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  • 14.07.2013               Teilen:   |

"Remeurs Sünden"

Zuhause in allen Stricherbars der Welt

Artikelbild
Der Journalist und Schriftsteller Hans Scherer starb 1998 im Alter von 60 Jahren. Von 1973 bis zu seinem Tod arbeitete er für die "FAZ" und wurde vor allem durch seine Reisereportagen bekannt. (Bild: Männerschwarm)

Lebensgeschichte eines schwulen Globetrotters: Der Männerschwarm Verlag hat Hans Scherers Roman "Remeurs Sünden" neu aufgelegt.

Von Angelo Algieri

Wenn ein Grandseigneur anfängt zu erzählen, dann kann es entweder schnell angeberisch, langweilig, ausufernd, peinlich oder gar zu vulgär ausfallen. Nicht so im Roman "Remeurs Sünden" von Hans Scherer, der im Männerschwarm Verlag neu aufgelegt wurde.

Der Roman ist ein Jahr vor Scherers Tod, 1997, im Eichborn Verlag erschienen. Der Autor, 1938 in Trier geboren, war von 1973 bis zu seinem Ableben als Redakteur bei der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" tätig. Dazwischen war er Kulturkorrespondent in Paris und Berlin. Seine Spezialität waren vor allem Reisereportagen, die ihn unverwechselbar machten. Aus diesen Erfahrungen entstanden auch etliche Bücher, etwa "Feuilletons eines Globetrotters" oder sein – wie der Männerschwarm Verlag zu Recht beschwört – Kultbuch "Stopover. Ein Jahr auf Reisen".

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Jungs und Männer in verschiedenen Teilen der Welt

Der Roman erschien erstmals 1997 im Eichborn Verlag – ein Jahr vor Scherers Tod
Der Roman erschien erstmals 1997 im Eichborn Verlag – ein Jahr vor Scherers Tod

Auch im vorliegenden Roman spiegeln sich Scherers Reiseerfahrungen wider. In einem Krankenhaus treffen sich ein anonymer Patient und Herr Mellenthin, der ihm die Lebensgeschichte von Jean Remeur nacherzählt. Und so erfahren wir, wie Herr Remeur Jungs und Männer in verschiedenen Teilen der Welt begehrt. In Paris, Frankfurt und Düsseldorf. Ebenso in London, Tokio und Radolfzell. Auf Norderney, in Nürnberg und Amsterdam. Remeur schildert Mellenthin seine Begegnungen mit Männern vor allem in der Stricherkneipe "Olympia" in Frankfurt. Dort hält er sich gerne auf, vor allem als seine 8-jährige Beziehung mit Sven zu Ende gegangen ist. Eine aufregende Zeit war das für Remeur, doch mit dem Ende braucht er erst einmal ein Jahr, um seine Wut, Angst und Verzweiflung zu überwinden.

Im Mittelpunkt steht das Begehren und Lieben von Jungs in Stricherkneipen, Cruisingpoints, Klappen, FKK-Stränden, Saunen, Sex-Kinos und Fetisch-Bars. Ungezwungen offen, leidenschaftlich und "vorwitzig", wie Remeur selbst sagen würde. Etwa wenn er seine Coming-out-Geschichte erzählt, am FKK-Strand Anfang der 1950er Jahre auf Norderney – trotz des Schandparagrafen 175. Als der Erzähler, also Herr Mellenth, einwirft, dass Remeur an anderen Stellen seinen Coming-out hatte, meint dieser schlitzohrig: "Habe ich das erzählt? Nun ja, jeder Schwule erlebt mehrere Coming-outs, das ist ja grade das Tolle." Natürlich geht es auch um Behörden-Schikanen, die mit dem § 175 auftreten, aber auch während der Aids-Krise einher fallen. Doch Remeur lässt sich nicht abschrecken. Trotzig – und weiterhin ohne Kondom…

"Remeurs Sünden" ist ein Erzählbuch im besten Sinne des Wortes. Hans Scherer hat eine kraftstrotzende, unbändige Lust am Erzählen, ohne je überbordend zu fabulieren. Ein wahres Feuerwerk der Literatur – dank des prägnanten und doch sinnlichen Stils. Dabei geht der Autor assoziativ vor – wie es gute Erzähler auch tun. Vor allem, wenn sie in Kneipen sind. Und er stellt sich so in beste Erzähltradition von Denis Diderot über Joseph Roth bis hin zu den zeitgenössischen Autoren Florian Neuner und Arno Camenisch, wo die Kneipe/Beiz das soziale Zentrum, aber auch ein Ort des Erinnerns und somit des Erzählens, ist.

In Zeiten des § 175 zum Schweigen verdammt

Gleich um die Ecke der Gebrüder Grimm: Hans Scherers Grab auf dem Alten St. Matthäus Friedhof in Berlin-Schöneberg
Gleich um die Ecke der Gebrüder Grimm: Hans Scherers Grab auf dem Alten St. Matthäus Friedhof in Berlin-Schöneberg (Bild: Angelo Algieri)

Entgegen des Klischees, das man über FAZ-Redakteur im Kopf haben mag, ist dieser Text außergewöhnlich leicht geschrieben mit passenden Metaphern. Auch wenn hier und da intertextuelle Bezüge vorkommen, so stören sie nicht, wenn man sie nicht kennt – auch wenn der Genuss dann etwas eingeschränkt ist. Doch gute Literatur, wie in diesem Fall, muss Leser mit mehreren Backgrounds ansprechen!

Bemerkenswert sind die kurzen, auf den Punkt gebrachten Reflexionen, etwa wenn Remeur erzählt, "dass die heterosexuellen Jungs in ihrer Pubertät mindestens ebenso einsam und unsicher waren wie ich". Der Unterschied: Heterosexuelle konnten darüber reden, während homosexuelle Jugendliche in Zeiten des § 175 zum Schweigen verdammt waren.

Selbstverständlich dürfen beim Erzählen eines Granseigneurs der Witz, humorvolle Passagen oder die (Selbst-)Ironie nicht fehlen. Außerdem ist die Erzählkonstruktion klug verschachtelt: Mellenthin reproduziert alles, was Remeur ihm erzählt hat, an den namenlosen Krankenhauszimmergenossen. Die Erzählstaffel wird so an den neuen Erzähler weitergegeben. Der französisch-klingende Nachname erinnert an "rumeur", was auf Deutsch Gerücht heißt. Das Erzählen, das die Realität mit der Fiktion verbindet, ist einem Gerücht sehr nahe. Die Frage ist: Was hat nun Mellenthin zu den Erinnerungen Remeurs hinzugedichtet – voilà und so beginnt ein Lebensmythos, solange sie weitererzählt werden…

Fazit: Hans Scherer hat mit "Remeurs Sünden" eine einzigartig erzählende Literatur geschrieben. Es macht einfach Spaß. Ohne je zu langweilen. Scherer erweist sich als filigraner und exzellent-brillanter Stilist. Ein Buch zum Kennenlernen eines leider viel zu früh verstorbenen Autors. Garantiert macht es Lust auf mehr – nicht nur auf Jungs, sondern auch auf seine Literatur und Reportagen!

  Infos zum Buch
Hans Scherer: Remeurs Sünden. Roman. 208 Seiten. Klappenbroschur. Männerschwarm Verlag, Hamburg 2013. 16 €. ISBN: 978-3-86300-131-5
Links zum Thema:
» Mehr Infos zum Buch und Bestellmöglichkeit bei Amazon
» Leseprobe auf der Verlags-Homepage
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Tags: hans scherer, remeurs sünden, männerschwarm
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