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  • 22.09.2013           52      Teilen:   |
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Zu den Enthüllungen im "Spiegel"

Volker Becks erstes Skandälchen

Micha Schulze schreibt an den grünen Bundestagsabgeordneten, der versucht hat, seine frühere Forderung nach einer Entkriminalisierung der Pädosexualität zu vertuschen.

Lieber Volker!

Ausgerechnet die "taz", das inoffizielle grüne Hausblatt, fand harsche Worte. Du hättest Deine "Glaubwürdigkeit verspielt" und den Grünen "maximalen Schaden" zugefügt, schreibt die alternative Tageszeitung nach den jüngsten Enthüllungen des Nachrichtenmagazins "Der Spiegel".

Worum geht's? Immer wieder hattest Du in den letzten Jahren behauptet, Dein umstrittener Gastbeitrag für das Buch "Der pädosexuelle Komplex" aus dem Jahr 1988 sei von den Herausgebern sinnentstellend verändert worden. Nun hat der "Spiegel" im Archiv der Heinrich-Böll-Stiftung das vermutliche Original-Manuskript gefunden und es der gedruckten Version gegenübergestellt. Das Ergebnis: Verändert wurden lediglich die Überschrift und eine Zwischenzeile. Unverändert heißt es jedoch in beiden Versionen: "Eine Entkriminalisierung der Pädosexualität ist angesichts des jetzigen Zustandes ihrer globalen Kriminalisierung dringend erforderlich."

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Totalversagen beim Krisenmanagement

Seit 1994 im Deutschen Bundestag: Volker Beck
Seit 1994 im Deutschen Bundestag: Volker Beck

Dass die Medien genüsslich über Deinen Vertuschungsversuch berichten, ist an sich kein Skandal und auch keine homophobe Kampagne. Im Gegenteil: Die Presse erfüllt ihre Kontrollfunktion. Zumal Du ein Politiker bist, der bekanntlich selbst sehr hohe moralische Anforderungen an seine Kollegen stellt.

Anders als Dein Fraktionschef Jürgen Trittin hast Du zudem in Deinem Krisenmanagement komplett versagt. Geradezu bockig beharrst Du auf dem absurden und widerlegten Vorwurf der Text-Verfälschung. Das alles macht es sehr schwer, Dir jetzt uneingeschränkt solidarisch zur Seite zu springen.

Dennoch hat die Enthüllung mehr als einen negativen Beigeschmack. Dass die Geschichte ausgerechnet kurz vor der Bundestagswahl lanciert wurde, sollte stutzig machen. Zumal eine sachliche Diskussion kaum mehr möglich ist, wird in der Politik (und erst recht im Wahlkampf) einmal die "Pädo-Keule" herausgeholt. Auch dies mag ein nachvollziehbarer Grund sein, warum Du versucht hast, Deine früheren Positionen, die im Übrigen breiter Konsens in der Schwulenbewegung der 1980er Jahre waren, herunterzuspielen.

Ein aufgebauschtes "Skandälchen"

Lange Gesichter bei den Grünen: Die "Pädo-Debatte" kam zur Unzeit
Lange Gesichter bei den Grünen: Die "Pädo-Debatte" kam zur Unzeit (Bild: buendnisgruenen / flickr / cc by 2.0)

Diese möglicherweise Not-Lüge wird nun aufgebauscht. Denn sonst gibt es auch kaum Angriffpunkte. Es ist wirklich kein Skandal, vor einem Vierteljahrhundert Forderungen aufgestellt zu haben, die man später als falsch erkannt hat. Bereits Anfang der 1990er Jahre bist Du von Deinen damaligen Thesen abgerückt, hast sie wiederholt als "unsäglich", abwegigen "Stuss" und "großen Fehler" bezeichnet. Richtig so! Dein umstrittener Text im Buch "Der pädosexuelle Komplex" war zudem, wenn man ihn genau liest, ein Plädoyer gegen eine ersatzlose Streichung des Sexualstrafrechts und damit ein erster Abnabelungsversuch der Schwulen- von der Pädobewegung. Nicht zuletzt: Die Initiative, dieses fragwürdige Bündnis aufzuarbeiten, ging von den Grünen selbst aus! Dies ist Deiner Partei hoch anzurechnen, in diesem Punkt ist sie der Schwulenbewegung meilenweit voraus!

Natürlich nutzen Deine Gegner wie etwa CDU-Rechtsaußen Erika Steinbach jetzt die Gunst der Stunde und wollen mit völlig überzogenen Rücktrittsforderungen in erster Linie den schwulen Politiker treffen, der sich wie kaum ein anderer glaubhaft für LGBT-Rechte im Deutschen Bundestag engagiert. Das wissen sowohl die queere Community als auch die Grünen, deren Solidarität Du Dir trotz allem vermutlich sicher sein kannst. Dein allererstes "Skandälchen" nach 19 Jahren im Bundestag wirst Du wohl mit ein paar Schrammen überstehen, da haben sich viele Politiker-Kollegen schon deutlich mehr geleistet.

Für Dich gibt es im Bundestag wahrlich noch genug zu tun, lieber Volker! Dazu gehört aus meiner Sicht allerdings auch eine eigene Initiative – etwa eine Podiumsdiskussion oder ein Kongress -, um die unangenehm-peinliche Ex-Allianz mit der Pädo-Bewegunng endlich selbstkritisch aufzuarbeiten.

Micha Schulze, Jahrgang 1967, ist Geschäftsführer von queer.de und seit 25 Jahren in schwul-lesbischen Medien zu Hause. Normalerweise schreibt er vor allem Konzepte, Angebote, Rechnungen und Mahnungen, in dieser Kolumne aber immer wieder auch Emails an Leute und Organisationen, über die er einfach nur den Kopf schütteln kann.
» Mehr Kolumnen: Message von Micha
Links zum Thema:
» Original-Manuskript von Volker Beck
» Die im Buch "Der pädosexuelle Komplex" veröffentlichte Fassung
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Reaktionen zu "Volker Becks erstes Skandälchen"


 52 User-Kommentare
« zurück  123456  vor »

Die ersten:   
#1
22.09.2013
16:50:24


(+13, 17 Votes)

Von abhijay
Aus München (Bayern)
Mitglied seit 17.04.2012


ich halte die aktuell pädophilie-debatte zwar auch für ausgesprochen schmutziges wahlkampftaktieren - aber lieber micha schulze, mich hätte dennoch interessiert, wie dein artikel zum thema ausgesehen hätte, wäre es nicht um volker beck sondern um einen politiker einer anderen partei gegangen.
stell dir einfach mal vor, ein heutiger pirat hätte vor 30 jahren so einen stuss von sich gegeben... ihr hättet ihn und die ganze partei zerfleischt.
habt ihr zwar so auch, aber egal...


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#2
22.09.2013
16:55:18


(-14, 20 Votes)

Von ehemaligem User FoXXXyness


Über dieses Thema wurde schon so viel gedruckt, aber das als "Skandälchen" zu bezeichnen, ist nun völlig untertrieben!

"...n erster Linie den schwulen Politiker treffen, der sich wie kaum ein anderer glaubhaft für LGBT-Rechte im Deutschen Bundestag engagiert. Das wissen sowohl die queere Community als auch die Grünen, deren Solidarität Du Dir trotz allem vermutlich sicher sein kannst."

Diee Beweihräucherung ist fehl am Platz, er hat für uns NICHTS geleistet und MEINE SOLIDARITÄT hat er ebenfalls nicht! Der Mann muß endlich aus dem Bundestag verschwinden!


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#3
22.09.2013
16:57:05


(-14, 22 Votes)

Von Miz Lohn


Beck muß weg und dafür jemand in den Bundestag, der wirklich etwas für uns tut!


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#4
22.09.2013
16:58:05


(+14, 20 Votes)

Von Georgg


Man sollte auch einmal darüber nachenken, warum die taz ausgerechnet jetzt die Grünen fallen lässt?


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#5
22.09.2013
16:58:53


(+6, 10 Votes)
 
#6
22.09.2013
17:03:31


(+10, 16 Votes)

Von Friede und Liz
Antwort zu Kommentar #4 von Georgg


Vielleicht eine Beschneidung aus medien-religiösen Gründen?


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#7
22.09.2013
17:15:14


(+11, 19 Votes)

Von Anonym


@FOXXXyness: Der Mann muß endlich aus dem Bundestag verschwinden!

Deshalb habe ich Volker Beck gewählt, weil er UNSERE Interessen gut vertreten hat!


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#8
22.09.2013
17:16:28


(+6, 12 Votes)

Von Snowden


" Denn sonst gibt es auch kaum Angriffpunkte."

Öffentlich?


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#9
22.09.2013
17:22:50


(+1, 13 Votes)

Von CommanderVimes
Aus Hamburg
Mitglied seit 29.07.2013


Sehr guter und differenzierter Artikel. Mit viel Nachsicht kann man Volker Beck zugute halten, dass ihm selbst sein Originaltext nicht mehr vorlag. Aus eigener Erfahrung weiß ich, wie sehr man sich manchmal über die eigenen Worte wundern kann, wenn man sie viele Jahre später liest. Die Erinnerung kann trügen. Zudem kann durchaus eine Überschrift und eine Zwischenüberschrift einen subtilen aber dennoch deutlichen Unterschied in der Bewertung und Interpretation des nachfolgenden Textes ausmachen - zumindest in der subjektiven Wahrnehmung.
Dennoch muss man feststellen, dass bei objektiver Betrachtung die Veränderungen des Textes wirklich nur leicht redaktioneller Natur sind und man definitiv nicht soweit gehen kann, dem Herausgeber zu unterstellen, er hätte hier sinnentfremdend verfälscht.

Einen Skandal kann ich dennoch wirklich nicht erkennen. DIe Grünen haben niemals gefordert, Kindesmissbrauch straffrei zu stellen. Tatsächlich wären wohl ca. 99% aller Fälle, die zu Verurteilungen führen, auch aus Sicht der Grünen in den 80ern zu bestrafen. DIe Grünen (oder ein Teil von ihnen) haben stattdessen die These vertreten, dass es auch Sex zwischen Erwachsenen und Kindern geben könnte, der eben KEIN Missbrauch wäre.
Aus heutiger Sicht ist diese Ansicht nicht nur falsch, sondern geradezu absurd, bzw. würde ein entsprechendes Gesetz erhebliche Gefahren verursachen. Im historischen Kontext gesehen ist es aber nur natürlich, dass in einem Land, das nur ein paar Jahre zuvor noch Homosexuelle ins Gefängnis steckte, damit Existenzen zerstörte udn nicht wenige in den Selbstmord trieb, in dem Ehebruch und Kuppelei strafbar waren, sämtliche Verbote, die komplette Sexualmoral mit entsprechenden Strafbewehrungen, auf den Prüfstand kamen und einfach alles hinterfragt werden musste. Sicherlich ist man dabei über das Ziel hinaus geschossen. Nur wurde genau das auch behauptet, als die Strafbarkeit von schwulem Sex abgeschafft wurde (was genau genommen erst 1994 erfolgte).

Heute, mehr als 30 Jahre später, ist man schaluer, kann die Dinge in einem klareren Licht sehen. Was bleibt, sind aus heutiger SIcht nicht mehr ganz nachvollziehbare politische Positionen. Nur warum muss man sich dafür rechtfertigen, wenn man mittlerweile davon abgerückt ist? Völlig aberwitzig empfinde ich die Gleichsetzung von den damaligen politischen Thesen mit tatsächlich durchgeführtem Kindesmissbrauch. Ein Parteiprogramm, so fragwürdig es auch sein mag, kann nur dann zu Opfern führen, wenn es auch umgesetzt wird. Das ist nicht passiert.
Die Grünen haben sich seit Ewigkeiten von diesen Ansichten distanziert. Diese Thesen waren nicht mehr als ein Papiertiger, ein solches Gesetz ist nie verabschiedet worden.


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#10
22.09.2013
17:26:09


(+6, 10 Votes)

Von rairue
Antwort zu Kommentar #9 von CommanderVimes


Genau dieser Tenor führte zum Desaster!


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