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  • 04.11.2013           73      Teilen:   |

Mit Pistole und Baseballschläger

St. Petersburg: Angriff auf LGBT-Organisation, Aktivist verliert durch Schuss Auge

Artikelbild
Der junge LGBT-Aktivist Dima, links auf einem früheren Foto, wurde durch einen Schuss schwer an einem Auge verletzt (Röntgenbild des Gesichts rechts). Er werde damit nicht mehr sehen können, gab er am Montag bekannt.

Zwei vermummte Männer stürmten eine Gesprächsrunde für Schwule und Lesben der Aids-Organisation LaSky. Zwei Teilnehmer wurden dabei schwer verletzt.

Von Norbert Blech

Neuer Schock für die Szene in St. Petersburg: Am Sonntag stürmten gegen ca. 19.30 Uhr Ortszeit zwei maskierte Männer ein geschlossenes Treffen für Schwule und Lesben im Community-Zentrum der Organisation LaSky, die im Bereich der HIV-Prävention arbeitet. Während ein Mann mit einer Druckluftwaffe um sich schoss, attackierte ein anderer die Besucher mit einem Baseballschläger.

Bis zu 30 Teilnehmer hatte das "Regenbogencafé", zwei wurden bei dem Überfall schwer verletzt: Auf einen jungen Mann wurde im Eingangsbereich zweimal geschossen. Eine Kugel blieb dabei im Auge oder in Teilen davon stecken. Am Montag gab der 27-Jährige in einem sozialen Netzwerk an, das das Auge auch nach einer Notoperation verloren ist. Eine junge LGBT-Aktivistin erlitt zudem durch Schläge mit dem Baseballschläger Prellungen. Die Täter flüchteten nach diesem kurzen Überfall; sie hätten noch erheblich mehr Schaden anrichten können.

Die Polizei hat erste Ermittlungen aufgenommen, die Hintergründe der Tat sind zunächst unklar. Allerdings wird mit einem rechtsradikalen Hintergrund gerechnet: "Wir glauben, dass das eine Racheaktion für den gestrigen 'Marsch gegen Hass' ist", sagte die am Rücken verletzte Aktivistin Anya, die selbst an diesem Marsch teilgenommen hatte. In rechten Internet-Foren habe es am Sonntag Ankündigungen gegeben, man solle auf die Nachrichten achten.

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"Pogrome werden Wirklichkeit"

Die bei dem Angriff verletzte Anya bei einer LGBT-Demo. Bereits beim CSD in St. Petersburg im Sommer war sie verletzt worden.
Die bei dem Angriff verletzte Anya bei einer LGBT-Demo. Bereits beim CSD in St. Petersburg im Sommer war sie verletzt worden.

Am Samstag hatten sich zahlreiche LGBT-Aktivisten mit Regenbogenflaggen an einer größeren Demonstration gegen Rechts beteiligt, worüber auch das "Heute-Journal" des ZDF in einem sehenswerten Beitrag berichtete.

"Pogrome werden Wirklichkeit", schrieb die russische Aktivistin Anastasia Smirnowa vom LGBT-Netzwerk zu dem Überfall am Sonntag bei Facebook. "Unter Schwulen, Lesen, Bisexuellen und Transgender ist der Überfall eine neue Stufe in der homophoben gesellschaftlichen Stimmung in Russland – Angriffe geschehen nun nicht mehr nur bei öffentlichen Aktionen, sondern betreffen auch geschlossene Veranstaltungen in den Räumen von NGOs", sorgt sich die deutsch-russische Gruppe Quarteera.

Laut LaSky hatte es auf der russischen Facebook-Variante VKontakte bereits vor einem Monat Aufrufe zu Aktionen gegen das Zentrum gegeben. "Die heutige Attacke ist das Ergebnis der Eskalation des homophoben Klimas in der Stadt", schrieb die Organisation am Montag in einer Pressemitteilung.

Am Abend bedankte sich das Projekt LaSky bei Menschen und Organisationen aus aller Welt, die das Zentrum nach dem Vorfall aus Solidarität angeschrieben hatten: "Wir sind nicht allein – und das ist sehr wichtig!" Die Attacke sei wohl als Abschreckung gedacht gewesen: "Sehr wahrscheinlich glaubten sie selbst nicht, jemanden eine so schwere Verletzung zuzufügen". Aber sie wollten einschüchtern, "uns noch unsichtbarer machen, als wir ohnehin schon sind."

Das Community-Zentrum werde so schnell wie möglich an diesem oder an einem anderen Ort öffnen, mit verstärkten Sicherheitsvorrichtungen. Inzwischen haben verschiedene Gruppen zu einer Demonstration am Dienstag auf dem Marsfeld in St. Petersburg aufgerufen. Dort fand im Sommer auch der CSD statt, der in Verhaftungen und Angriffe durch Nationalisten endete (queer.de berichtete). Bereits damals war die 22-jährige Anya verletzt worden.

Solidarität aus Berlin

Die Organisation LaSky hatte kürzlich ihren achten Geburtstag gefeiert, Stephan Jäkel von der Schwulenberatung Berlin und Ludger Schmidt von der Deutschen Aids-Hilfe waren dabei zu Gast und haben im DAH-Blog darüber berichtet. "Der gestrige Angriff auf das 'Regenbogen-Café' trifft LaSky ins Mark", sagt Jäkel. "Bei unserem Besuch vor 14 Tagen haben wir in diesem Café trotz der homophoben Stimmung im Land eine diskussionsfreudige und freundlich-entspannte Atmosphäre vorgefunden. Uns wurde gesagt, wie wichtig solche Räume für die Community sind, in denen sie sich offen und unbefangen geben und gegenseitig unterstützen können. Ich hatte den Eindruck, dass sie sich dort sicher fühlen. Ich habe größte Achtung vor den Mut der Menschen dort, die für ihre elementaren Menschenrechte auf die Straße gehen. Sie benötigen unsere Solidarität und Unterstützung."

Inzwischen hat die Schwulenberatung Berlin einen eigenen Bericht zu dem Angriff verfasst, zusammen mit der Deutschen und der Berliner Aids-Hilfe sowie zik wurde auch eine gemeinsame Pressemitteilung verfasst. "Homophobie tötet", sagte DAH-Vorstand Carsten Schatz. "Wir dürfen die Opfer der Gewalt und die demokratischen Kräfte in Russland jetzt nicht alleine lassen. Politik und Wirtschaft demokratischer Länder stehen in der Pflicht, gegenüber der russischen Regierung klar Position zu beziehen – auch mit Blick auf die bevorstehenden olympischen Winterspiele in Sotschi."

Russische Neonazis stören Treff in der Ukraine

LGBT-Aktivisten bei einer Demo gegen Rechts in St. Petersburg am Samstag. War der Überfall am Sonntag Rache dafür?
LGBT-Aktivisten bei einer Demo gegen Rechts in St. Petersburg am Samstag. War der Überfall am Sonntag Rache dafür?

Vor rund einem Jahr hatten bereits maskierte Männer einen LGBT-Club in Moskau überfallen und mehrere Teilnehmer verletzt (queer.de berichtete), die Hintergründe wurden nie aufgeklärt. Seit Monaten locken zudem mehrere Neonazigruppen aus allen Ecken Russlands junge Schwule in eine Falle: Sie werden bei einem Treffen gedemütigt und zu einem Coming-out gezwungen, die teils gewalttätigen Videos dazu ins Netz gestellt (queer.de berichtete). Im Fall eines vorgeführten Zwölfjährigen wurden die Ermittlungen ohne Anklage eingestellt (queer.de berichtete), gegen eine andere Neonazigruppe wird noch ermittelt (queer.de berichtete).

Laut einem ukrainischen Medienbericht lebt einer der führenden Neonazis der "Occupy Pedophilia"-Bewegung, Maxim Martsinkewisch, inzwischen im ukrainischen Odessa – und ist nun dort aktiv: Auf seine Aufforderung in einem sozialen Netzwerk hin kamen am Sonntag 150 Neonazis zum Club Domino, in dem ein Drag-Queen-Contest stattfinden sollte.

Dem Bericht zufolge riefen die Organisatoren die Polizei, die die Neonazis vertreiben konnte. Der Contest konnte ohne weitere Störung abgehalten werden. Einem weiteren Bericht zufolge kommen jetzt allerdings auch aus der Ukraine Bilder und Videos von gedemütigten Jugendlichen – Maxim Martsinkewisch ist darauf klar als Anführer zu erkennen.

mehrfach aktualisiert, zuletzt 20.15h: Neue Stellungnahme von LaSky

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Tags: russland, st. petersburg, gewalt, homophobie, ukraine
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Reaktionen zu "St. Petersburg: Angriff auf LGBT-Organisation, Aktivist verliert durch Schuss Auge"


 73 User-Kommentare
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Die ersten:   
#1
04.11.2013
10:45:30


(+7, 9 Votes)
 
#2
04.11.2013
11:10:48


(+6, 10 Votes)

Von ehemaligem User Smiley


Eine Gaspistole ist eine Schreckschußwaffe die neben einem Knall auch zB Reizgas abgeben kann, die aber keine Geschossse verfeuert. Es gibt zwar Becheraufsätze zum Verschießen von Blitz- oder Knallblitz-Munition, aber das wäre in geschlossenen Räumen ... ungeschickt.

Werden Projektile verfeuert, handelt es sich um eine Druckluftwaffe, zB eine Federdruck- oder CO2-Waffe. Ein Beispiel für Erstere ist das klassische "Luftgewehr" mit dem sich immerhin mindestens kaninchengroße Säugetiere tödlich verletzen lassen. Letztere sind oft "echten" Vorbildern - Feuerwaffen deren Projektile durch Explosion einer Treibladung abgeschossen werden - täuschend ähnlich gestaltet.

Das ist ein wichtiger qualitativer Unterschied, denn auf den mindestens ersten Blick wird auch ein Kenner die Waffe für echt halten und die Verwendung von Geschossen bedeutet die Inkaufnahme möglicherweise tödlicher Verletzungen.

Das ist also ein Mordanschlag gewesen.


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Anm. d. Red.: Danke für den Hinweis. LaSky spricht von einer Druckluftwaffe, wir werden die Formulierung übernehmen. Und: "A young man, who was shot in the face and has got a bullet stuck in his eye, was taken to the hospital."

 
#3
04.11.2013
11:39:40


(+7, 9 Votes)

Von Yannick


Wer Hass sät, wird Gewalt ernten...

Das bekommt man, wenn Staat und Kirche ständig hetzen...

Ich fürchte sogar, dass es noch schlimmer werden wird. Das ist erst der Anfang.

Umso wichtiger, dass wir alles tun, um dieses faschistische Regime zu stoppen! Z.B. wäre ein Olympia-Boykott ein erster richtiger Schritt um diesen Diktatur bloßzustellen und der Lächerlichkeit preiszugeben.


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#4
04.11.2013
11:51:18


(-3, 5 Votes)
 
#5
04.11.2013
12:19:12


(+9, 11 Votes)

Von FOX-News


Hier geht das Kalkül von Putin auf. Der Frust, Hass und die mangelnde Zukunftsperspektive des größten Teils der Russen richtet sich nicht gegen die eigentlichen Verursacher - nämlich die Regierung - sondern wurde von dieser auf die Homosexuellen gerichtet. Mit Erfolg. Der Zustand wird sich dank des Verbots der "Homopropaganda" noch verstärken. Ehrlich gesagt würde es mich nicht wundern, wenn Russland - auch durch die orthodoxe Kirche angepeitscht - Homosexualität wieder in die Strafbarkeit überführt. Ein durchaus vorstellbares, furchtbares Szenario.

Und: Durch das Gewähren von Asyl für Snowden wird Putin/Russland ein Stück weit positiv, sich für Menschenrechte einsetzend dargestellt. In Wirklichkeit verschlechtern sich die Menschenrechte dort Tag für Tag.


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#6
04.11.2013
12:40:50


(+5, 7 Votes)

Von olfwob


Gibt es irgendwo eine Stelle die bereits für die finanzielle Unterstützung der Opfer sammelt? Auch wenn dann wieder Vorwürfe kommen, dass die Aktivisten aus dem Ausland gesteuert werden, sollte da unbedingt geholfen werden.


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Anm. d. Red.: Es gibt diesbezüglich noch keinen Aufruf. Sollte einer folgen, werden wir darüber berichten.

 
#7
04.11.2013
15:14:10


(+4, 4 Votes)

Von ehemaligem User timpa354
Antwort zu Kommentar #3 von Yannick


Der freut sich dann nur über mehr Medaillen für russische Sportler.


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#8
04.11.2013
15:58:35


(+9, 9 Votes)

Von RWTH


Wie lange will die zivilisierte Welt disem Wahnsinn noch tatenlos zusehen? Nur ja nicht mit Boykotten den Diktatur ärgern...

Und am Ende spielen dann wieder alle die überraschten, die angeblich nicht ahnen konnten, wohin das führt....

Nein, am Ende kann keiner den überraschten spielen. Wenn jetzt nicht schon zu Beginn alles getan wird, um das zu stoppen (inkl. Boykotte) wird das ein schlimmes Ende nehmen. Für die ganze Welt. Und daran sind dann alle, die tatenlos zugesehen haben, mitschuldig!


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#9
04.11.2013
16:08:24
Via Handy


(+7, 7 Votes)

Von jarjar


Furchtbar! Ich bin froh in anderen Umständen leben zu können. Man kann nur hoffen dass diese Gewalt nicht zu uns rüber schwappt und auch dort legt.


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#10
04.11.2013
16:15:37


(+6, 6 Votes)

Von MeineFresse


ich nehme mal an, die Typen sind jetzt die KingPins unter ihresgleichen. 2 gegen 30 und (heil) davongekommen und noch dazu moralisch eine blütenweisse Weste be/erhalten. Den Kick werden sich auch andere holen wollen.

Mehr Security muss her. Und dann, wenn es nur so wenig Leute sind die zusolchen Treffen kommen, woher wissen die Nazis wo die Treffen stattfinden udn wann?
Kann man die Planung nicht (noch) geheimer machen? Ich weiss ja nicht ob und wo das veröffentlicht wird.


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