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  • 21.09.2013           2      Teilen:   |

Die Natur erzählt

Wenn sich Mutti am schwulen Sohn vergreift

Artikelbild
Gunther Geltinger liest auf dem Erlanger Poetenfest 2013 aus seinem neuen Roman (Bild: Wiki Commons / Don Manfredo / CC-BY-SA-2.0)

Eines der besten Bücher in diesem Herbst: Gunther Geltingers Zweitling "Moor" ist weit mehr als ein gewöhnlicher Coming-of-Age-Roman aus der norddeutschen Provinz.

Von Angelo Algieri

Der 13-jährige Dion lebt mit seiner Mutter in Fenndorf, einem fiktiven Dorf am Moor irgendwo in Norddeutschland, 100 Kilometer von Hamburg entfernt. Er ist leidenschaftlicher Libellensammler und -beobachter. Er stottert und ist in der Klasse gemeinsam mit seiner Klassenkameradin Tanja, die Glasknochen hat, Außenseiter. Doch im Herbst kommt sein Frühlingserwachen – im sexuellen wie im intellektuellen Sinn. Der Abschied der Kindheit ist angebrochen.

So beginnt der langerwartete Zweitling "Moor" des in Köln lebenden Autors Gunther Geltinger. Er ist im Suhrkamp Verlag erschienen. Geltinger hat im Jahr 2008 mit "Mensch Engel", erschienen im Schöffling-Verlag, debütiert und wurde überwiegend von der Kritik und von den Lesern gefeiert. Auch im Ausland: sein Debüt erschien auf Niederländisch, Tschechisch und Spanisch. Geltinger, Jahrgang 1974, ist im fränkischen Erlenbach am Main geboren. Er hat in Wien und Köln Drehbuch und Dramaturgie studiert.

Nach seinem Debüt hat er Stipendien und Preise eingeheimst. Darunter das Rolf-Dieter-Brinkmann-Stipendium der Stadt Köln sowie Aufenthaltsstipendien u.a. in Edenkoben, im Literarischen Colloquium Berlin, in den Künstlerhöfen Schreyahn und Schöppingen. Er kam in die Shortlist des renommierten aspekte-Literaturpreises und nahm 2011 am Bachmannwettbewerb in Klagenfurt teil. Aktuell bekam er den Förderpreis des Landes Nordrhein-Westfalen für junge Künstlerinnen und Künstler und steht mit "Moor" in der Longlist des Wilhelm-Raabe-Literaturpreises. Zudem gewann Geltinger 2004 den Literaturpreis der schwulen Buchläden, der in jenem Jahr leider zum letzten Mal verliehen wurde.

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Wichsen im Spalt zwischen Bett und Wand

Nach "Mensch Engel" ist "Moor" Geltingers zweiter Roman
Nach "Mensch Engel" ist "Moor" Geltingers zweiter Roman

Doch nun zum Plot: Protagonist Dion merkt an einem Herbstmorgen, wie seine Mutter Marga, die jeden Morgen nackt im Torfteich schwimmt, plötzlich untertaucht. Etwas was sie bisher nicht gemacht hat. Wird sie wieder auftauchen? Es geschieht noch mehr mit ihm. Denn in ihm macht es "klick". Er fragt sich: Wer ist mein Vater? Was macht die Mutter in Hamburg? Wo komme ich her? Wo will ich hin?

Ab hier bricht langsam das Vertrauen zu seiner Mutter, Dion sieht neue Zusammenhänge. Ähnlich wie eine frisch entschlüpfte, geschlechtsreife Libelle, einem Imago, ist der junge Heranwachsende verletzlich in dieser neuen Phase seines Lebens. Seine Gefühle gehen auf und ab. Gegenüber Tanja, in die er verliebt ist. Aber auch zu Hannes, den er geil findet. Begehrliche Fantasien entlädt er abends beim Wichsen im Spalt zwischen Bett und Wand.

Ein gewöhnlicher Coming-of-Age-Roman? Mitnichten. Denn das Verhältnis zur Mutter beispielsweise ist schwierig, gar verstörend. Die Mutter überschreitet ihre Liebe. Ist es wirklich zum Inzest gekommen? Oder hat die Sexworkerin und Malerin Marga, als sie wieder einmal besoffen nach Hause kam, ihrem Sohn "nur" einen runtergeholt? Ein Trauma, das Dion 30 Jahre später in einem Buch beschreiben wird.

Doch das Verhältnis zur depressiven Mutter verschlimmert sich im Winter eklatant; sie wird in die Psychiatrie eingewiesen. Nachdem sie zu viele Antidepressiva und Alkohol zu sich genommen hat – ein Selbstmordversuch? Dion wohnt zeitweise bei der Tante, der Mutter von Hannes. Kommt er nun seinem sexy Cousin näher?

Im Frühling darauf brennt das Moor – Dion und Hannes verlassen Fenndorf. Auch weil sie einen "Unfall" mit Tanja zu verantworten haben.

Das Moor erzählt Dions Geschichte in der Du-Perspektive

Autor Geltinger ist mit "Moor" ein auf mehreren Ebenen außergewöhnliches Werk gelungen. Eine Besonderheit des Romans: Das Moor erzählt die Geschichte Dions in der Du-Perspektive. Queer.de wollte im Interview mit Geltinger wissen, was das Moor für ihn attraktiv macht. "Das Moor ist Dions Kindheitslandschaft, aber im Roman ist es vor allem Sprachlandschaft, Sprachstifterin. Ich wollte das Prinzip der 'literarischen Seelenlandschaft' umkehren: Nicht ein Erzähler legt durch die psychische Verfasstheit des Protagonisten die Landschaft fest, sondern eine Landschaft erzählt und legt durch ihre biologische und mythologische Beschaffenheit die Psyche eines Menschen fest – durch die in der Natur vorherrschenden Regeln. Und die sind im Moor auf biologischer und geologischer Ebene sehr interessant: eine Landschaft, in der es metertief aufgeschichteter Torf, Relikte aus den vergangenen Jahrtausenden in sich birgt. Wie ein Zeitmuseum", so der 39-jährige Autor.

Auf die Du-Perspektive angesprochen, erklärt Geltinger, dass zwei Sprachlose aufeinanderträfen. "Das Moor, das als Landschaft nicht sprechen kann, und Dion, der als Stotterer auch nicht spricht oder über die Macht der Sprache, auch ihre soziale, nur bedingt verfügt. Nur in der sprachlichen Symbiose – das Moor als Erzähler, Dion als der Angesprochene – bilden beide ein Ich heraus. Die Sprache des Moores, die Dion in der zweiten Person Singular trifft, ist so etwas wie Dions Sehnsuchtssprache, die Sprache, die er sprechen würde, wenn er sprechen könnte. Sie kommt aus seinem stummen Rufen in die Landschaft als Echo zurück."

Das Moor konserviert nicht nur die Geschichte Dions, sondern auch jene der ganzen Region. Es stellt ein kollektives Gedächtnis dar, in dem sich Mythen, Märchen und Legenden ranken. Sie stellt die Folie der Story. Ähnlich wie in "Mensch Engel" geht es um die Kraft der Fiktion, der Geschichten, der Mythen. Geltinger verdeutlicht, warum sie noch heute wichtig sind: "Ohne Märchen, ohne die poetischen Umwege, auf denen die Mythen auf das pure Leben zurückverweisen und das Leben spiegeln, aber nicht erklären, ist der Mensch meiner Ansicht nach verloren. Im Grunde ist das Märchen etwas wie der alte Ort, an den der Mensch früher gegangen ist, um sich Rat für sein Leben zu holen: der Stammesälteste, der Priester, der Weise, die Großmutter. Die Bibliothek, ein Ort des gesammelten und überlieferten Wissens – und seiner Deutungen."

Youtube | Buchtrailer des Suhrkamp Verlags zu "Moor"

Das Ende der Kindheit, die Emanzipation von der Mutter

Gunther Geltinger studierte Drehbuch und Dramaturgie in Wien. Heute lebt er in Köln
Gunther Geltinger studierte Drehbuch und Dramaturgie in Wien. Heute lebt er in Köln (Bild: Wiki Commons / Amrei-Marie / CC-BY-SA-2.0)

Von mythischen Querverweisen strotzt dieser Roman nahezu. Etwa der Name Dion. Er ist die Kurzform von Dionysos, dem griechischen Gott der Ekstase. Ähnlich wie Dion wächst Dionysos alleine bei einer Nymphe im Wald auf, ohne Vater Zeus. Ebenfalls verweist das Anagramm von Dion, Odin (Wotan), auf die germanische Mythologie. "Moor" erinnert in der Struktur an die Opern-Tetralogie "Der Ring des Nibelungen" von Richard Wagner. Sie beginnt mit den Rheintöchtern, den Wassernymphen im Rhein. Ähnlich wie die "Nymphe" Marga im Torfteich. Die Tetralogie endet mit dem Feuer, das das Ende der Götter besiegelt. Der Beginn einer neuen Epoche. Die Emanzipation der Menschen gegenüber den Göttern. Auch im Text des schwulen Autors beginnt für Dion eine neue Epoche: Das Ende der Kindheit, der Beginn eines Lebens außerhalb des Moores, die Emanzipation von der Mutter.

Ein weiterer Genuss: die wuchtige, kräftige Sprache. Rhythmisch, präzise, facettenreich. Jedes Wort sitzt. Geltinger bestätigt: "Ich schreibe nicht nach Plot, sondern nach Rhythmus und einer stimmigen Folge der Sprachbilder, auch nach Klang. Ein Satz, der nicht klingt, inhaltlich aber wichtig ist, fliegt trotzdem raus. Das sind langwierige, meistens nicht lineare Prozesse, vergleichbar vielleicht mit dem Komponieren von Musik. Es gibt auf meinem Computer ca. 500 immer wieder redigierte Textdateien mit Fassungen von Teilen des Romans, und darunter sind auch Kakophonien, die nun zum Glück stumm auf der Festplatte liegen."

Mit dieser Sprache gelingt es dem Suhrkamp-Autor, einen weiteren Effekt zu erzielen, bei dem man beim Verformen von "Realität" in Fiktion zusehen kann. Der Autor erläutert dazu: "Literatur ist immer Fiktion, sie kann auf die Realität verweisen, aber sie ist nicht 'die' Realität. Sie sollte auch nie so tun, als würde sie die Realität wiedergeben oder begreifen. Doch gerade in diesem zurückhaltenden Verweis ist manchmal mehr Wahrheit zu finden als in der Wirklichkeit selbst." Aus der Betrachtung der Realität ziehe er wenig Erkenntnisgewinn. "Erst in der sprachlichen Verformung – teilweise auch Deformierung – kann ich der so genannten Wirklichkeit, dem Prosaischen, poetischen Gehalt abtrotzen. Wenn ich das nicht schaffe, bleibt sie literarisch für mich uninteressant", unterstreicht der Autor, um hinzuzufügen: "Und ich möchte in meinen Arbeiten den Leser einladen, mir dabei zu folgen."

Warum die überbordenen Metaphern zum Inhalt passen

Zugegeben: Am Anfang des Romans irritieren die überbordenden Moormetaphern, doch folgt man den Text weiter, so ist man immer mehr fasziniert. Denn diese Metaphern und teils auch die pathetische Sprache ist mit Form und Inhalt kohärent: Es langweilt nicht, es macht sehr viel Spaß!

Geltingers Story spielt in den 1970er Jahren, "wenn man so will, das letzte Jahrzehnt vor dem medialen Zeitalter", so der Autor. "Es gibt in meinem Roman bewusst keine Handys, kein Internet. Und doch bewegen sich die Protagonisten durch eine Welt der Bilder, in denen die medialen, die 'gemachten' von den originären, den archaischen nicht zu unterscheiden sind. Marga, die Mutter und Malerin, etwa bewegt sich durch eine Welt aus künstlichen Bildern, ihren eigenen und fremden, ohne sie mental, künstlerisch und psychologisch, zu durchdringen. Sie produziert selbst Bilder und ist gleichzeitig ihr Opfer. Und steht somit exemplarisch für den modernen, digitalen Menschen."

Hinzu komme die Rolle der Siebziger als Jahrzehnt der sexuellen Revolution, so Geltinger. "Auch eine Antwort auf die neue Prüderie der heutigen Zeit, die meines Erachtens auch eine Folge des allseits und jederzeit verfügbaren Bildes ist." Sprich: des leichten Mausklicks auf Pornoseiten im Netz

Apropos Filme: Autor Geltinger verrät, dass er momentan an einem Drehbuch mit dem Berliner Regisseur Jan Krüger ("Rückenwind", "Auf der Suche") arbeite. Zudem seo die Arbeit am "Libretto für eine Kammeroper, die im nächsten Jahr uraufgeführt wird, noch nicht abgeschlossen. Komponist ist Marko Nikodijevic, der dieses Jahr den Förderpreis der Siemens-Musikstiftung erhielt.", offenbart Geltinger den queer.de-Lesern. Aber auch: "Irgendwann wird es Zeit für einen neuen ersten Romansatz."

Fazit: Gunther Geltinger hat mit "Moor" einen höchst spannenden, sprachlich und stilistisch hervorragenden und bewundernswert mehrschichtigen Roman geschrieben. Eine Lektüre, die noch nach Tagen einen begleitet, reflektieren lässt und mitreißt. Garantiert eines der besten Bücher in diesem Herbst – eine unbedingte Leseerfahrung!

Youtube | Interview des Suhrkamp Verlages mit Gunther Geltinger
  Infos zum Buch
Gunther Geltinger: Moor. Roman. Suhrkamp, Berlin 2013. 440 Seiten. 22,95 €. ISBN: 978-3-518-42393-6.
Links zum Thema:
» Mehr Infos zum Roman und Bestellmöglichkeit bei Amazon
» Steckbrief von Gunther Geltinger auf Literaturport
Mehr zum Thema:
» Gunther Geltinger im Interview: Ein schwuler Autor auf Sinnsuche (26.09.2011)
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Tags: gunther geltinger, suhrkamp, moor
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Reaktionen zu "Wenn sich Mutti am schwulen Sohn vergreift"


 2 User-Kommentare
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Die ersten:   
#1
21.09.2013
13:05:55


(0, 2 Votes)

Von TheDad
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Das Moor ist auch ein Synonym für den Sumpf in dem sich die Kindheit "verliert", vor allem wenn es in dieser zu einem Missbrauch kommt, der zunächst nicht begreifbar scheint..

Der Autor berührt hier offensichtlich mehrere Tabu´s zugleich..
Der Einzelgänger, in der Schule gemobbt, verliebt sich in den Krüppel, begehrt aber zugleich auch in den Cousin..

Daneben der Missbrauch durch die Mutter, eine Frau als Täterin, was bei einem schwulem Protagonisten zusätzlich dazu genügt die "reziproke Verführungstheorie", das vom weiblichem Abgestoßen sein aus dem Zylinder der Vorurteile zu zaubern..

Der Hinweis das er den Missbrauch 30 Jahre später immer noch als Trauma deutet verrät wie unaufgearbeitet diese Kindheit in diesem Sumpf feststeckt..

Der "Verlust" der Mutter durch wegnahme bringt ihn gleichzeitig dem begehrtem Cousin näher, ist gleichsam die Abnabelung von der Familie, die so nie exitent, den Weg in eine andere Welt öffnet..

Scheint mir extrem lesenswert..


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#2
21.09.2013
19:04:28


(+3, 3 Votes)

Von antos
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Die Zitate von Gunther Geltinger retten auf alle Fälle die Rezension - ein faszinierend kluger und kunstsinniger Autor!


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