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In der faszinierenden 20-Millionen-Metropole gibt es zwei völlig unterschiedliche schwule Szenen zu entdecken.

Von Micha Schulze

Null oder eins? Es gibt nur ein Thema im Lianbang-Badehaus. Kichernd stehen Männer in kleinen Grüppchen an den Spinden herum, mustern jeden neuen Besucher und versuchen, ihn einzuordnen: Null oder eins? Ausländer verirren sich sehr selten hierher, die weißen Langnasen kennen die Regeln nicht – und sind deshalb umso interessanter.

In "Eddy’s Bar", Shanghais ältester Szenekneipe, die 2005 ihr zehnjähriges Jubiläum feiert, werden schwule Touristen vor den einschlägigen Saunen der Stadt gewarnt. "Wir haben hier keine Gay-Badehäuser", meint der Kellner. Wirt Eddy korrigiert erst auf Nachfrage: "Schwule Saunen gibt es seit vielen Jahren in Shanghai, aber die sind dreckig, vergammelt und gefährlich" Dort wimmele es von Dieben, Strichern und Undercover-Polizisten.

Die Mehrzahl der Schwulen trifft sich privat oder in Parks

In der chinesischen Boomtown Shanghai gibt es mehr als nur eine schwule Szene zu entdecken. Ausgerechnet in einem der letzten kommunistischen Ländern der Welt hat sich eine Zwei-Klassen-Gesellschaft etabliert: Die in den internationalen Gay Guides gelisteten Läden wie "Eddy’s Bar" oder der House-Club "homebar" sind schicker und moderner als alle Kölner Clubs zusammen - und die Heimat der besser verdienenden Chinesen. Bei einem durchschnittlichen Monatslohn von 3.000 Yuan (etwa 300 Euro), im Umland sogar nur bei der Hälfte, können sich dort nur die wenigsten Shanghaier Schwulen ein Heineken für umgerechnet vier Euro leisten. So trifft sich Mehrzahl der Homos nach wie vor privat, in öffentlichen Toiletten oder Parks – oder in etwas heruntergekommenen Saunen wie dem Lianbang-Badehaus, über das Yuppies und Aufsteiger nur die Nase rümpfen.

"Jeder Schwule in China träumt davon, in Shanghai leben zu können", erzählt Lee, der als Inhaber eines Kurierdienstes ein gutes Leben in der Stadt führen kann. Die boomende Wirtschaftsmetropole unterscheidet sich von der Hauptstadt Peking so wie früher West- von Ost-Berlin. In Shanghai trifft sich die Finanzwelt, innerhalb nur eines Jahrzehnts wurde hier einen Haufen Wolkenkratzer aus dem Boden gestampft, auf dem vorher nur der Reis wuchs. Das Design der Türme ist teilweise so futuristisch, dass man sich wie in einem Science-fiction-Film vorkommt. Die Skyline entlang des Flusses Huangpu – eine Mischung aus New York und Gotham City.

Shanghai ist, mehr noch als Hongkong, eine durch und durch kapitalistische Insel im kommunistischen Riesenreich. Vom Flughafen saust der deutsche Transrapid in die City, schreiend bunte Neonreklamen beleuchten flackernd die Fußgängerzone der Nanjing Road. Chinesen im Hugo-Boss-Anzug, Handy am Ohr, eilen vom Gucci-Laden zum Prada-Shop und gönnen sich zwischendurch einen "Arabian Mocha Sanani" bei Starbucks. Etwas skurril wirkt in dieser Umgebung nur der einzige Sexshop des Landes, in dem ältere Chinesinnen im weißen Arztkittel vor halbleeren Holzregalen Dildos und aufblasbare Gummipuppen verkaufen.

Mit dem Kapital kamen auch die Homos aus dem Westen nach Shanghai und mit ihnen die Idee einer schwul-lesbischen Community. "Auf den Gay Pride müssen wir aber noch ein paar Jahre warten", schränkt Szenewirt Eddy ein. Auch wenn das kostenlos ausliegende, englischsprachige Stadtmagazin "That’s Shanghai" selbstverständlich die schwulen Läden listet, bleiben sie staatlicher Willkür ausgesetzt. So machte der Bürgermeister während der internationalen APEC-Konferenz im Jahr 2001 alle Homo-Clubs für mehrere Wochen dicht.

Die andere schwule Szene Shanghais erschließt sich Ausländern schwer. Zum Lianbang-Badehaus gelangt man eigentlich nur, wenn einem zuvor jemand die Adresse in Chinesisch für den Taxifahrer auf einen Zettel geschrieben hat. Zudem gibt es in der Zhizaoju Road 228 gleich zwei Saunen – schwul ist jedoch nur die mit dem unscheinbaren Eingang hinten rechts im Hof. Eine Regenbogenfahne weist hier niemanden den Weg.

Vor den Spinden im ersten Stock wartet das schnatternde Empfangskomitee der anderen Gäste. Sie rätseln: Null oder eins? Englisch spricht kein einziger, doch mit Zeichensprache lässt sich die hier alles entscheidende Frage stellen und beantworten. Einige Finger formen sich zu einem Kreis: null. Andere strecken den Zeigefinger in die Höhe: eins.

Null bedeutet passiv, eins aktiv.

25. November 2004



#1 Peking-operaAnonym
  • 26.11.2004, 13:51h
  • Shanghai soll sich neben Peking unterscheiden, wie früher Berlin-West zu Ost-Berlin?
    Wem tut man(n) damit mehr unrecht, den ehemaligen Ost-Berlinern, oder degradiert man Peking zum Dorf?
    Wie kann man Peking in Vergleich setzen mit Ost-Berlin (ehemals)?
    Ost-Berlin, war eine Provinzstadt, global gesehen.
    In Peking sind die Lebensunterschiede so unterschiedlich, wie sie in Ost-Berlin nie waren.
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