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  • 14.11.2013           111      Teilen:   |

In eigener Sache

Warum wir die "Compact"-Einladung ablehnen


Das Plakat der "Compact"-Konferenz in Leipzig am nächsten Wochenende, auf der Gleichstellungsgegner aus Russland und Frankreich sprechen sollen.

Offener Brief von queer.de-Chefredakteur Norbert Blech an Jürgen Elsässer vom "Compact"-Magazin.

Herr Elsässer,

am Mittwoch haben Sie mir über Ihre Webseite öffentlich angeboten, mich trotz einer ursprünglichen Absage für Ihre "Compact"-Konferenz in Leipzig zu akkreditieren. Dazu haben sie die folgenden Bedingungen diktiert:

queer.de veröffentlicht im Vorfeld der Konferenz ein Interview/Streitgespräch mit COMPACT-Chefredakteur Jürgen Elsässer. Der zu veröffentlichende Text wird von diesem autorisiert. Im Gegenzug laden wir queer-Chefredakteur Norbert Blech auf das Podium unserer Konferenz zu einem Streitgespräch ein. Mit ihm wird ein Referent der Konferenz die argumentative Klinge kreuzen, beide sind in der Redezeit absolut gleichberechtigt.



Selbstverständlich lehne ich das Angebot ab.

Zunächst ist Pressefreiheit nicht an Bedingungen und Willkür geknüpft. Ferner sehe ich keinen Grund, ein Interview mit Ihnen zu veröffentlichen – Ihre Positionen und die ihrer Mitstreiter sind hinlänglich bekannt, auch stehen Ihnen dafür genügend Kanäle zur Verfügung. Zudem habe ich kein Interesse, Ihrer skurrilen wie gefährlichen Konferenz als "Alibi-Schwuler" zu dienen.

Mit der Einladung von Personen wie Béatrice Bourges und Elena Misulina haben Sie Ihre Äußerung, nicht schwulenfeindlich zu sein, längst konterkariert. Sie wollen am rechten Rand Leser und Zustimmung finden, anstatt zu diskutieren. Dafür spricht, neben großen Teilen ihres Schaffens, auch die Bewerbung der Konferenz im rechtsextremen Blog "Politically Incorrect".

Allein der Titel der Konferenz, die sich in weiten Teilen Aktionen gegen die Rechte von Lesben und Schwulen widmet, ist irreführend: "Für die Zukunft der Familie". Hier wird ein Klischee-Gegensatz aufgebaut zwischen heterosexuellen Paaren, die angeblich der Zukunft dienen, und homosexuellen. Diese oft von Konservativen und Rechten geäußerte Idee geht zunächst von dem falschen Gedanken aus, Schwule und Lesben könnten sich für eine Heterosexualität entscheiden und seien folglich hedonistisch, wenn sie keine Ehe mit dem jeweils anderen Geschlecht eingehen und keine Kinder aufziehen (etwas, was bei heterosexuellen Paaren und Ehen übrigens auch vor kommt).

Auch spricht das schwulen und lesbischen Paaren ab, Familien zu sein. In Wirklichkeit sind Regenbogenfamilien, Homosexuelle mit Kindern, gelebte Realität – und eine erfolgreiche. Dafür sprechen jede ernstzunehmende Studie und zahlreiche Beispiele aus der Lebenspraxis. Man muss sich nur die Mühe machen, mal mit den Kindern zu reden.

Schwulen und Lesben die rechtlichen Möglichkeiten zu Adoption und Sorgerecht zu nehmen oder zu blockieren, schadet angesichts der gelebten Realität vor allem diesen Kindern selbst, da ihnen eine rechtliche Absicherung verwehrt wird. Das hat auch das Bundesverfassungsgericht erkannt, das in diesem Jahr – einstimmig – urteilte: "Unterschiede zwischen Ehe und eingetragener Lebenspartnerschaft, welche die ungleiche Ausgestaltung der Adoptionsmöglichkeiten rechtfertigen könnten, bestehen nicht; insbesondere sind beide Partnerschaften gleichermaßen auf Dauer angelegt und rechtlich verfestigt."

Da Sie sich gerne auf die Verfassung berufen, möchte ich noch darauf hinweisen, dass das Gericht im gleichen Urteil feststellte, dass auch Homosexuelle mit Kind "eine durch Art. 6 Abs. 1 GG geschützte Familie im Sinne des Grundgesetzes" sind und dass davon auszugehen ist, "dass die behüteten Verhältnisse einer eingetragenen Lebenspartnerschaft das Aufwachsen von Kindern ebenso fördern können wie die einer Ehe".

Wie in einem ganzen Regal von Urteilen stellte das Gericht zudem erneut klar, dass eine Ungleichbehandlung von Ehe und Lebenspartnerschaft gegen den Gleichheitsartikel im Grundgesetz verstößt. Ihre Konferenz hingegen ist geprägt vom Gedanken einer Ungleichwertigkeit.

Die Schlacht, die Sie beginnen wollen, haben Sie längst verloren, die Argumente sind längst ausgetauscht und auf unserer Seite. Nicht wir Schwule und Lesben müssen uns rechtfertigen, sondern Sie für eine Konferenz, bei der nicht mehr entstehen kann als eine Verstärkung von Vorurteilen, von Diskriminierung und Hass. Und die Missachtung unserer Grundrechte.

Soweit gilt das, leider, auch für eine Denke, die bis weit in die Union (zumindest angeblich) und sicher auch in Teile der Gesellschaft greift. Hier macht es in der Tat Sinn, sich den Vorurteilen zu stellen, das Gespräch zu suchen.

Doch bei Ihrer Konferenz sehe ich nicht ernsthaft, da jemand überzeugen zu können. Zum einen haben Sie keine Anstrengung unternommen, von selbst obige Argumente auch nur anzureißen, während sie wirre Thesen zur Homo-Ehe oder zu einem längst überfälligen Diskriminierungsschutz von Schwulen und Lesben in der Verfassung verbeiteten.

Zum anderen wäre da die Auswahl der Redner.

Die Massenproteste in Frankreich, vorangetrieben von Ihrer Rednerin Béatrice Bourges, hatten eine verheerende Wirkung: Sie führten zu einer Spaltung der Gesellschaft, zu zunehmender Homophobie und zu einem Anstieg von homophob motivierter Gewalt. Bourges zündelte noch, indem sie Ehe-Befürworter als Ziele brandmarkte und militante Demonstranten, denen es nicht unbedingt um die Sache selbst ging, zu unerlaubten Protesten ermutigte. Sie wurde deshalb selbst von der bereits kritischen Bewegung "Manif pour tous" rausgeschmissen.

Das russische Gesetz gegen "Homo-Propaganda", verantwortet von Ihrer Rednerin Elena Misulina, ist ein erheblicher Einschnitt in die Grundrechte nicht nur von Schwulen und Lesben. Wenn Ihnen angeblich die Meinungsfreiheit so wichtig ist, wäre hier ein guter Startpunkt für Ihr Engagement. Auch die in Russland ohnehin eingeengte Pressefreiheit wird durch das Gesetz ebenso weiter eingeschränkt wie die Versammlungsfreiheit.

Misulina begründet das Gesetz mit dem Schutz von Kindern und Jugendlichen, was absurd ist: Niemand, auch kein einziges Kind, wird durch sachliche Informationen in der Schule oder Proteste von Schwulen und Lesben auf der Straße homosexuell. Lernen hingegen lässt sich Toleranz – oder Hass.

Durch dieses und weitere Gesetze, durch homophobe Äußerungen von Politikern wie Misulina, durch einseitige, Angst einflößende Berichte der größtenteils gelenkten Medien haben die Vorurteile der Bevölkerung gegen Homosexuelle drastisch zugenommen. Schwule und lesbische Jugendliche haben Angst, sich zu outen, oder werden angefeindet, verprügelt, ausgegrenzt, wenn sie dies tun. Sollte ein Staat nicht auch sie schützen?

Es gab in den letzten Monaten in Russland erschreckende Fälle von Gewalt gegenüber LGBT, darunter mehrere Morde. Vermutet wird eine hohe Dunkelziffer von Selbstmorden – selbst im vermeintlich liberalen Westen führt Homophobie noch dazu, dass vor allem Jugendliche fälschlicherweise keinen Ausweg mehr sehen. Das sollte Ihnen, uns allen eine Warnung sein.

Russische Neonazis fühlen sich inzwischen geradezu ermuntert, Homosexuelle öffentlich zu erniedrigen und zu foltern. Der Staat reagiert darauf fast gar nicht, verschärft aber seine Propaganda gegen Homosexuelle nahezu täglich.

Ich kenne Opfer dieser Politik, über deren Folgen ich hier noch erheblich länger schreiben könnte, persönlich. Ich habe mit eigenen Augen gesehen, wie Polizisten Teilnehmer eines – trotz eines Urteils des Menschengerichtshofs erneut verbotenen – Protests verhafteten, nachdem sie zuvor tatenlos zusahen, wie diese mutigen Schwulen und Lesben von Nationalisten und Orthodoxen verprügelt wurden.

Es ist für mich daher indiskutabel, mit Elena Misulina zu diskutieren, die für diese Menschenfeindlichkeit mitverantwortlich ist. Für jeden klar denkenden Demokraten sollte es dies ebenfalls sein.

Daher denke ich im Traum nicht daran, Ihnen bei dieser Konferenz entgegen zu kommen. Allerdings halte ich weiter an dem Plan fest, über diese Konferenz zu berichten, was meine eigentliche Aufgabe als Journalist ist. Ich komme dabei auf Ihr neues, allgemeines Versprechen zurück, das Online-Medien eine Teilnahme verspricht, wenn die Teilnahmegebühr entrichtet wird.

Einen Betrag in gleicher Höhe werde ich an eine LGBT-Organisation in Russland und an eine Migrantenorganisation in Deutschland spenden – auch als Ausgleich dafür, mich hier nicht auch noch mit den Thesen Ihres Redners Thilo Sarrazin befasst zu haben.

Norbert Blech
Chefredakteur queer.de

Mit Dank an die Argumentationshilfen der Protestbündnisse gegen die Konferenz.

Links zum Thema:
» Aktionsbündnis Souverän genug für Vielfalt
» Aktionsbündnis NoCompact
» Online-Petition: Keine Einreise für Elena Misulina
Mehr zum Thema:
» Compact-Konferenz: Weitere Redner sagen ab (12.11.2013)
» Autorin des "Homo-Propaganda"-Gesetzes kommt nach Leipzig (11.11.2013)
» Keine Akkreditierung für queer.de bei Anti-Homo-Konferenz (04.11.2013)
» Empörung über Sarrazin und Geis (06.09.2013)
» Konferenz gegen Homo-Ehen in Leipzig (04.09.2013)
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Reaktionen zu "Warum wir die "Compact"-Einladung ablehnen"


 111 User-Kommentare
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Die ersten:   
#1
14.11.2013
18:56:34


(+19, 19 Votes)

Von Milk


Argumente schlüssig zusammengefasst. Vielen Dank.


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#2
14.11.2013
19:36:35
Via Handy


(+18, 18 Votes)

Von yomen
Antwort zu Kommentar #1 von Milk


Ja, ganz hervorragend!

Ich fasse es mal so zusammen:

Belegbare Argumente vs. kruden Behauptungen


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#3
14.11.2013
20:27:53


(+16, 16 Votes)

Von ehemaligem User Monster_Baby


Ein sehr guter, schlüssiger und selbstbewußter Text. Als Kulturpessisimist glaube ich allerdings auch, dass der Text Herrn Elsässer nicht zum Nachdenken sondern eher zum Nachtreten bringen wird. Aber was will man auch von rechten, selbstgefälligen bis selbstherrlichen aber dennoch schlichten Gemütern erwarten. Ich kann nur hoffen, dass der Einfluß dieses 'Kongresses' auf die Gesellschaft begrenzt ist und sich die Hetze gegen LGBT*s in Deutschland weiterhin in Grenzen hält; aber auch da habe ich so meine Bedenken, denn mir kommt es so vor, als verbreiten sich Arroganz und Dummheit auch im westlichen Kulturkreis wie Grippeviren - aber hoffentlich täusche ich mich in diesem Punkt. Nichts desto trotz, der Text hat mir Mut gemacht, da er dem rechten Mob mit überzeugenden Argumenten Kontra gibt. Well done.


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#4
14.11.2013
20:33:37


(+13, 13 Votes)

Von ehemaligem User Monster_Baby


Noch eine kleine Nachfrage: das Thema 'Compact-Kongress' hat - meinem Eindruck nach - doch einige Resonanz bei den queer.de Lesern und Leserinnen hervorgerufen. Wieso wird die öffentliche Antwort von Norbert etwas 'versteckt' unter der Rubrik 'Blog' veröffentlicht. Der Text hat durchaus einen etwas 'prominenteren' Platz verdient.


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#5
14.11.2013
20:57:04


(+10, 14 Votes)
 
#6
14.11.2013
22:35:32


(+13, 13 Votes)

Von Sveni Mausi


Tippi toppi kann ich da nur sagen!


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#7
14.11.2013
22:46:19


(+17, 19 Votes)

Von sperling


natürlich wird sich elsässer ohnehin zum opfer von meinungsfreiheitsfeinden stilisieren (während er selber politiker aufs podium hievt, die leider sehr konkret die meinungsfreiheit in ihrem land aushebeln).

ich halte es dennoch für richtig, öffentlich auf die zumutung der "einladung" zu reagieren. zu dieser antwort, die tatsächlich alles wichtige klug und pointiert zusammenfasst, kann ich nur gratulieren. respekt!


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#8
15.11.2013
00:49:29


(+14, 14 Votes)

Von TheDad
Profil nur für angemeldete User sichtbar


Danke Norbert..


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#9
15.11.2013
08:38:00
Via Handy


(+16, 16 Votes)

Von Alex


Die einzige richtige Reaktion.

Mit Faschisten kann und darf man nicht diskutieren. Damit gibt man denen nur Aufmerksamkeit, die die gar nicht verdienen.

Wer Personen einlädt, die sogar den französischen HomoGegnern zu extrem waren oder die in Russland zu Gewalt anstiften, stellt sich außerhalb jeder Diskussionsfähigkeit.


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#10
15.11.2013
08:53:17
Via Handy


(+15, 15 Votes)

Von Simon H


Richtig so.

Die wollen nicht ernsthaft diskutieren, sondern suchen nur ein weiteres Forum zum Schüren von Hass.

Dass die Grundrechte wie die Pressefreiheit an ihre eigenen Bedingungen knüpfen wollen, sagt ja schon alles.

Solchen Feinden der Demokratie und der Grundrechte werden wir ganz sicher keine Bühne für ihr krudes rechtes Gedankengut bieten.


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