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  • 08.06.2013           2      Teilen:   |

"Die Nöte des wahren Polizisten"

Roberto Bolaños schwulster Roman

Artikelbild
Der chilenische Schriftsteller Roberto Bolaño Ávalos, Jahrgang 1953, starb 2003 in Barcelona (Bild: Jerry Bauer)

Coming-out eines Witwers: Der Hanser Verlag hat den unvollendeten, posthum erschienenen literarischen Thriller "Die Nöte des wahren Polizisten" von Roberto Bolaño auf Deutsch herausgebracht.

Von Angelo Algieri

Seit Bolaños "Tod hat die lateinamerikanische Literatur keine Zukunft mehr, sondern nur noch Vergangenheit", stellt wehmütig der mexikanische Schriftsteller Jorge Volpi fest. Hingegen meint der Schweizer Autor Lukas Bärfuss in der Kulturzeitschrift "DU", dass er der "rechtmäßige Nachfolger der verwaisten Stühle von Onettti, Cortázar und Borges ist". Einem größeren Publikum bekannt wurde er weltweit erst nach seinem Tod mit dem fulminanten Opus magnum "2666".

Genau, es geht um den genialen chilenischen Schriftsteller Roberto Bolaño. Er wäre am 28. April 60 Jahre alt geworden und sein Todestag jährt sich in diesem Sommer zum 10. Mal. Anlass genug für den Hanser Verlag, den ebenfalls postum erschienenen Roman "Die Nöte des wahren Polizisten" auf Deutsch zu veröffentlichen. Dieses fünfteilige Werk wurde in Bolaños Archiv, also in seinem letzten Wohnort im spanischen Blanes, gefunden. Er arbeitete an diesem Text bis zu seinem Tod seit Anfang der 1980er Jahre.

Bolaño-Fans erkennen sofort vermeintlich alte Bekannte wieder: etwa Amalfitano, Rosa oder Arcimboldi (in "2666" allerdings mit h geschrieben: Archimboldi). Mit dem Unterschied, dass im neuen Roman die Figuren andere Charaktereigenschaften haben.

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Das späte Coming-out eines Literaturwissenschaftlers

Amalfitanos spätes Coming-Out und seine Liaisons mit Studenten sorgen an der Uni in Barcelona für einen Skandal, sodass er mit seiner Tochter nach Mexiko auswandert
Amalfitanos spätes Coming-Out und seine Liaisons mit Studenten sorgen an der Uni in Barcelona für einen Skandal, sodass er mit seiner Tochter nach Mexiko auswandert

Doch nun zur Story: Literaturwissenschaftler und Witwer Oscar Amalfitano, etwa 50 Jahre alt, lebt mit seiner 17-jährigen Tochter Rosa in Barcelona. Er arbeitet an der dortigen Universität und lernt den jungen Studenten und Dichter Jorge Padilla kennen – und lieben. Amalfitano erlebt so sein spätes Coming-out. Er tummelt sich gerne bei den Künstler- und Literatentreffen und lernt so einen weiteren Dichter näher kennen. Er ist glücklich. Seinen kuriosen Lebenswandel erklärt er sich augenzwinkernd so: Wenn der Ostblock zusammengebrochen sei, könne auch seine bis dato unzweifelhafte Heterosexualität das tun"…

Doch der Universität ist sein Schwulsein ein Dorn im Auge: Er wird gemobbt. Daraufhin verschlägt es Amalfitano an die Uni in Santa Teresa im Norden Mexikos (auch dieser fiktive Ort dürfte den Bolaño-Lesern vertraut sein). Dort lernt er den Falschmaler Castillo kennen und fängt eine Romanze an. Tochter Rosa ist von seinem Coming-out zunächst überrascht ("Ist ja der Hammer!"), fühlt sich aber bald von ihrem Vater verraten. Eine aggressive Gewitterfront bahnt sich an.

"Viele erigierte, gut geschmierte Schwänze"

Seit dem Wegzug aus Barcelona halten Amalfitano und Padilla weiterhin Kontakt. Sie schreiben sich Briefe oder Postkarten. Und so erfahren wir, was Padilla in Barcelona macht. Wir sind Anfang der 90er Jahre: Padilla erfährt, dass er HIV-positiv ist. Naht der schnelle Tod? Doch schon bald verliebt er sich in einen 16-jährigen Stricher, der ihn in seinem Ungestüm begeistert. Eine kurze Bekanntschaft. Denn Padilla lernt danach die Drogenabhängige Elisa kennen. Sie mögen sich. Versuchen auch miteinander zu schlafen, was nicht klappt. Was auch nicht schlimm ist. Sie lieben sich als Geschwister. Doch in der Korrespondenz zwischen den beiden Männern geht es auch viel um Literatur und um die Fortschritte von "Der Gott der Homosexuellen", Padillas Buchprojekt: Es soll "um viele erigierte, gut geschmierte Schwänze, viele harte Schwänze und viel Geheul" gehen…

Diese kurz skizzierte Story ist der rote Faden, der die fünf Teile zusammenschweißt. Daneben gibt es viele Unterkapitel mit in sich abgeschlossenen Storys, die wiederum aufzeigen, wieso sich etwa eine Figur so verhält oder welche Bürde sie (un)bewusst mitnimmt. Beispielsweise die Generationengeschichte um María Expósito, bei der Bolaño aufzeigt, dass Gewalt und Vergewaltigung von Generation zu Generation erfahren wird. Diese bittere Vehemenz der Wiederholbarkeit wirkt weniger lächerlich als martialisch. Und trotzdem schildert Bolaño parallel zu vielem Leid auch die Lust am Leben. So als ob sie die Seiten derselben Münze wären.

Der Leser wird zum Ermittler

Ein unvergessener Schriftsteller: Bolaño-Graffito an einer Hauswand in Barcelona
Ein unvergessener Schriftsteller: Bolaño-Graffito an einer Hauswand in Barcelona (Bild: Wiki Commons / Farisori / CC-BY-SA-3.0)

Das Besondere an diesem Roman ist jedoch, dass er als Thriller-daherkommt. Trotz zahlreicher Unterbrechungen mit Nebenhandlungen wird die Geschichte niemals langweilig. Es ist recht erstaunlich und beinahe unerklärlich, dass sie spannend bleibt. Vielleicht auch weil dem Leser eine wichtige Rolle hinzukommt. Er wird zum Ermittler, worauf der Titel hinweist: "Die Nöte des wahren Polizisten". Der wahre Polizist ist der Leser. Denn der Leser versucht, Kapitel und Figuren einzuordnen, Zusammenhänge herzustellen und zu durchschauen.

In einem Brief bezeichnet Bolaño den Roman als "ein aberwitziges Verwirrspiel, das niemand durchschaut". Darauf verweist auch der spanische Literaturwissenschaftler Juan Antonio Masoliver Ródenas in seinem Vorwort. Doch dem angehenden Lektüreleser sollte dies nicht Bange machen: Freut Euch auf ein außergewöhnliches Abenteuer!

Natürlich hält Bolaño mit diesem Roman voller Außenseiterfiguren der Gesellschaft den Spiegel vor: Schwule, Stricher, Dichter, Drogenabhängige, Muslime… Und es ist wohl sein "schwulster" Roman, der sich neben der Aids-Problematik, auch mit subtiler Diskriminierung beschäftigt. Er zeigt aber auch viele Facetten des homosexuellen Lebens Anfang der 90er Jahre auf – mit all ihrer Hysterie und trotziger Gelassenheit. Verdienstvoll!

Wer nun denkt, dass nur schwerverdauliche Themen abgehandelt werden, der irrt! Es gibt sehr viele heitere und ironische Passagen. Etwa Kommentare von Amalfitano, wenn er Padillas' Briefe liest oder wie Padilla die Lyrik als "durch und durch homosexuell" einordnet. Und er unterscheidet bekannte Dichter, selbst wenn sie heterosexuell sind, in Schwule, Schwuchteln, Schwestern, Tunten, warme Brüder, Trinen, Tucken und Epheben – sehr amüsant!

Ein aufregender, faszinierender und vielschichtiger Roman

Fazit: Mit "Die Nöte des wahren Polizisten" ist Bolaño ein aufregender, faszinierender und unerschöpflich vielschichtiger Roman gelungen. Auch sprachlich findet er lakonische Metaphern, die reinhauen. Beispielsweise: kommunikativer Striptease. Bolaño oszilliert so zwischen Fragilität und Härte, die durch seine einfache Sprache gehalten wird. Das klappt auch im Deutschen bestens, dank der ausgezeichneten Übersetzung von Christian Hansen.

Zudem beherrscht der Autor auf wundervolle Weise das Spiel mit Realität und Fiktion. Er gaukelt uns etwa vor, dass es den Autor J.M.G. Arcimboldi wirklich gegeben hat. Er erfindet ausführlich nicht nur Titel von Büchern, sondern auch deren Inhalte, Seitenzahlen und Verlage sowie eine Biografie, Essays und Korrespondenzen – einfach phantastisch! Und erinnert dabei an einen anderen Autor, der ebenfalls eine spielerische Annäherung zur Literatur hatte: Italo Calvino.

Dieser nicht abgeschlossene und doch vollständige Roman fügt sich als weiterer Stern – um nicht zu sagen Galaxie – im Bolaño-Kosmos ein. Außerdem eignet sich der postmoderne Roman wunderbar als Einstiegslektüre für die einzigartigen Bolaño-Werke: Unbedingt lesen, Vielfalt entdecken und glücklich bewundern! Wie die oben erwähnten Autoren Volpi und Bärfuss.

  Infos zum Buch
Roberto Bolaño: Die Nöte des wahren Polizisten. Roman. Aus dem Spanischen von Christian Hansen. Fester Einband. Mit Lesebändchen. Carl Hanser Verlag, München 2013.272 Seiten. 21,90 €. ISBN: 978-3-446-23973-9.
Links zum Thema:
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» Deutsche Webseite über Roberto Bolaño
» Auch wilde-leser.de erinnert an Bolaño
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Tags: roberto bolaño
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Reaktionen zu "Roberto Bolaños schwulster Roman"


 2 User-Kommentare
« zurück  1  vor »

Die ersten:   
#1
08.06.2013
10:10:18


(+3, 3 Votes)

Von Alex


Schade, dass er die Arbeit an dem Roman nicht mehr abschließen konnte.

Aber kann auch so ein gutes Buch sein...


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#2
08.06.2013
11:05:41


(0, 2 Votes)
 


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