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  • 04.05.2013               Teilen:   |

"Der jüdische Messias"

Lover von Israels Premierminister verführt Hamas-Chef

Artikelbild
Arnon Grünberg, 1971 in Amsterdam geboren, lebt und schreibt in New York (Bild: Wiki Commons / Ruud Hendrickx / CC-BY-SA-3.0)

Arnon Grünbergs neuer Roman "Der jüdische Messias" ist eine Tabularasa-Satire, die mit sämtlichen Tabus bricht.

Von Angelo Algieri

Schon 1994 sorgte der gebürtige Amsterdamer Arnon Grünberg mit seinem Debütroman "Blauer Montag" für Furore. Er wurde ein weltweiter Bestseller. Es folgten weitere Romane, u.a. "Der Heilige des Unmöglichen", "Phantomschmerz" und "Tirza". Nun ist in seinem deutschsprachigen Hausverlag Diogenes der Roman "Der jüdische Messias" erschienen. In den Niederlanden wurde er bereits 2004 veröffentlicht. Warum es so lange gebraucht hat, bis er übersetzt wurde, liegt vielleicht am provokantem Inhalt: Es handelt sich um eine Tabularasa-Satire, die mit sämtlichen Tabus bricht.

Im Mittelpunkt steht der Basler Nichtjude und Teenager Xavier Radek, dessen Großvater ein Nazi war. Er interessiert sich schon früh für die "Leiden der Juden" – und er möchte sie davon erlösen. Um Juden besser zu verstehen, besucht er regelmäßig die Synagoge. Eines Tages fragt ihn der Rabbiner, ob er religiös erzogen sei. Xavier verneint und gibt vor, ein assimilierter Jude zu sein. Der Rabbiner lädt ihn zu sich nach Hause ein; Xavier und der gleichaltrige Sohn des Rabbiners, Awrommele, freunden sich an. Awrommele bringt ihm Jiddisch bei, u.a. um gemeinsam Hitlers "Mein Kampf" zu übersetzen. Ein Projekt, dass die beiden bis an ihr Lebensende verfolgen werden.

Doch zuvor muss Xavier beschnitten werden. Ein älterer, kurzsichtiger Beschneider soll dies in seiner Wohnung richten. Awrommele begleitet ihn, und kurz vor der Beschneidung nimmt er Xaviers Schwanz in den Mund. Awrommeles vorgeschobenes Motiv: Wie schmeckt Smegma? Xavier ist perplex, lässt sich aber einen blasen. Als der Mohel zur Beschneidung einsetzt, läuft einiges schief. Der Penis entzündet sich. Erst Tage später wird er in die Klinik gebracht. Folge: Amputation des linken Hodens. Später bekommt er ihn in einem mit Spiritus gefüllten Glas. Xavier nennt den entnommenen Hoden liebevoll "König David".

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In Israel wird der schwule Enkel des Nazi-Großvaters Premierminister

Einer zieht aus, das Trösten zu lernen. Und verwandelt sich dabei in einen, der die Menschheit das Fürchten lehrt...
Einer zieht aus, das Trösten zu lernen. Und verwandelt sich dabei in einen, der die Menschheit das Fürchten lehrt...

Xaviers langer Krankenhausaufenthalt hat die Sehnsucht nach Awrommele verstärkt. Sie kommen zusammen, haben Sex und flüchten bald nach Amsterdam. Xavier beginnt dort ein Kunststudium; Awrommele jobbt im Supermarkt, wo er knackige Jungs kennenlernt und mit ihnen Sex hat – zum Leidwesen von Xavier, der Eifersuchtsanfälle bekommt. Sie bleiben dennoch zusammen.

Nachdem die Kunsthochschule Xavier kein Talent bescheinigt und er auch seinem eigentlichen Ziel, die Juden zu trösten, nicht näher gekommen ist, zieht das schwule Paar nach Israel um. Dort arbeitet Awrommele wieder im Supermarkt und schleppt Jungs ab. Während Xavier zunächst als Redenschreiber arbeitet und später für die konservative Likud-Partei in die Politik geht, als Lokalpolitiker und später als Premierminister. Die Partei ignoriert beflissentlich sein Schwulsein. Er wird zum gewieften Machtpolitiker.

Als Regierungschef ist Xavier erfolgreich: Ihm gelingt es, in einem Geheimtreffen mit der Hamas ein abstruses Abkommen abzuschließen: Die Anzahl der israelischen Toten pro Monat, die durch Attentate der Hamas umkommen, werden gesenkt. Awrommele spielt eine erotische Komponente bei den Verhandlungen: Der Hamas-Anführer hat nur noch Augen für ihn… Trotz politischer Erfolge und Wiederwahl, hat Xavier noch Großes vor: Der Untergang ist programmiert.

Der Satire-Ritt wird immer schräger

Dem 42-jährigen Autor und Blogger Grünberg gelingt ein turbulenter Satire-Ritt. Dabei bedient er sich einer immer schneller anziehenden Dramaturgie mit immer schrägeren Einfällen, die unweigerlich auf eine absurde Apokalypse zusteuert. Schon allein, dass Xavier als der selbsternannter Tröster und Erlöser (Nomen est omen) die Juden, Israel und sogar die ganze Welt ins Verderben bringt, ist eine besondere Pointe.

Erstaunlich, mit welch gewürzt-diabolischer Konsequenz Grünberg ein Tabu nach dem anderen bricht: Ein schwuler orthodoxer Jude; ein Rabbiner, der sich täglich von einer Transsexuellen "massieren" lässt; die Mutter von Xavier, die abstruse antisemitische Vorurteile hat, jedoch von Awrommele getröstet wird; die verunglückte Beschneidung eines Mohels – die hiesige Beschneidungsdebatte im letzten Jahr lässt grüßen; der Enkel eines Nazi-Großvaters wird israelischer Premierminister; makabre Verhandlungen mit den Palästinensern; der Hamas-Anführer, der Homo-Sex mit Juden hat, oder die Kernwaffenlieferung in andere Staaten, wobei offiziell Israel ja keine Atomwaffen besitzt.

Xaviers Biografie erinnert an die von Adolf Hitler

Neben allen großen niederländischen Literaturpreisen erhielt Grünberg für sein Gesamtwerk 2002 auch den NRW-Literaturpreis
Neben allen großen niederländischen Literaturpreisen erhielt Grünberg für sein Gesamtwerk 2002 auch den NRW-Literaturpreis (Bild: Wiki Commons / Ben kleyn / CC-BY-SA-3.0)

Grünberg zeigt in all diesen Tabubrüchen zu Recht die ganze Bigotterie-Bandbreite. Doch neben der erzählenden Übertreibung, dem Offensichtlichem also, darf der Subtext nicht fehlen. So erinnert Xaviers Biografie in Teilen an jene von Hitler: Etwa die Ablehnung an der Kunsthochschule, der fehlende Hoden oder dass Xavier am Ende des Romans im Bunker mit seinen Hunden verharrt… Besonders brisant und grotesk: Mit diesen biografischen Teileigenschaften Hitlers wird Xavier Premierminister mit der Likud-Partei – ein krasser politischer Seitenhieb auf die Politik von Netanjahu & Co.

Neben dem übertriebenen Spiel mit Vorurteilen finden sich im Roman einige Sätze mit erschreckend bitterer Ironie. Etwa, wenn die Mutter von Xavier meint, dass die Deutschen die Juden von heute seien. Oder wenn an anderer Stelle geschrieben steht: "Wie manche Frauen auf eine Vergewaltigung warten, so warten manche Juden auf ein Progrom." Sätze, bei denen man nicht weiß, ob man lachen soll oder doch lieber entsetzt ist. Noch makabrer wird es, als ein kleiner Auszug von "Mein Kampf" auf Jiddisch zu lesen ist.

Doch Grünberg zeigt auch, wie die dritte Nachkriegsgeneration mit dem Holocaust umgeht. Entweder relativiert sie ihn oder er wird für politische Zwecke missbraucht. Der niederländische Autor, dessen Vater aus Berlin vor den Nazis fliehen musste, fängt so in der Überspitzung verschiedene Stimmen ein. Und verdeutlicht so ihre Absurdität.

Wenn das Lachen im Halse stecken bleibt

Fazit: Grünberg hat mit "Der jüdische Messias" eine exzellente, mehrschichtige Satire geschrieben, bei der einem das Lachen mehrmals im Halse stecken bleibt. Zudem hinterfragt der in New York lebende Autor Identitäten (beispielsweise: Wer darf als Jude bezeichnet werden?), Riten, Vorurteile sowie politisches Verhalten. Und gibt Missstände der Lächerlichkeit Preis.

Damit stellt sich Grünberg in die beste Tradition der Aufklärung. Er kann nun mit Charlie Chaplin, Mel Brooks und Roberto Benigni in einem Atemzug genannt werden. Und zeigt zudem, welch wunderbar starke Waffe die literarische Satire ist!

Arnon Grünberg ist Ende Mai/Anfang Juni mit "Der jüdische Messias" auf Lesereise: 27. Mai in Zürich, 28. Mai in Basel, 29. Mai in Kiel, 30. Mai in Berlin und am 1. Juni in München. Weitere Infos hier.

  Infos zum Buch
Arnon Grünberg: Der jüdische Messias. Roman. Aus dem Niederländischen von Rainer Kersten. Diogenes Verlag, Zürich 2013. 640 Seiten. 24,90 €. ISBN: 978-3-257-06854-2.
Links zum Thema:
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» Homepage von Arnon Grünberg
» Blog von Arnon Grünberg
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Tags: arnon grünberg, satire, der jüdische messias, diogenes
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