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Die Polizisten Marc (Hanno Koffler, oben) und Kay (Max Riemelt) lieben sich heimlich wie leidenschaftlich. (Bild: Salzgeber)

Mit "Freier Fall" läuft einer der wichtigsten schwulen Spielfilme des Jahres im Kino an. Ein Liebesdrama zwischen zwei Polizisten.

Von Christian Scheuß

Von wegen der Profifußball sei das letzte noch zu knackende Tabu in Sachen "Offener Umgang mit Homosexualität". Es gibt – neben der Kirche – noch weitere männerbündische Organisationen, die diese Arbeit noch vor sich haben, darunter die Polizei. Der Kinofilm "Freier Fall" wirft ein Licht auf einen Bereich in unserer Gesellschaft, der trotz aller angegangenen Reformen noch immer stark von maskulin dominierten, konservativen Strukturen getragen wird und entsprechend all die unter enormen Druck setzt, die in diesem System ihr Anderssein erkennen.

Die Story: Eigentlich kann Marc zufrieden sein, seine Wunschliste einer sicheren bürgerlichen Existenz ist beinahe komplett abgearbeitet. Das gemeinsame Kind mit seiner langjährigen Freundin Bettina ist auf dem Weg. Der Einzug in das von den Eltern finanzierte Siebziger-Jahre-Eigenheim ist vollbracht. Die Karriereaussichten bei der Bereitschaftspolizei sind hervorragend, die zahlreichen Fortbildungen in der Polizeiakademie sollen sich jetzt auszahlen.

Kay kifft, ignoriert Regeln und prollt nicht so rum wie manche Kollegen


Das traute Heim ist zwar eine muffige Seventies-Eigenheimhölle, aber dafür geschenkt (Bild: Salzgeber Medien)

Doch da ist dieser Kay, der mit ihm an der Polizeischule büffelt. Er ist irgendwie anders, unangepasster, ständig dabei, die strengen Regeln an der Schule ein wenig zu übertreten. Nächtliche Ausflüge ins geschlossene Hallenbad, ein paar heimlich gerauchte Joints zwischendurch. Als Marc Kay beim gemeinsamen Lauftraining fragt, warum er überhaupt zur Polizei gegangen ist, antwortet der grinsend: "Ich will das System von innen unterwandern." Aber da ist noch mehr, eine erotische Spannung baut sich zwischen beiden auf. Von Marc zunächst abgewehrt, von Kay forciert und gewollt. Er hat sich in seinen Kollegen verliebt.

Der erste Kuss im Wald, ein heftiger Quickie: In Marcs Kopf explodiert ebenfalls etwas. Denn nicht nur der Sex war irritierend erregend. Auch seine Gefühle für Kay bringen sein so sicher wie festgezurrtes Weltbild in Wanken. Das Drama, das sich in den kommenden 60 Minuten vor uns aufbaut, ist eines, das im Inneren von Marc stattfindet, der mit allen Mitteln an Familie, Freundin, Kind und Kegel festhalten will. Eine wilde Liebesaffäre mit Kay beginnt, die er daheim wie im Job geheim halten will. Die Freundin spürt als erstes die Zerrissenheit ihres Partners, entdeckt die kleinen Lügen, vermutet eine Affäre mit einer anderen Frau. Kay dagegen drängt, Marc solle endlich das Doppelleben aufgeben, und wünscht ihn natürlich an seiner Seite.

Als bei der Polizeieinheit auffliegt, dass Kay schwul ist, der daraufhin gemieden, homophob beleidigt und am Ende von den Kollegen verprügelt wird, bricht das ganze Lügengebilde zusammen. Marcs Mutter (sehr schön verkörpert von Maren Kroymann) sieht zufällig, wie ihr Sohn Kay im Krankenhaus küsst. Am Ende scheinen alle alles verloren zu haben. Kay ist mit seinen enttäuschten Hoffnungen weitergezogen, die betrogene Freundin ist ausgezogen, die Karriere kann abgeschrieben werden. "So kann es nicht weitergehen" stellt Marc gegen Ende fest. Und zieht aus dem Verlust einen ersten Erkenntnisgewinn. Den kann er nun – gut verzinst – in seinen Coming-out-Prozess investieren.

Coming-out-Binsenweisheit: Der freie Fall führt nicht ins Bodenlose.


Marcs Mutti schaut treudoof. Grandios später Maren Kroymanns schwer enttäuschter Mutterblick im Krankenhaus! (Bild: Salzgeber Medien)

Nur selten setzt sich zwischen all den rosa Popkorn-Feel-Good-Movies und Low-Budget-Dramen des Queer Cinema eine Geschichte mal so richtig tief fest im Kopf und im Herzen. Dem Spielfilm-Debüt "Freier Fall" von Regisseur Stephan Lacant gelingt dies besonders gut, weil er seine Geschichte authentisch und ohne überflüssige melodramatische Zuspitzungen erzählt, getragen von den hervorragenden Schauspielern Hanno Koffler, Max Riemelt und Katharina Schüttler. Nah dran an unseren eigenen Lebenserfahrungen mit Coming-out und Ausgrenzung. Lacant war auf das Thema durch einen Freund gekommen, der über anhaltenden Diskriminierungen gegenüber Homosexuellen bei der Polizei zu berichten wusste.

Der Verband lesbischer & schwuler Polizeibediensteter in Deutschland (VelsPol) kann davon ein Klagelied singen. Der Landesverband VelsPol Baden-Württemberg e.V. hat eine Untersuchung veröffentlicht, nach der unter den 28.408 Polizeibeschäftigten in diesem Bundesland ca. 2.841 lesbisch oder schwul sind. "Rund 52 Prozent der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sprechen nicht mit Kolleginnen und Kollegen über ihre sexuelle Identität. 65 Prozent der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sprechen nicht mit Führungskräften über ihre sexuelle Identität. 48 Prozent der Führungskräfte sprechen nicht über ihre sexuelle Identität." Das führt laut VelsPol zu Ängsten, Vorurteilen, Depressionen, Belästigungen und Scheinleben.

Youtube | Der offizielle Trailer


#1 FoXXXynessEhemaliges Profil
#2 Meleg29Profil
  • 23.05.2013, 14:04hCelle
  • Wunderbarer Film!

    Und ich geh aus dem Kino raus und will wissen, wie es denn weiter geht....

    Im Artikel steht....
    ...."So kann es nicht weitergehen" stellt Marc gegen Ende fest. Und zieht aus dem Verlust einen ersten Erkenntnisgewinn. Den kann er nun gut verzinst in seinen Coming-out-Prozess investieren. ...

    Ja, und wie bitte kann es an dem Nullpunkt weitergehen? Wo bekommt Marc jetzt noch Kraft f[r seinen Coming-out-Prozess her?

    Ich will ein Happy-End, das Mut macht....!!!!!
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#3 BoytoiAnonym
#4 Meleg29Profil
  • 23.05.2013, 14:23hCelle
  • Antwort auf #3 von Boytoi
  • Na, am Ende ist der freie Fall ja nicht ins Bodenlose ver"laufen" - sozusagen....

    Freu Dich/freut Euch auf das Ende... und habt innerlich wie ich nen Traum, wie es weitergehen kann....und vielleicht gibt es ja eines Tages einen zweiten Teil...

    *Seufz*
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#5 finkAnonym
  • 23.05.2013, 14:45h
  • einerseits: schön, dass es heute wenigstens eine kleine handvoll filme gibt, in denen die figuren homos sind, die handlung aber NICHT die ganze zeit darum kreist, wie unfassbar problematisch das doch sei.

    andererseits: trotzdem gut, dass es filme gibt, die auch einem nichtschwulen-publikum zeigen, dass wir in deutschland immer noch oft andere sorgen haben als die suche nach der perfekten hochzeitstorte.

    dass sehr viele schwule und lesben am arbeitsplatz nicht offen über ihr privatleben reden, ist z.b. keineswegs nur ein problem in der polizei, sondern es betrifft alle berufe (wenn auch unterschiedlich stark).

    ich habe die vorpremiere verpasst, werde den film aber sicher noch sehen.
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#6 MeineFresseAnonym
  • 23.05.2013, 16:53h
  • omg das ist ja Malte aus Sommersturm
    Cool, dass von dem mal wieder was zu sehen ist. Der hat eine hammer-Präsenz.
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#7 TomBerlinProfil
#8 tanquerayAnonym
  • 23.05.2013, 17:47h

  • "Der Landesverband Velspol Baden-Württemberg e.V. hat eine Untersuchung veröffentlicht, nach der unter den 28.408 Polizeibeschäftigten in diesem Bundesland ca. 2.841 lesbisch oder schwul sind."

    Ernsthaft? Da drängt sich ja nun schwer der Verdacht auf, dass man bei dieser "Untersuchung" die Gesamtzahl der PolizistInnen schnell mal durch 10 geteilt und aufgerundet hat. Warum nicht gleich "ca. 2.840,8" der Beamten für homosexuell erklären? Das käme der Lebensrealität sicher *noch* näher.
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#9 goddamn liberalAnonym
#10 Aus Bad HomburgAnonym
  • 23.05.2013, 18:12h
  • Ein heterosexueller Familienvater wie aus dem Bilderbuch verliebt sich eines Tages plötzlich in seinen etwas "seltsamen" Bekannten, beschützt ihn vor den bösen Kollegen und opfert letzendlich für ihn alles, was ihm im Leben nur teuer ist. Und daß beide selbstverständlich echte Kerle mit Lust auf Bier und Prügel vor dem Mittagessen, ja sogar zukünftige Polizisten sind, macht die ganze Handlung natürlich noch überzeugender. Mit anderen Worten: es ist wirklich schön für viele Schwule, ganz besonders ungläubige, so ein Erlebnis im Kino zu haben: so kann man sich zumindest für ein paar Stunden sich sehr "lebensnah" und "homopolitisch motiviert" fühlen, ohne gleichzeitig zugeben müssen, daß das ganze im Prinzip nichts anderes als eine (Ersatz)Religion ist, mit ihren eigenen Mythen, Märtyrern und Heldentaten. Gut, weiter so.
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