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  • 30.05.2013           13      Teilen:   |

Fan Popo im Interview

China: Ein Regisseur gegen Zensur und anonyme Homo-Hasser

Artikelbild
Der 27-jährige Fan Popo gehört zu den bekanntesten queeren Filmemachern in China. Er hat an der prestigeträchtigen Beijing Film Academy studiert, einen Band über 100 queere Filme herausgegeben und organisiert die „China Queer Film Festival Tour“, die durchs ganze Land reist und LGBT-Filme zeigt, die in chinesischen Kinos und im Fernsehen nicht zu sehen sind

In seiner Doku "Mama Rainbow" lässt der chinesische Filmemacher Fan Popo Mütter von schwulen Söhnen und lesbischen Töchtern zu Wort kommen. Wir haben ihn interviewt.

Von Martin Aldrovandi

Weshalb hast du dich für Mütter entschieden? Du hättest ja auch Väter und deren homosexuelle Kinder porträtieren können…

Die chinesische Elternorganisation PFLAG hatte Interesse an einem Film über Väter und Mütter von Homosexuellen gezeigt. Als wir uns auf die Suche nach Protagonisten machten, fanden wir jedoch kaum Väter, die bereit waren, vor der Kamera zu sprechen. Zusammen mit meinem Produzenten habe ich dann entschieden, dass der Film sich auf die Mütter konzentriert. Das fand ich insofern ganz gut, weil ich mit Frauen grundsätzlich besser kommunizieren kann als mit Männern.

Womöglich hat es auch mit der chinesischen Kultur zu tun: Frauen werden – wie auch Homosexuelle – unterdrückt. Vielleicht können sie sich auch deshalb eher mit Schwulen und Lesben identifizieren. So erzählte mir eine Mutter, dass ihre Beziehung mit ihrem damaligen Freund während der Kulturrevolution von ihrem Vater verboten wurde. Sie wollte nicht, dass ihrem Sohn nun dasselbe passiert. Ein weiterer Punkt ist, dass viele chinesische Väter nicht gerne öffentlich über Familienangelegenheiten sprechen. Sie denken, dass ein richtiger Mann sich dazu nicht äußert. Auch dann nicht, wenn er privat womöglich die sexuelle Orientierung seines Kindes akzeptiert.

Als wir die Dreharbeiten abgeschlossen hatten, kamen plötzlich ganz viele Väter auf uns zu. Ich hatte mich da aber schon verpflichtet, den Film zu einem bestimmten Zeitpunkt fertig zu stellen, und so konnte ich die Väter nicht mehr berücksichtigen. Vielleicht nimmt sich in Zukunft ja ein anderer Filmemacher diesen Vätern und ihren homosexuellen Kindern an.

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Plakat zum Film "Mama Rainbow", in dem Fan Popo Mütter homosexueller Kinder interviewte
Plakat zum Film "Mama Rainbow", in dem Fan Popo Mütter homosexueller Kinder interviewte

Der Film zeigt ein sehr positives Bild von den chinesischen Müttern, die ihre Kinder so akzeptieren wie sie sind. Wie stark spiegelt er die Realität in China wieder?

Die Auswahl der Mütter in diesem Film ist natürlich nicht repräsentativ. Wir wollten zuerst auch Mütter porträtieren, die ihre homosexuellen Kinder nicht akzeptieren und sie womöglich sogar zu einer heterosexuellen Heirat drängen. Das Problem war aber, dass solche Mütter normalerweise nicht öffentlich dazu stehen. In der 28-minütigen Kurzversion akzeptieren alle sechs Mütter ihre Kinder. In der längeren Fassung gibt es eine Mutter, die sehr große Mühe hatte mit der sexuellen Orientierung ihres Kindes und viel geweint hat. Auf ihren eigenen Wunsch haben wir sie in der kurzen Version nicht berücksichtigt, da diese im Internet veröffentlicht wurde.

Auch geographisch gesehen kann der Film nicht ganz China repräsentieren. Die porträtierten Mütter wohnen alle in Städten an der Ostküste. Mütter in Bauerndörfern auf dem Land sind kaum bereit, darüber öffentlich zu sprechen. Eine Mutter aus der Inneren Mongolei hatte mir zwar zuerst zugesagt, nachdem ihr älterer heterosexueller Sohn sich aber dagegen aussprach, lehnte sie das Interview ab.

Ein Dokumentarfilm ist schließlich keine wissenschaftliche Untersuchung, wir haben nicht den Anspruch, repräsentativ zu sein. Außerdem hoffen wir, mit diesen positiven Geschichten den Menschen in China Mut zuzusprechen. Die Botschaft an das Publikum lautet: Diese Mütter akzeptieren ihre Kinder wie sie sind, womöglich akzeptiert und unterstützt dich auch deine Mutter!

Inwiefern unterscheiden sich die Mütter in China von jenen in westlichen Ländern?

Das Gesicht zu wahren, ist in China immer noch sehr wichtig. Wenn die eigenen Kinder nicht heiraten, spüren auch die Mütter den Druck der Gesellschaft. Überall wird gefragt, weshalb das Kind denn nicht heirate. Dann machen sich auch viele Mütter Gedanken darüber, wer für den Sohn oder die Tochter in Zukunft sorgen wird. Sie fragen sich, wer das Kind eines Tages pflegen wird, wenn es selbst alt ist, aber keine eigenen Kinder hat.

Soviel ich weiß, spielt die Religion im Westen eine größere Rolle als in China. Die Mütter, die ich im Film porträtiere, sind zum Beispiel alle nicht religiös. Es gibt aber auch Ausnahmen. Ein Bekannter outete sich bei seiner Mutter, diese lehnte seine Homosexualität aus religiösen Gründen vehement ab. Ich dachte zuerst, dass sie womöglich christlich sei, es stellte sich aber heraus, dass sie Falun Gong praktizierte; eine religiöse Gruppe deren Menschenrechte nicht respektiert werden, die aber ihrerseits wiederum eine andere Minderheit wie die Homosexuellen ablehnt.

Wie hat deine eigene Mutter auf dein Coming-out reagiert?

Mit drei war mir klar, dass ich auf Jungs stehe. Als Teenager sagte ich dann auch den Mitschülern, die ich süß fand, dass ich sie mochte. Meine eigene Mutter und auch mein Vater haben jedoch erst viel später davon erfahren. Auch nachdem ich bereits mein erstes Buch über homosexuelle Filme publiziert und schon selbst mehrere Filme gedreht hatte, wussten sie nicht, dass ich schwul bin. Sie haben keinen Zugang zum Internet und hatten deshalb von meinen Arbeiten nichts erfahren.

2009 drehte ich den Film "The Chinese Closet", als mich dann meine Eltern ständig fragten, wann ich heiraten werde, hielt ich es nicht mehr aus, und ich sagte ihnen, dass ich schwul sei. Am Anfang waren sie ziemlich schockiert, meine Mutter weinte ununterbrochen und mein Vater rauchte eine Zigarette nach der anderen. Nach dem chinesischen Neujahrsfest ging ich wieder zurück nach Peking, um zu arbeiten. Wir telefonierten häufig und unterhielten uns über mein Coming-out. Nach etwa zwei Monaten hatten sie ihre Einstellung grundlegend verändert.

Meine Eltern sind nicht gebildet, meine Mutter brach bereits die Grundschule nach zwei Jahren ab. Wir reden auch nicht viel miteinander, aber wenn, dann sind wir sehr direkt. Seit ich klein war, vertrauen sie mir, und so konnten sie schlussendlich auch meine sexuelle Orientierung akzeptieren. Auch die Kinder meiner älteren Schwester wissen Bescheid und unterstützen mich.

Youtube | Eine gekürzte Fassung von „Mama Rainbow“ ist seit Mitte Mai mit deutschen Untertiteln online
Szenenfoto aus "Mama Rainbow": Chinesische Mutter mit ihrem schwulen Sohn
Szenenfoto aus "Mama Rainbow": Chinesische Mutter mit ihrem schwulen Sohn

Wie stark wissen die Chinesen inzwischen über Schwule und Lesben Bescheid?

China ist so groß, die Unterschiede zwischen den Regionen sind riesig. Wenn wir Peking als Beispiel nehmen, dann hat sich in den letzten zehn Jahren einiges geändert. Als ich 2003 nach Peking kam, wussten viele noch gar nicht, was ein "Coming-out" überhaupt bedeutet. Die wenigsten Homosexuellen trauten sich damals, mit ihren Familien darüber zu sprechen. Inzwischen gibt es immer mehr Schwule und Lesben, die sich gegenüber ihren Eltern outen, und daraus kein Geheimnis machen.

Die Gesellschaft weiß auch mehr über Homosexuelle Bescheid als früher. Lesben-, Schwule-, Bi- und Transsexuelle sind viel sichtbarer geworden. Gleichzeitig sind aber – vor allem im Internet – Organisationen aufgetaucht, die gegen Homosexuelle hetzen. Sie haben ihre eigenen Webseiten, auf denen sie Schwule und Lesben beschimpfen oder sie verschicken E-Mails an LGBT-Organisationen. Auch ich habe schon einige Nachrichten bekommen, in denen ich beschimpft wurde. Dabei bleiben sie aber immer anonym. Man weiß nicht, wer hinter diesen Webseiten steckt. So gibt es eine Organisation, die sich "Allianz gegen Homosexuelle" nennt, doch wissen wir nicht, ob sich dahinter eine ganze Gruppe von Menschen oder vielleicht nur eine einzige Person verbirgt. Wir dagegen sind öffentlich, wir stehen mit unseren Namen für die Anliegen, die wir vertreten.

Auf vielen Fotos sieht man dich mit einem T-Shirt, auf dem "Wir wollen schwule Filme sehen" steht. Wie reagieren die Menschen darauf?

Ich trage es häufig, wenn ich unterwegs bin, ob auf der Straße oder in der U-Bahn. Einige erschrecken sich oder sagen, dass sie dies komisch fänden. Als ich am Shanghaier Marathon teilnahm, trug ich ebenfalls dieses T-Shirt. Da machte sich ein Zuschauer über mich lustig. Er sagte: "Schaut, da will einer schwule Filme sehen, das ist doch völlig daneben." Ich habe aber auch schon sehr gute Erfahrungen gemacht. So kam ein Mann auf mich zu, der einen Ansprechpartner für einen homosexuellen Freund suchte.

Diese T-Shirts haben wir 2008 gedruckt, um die Regierung aufzufordern, endlich Filme mit schwulen und lesbischen Inhalten zuzulassen. Die Bestimmung, die solche Inhalte verbietet, wurde zwar mittlerweile gestrichen, jedoch offenbar mit einer neuen Bestimmung ersetzt. Da diese aber nicht öffentlich kommuniziert wird, habe ich am 17. Mai – am Internationalen Tag gegen Homophobie – einen Antrag an die Film-, TV- und Radiobehörde gestellt, die neue Regelung zu veröffentlichen. Ich soll in Kürze eine Antwort erhalten.

Was erhoffst du dir von dieser Aktion?

Es ist sehr wichtig, dass die neue Bestimmung veröffentlicht wird, ansonsten wissen wir Filmemacher nicht, auf was wir achten müssen, damit unser Film durch die Zensurbehörde kommt. Außerdem hoffe ich, dass auch die Medien darauf aufmerksam werden und die Behörde somit einen gewissen Druck verspürt. Filme wie meine, die sich auf LGBT-Themen fokussieren, dürfen in Kinos oder im Fernsehen nicht gezeigt werden. Sogar wenn wir selbst eine Aufführung organisieren, kommt es manchmal zu Problemen. Die unabhängigen Filmfestivals in China sind grundsätzlich illegal, seit August letzten Jahres sind bereits vier solcher Festivals von den Behörden gestoppt worden.

Die Filme werden zwar als DVDs verkauft, jedoch handelt es sich dabei immer um Raubkopien. Das heißt, die Qualität ist nicht besonders gut, außerdem entgehen den Filmemachern so ein großer Teil der Einnahmen, was die Produktion von neuen Filmen erschwert.

Wie groß ist die Chance, dass ein Film wie "Mama Rainbow" eines Tages in einem gewöhnlichen chinesischen Kino gezeigt wird?

Filme, die sich hauptsächlich um Homo-, Bi- und Transsexualität drehen, haben es sehr schwer. Seit diesem Jahr hat sich aber ein bisschen was verändert. Es gibt Filme und TV-Serien, die homosexuelle Nebendarsteller zeigen. Dabei wird nicht unbedingt explizit erwähnt, dass die Figur schwul oder lesbisch ist, aber es wird zumindest angedeutet. Wir vermuten, dass die Zensurbestimmungen womöglich ein wenig gelockert wurden. Auch deshalb hoffen wir, dass diese Bestimmungen im Detail veröffentlicht werden.

Links zum Thema:
» Chinas LGBT-Webcast "Queer Comrades"
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Reaktionen zu "China: Ein Regisseur gegen Zensur und anonyme Homo-Hasser"


 13 User-Kommentare
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Die ersten:   
#1
30.05.2013
14:22:44
Via Handy


(+1, 3 Votes)

Von zwei


Dafür gibt es im Lotto zwei, um die Gesetze zu zweit zu ändern. Aber chinesisch ist nicht kompliziert.


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#2
30.05.2013
15:07:32


(-4, 6 Votes)

Von ehemaligem User FoXXXyness


Fan Popo - hier in Deutschland wäre er bei diesem Namen in der Schule Hohn und Spott ausgesetzt gewesen.

Daß der Film überhaupt auf Video erscheint, ist ja ein großes Wunder! Chinas Diktatorensyndikat (es ist die passende Beschreibung für die dort schon viel zu lange regierende Kommunistische Partei und ihre Superschurken, die sich Staatspräsident und Minsterpräsident "nennen") hätte das Video beschlagnamt, verboten und öffentlich verbrannt (in der Zeit der Maodiktatur wäre damit genauso verfahren, Stichwort Kulturrevolution)! Da hat er echt großes Glück gehabt!


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#3
30.05.2013
15:24:13


(+9, 11 Votes)

Von 10 Prozent


"Wir wollen schwule Filme sehen"

Wir auch!

Link zu www.tvtoday.de


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#4
30.05.2013
15:40:00


(+4, 6 Votes)
 
#5
30.05.2013
18:07:27


(+8, 8 Votes)

Von wiedehopf


Tolle Frauen! Tolle Menschen! Anrührende Doku und ein kluges Interview!
Ich glaube, dass sich die chinesische Gesellschaft auf einem guten Weg befindet.
Vielleicht ist es eine große Chance, dass Religionen (vor allem die abrahamitischen Religionen) dort nicht so ein großes Gewicht haben. Die noch vorhandenen Vorbehalte gegen LGBT sind dort eher kultureller Natur und man kann ihnen argumentativ besser begegnen als einem kategorischen "Gott will es nicht."


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#6
30.05.2013
18:22:03


(-2, 2 Votes)

Von ehemaligem User FoXXXyness
Antwort zu Kommentar #4 von gefunden


Und was soll man damit anfangen???


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#7
30.05.2013
18:30:35


(+4, 4 Votes)

Von Hugo


"So gibt es eine Organisation, die sich "Allianz gegen Homosexuelle" nennt, ....."

das kann nur eine katholische Organisation sein.


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#8
30.05.2013
18:36:31


(+5, 9 Votes)

Von Petter


Nicht nur ein hübscher Mann, sondern auch ein intelligenter und gebildeter Mann. Und vor allem ein engagierter und mutiger, der sich für seine Ziele einsetzt.

Ich wünsche ihm viel Erfolg für seine Arbeit, dass er immer glücklich und gesund ist und dass sich (auch durch seine Arbeit) vielleicht bald auch dort was ändert.


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#9
30.05.2013
22:09:05


(+4, 4 Votes)

Von TheDad
Profil nur für angemeldete User sichtbar


""Mit drei war mir klar, dass ich auf Jungs stehe. Als Teenager sagte ich dann auch den Mitschülern, die ich süß fand, dass ich sie mochte""..

Mit DREI !

DAS ist doch mal eine Aussage..
Davon sollten sich alle die mit ihrer eigenen Sexualität hadern inspirieren lassen..

Ein mutiger und intelligenter junger Mann der auch in Zukunft noch viele wichtige Filme machen wird..

Interessant..


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#10
31.05.2013
00:20:30
Via Handy


(+3, 5 Votes)

Von MarcelJ


Eine tolle Doku, bei der ich oft schmunzeln musste.

Eine Bitte an queer.de: Sagt Bescheid, wenn die Langversion ins Kino kommt oder auf DVD zu kaufen ist!


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