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  • 28.09.2013           41      Teilen:   |

Interview

Erstmals Asyl für schwulen Flüchtling aus Russland

Artikelbild
Willkommen in Deutschland: Schlafsaal im Erstaufnahmelager Zirndorf (Bild: 89132814@N07 / flickr / cc by-sa 2.0)

Bereits im August wurde Pavel wegen der homophoben Politik in seinem Heimatland in Deutschland als Flüchtling anerkannt. Im Interview mit Quarteera spricht er über das Verfahren.

Im April 2013 kam Pavel R. [Name von der Redaktion geändert] aus seiner Heimatstadt in Sibirien nach Deutschland. Als offen schwul lebender Mann hatte er Monate der Angst, Gewaltandrohungen und psychischen Drucks hinter sich. Die durch die Gesetze gegen Homo-"Propaganda" angeheizte homophobe gesellschaftliche Stimmung traf ihn direkt und unmissverständlich: "Solche wie dich wollen wir hier nicht", bekam er zu hören, "wir werden dir das Leben zur Hölle machen".

Pavel kam als Flüchtling in die Bundesrepublik. Im vorherigen Kontakt mit Quarteera e.V., dem Verein russischsprachiger Schwuler, Lesben, Bisexueller und Transgender (LSBT) in Deutschland, und im weiteren Austausch mit seiner Anwältin wurden ihm zunächst keine großen Hoffnungen gemacht: Es fehlten Präzedenzfälle, bisher gab es noch keine Anerkennung russischer Flüchtlinge aufgrund der homophoben Politik Russlands. Im Laufe der vier Monate in mehreren deutschen Asylheimen ging Pavel an seine Grenzen und dachte darüber nach, zurückzukehren – die Zustände in den Heimen, die teilweise existierende homo- wie xenophobe Stimmung unter anderen Flüchtlingen und die ständig präsente Gewaltbereitschaft schienen unerträglich. Aber der Gedanke an ein weiteres Leben in der hasserfüllten Stimmung in seiner Heimat war unerträglicher, er kämpfte weiter. Anfang August wurde Pavel der Flüchtlingsstatus zuerkannt.

"Jede Entscheidung über den Flüchtlingsstatus ist eine Einzelfallentscheidung aufgrund der persönlichen Geschichte des jeweiligen Menschen. Dennoch werten wir diese Entscheidung auch als ein Hoffnungszeichen dafür, dass die katastrophale Lage von LSBT in Russland von den deutschen Behörden ernst genommen wird", heißt es in einer Stellungnahme von Quarteera. Der Verein hat Pavel zu seiner Flucht und dem Asylverfahren interviewt.

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Keine Meinungsfreiheit, keine Versammlungsfreiheit: Festnahme eines schwulen Aktivisten in St. Petersburg
Keine Meinungsfreiheit, keine Versammlungsfreiheit: Festnahme eines schwulen Aktivisten in St. Petersburg

Pavel, wann hast du dich entschieden aus Russland auszureisen? Was war der Grund für die Entscheidung?

Ich wollte schon lange aus Russland ausreisen, eigentlich seit meiner Kindheit. Aber leider wusste ich bis zum letzten Moment nicht, wie das gehen soll. Der entscheidende Grund war die extreme Homophobie in Russland, in der Gesellschaft. Es ist sehr unangenehm in einer Gesellschaft zu leben, die dich für krank und zurückgeblieben hält, wo man dir den Arbeitsplatz kündigen kann, nur weil du schwul bist. Wo jeder es für seine Pflicht hält, dich zu erniedrigen, nicht physisch, aber moralisch.

Sich dagegen zu wehren ist äußerst schwer, umso mehr, wenn man offen lebt. Du bist einer, und sie sind Millionen. Ich sag natürlich nicht, dass alle Russen so sind. Natürlich nicht, es gibt wunderbare Menschen, aber das ist die Minderheit. Die Menschen sind vom Gefängnis und der Sowjetunion erzogen worden: Alkoholiker, Drogensüchtige, Degenerierte, Klerikale, Pöbel, käufliche Polizisten, religiöse Fanatiker, Faschisten, Nationalisten, oder einfach ungebildetes Volk – das ist das Fundament der russischen Gesellschaft. Jeden Moment kann man dir den Kopf abschlagen.

Warum ausgerechnet Deutschland?

Weil sich die deutsche Politik loyal zu LGBT-Menschen verhält. Warum ausgerechnet Deutschland, darauf kann ich nicht antworten, so ist es halt gekommen.

Hast du dich irgendwie auf die Ausreise vorbereitet?

Nein, ich habe die Entscheidung sehr spontan getroffen, ohne Vorbereitung. Ich hatte einen stabilen Arbeitsplatz, ich wollte eigentlich nicht kündigen, aber das musste ich dann. Ich konnte auch überhaupt kein Deutsch. Ich hatte keine Bekannten oder Freunde, erst recht keine Verwandten hier. Alles, was ich hatte, waren die etwas wirren Informationen aus dem Internet, nicht mehr. Und das ist nicht besonders gehaltvoll, alles auf dem Niveau von Überlegungen und Gerüchten. Eigentlich hatte ich nicht mal genug Zeit, um meine Sachen zu packen, ein Teil davon ist in Russland geblieben.

Wie hast du die erste Woche hier durchlebt?

Die erste Woche? Fragt lieber danach, wie ich die andere Zeit durchlebt habe… Die erste Woche war sehr schwer – erst recht, wenn du nicht weißt, wie du dich verhalten sollst. Und die Bedingungen in den Heimen sind bei weitem nicht ideal. Ich hatte Angst – vor der Umgebung, vor der Unsicherheit. Ich hatte das Gefühl, ein Niemand zu sein, einfach eine Nummer auf dem Papier.

Was war am schwersten in dieser Zeit?

Am schwersten war es, ich selbst zu bleiben. Weil die Psyche und die Persönlichkeit schwer angegriffen werden. Es ist wahnsinnig schwer, nicht den Hass und die Böswilligkeit in sich rein zu lassen. Das Wichtigste ist, trotz der Bedingungen und dem unangenehmen Umfeld ein Mensch zu bleiben. Und das ist auch das Schwierigste. Und natürlich war es sehr schwer ohne jegliche Unterstützung vom Staat. Ich meine, dass alle Texte und Unterlagen auf Deutsch verschickt werden, es gibt keine Dolmetscher. Man muss irgendwie selbst klar kommen damit.

Was fehlt dir am meisten?

Meine Familie und meine Freunde. Sie waren immer für mich da, zu jeder Zeit. Und hier bin ich schlagartig von ihnen abgeschnitten. Deswegen fehlen sie mir wahnsinnig. Alles andere kann man aushalten.

Wo und wie hast du Unterstützung gesucht?

Unterstützung hatte ich nur von Bekannten, die ich bereits hier getroffen habe – und von Quarteera. Eine besondere Hilfe für Asylbewerber gibt es nicht. Wenn es sie gibt, dann höchstens in Form des positiven Bescheids, dass man garantiert in Deutschland bleiben kann. Man muss sich immer auf sich selbst verlassen. Aber ich möchte allen danken, die mir geholfen haben. Und natürlich auch den Mitarbeitern der Heime, sie haben mir immer freundlich und taktvoll alles erklärt, wenn ich zu ihnen kam.

Der Weg zur Anerkennung als Flüchtling ist steinig: Asylstraße in Schwäbisch-Gmünd
Der Weg zur Anerkennung als Flüchtling ist steinig: Asylstraße in Schwäbisch-Gmünd (Bild: dierkschaefer / flickr / cc by 2.0)

Du wusstest vorher, dass es quasi unmöglich für Schwule aus Russland ist, in Deutschland als Flüchtling anerkannt zu werden – worauf hast du gehofft?

Ich wusste, dass es unmöglich ist, und habe trotzdem immer gewusst, dass es gelingen wird. Ich hatte keinen Zweifel, obwohl alle wie abgesprochen wenig hoffnungsvolle Dinge gesagt haben. Ich weiß nicht, wie ich das erklären soll, aber alle Umstände haben sich so gefügt, dass es nicht hätte anders ausgehen können.

Wie lange hast du auf den offiziellen Bescheid gewartet?

Vier Monate. Das waren sehr lange Monate. Aber alle hatten angekündigt, dass es sogar Jahre dauern kann.

Was hast du empfunden, als du die Anerkennung bekommen hast?

Oh, ich würde alles dafür geben, um mein Gesicht in dem Moment zu sehen, das war völlig unbeschreiblich. Ich wusste ja, dass es so kommen wird, aber so schnell, und vor allem mit Aufenthalts- und Arbeitsrecht – das habe ich nicht erwartet. Als erstes kamen mir die Tränen, ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal geweint habe, aber hier überkam es mich. Und überbordende Emotionen. Das kann ich mit Worten nicht beschreiben – das ist das Nirvana. Ich hab eine Strauß Rosen gekauft und sie einzeln auf der Straße verschenkt.

Wie hast du die Gespräche, die Klärung deiner Situation erlebt? Wir haben sich die deutschen Mitarbeiter dir gegenüber verhalten?

Die Anhörungen sind der entscheidende Moment für die meisten. Ich hatte Angst davor, weil ich so viele Horrorgeschichten darüber gehört hatte. Irgendjemand sagte, man würde mich dort anschreien, nicht zuhören, man würde versuchen, mich beim Lügen zu ertappen. Es könne bis zu zwei Tagen dauern. Es war dann nichts von all dem in meinem Fall. Alles war sehr wertschätzend und kultiviert, sehr sachlich, und dauerte maximal 1,5 Stunden. Obwohl ich persönlich auch von einem Fall weiß, wo das Gespräch 14 Stunden dauerte.

Überhaupt sind die Deutschen ein einmaliges Volk. Nach den staatlichen Einrichtungen bei uns in Russland war ich sehr positiv überrascht, wie sich die Deutschen zu mir verhielten. Ich habe nie, weder von der Polizei noch von den Angestellten, ein beleidigendes Wort gehört. Vielen Dank für diesen warmen und feinfühligen Umgang.

Wie schätzt du die Lage in Russland ein – bleibt einem als Schwuler wirklich nur die Flucht?

Das kommt darauf an, was derjenige vom Leben will. Ich kenne viele Menschen, die nach außen ein scheinbar heterosexuelles Leben leben, eine Familie haben und daneben mit Männern schlafen. Wenn man sein ganzes Leben alle belügen, sich verstecken und ständig Angst haben will, dann ist Russland das richtige Land. Wenn man ein normales, ruhiges, familiäres Leben haben möchte – fahrt weg! Russland ist kein Land, in dem LGBT in nächster Zeit akzeptiert werden.

Hast du einen Rat für Menschen, die ausreisen wollen — für die Zeit vor der Ausreise, während der Anhörungen, in der ersten Zeit hier?

Es gibt keine universalen Ratschläge. Jeder hat andere Heime, eine andere Geschichte, andere Schlussfolgerungen, andere Zeiten. Der einzige Rat: macht es nicht. Ich weiß, durch was man durch muss, deswegen sage ich das. Aber wenn man sich entschieden hat, dann muss man bis zum Ende gehen, keinen Schritt zurück. Das wichtigste ist: nicht lügen, keine Geschichten erfinden. Es gelingt sowieso nicht, zu betrügen. Und man bekommt einen Haufen Probleme. Und haltet euch an das Gesetz. Wenn ihr denkt, das Gesetz ist nicht für euch gemacht oder ihr seid was Besonderes – bleibt lieber zu Hause. Und vor der Ausreise sollte man genug Beruhigungsmittel mitnehmen, die braucht man.

Was sind deine Pläne für die nächste Zeit?

Natürlich als erstes die Sprache lernen und möglichst schnell von der Sozialhilfe wegkommen, Arbeit finden und in Ruhe leben. Russland vergessen wie einen Alptraum.

Links zum Thema:
» Homepage von Quarteera
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Tags: asyl. flüchtling, asylgrund homosexualität, russland, quarteera
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Reaktionen zu "Erstmals Asyl für schwulen Flüchtling aus Russland"


 41 User-Kommentare
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Die ersten:   
#1
28.09.2013
16:34:57


(+8, 8 Votes)

Von bittersüß


wie gut, daß das schwulsein niemandem wie gelber stern auf der stirn steht und die offenbarung der eigenen sexualität noch in keiner gesellschaft zur pflicht geworden ist.........!
vor allem in solchen scheißreligioten ländern wie rußland!


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#2
28.09.2013
16:39:51


(-22, 24 Votes)

Von ehemaligem User Silverclaw


Verstehen kann mans das sie wegwollen, aber warum muss fuckin D-Land schon wieder das verdammte Auffangbecken spielen.


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#3
28.09.2013
17:08:21
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(+16, 18 Votes)

Von David77
Antwort zu Kommentar #2 von Silverclaw


Weil andere westliche länder es auch tun - warum sollte d sich da verweigern?


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#4
28.09.2013
17:12:40
Via Handy


(+16, 18 Votes)

Von Nick
Antwort zu Kommentar #2 von Silverclaw


Weil einem der gesunde Menschenverstand sagt, das man Menschen in Not hilft?


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#5
28.09.2013
17:13:43


(-11, 15 Votes)

Von Georgg


Prima! Jetzt werden tausende von russischen Schwulen nach Deutschland kommen. Lasst sie kommen! Sie sind Europäer, Christen, arbeitswillig und uns mentalitätsmäßig nahe.


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#6
28.09.2013
17:26:15


(+1, 11 Votes)

Von MeineFresse


könnten sich alleinstehende schwule Männer und lesbische Frauen nihct mal dazu aufraffen, mal so einen Mann oder Frau alibi-zu-heiraten? Hilft eine Verpartnerung nicht in Bezug auf Aufenthaltsrecht?
solche wie ihn gibt es doch millionenfach.

Da gab es hier mal einen Artikel über einen Iraner der schwul war und abgeschoben werden sollte. Wieso konnte den nicht einfach jemand heiraten damit er in Sicherheit ist habe ich mich da gefragt.


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#7
28.09.2013
17:31:59


(+2, 6 Votes)

Von die BRD


"Solche wie dich wollen wir hier nicht".
blöd nur, daß "hier" überall sein kann.
also auch "hier", in D.


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#8
28.09.2013
17:43:35
Via Handy


(+4, 8 Votes)

Von Nur zu
Antwort zu Kommentar #6 von MeineFresse


Warum machst du das nicht?
Bei Scheinehen ist die sexuelle Orientierung eh nebensächlich.

Leute haben immer die besten Ideen für andere, verwirklichen sie aber selber nicht.


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#9
28.09.2013
17:53:54
Via Handy


(+5, 7 Votes)

Von David77
Antwort zu Kommentar #5 von Georgg


Und was willst du nun damit zum ausdruck bringen?


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#10
28.09.2013
17:57:52


(+5, 9 Votes)

Von Harry1972
Aus Bad Oeynhausen (Nordrhein-Westfalen)
Mitglied seit 21.02.2013
Antwort zu Kommentar #6 von MeineFresse


Weil es vermutlich nicht jedem so leicht fällt, sich selbst zu verleumden, wie Dir?


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