Service   Gewinne   Jobs   Newsletter   Bild des Tages   Presseschau   Partner   Gay Hotels
Queer.de - das schwul-lesbische Magazin
 Community | CSD-Termine
Suche:  (News-Übersicht)
 
Login (Nick / Passw.):  (Registrieren)
  Autologin  
 Home || Politik | Szene | Boulevard | Blog | Meinung | Glaube | Lifestyle | Reise | Kultur | Buch | CD | DVD | Liebe | TV-Tipps || Galerie
  • 30.06.2013           1      Teilen:   |

Jan Stressenreuters neuer Roman

Die Aids-Wunde der heute 50-Jährigen

Artikelbild
Klaus mit Kette: Ende der 1980er Jahre gab der selbst HIV-positive Fotograf Jürgen Baldiga mit seinen einfühlsamen Porträts Aids ein Gesicht. Baldiga starb 1993 an den Folgen der Immunschwäche. (Bild: Jürgen Baldiga)

In seinem Roman "Wie Jakob die Zeit verlor" beschreibt Jan Stressenreuter das langanhaltende Trauma, das HIV in den 1980er Jahren bei einer ganzen schwulen Generation hinterlassen hat.

Von Angelo Algieri

Es kracht gewaltig: Arne und Jakob, beide um die 50 Jahre alt, trennen sich. Nach mehrjähriger Beziehung. Arne versteht Jakob nicht. Zwischen ihnen steht Marius, die große Liebe Jakobs. Nicht als Lebender. Sondern in Jakobs Erinnerungen. Denn Marius ist 1989 an den Folgen von Aids gestorben. Jakob, selbst HIV-positiv, hat ihn überlebt – und ist seitdem traumatisiert. Doch wie soll es für beide weitergehen? Und was war Ende der 1980er Jahre geschehen?

Das alles steht in Jan Stressenreuters neuem Roman "Wie Jakob die Zeit verlor". Das Buch ist kürzlich im Berliner Querverlag erschienen. Stressenreuter, geboren 1961 in Kassel und in Erkrath aufgewachsen, hat verschiedene Romane geschrieben, darunter "Love to love You, Baby", "Ihn halten, wenn er fällt" und "Mit seinen Augen". Daneben zeichnet er sich als Krimiautor aus – in der "quer criminal"-Reihe des Querverlags hat er "Aus Rache", "Aus Angst" und "Aus Wut" veröffentlicht. Stressenreuter lebt mit seinem Freund in Köln, wie seine Protagonisten im vorliegenden Text.

Fortsetzung nach Anzeige


Die schmerzlichen Erfahrungen verdrängt

"Wie Jakob seine Zeit verlor" ist in Stressenreuters Stammverlag, dem Berliner Querverlag, erschienen
"Wie Jakob seine Zeit verlor" ist in Stressenreuters Stammverlag, dem Berliner Querverlag, erschienen

Zurück zur Story: Auch wenn Arne aus der gemeinsamen Wohnung auszieht, möchte er dennoch Jakob besser verstehen und fährt nach Oberbayern, wo die beste Freundin seines Ex wohnt. Sie erzählt ihm etwas über die gemeinsame Studienzeit – und auch einiges über Marius. Jakob selbst hat über diese Zeit kaum mit Arne geredet. Er verschließt seine schmerzlichen Erfahrungen und Erinnerungen wie einen Schatz.

Währenddessen versucht Jakob zu "funktionieren". Er betreibt eine Gärtnerei mit zwei Angestellten. Und geht regelmäßig zu seiner Psychotherapeutin, die er Silky Leg nennt – ein Zugeständnis an Arne, denn er konnte Jakobs Depression nicht lange ertragen. Doch auch vor der Therapeutin verschließt sich Jakob – bis sie ihn auffordert, seine Gefühle zu Marius aufzuschreiben.

Doch zunächst lernt Jakob zufällig den jungen Stricher Philip kennen. Der bringt nicht nur sein eigenes Leben auf Trab, sondern auch das von Arne. Denn in der Zwischenzeit ist auch der Ex-Freund wieder in Köln und wohnt nun in einem kleinen Appartement. Mit Jakob hat er sich noch nicht getroffen, um sich auszusprechen, lernt aber unabhängig von ihm Philip kennen. Wird der junge Hüpfer die beiden wieder zusammenbringen?

Eine sorglose schwule Liebe Mitte der 1980er Jahre

Dies ist die eine Erzählebene des Romans; die andere schildert die Liebesgeschichte von Jakob und Marius, die Mitte der 1980er Jahre anfängt und mit dem Tod von Marius Ende November 1989 endet. Mit Anfang 20 fühlen sich die Verliebten unbezwingbar und unverwundbar. Aids ist zwar in aller Munde – doch sie glauben nicht, dass es sie betrifft. Doch schon bald werden beide eines Besseren belehrt: Sie haben sich mit dem HI-Virus angesteckt. Marius versteckt seine Infektion vor seinen Eltern, die bis zum seinem Tod nicht verstanden haben, was er hat. Auch bei einer Beerdigung eines Freundes von Jakob wird Krebs als Todesursache genannt. Die Familie verdrängt verschämt die Wahrheit vor Angehörigen und Freunden – leider kein Einzelfall in dieser Zeit.

Bevor er einen neuen Abschnitt der Liebesgeschichte von Marius und Jakob erzählt, streut Stressenreuter historisches Hintergrundwissen ein: Was geschah in Gesellschaft und Politik auch bezüglich Aids/HIV in jenem Zeitraum? Quasi à la Guido Knopp – um Atmosphäre und Dramatik besser einzufangen. Nebenbei stellt der Autor die Charthits von Deutschland und Großbritannien vor… 80er-Jahre-Musikfans werden garantiert schwelgen!

Das Unverständnis innerhalb einer traumatisierten Generation

Jan Stressenreuter, Jahrgang 1961, lebt seit über 20 Jahren in Köln
Jan Stressenreuter, Jahrgang 1961, lebt seit über 20 Jahren in Köln

Jan Stressenreuter hat das Trauma, das HIV und Aids in den 1980er Jahren einer ganzen schwulen Generation zugefügt haben, gut eingefangen. Mehr noch: Er hat die Auswirkungen dieser schmerzvollen Lücke bis ins Heute verdeutlicht. Aber auch das Unverständnis innerhalb einer Generation spricht Stressenreuter an. Jakob und Arne verstehen sich auch deshalb nicht, weil Arne in den 80er Jahren mit Aids persönlich wenig konfrontiert war. Kaum einer seiner Freunde hat sich mit HIV infiziert oder ist an der Immunschwächekrankheit gestorben.

Gelungen zeichnet Stressenreuter die beiden Liebesgeschichten mit ihren Aufs und Abs. Meistens in einer lakonischen Sprache. Leider schleichen sich bei neuen Abschnitten teils kitschige, pathetische oder symboltriefende Formulierungen ein, die nicht so recht zum Gros passen wollen. Das gilt auch für die Figur des Strichers Philip; ihm wird die Rolle des Erlösers zugeteilt. Und mit Arne und Jakob bilden sie sozusagen die Dreiheiligkeit. Zudem ist Philip nur einen Tag nach Marius Tod geboren. Es lebe die schicksalsschwangere Reinkarnation…

Spannende Geschichte von Liebe, Verlust und Überwindung

Zugegeben: Stressenreuter hat mit "Wie Jakob die Zeit verlor" einen wichtigen und längst fälligen Roman über die Aids-Wunde der heute um die 50 Jahre alten schwulen Männer geschrieben. Eindrücklich erzählt er mit Spannung und gut eingesetzter Dramatik eine Geschichte von Liebe, Verlust und Überwindung. Dennoch bin ich letztlich enttäuscht. Trotz der wichtigen Themen und der handwerklich gut-erzählten Story tut dieser Text nicht weh.

Liegt es am ratlosen Schluss, der wiederkehrenden, überbordenden Metaphern oder gar an den History-Intros? Vielleicht. Aber vielmehr ärgere ich mich, dass der erfahrene Autor nicht in Form und Sprachstil etwas mutiger, verspielter und radikaler war. So bleibt Stressenreuters Story etwas seicht und vorhersehbar. Ein gutes Vorbild wäre der leidenschaftliche, zugleich aufregende, ja fiebrige Roman "Lange Nächte Tag" von Simon Froehling gewesen. Auch hier gibt es einen Erlösungsgedanken, der aber weniger "religiös" aufgeladen ist.

"Wie Jakob die Zeit verlor" hätte ein großer und nachhaltiger Schlüssel-Roman werden können! Schade!

  Infos zum Buch
Jan Stressenreuter: Wie Jakob die Zeit verlor. Roman. Broschiert. Querverlag, Berlin 2013. 352 Seiten. 14,90 €. ISBN: 978-3-89656-207-4.
Links zum Thema:
» Mehr Infos zum Buch und Bestellmöglichkeit bei Amazon
» Leseprobe als PDF downloaden
» Homepage von Jan Stressenreuter
Kommentare: Selbst kommentieren | Bisher ein Kommentar | FB-Debatte
Teilen: 73             9     
Service: | pdf | mailen
Tags: jan stressenreuter, querverlag, aids
Schwerpunkt:
Unterstützen:
  |   Überweisung / Abo / weitere Infos

loading...

Reaktionen zu "Die Aids-Wunde der heute 50-Jährigen"


 1 User-Kommentar
« zurück  1  vor »

Die ersten:   
#1
30.06.2013
23:25:50


(+3, 3 Votes)

Von antos
Profil nur für angemeldete User sichtbar


"Zugegeben: Stressenreuter hat mit [...] Trotz der wichtigen [...] tut dieser Text nicht weh."

Tipp: Wirf dir das Buch doch mal auf die Zehen, Foxxyness der Literaturkritik!


Antworten | Kommentar schreiben | Direktlink zu diesem Kommentar
 


 BUCH - LITERATUR

Top-Links (Werbung)

 BUCH



Anderswo
Bild des Tages
Aktuell auf queer.de
Von Drogen und Dreiern Drei Barkeeper in Berlin homophob beleidigt Mit "Regenbogenfahne im Herzen": Werner Graf neuer Chef der Berliner Grünen "Homoheiler"-Verein droht wieder freier Träger der Jugendhilfe zu werden
 © Queer Communications GmbH 2016   Unternehmen | Team | Mediadaten | Logos | Impressum / AGB | Spenden | Kontakt