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Roman "Absolute Beginners"

Sex and Jazz and Riots


Die Rassenunruhen von Notting Hill: Ende August 1958 griff ein Mob aus 300 bis 400 weißen Briten die dort wohnenden Migranten an. Eine Woche lang kam es täglich zu Straßenschlachten

Der Schwule Fabulous Hopelite und die Lesbe Big Jill erleben die Rassenunruhen von Notting Hill aus nächster Nähe: Colin MacInnes' Kultroman "Absolute Beginners" von 1959 wurde neu übersetzt.

Von Angelo Algieri

Sommer 1958: In London herrscht Chaos. Massive rassistische Auseinandersetzungen finden in Notting Hill statt und infizieren bald Teile der Metropole. Radikale weiße Nationalisten liefern sich blutige Straßenschlachten mit organisierten Bürgerwehren, deren Mitglieder aus Schwarzafrika, Indien oder der Karibik stammen. Doch 1958 ist auch ein Jahr beginnender gesellschaftlicher Umwälzungen.

Davon erzählt Autor Colin MacInnes in seinem Jugend-Kultbuch "Absolute Beginners", das in diesem Frühjahr in Neuübersetzung im neugegründeten Metrolit Verlag (Berliner Aufbau-Gruppe) erschienen ist. Die erste Übersetzung wurde vom Züricher und Stuttgarter Verlag Fretz und Wasmuth im Jahr 1968 veröffentlicht – neun Jahre nach dem Erscheinen in Großbritannien.

Der bisexuelle Autor MacInnes wurde 1914 in London geboren und starb ebendort 1976. Er studierte Kunst und diente im britischen Geheimdienstkorps während des Zweiten Weltkriegs und im besetzten Deutschland. Danach arbeitete er für das BBC-Radio. Ab 1950 behann er zudem, Romane zu veröffentlichen. Erfolg hatte er erst mit seiner Londoner Trilogie, in der "Absolute Beginners" den zweiten Teil darstellt. Der erste und dritte: "City of Spades" (1957) und "Mr. Love and Justice" (1960).

Dicke Luft im Arbeiter- und Einwandererbezirk


Berlin Buchhandlung Eisenherz lobte den Roman: "Was für eine Handlung, was für eine literarische Entdeckung, was für eine atemlose Erzählform!"

Die Story: Der weiße, 18-jährige und anonyme Ich-Erzähler lebt seit kurzem im Westen Londons. Er nennt sein neues Viertel liebevoll Napoli. Seine Nachbarn sind der schwarze Mr. Cool, die Schwuppe Fabulous Hopelite und die Lesbe Big Jill. Bunt und offen gibt sich der Arbeiter- und Einwandererbezirk – zumindest noch am Anfang des Sommers. Doch das soll sich bald ändern. Mr. Cool wird gewarnt: Er solle vorsichtig sein, Ärger liege in der Luft. Der Ich-Erzähler nimmt dies nicht so ernst. Stattdessen genießt er das Leben: Er vertreibt sich die Zeit in Jazz-Kellern. Und er möchte Crêpe-Suzette als Freundin zurückgewinnen.

Doch das klappt nicht. Denn sie entscheidet sich, ihren schwulen Arbeitgeber und Modedesigner Henley zu heiraten. Er kann ihr Geld und Sicherheit bieten. Auch für Henley ist die Heirat von Vorteil: Er ist so vor dem Gesetz sicher. Treffend sagt er: "Wir schließen eine Ehe, aber sie wird nicht vollzogen sein." Vor Wut und Eifersucht schlägt ihm daraufhin der Protagonist in die Fresse…

Die Teenager im Roman wissen auch, wie man unerlaubterweise Geld macht. Während die Hauptfigur vor allem "schmutzige" Fotos für zahlungskräftige Kunden schießt, verdingt sich sein bester Kumpel Wiz als Zuhälter im berüchtigten Soho-Viertel. Hopelite hingegen kommt als Sexworker in hohe, teils adlige Kreise. Bei einer Party lernt er einen hübschen Hetero kennen, den er einige Wochen lang nicht aus den Kopf bekommt. Seufz!

Weiße Rowdys schlagen Dunkelhäutige zusammen

Im Hochsommer fangen hier und da die Ausschreitungen an. Im September eskalieren sie dann in Napoli. Brutal und turbulent geht es zu. Weiße Rowdys schlagen Dunkelhäutige zusammen, setzen deren Wohnungen in Brand, liefern sich Straßenschlachten. Der Ich-Erzähler gerät zwischen die Fronten: Er rettet einen Schwarzen und bringt ihn zu einem Geheimversteck der Black-Community, die gerade debattiert, ob sie zu den Waffen greifen soll. Es geht hitzig zu.

Der Ich-Erzähler entschwindet wieder und trifft auf Wiz, der ihn zu einer Kundgebung der rechtsextremen und rassistischen White Defence League mitnimmt. Der Protagonist ist außer sich. Er flüchtet daraufhin in einen Jazz-Keller, der jedoch bald darauf im Chaos verfällt. Allerdings trifft er dort Crêpe-Suzette und flieht mit ihr – direkt ins Bett. Kommen sie doch noch zusammen? Und was wird aus Hopelite und Mr. Cool? Können sie sich retten? Wie haben die Notting Hill Riots die Gesellschaft verändert?

Homosexualität, Prostitution und Kriminalität

Autor MacInnes hat die widersprüchlichen und konkurrierenden Ideen und Stimmungen des Jahres 1958 exakt eingefangen. Homosexualität, Prostitution und Kriminalität unter Jugendlichen – für viele war dieses Buch ein Affront. Doch zur Sprache kommen auch beginnende gesellschaftspolitische Änderungen. Etwa das sogenannte Wolfenden-Kommittee, das vom Parlament 1954 eingesetzt wurde. Es empfahl in seinem Report 1957 die Legalisierung von Homosexualität und Prostitution. Es sollte allerdings noch ein Jahrzehnt dauern, bis es umgesetzt wurde.

Zudem beschreibt MacInnes aufschlussreich das Phänomen Teenager, das erst in den 50er Jahren benannt und kommerziell ausgenutzt wurde. Denn Jugendliche waren nun eigenständiger und ökonomisch unabhängiger als in Vorgängergenerationen. Eine Subkultur wird zum Mainstream erklärt. Etwas, womit der Protagonist zunächst mitschwimmt, sich dann verarscht fühlt. Viele spätere Jugend-Subkulturen erleiden das gleiche Schicksal…

Die Mechanismen der Medien- und Musikwelt


Colin MacInnes (1914-1976) war ein britischer Journalist und Autor. "Absolute Beginners" ist der berühmteste Teil seiner gefeierten "London-Trilogie"

Wegweisend beschreibt MacInnes zudem die Mechanismen der Medien- und Musikwelt. Im Text wird ein Kind zum neuen Musik-Superstar erklärt – "The Voice Kids" & Co. lassen grüßen! Eine sehr groteske und absurde Situation. Der Protagonist ist zu Recht angewidert.

Man könnte an dieser Stelle weitere Themen erwähnen: Etwa die familiären Verhältnisse des Protagonisten. Und wie der Untergang des britischen Empires zu diesen Unruhen und Umwälzungen beigetragen hat. Natürlich geht es ebenso um Mode und trendige Orte der damaligen Zeit – vor allem die aufkommende Dolce Vita mit Vespa, Kaffee und italienischen Designerklamotten erreicht London. Eine wahre Fundgrube für Kulturwissenschaftler.

Doch leider hat dieser Roman einige Schwächen. Zum einen fabuliert der Protagonist Monologe, die sehr plakativ und unerträglich sind. Etwa wie er seinem Halbbruder die Welt der Teenager erklärt. Erinnert teils an pädagogische oder ideologische Bücher. Langweilig! Zum anderen strotzt der Roman mit zu vielen, teils erzwungenen Themen. Weniger wäre mehr gewesen!

Schließlich die Neuübersetzung von Maria und Christian Seidl: eine teils hölzerne und unausgegorene Übersetzung! Zwar ist erkennbar, dass sie Stil, Ton, Atmosphäre sowie Soziolekte übertragen wollten. Leider misslungen. Ärgerlich etwa die Übertragung des Soziolekts von Ed the Ted. Kostprobe: "Ch nich. Mein Gang tut mich decken." Lächerlich und peinlich!

Die Bigotterie der 1950er Jahre in Großbritannien

Trotzdem: "Absolute Beginners" ist zu Recht ein Kultbuch geworden, da es einerseits die Bigotterie der damaligen Gesellschaft aufzeigt, andererseits benennt es Themen, die die Jugend interessierte. Außerdem macht MacInnes Schwule und Lesben vielfältig sichtbar – obwohl homosexuelle Männer 1958 noch verfolgt wurden. Und er zeigt, wie der Schandparagraf Schwule in Scheinehen zwang und so viele ins Unglück stürzte.

Zusätzlich inspirierte das Buch viele Künstler. Man denke an den gleichnamigen Musikfilm Mitte der 80er Jahre, in dem David Bowie mitspielt. Auch Bowies Lied "Absolute Beginners" bezieht sich auf den Roman.

Kurz: Das Buch hält für Jazz-, Jugendkultur- und Dokumentationsliebhaber vieles bereit. Wer jedoch eine bestechende literarische Annäherung dieser Zeit lesen möchte, sei "Der Liebhaber meines Mannes" von Bethan Roberts (queer.de rezensierte) empfohlen!

Vimeo | Offizieller Verlags-Trailer zum Buch
Infos zum Buch

Colin MacInnes: Absolute Beginners. Roman. Aus dem Englischen von Maria und Christian Seidl. Metrolit Verlag. Berlin 2013. 320 €. 19,99 €. ISBN: 978-3-8493-0052-4.


#1 FinnAnonym
  • 25.05.2013, 17:00h
  • Auch wenn Buchbesprechungen bei vielen vielleicht nicht auf das Interesse stoßen wie Filmbesprechungen, freue ich mich immer wieder, wenn bei Büchern nicht nur Bildbände und Sachbücher, sondern auch interessante Romane, Gedichtsbände, Kurzgeschichtensammlungen, etc. vorgestellt werden...
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