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Autor Will Davis, Jahrgang 1980, ist ein ausgebildeter und in Großbritannien bekannter Luftakrobat

Der Coming-out-Roman "Meine Sicht der Dinge" des britischen Autors und Luftakrobaten Will Davis gehört als Pflichtlektüre in die Schule.

Von Angelo Algieri

16-Jährige sind cool, gelangweilt, aufrührerisch und altklug. Sofern man dem Coming-out- und Jugendroman "Meine Sicht der Dinge" des britischen Autors Will Davis glaubt. Die deutsche Fassung ist nun im Berliner Bruno Gmünder Verlag erschienen.

Davis, Jahrgang 1980, ist ein ausgebildeter und in Großbritannien bekannter Luftakrobat. Die Tageszeitungen "The Independent" und "The Guardian" schwärmen von seinen Luftkünsten. Zudem lehrt er Luftakrobatik an der Gravity Aerial Academy in London. Aber auch sein Buch wurde ein Erfolg: "Meine Sicht der Dinge" ist 2007 mit dem Betty-Trask-Preis ausgezeichnet worden.

Doch nun zum Plot: Der 16-jährige Ich-Erzähler Jaz geht noch zur Schule und lebt mit seiner schrägen Familie in einem Vorort von London. Er gibt sich cool, selbstbewusst, aber auch rebellisch und hysterisch. Und er ist schwul. Das weiß er. Anders als seine Familie und seine Mitschüler. Doch das ändert sich bald.

Die Eltern schicken den schwulen Sohn zum Psychiater


Die deutsche Übersetzung des preisgekrönten Romans ist im Bruno Gmünder Verlag erschienen

Die Eltern erfahren, dass Jaz sich im "Starlight", einer in der Nähe gelegenen Schwulendisco rumgetrieben hat. Seine dominante Mutter findet Homosexualität zwar okay. allerdings glaubt sie an eine pubertäre Phase. Sie entscheidet, dass der Sohn zum Psychiater gehen soll. Nach nutzloser Abwehr willigt Jaz ein. Ironie: In den Therapiestunden stellt sich heraus, dass die Eltern eine Paartherapie brauchen – ihre Ehe scheint am Ende zu sein. Jaz hingegen sei ein ganz normaler Junge.

Doch nicht nur der Haussegen hängt schief, auch in der Schule bekommt Jaz Probleme. Sein ehemals bester Freund Fabian, Neonazi und "Freak", macht Jaz die Hölle heiß und bedroht ihn sogar mit dem Tod. Auch andere "Idioten" aus der Schule haben es auf den jungen Schwulen abgesehen. Doch eines Tages befreit überraschenderweise Fabian Jaz aus einer bedrohlichen Lage der "Idioten". Als Jaz noch sinniert, warum Fabian ihn gerettet hat, geschieht eine grausame Wendung. Für Jaz wird das alles zu viel. Er haut ab…

Ein eindrucksvoller und glaubwürdiger Jugendroman

Will Davis ist ein eindrucksvoller und glaubwürdiger Jugendroman gelungen. Auch wenn einige Konstellationen allzu konstruiert wirken. Etwa dass Jaz neben den pseudo-toleranten Eltern eine tiefreligiöse Schwester hat. Oder dass seine beste Freundin einen asiatischen Migrationshintergrund besitzt und es in der Schule neben dem Neonazi Fabian, den "Idioten" zusätzlich einen schwulen Lehrer gibt.

Diese Überfrachtung stört nicht wirklich, denn Davis spiegelt verschiedene Teile der Gesellschaft im Kosmos des 16-Jährigen wider. Dabei schaut der Autor genau hin. Die Toleranz gegenüber Schwulen und Lesben hat dort ihre Grenzen, wenn es um die eigenen Kinder geht. Es spielt keine Rolle, dass die Eltern aus bildungsnaher Bürgerschicht stammen. In der Figur der Schwester von Jaz werden radikal-religiöse Gruppen verkörpert. Gruselig: Die Schwester betet für Jaz' Seelenheil und gemeinsam mit ihren "Betschwestern" versucht sie, Jaz' Schwulsein auszutreiben. Radikal-evangelikale Kirchen in Großbritannien und Ex-Gay-Bewegungen lassen grüßen!

Ein Buch über die zunehmende Entmenschlichung der Gesellschaft


Cover der englischen Ausgabe

Neben Homophobie und -hass beschreibt Davis zudem, wie ein soziales System versagt und wie einiges unter den Tisch gekehrt wird. Der Selbstmord Fabians wird in der Schule tabuisiert – anstatt darüber zu sprechen. Suizid, weil Fabian mit seinem Schwulsein nicht klar kam? Hat er darum Jaz gerettet? Das Buch gibt dazu keine eindeutige Antwort. Klar ist: Jugendliche fühlen sich einsam und allein gelassen, die Elternteile meist überfordert und die Lehrer schauen nicht genau hin. Davis thematisiert eine zunehmende Entmenschlichung und Verrohung der Gesellschaft.

Natürlich kommt ein Jugendroman nicht ohne eine Liebesgeschichte aus. Allerdings ohne Happy-end, was dem Protagonisten nicht stört. Zudem (ungewollte) Drogenerfahrungen und wilden Sex. Dabei erscheint einiges grotesk und überzeichnet. Etwa als der einige Jahre ältere Jon, in dem Jaz verknallt ist, hysterisch reagiert, als er erfährt, dass er mit einem Minderjährigen vögeln wollte…

Bemerkenswert sind neben der glaubwürdigen, aber dennoch widersprüchlichen Figur des rotzigen Protagonisten die offenen Fragen in dem Roman. Beispielsweise fängt Jaz plötzlich an zu weinen, kann keine Gründe dafür liefern. Einiges bleibt folgerichtig ungeklärt, da der Protagonist unreif und unerfahren ist.

Keine Szene zu viel, keine zu wenig

Zur Sprache und Stil: Davis ist ein exzellenter Erzähler, der sich prächtig in den Ich-Erzähler einfühlt. Bemerkenswert ist sein packender, teils humorvoller Erzählstil. Die Handlung ist zum einen dramaturgisch bestens austariert – keine Szene ist zu viel, keine zu wenig. Zum anderen macht es Spaß, wie Davis zeitgenössische Metaphern bzw. Vergleiche en passant hervorzaubert. Der Luftakrobat ist auch ein atemberaubender Wortakrobat!

Der Text klappt auch im Deutschen, dank der meisterlichen Übersetzung von Andreas Diesel. Er findet nicht nur den richtigen Ton, sondern auch die Coolness und Rotzigkeit des jugendlichen Ich-Erzählers, ohne peinlich oder übertrieben sein zu wollen. Man merkt nicht, dass der Text eine Übersetzung ist – eine außerordentliche Leistung!

Fazit: Ähnlich wie "Der Fänger im Roggen" von Jerome David Salinger hält dieser spannende und facettenreiche Roman durch die Brille eines 16-jährigen Schwulen der Gesellschaft den Spiegel vor. Ein wichtiger Roman, der unbedingt in der Schule gelesen werden sollte!

Infos zum Buchft

Will Davis: Meine Sicht der Dinge. Aus dem Englischen von Andreas Diesel. Bruno Gmünder Verlag, Berlin 2013. 240 Seiten. 16,95 €. ISBN: 978-3-86787-611-7.


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