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  • 29.09.2013           2      Teilen:   |

Craig Seymours Autobiografie

Ein strippender Akademiker

Artikelbild
Ausschnitt aus dem Cover: "Nackte Tatsachen" ist die Geschichte von einem, der auszog, sich auzuziehen

Für seine Doktorarbeit trat Craig Seymour in den 1990er Jahren in Strip-Clubs auf. In seiner Autobiografie "Nackte Tatsachen" erzählt er von seinen "wilden Jahren".

Von Angelo Algieri

Als Craig Seymour seine Magisterarbeit an der Uni Mitte der 1990er Jahre anmeldete, war sein Thema recht ungewöhnlich. Er wollte über Stripclubs schreiben; seine Betreuerin willigte ein. Und so zog er los und interviewte Stripper und Club-Gäste in Washington D.C. Dabei stellte er neue Zusammenhänge her zwischen Strip-Clubs und schwuler Kultur sowie der historischen Arschverehrung bei Schwulen. Nach der Abschlussarbeit wollte er sich weiter mit dem Strippen beschäftigen und meldete seine Doktorarbeit an. Mit dem Unterschied, dass er nun selbst strippte.

So der Beginn von Craig Seymours Autobiografie "Nackte Tatsachen. Meine wilden Jahre als Stripper". Sie ist auf Deutsch bei Bruno Gmünder erschienen. Seymour, geboren 1968 in Washington D.C., ist Musikkritiker, Fotograf und Schriftsteller. Darüber hinaus ist er Associated Professor für Journalismus an der Northern Illinois University. Er lebt in Chicago.

Im Gegensatz zu anderen Metropolen der USA wurden in der Hauptstadt die Hüllen fallen gelassen. Mehr noch: Die erigierten Schwänze der Stripper durften die Gäste anfassen, nachdem sie Dollarscheine in ihre Söckchen gesteckt haben. Nur eins durften sie nicht: ejakulieren! Zumindest durften sie sich nicht dabei erwischen lassen…

Fortsetzung nach Anzeige


Strippen als Obsession

Auch heute noch mit "wildem" T-Shirt: Craig Seymour, Jahrgang 1968 - Quelle: Wiki Commons / Howcheng / CC-BY-SA-3.0
Auch heute noch mit "wildem" T-Shirt: Craig Seymour, Jahrgang 1968 (Bild: Wiki Commons / Howcheng / CC-BY-SA-3.0)

Seymour beschreibt sehr eindrucksvoll, wie er für das Strippen eine Obsession entwickelte. Er steigerte sich soweit hinein, dass er nicht nur jeden Tag in verschiedenen Clubs strippte, sondern auch seine Uni-Karriere sausen lies. Er verdiente verdammt gutes Geld. Doch dann wurden auch in Washington DC die Vorschriften verschärft: Ständer und Anfassen waren jetzt verboten. Schon nahm Seymour deutlich weniger ein. Die Lokale hielten sich daran. Nur in einem Club durfte wie vor der "Regel" gestrippt werden, die nur für Lokale mit Ausschank galt. Allerdings trat Seymour dort nur einmal in der Woche auf – und das war ihm definitiv zu wenig.

Um nicht länger eingeschränkt zu leben und dennoch in Kontakt mit den Clubs zu bleiben, arbeitete er bald für eine Aids-Hilfe-Organisation: Glücklich verteilte er Kondome in der Szene, auch in den Stripper-Lokalen. Als er Seymour Seth, seinem langjährigen Freund, eröffnete, mit anderen Kerlen Sex haben zu wollen – bis dahin hat er nur mit ihm geschlafen – brach die Beziehung. Seth hatte bis hierhin schon zu viel verkraftet. Dennoch telefonierten sie jeden Tag und sind bis heute gute Freunde. Dieses Buch ist ihm gewidmet.

Für Seymour stellte sich die Frage: Was nun? Das Kondom-Verteilen brachte keine wirkliche Erfüllung. In den Uni-Betrieb wollte er nicht mehr zurückkehren. So schickte er dann eine Bewerbung an ein Musikmagazin. Er bekam eine Kolumne, allerdings nicht wegen seines Schreibstils, wie ihm der Chefredakteur versicherte, sondern weil er Stripper gewesen sei. Und so begann seine Karriere als Journalist. Seine Erfahrungen in den Clubs halfen ihm dabei. Etwa, wenn er persönliche Fragen an Stars stellte – dieses Selbstbewusstsein auf Menschen einzugehen, habe Seymour beim Strippen gelernt.

Strippen ist gut fürs Selbstbewusstsein

Seymours Autobiografie ist in deutscher Übersetzung im Bruno Gmünder Verlag erschienen
Seymours Autobiografie ist in deutscher Übersetzung im Bruno Gmünder Verlag erschienen

Und tatsächlich stellte er in Interviews mit Mariah Carey oder Janet Jackson sehr intime Fragen. So entlockte er Jackson beispielsweise, dass sie auf große Schwänze steht und sich beim Masturbieren nicht sexy fühlt. Klingt nach Klatsch und Tratsch? Nicht wirklich. Denn Seymour zeigt, dass die Pop-Diven auch nur Menschen sind – mit ganz normalen sexuellen Wünschen.

Mit seiner Biografie zeigt Craig Seymour, wie das Strippen ihn zu mehr Selbstvertrauen verholfen hat. Davon profitiert er immer noch als Journalist. Die eigentliche Frage, warum er mit dem Strippen angefangen hat, kann er jedoch nicht erklären – das gibt er offen zu. Doch er stellt auch nicht die These auf, dass jeder angehende Journalist gestrippt haben muss. Oder dass jede ängstliche Schwuppe eine Zeitlang strippen sollte.

Bemerkenswert ist auch, wie Seymour den Verfall der Striplokale in Washington D.C. beschreibt. Und wie die "Regel" und Kahlschlagsanierungen den traditionsreichen Strip-Clubs den Garaus machten. Ein Stück Gay-History der amerikanischen Hauptstadt.

Kleiner Wermutstropfen: Seymour geht an manchen Stellen entweder zu distanziert oder zu plauderhaft an die Sache heran, nimmt sich mit den eigenen Gefühlen oder Zweifel sehr zurück. Hier hätte ich mir mehr Seymour als Mensch (und nicht als Journalist) gewünscht. Also ein Stück mehr Seelen-Striptease. Auch einige Hintergrundinformationen zu einigen Clubs hätten das Buch abgerundet. Ebenso fehlen Bilder von Lokalen, Gästen, Strippern.

Darüber hinaus enttäuscht ein wenig, dass der Untertitel sich nicht bewahrheitet hat. Ich habe heftige Drogenabstürze, psychische Abgründe und eine komplett aus der Bahn geworfene Biografie erwartet. Ähnlich wie die des Literaturagenten Bill Clegg (queer.de besprach seine Autobiografie "Porträt eines Süchtigen als junger Mann"). Und so schleicht sich die Erkenntnis ein, dass die "wilden Jahre" als Stripper vielleicht gar nicht so wild gewesen sind…

  Infos zum Buch
Craig Seymour: Nackte Tatsachen. Meine wilden Jahre als Stripper. Broschur. Aus dem Amerikanischen von Paul Schulz. Bruno Gmünder, Berlin 2013. 240 Seiten. 16,95 €. ISBN: 978-3-86787-512-7.
Links zum Thema:
» Mehr Infos zum Buch und Bestellmöglichkeit bei Amazon
» Homepage von Craig Seymour
Mehr zum Thema:
» Interview mit Craig Seymour: Schöne nackte Jungs (03,04.2013)
Kommentare: Selbst kommentieren | Bisher 2 Kommentare | FB-Debatte
Teilen: 21                  
Service: | pdf | mailen
Tags: craig seymour, stripper, bruno gmünder
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Reaktionen zu "Ein strippender Akademiker"


 2 User-Kommentare
« zurück  1  vor »

Die ersten:   
#1
29.09.2013
18:18:10


(+3, 5 Votes)

Von -hw-


"Doch er stellt auch nicht die These auf, dass jeder angehende Journalist gestrippt haben muss."

Anti-These

Link zu www.alternet.org


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#2
29.09.2013
19:17:35


(+4, 6 Votes)

Von say more
Antwort zu Kommentar #1 von -hw-


Er hat Lust auf viel nacktere Wahrheit. Wie früher.

Link zu www.theguardian.com


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