abu Toameh.

Natürlich darf auch eine Schwuppe nicht fehlen: Porträtiert wird der Literaturpapst und Ressortleiter Literatur der linksliberalen Tageszeitung "Ha'aretz" Benny Ziffer, der in Israel mit "Ziffer und die Seinen" (auf Deutsch bei Männerschwarm erhältlich) einen "Skandalerfolg" hatte. Martin trifft den überzeugten Friedensaktivisten bei einem Empfang. Ziffer gibt sich kokett, gewitzt, teils schrill, aber auch ernst. Sein exzellenter und brillanter Stil kommt durch diese Begegnung deutlich zum Tragen. Auch hier: Wenn Martin Ziffer mit einer Gegenposition konfrontiert, sagt dieser ironisch, dass die "Israel-Lobby" gut funktioniere…

Ein gespaltenes und zerrissenes Land

"Kosmos Tel Aviv" ist im Hannoveraner Wehrhahn Verlag erschienen
"Kosmos Tel Aviv" ist im Hannoveraner Wehrhahn Verlag erschienen

So präsentiert uns Martin nicht nur das quirlige Tel Aviv, sondern – entgegen des Titels – einen gesamtisraelischen Kosmos, der viel gespaltener und zerrissener ist, als uns oberflächliche Medien-Berichterstattung weismachen will. Der gebürtige Sachse lädt uns ein, gemeinsam mit seinen israelischen Schriftstellern verschiedene soziale Schichten zu betrachten. Dabei hat Martin ein präzises Auge für Details, so dass die Texte sehr viel Persönliches haben – und spannend bleiben.

Doch neben Autorenbegegnungen finden sich auch amüsante Artikel über Alltägliches: Etwa wenn Martin über die 100-Jahr-Feier Tel Avivs berichtet – und zwar aus der Warte israelischer Freunde, die mitten in der Menschenmenge stehen. Humorvoll sind hier die Gespräche, die zwischen Politiker-Spott, Ungeduld und Alltagssorgen changieren. Unbedingt lesen!

Auch scharfe Kommentarbeiträge sind dabei. Etwa gegen die lesbische Intellektuelle Judith Butler, die er stark kritisiert. Martin verstehe nicht, wie Butler für den Boykott Israels werben sowie Hamas und Hisbollah der "globalen Linke" zurechnen könne (queer.de berichtete). Arabisch-israelische Jugendliche und junge Erwachsene emanzipierten sich schließlich von ihren familiär-tradierten Kodizes, gerade weil sie im Staat Israel mit seinen demokratischen Grundsätzen leben, so der Autor. Er resümiert scharf, dass die palästinensischen Boykotteure aus "manipulierter Unwissenheit" eine bessere Fürsprecherin verdient hätten "als jene selbstbestimmte ignorante Judith Butler".

Martin lockt seine Gesprächspartner aus der Reserve

Starker Tobak? Vielleicht. Und genau das macht diese Textsammlung so spannend. Weil Marko Martin nicht nur dem Leser unbequem ist sondern auch mit seiner kritischen Haltung die israelischen Schriftstellerkollegen aus der Reserve lockt.

Fazit: Mit "Kosmos Tel Aviv" stellt Marko Martin ein facettenreiches und widersprüchliches Israel vor – und das meist aus der Begegnung mit namhaften Gegenwartsautoren. Ein wahrliches Einführungsbuch in die aktuelle Literatur Israels!

Darüber hinaus erfahren wir in dieser Kompaktheit auch viel über Martin selbst. Und wie er mit seiner kritische Haltung umgeht – mit der man nicht immer einverstanden sein muss, über die man sich teils auch empören kann oder muss. Denn, und das unterstreicht Giordano in seinem Vorwort folgerichtig, Martin hat sich eines "konfliktaffinen Schreibens" verpflichtet. Tritt der in Berlin lebende Autor in die Fußstapfen des streitbaren Altmeisters ein? Aufgeweckte und kritisch-mutige Geister können nie schaden!

  Infos zum Buch
Marko Martin: Kosmos Tel Aviv. Steifzüge durch die israelische Literatur und Lebenswelt. Wehrhahn Verlag. Hannover 2013. 234 Seiten. 19,80 €. ISBN: 978-3-86525-293-7.
Links zum Thema:
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Tags: marko martin, israel, wehrhahn verlag, kosmos tel aviv
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Reaktionen zu "Ein schwuler Autor erklärt Israel"


 24 User-Kommentare
« zurück  123  vor »

Die ersten:   
#1
01.04.2013
16:56:25


(+9, 15 Votes)

Von -hw-


Als matrilinear-koscherer Pfälzer mit deutschem Pass, empfehle ich Freunden des unbetreuten Lesens immer wieder gerne:

Link:
972mag.com/


Tagesaktuell, zuverlässig, unverkrampft und undogmatisch.

Und den totalen Kontrast:

Link:
lebeninjerusalem.blogspot.de/


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#2
01.04.2013
17:14:41


(-3, 7 Votes)

Von Thorsten1
Aus Berlin
Mitglied seit 15.05.2012


Land lebe Israel! Es ist das einzige Land des Nahen Osten, in denen schwule Männer frei leben können.


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#3
01.04.2013
17:16:57


(+10, 10 Votes)

Von white supremacy
Antwort zu Kommentar #1 von -hw-


Ralph Giordano: "Ich wehre mich gegen ein Erpresserpotential, das uns unter islamischer Beobachtung halten will und seine Tentakeln von Zentral- und Vorderasien bis in die Mitte Europas ausgeworfen hat: Wer nicht kuscht, der lebt gefährlich!"

_____________________

"Der Ansturm der Steppe gegen unseren ehrwürdigen Kontinent ist in diesem Winter mit einer Wucht losgebrochen, die alle menschlichen und geschichtlichen Vorstellungen in den Schatten stellt.[...] Wir erhoben damals unsere warnende Stimme vor dem deutschen Volk und vor der Weltöffentlichkeit, um die von einer Willens- und Geisteslähmung ohnegleichen befallene abendländische Menschheit zum Erwachen zu bringen und ihr die Augen zu öffnen für die grauenerregenden geschichtlichen Gefahren, die aus dem Vorhandensein des..."


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#4
01.04.2013
17:21:42


(+8, 8 Votes)

Von doktor
Aus Kulmbach (Bayern)
Mitglied seit 08.10.2009


1.
Ein schwuler Autor erklärt [sein] Israel[bild]
2.
234 Seiten. 19,80


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#5
01.04.2013
17:30:20


(+7, 7 Votes)

Von rätzel
Antwort zu Kommentar #1 von -hw-


Will er alternden Vorwärts-Lesern mit so etwas den Geldbeutel für vermeintliche frische Erbauungsliteratur öffnen:

"Und natürlich darf auch nicht der bekannte junge Shootingstar der Linksintellektuellen Nir Baram ("Gute Leute") fehlen, mit dem Martin gut befreundet zu sein scheint."

Glaubt das Angelo, dass sowas heute noch funktioniert?


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#6
01.04.2013
18:42:13


(+7, 9 Votes)

Von pendium
Antwort zu Kommentar #4 von doktor


Der Vernon A. Walters Award für Newcomer

Link:
de.wikipedia.org/wiki/Arthur_F._Burns_Fellowship


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#7
01.04.2013
19:10:54


(+10, 10 Votes)

Von antos
Profil nur für angemeldete User sichtbar


"Tritt der in Berlin lebende Autor in die Fußstapfen des streitbaren Altmeisters ein?"

Wenn er die Stapfen-Tür findet, vielleicht. Hoffentlich warten dahinter nicht Hölle und Hoffnungslosigkeit, wie ein entfernter Nachnamensverwandter des 'wahrlichen' Rezensenten-Exemplares einst warnte ["Die ihr in diese Stapfen eintretet, lasset...]. Na, ich drück der/die/das Daumen!


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#8
01.04.2013
21:59:03


(+8, 10 Votes)

Von -hw-
Antwort zu Kommentar #7 von antos


Noch ein Höllenportal

Link:
isracampus.org.il/


Wenn mir nach hellen Teufelchen ist, schaue ich da nach. Ich mag diesen McCarthy-Service sehr.


Antworten | Kommentar schreiben | Direktlink zu diesem Kommentar
 
#9
01.04.2013
22:07:35


(+6, 8 Votes)
 
#10
01.04.2013
22:46:33


(+8, 10 Votes)

Von präzisen Augen


"Zum Beispiel wenn es um die israelische Netanjahu-Regierung geht: Da ist Martin derjenige, der sie verteidigt..."

UNO:

Link zu www.spiegel.de

UNO II:

Link zu www.tagesschau.de

EU:

Link zu www.zeit.de

UNO III:

Link zu www.shortnews.de


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