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  • 24.11.2013           112      Teilen:   |

Mit Elena Misulina und Beatrice Bourges

"Compact"-Konferenz: Widerstand gegen Homo-Gleichstellung gefordert

Artikelbild
Der LGBT-Aktivist Wanja Kilber mit roter Farbe an Händen und Regenbogenflagge, nachdem er in der Konferenz die russische Duma-Abgeordnete Elena Misulina beschuldigt hatte, dass an ihren Händen das Blut von jungen Schwulen, Lesben und Transsexuellen klebe

In Leipzig schworen Homo-Gegner aus Russland und Frankreich eine begeisterte Masse auf den Kampf gegen LGBT-Rechte ein.

Von Norbert Blech

Es ist eine Konferenz gewesen, deren geplante DVD-Veröffentlichung man im Schulunterricht nutzen sollte. Aufgabe: Finden Sie Beispiele für widersprüchliche Aussagen, erfundene Fakten, Täter-Opfer-Umkehr, das Schüren von Vorurteilen, Populismus und reinste Heuchelei. Und: Behalten Sie trotz wirr um sich fliegender Ideologien und zunehmend absurder Beiträge einen klaren Kopf.

Das fällt schwer nach zehn Stunden dieser "Compact"-Konferenz, in der Politiker und Aktivisten aus Frankreich und Russland so gut wie alles getan haben, um die begeisterten rund 500 Besucher auf einen entsprechenden Kampf in Deutschland einzuschwören. Zehn Stunden, die einen knülle im Kopf, aber auch besorgt zurücklassen.



Begonnen hatte alles am sehr frühen Morgen an einem verlassenen S-Bahnhof. Rechts das Ende eines Abstellrollfeldes des Leipziger Flughafens, zumindest so der Eindruck. Überall: Nebel. Und links die Polizei, die den direkten Weg zum nicht sichtbaren Kongresszentrum versperrte und einen durch Wald und Wiesen, neben und über Landstraßen schickte.

Laute Gegenproteste

Vielleicht war das einfach schlechte Laune, vielleicht war auch eine offenbar stattgefundene Sitzblockade der Grund. Das breite Gegenbündnis NoCompact hatte zu einem frühen Gegenprotest aufgerufen. Ein Großteil der Leute, rund 200 vor allem linke Aktivisten und vergleichsweise eher wenig Schwule und Lesben, pfiff am Veranstaltungsort, einige spielten ein wenig Katz und Maus mit der Polizei und machten zum Beginn der Konferenz durch Hämmern an die Metallwände der Halle ordentlich Krach, den man innen zum deutlich verpäteten Beginn der Veranstaltung gut hören konnte.



Ein weniger schöner, bestätigter Vorfall: Eine junge Journalistin des regierungskritischen (!) Senders Rain-TV (oder Doschd) aus Russland wurde von Gegendemonstranten mit Fußtritten und Stinkefingern begrüßt und "russophob beleidigt", wie es der LGBT-Aktivist Wanja Kilber von der deutsch-russischen Gruppe Quarteera ausdrückte.

Es waren einige russische Kamerateams da, und nicht alle schienen für das Fernsehen zu arbeiten. Die liebenswerte Spiegel-Online-Kollegin Annette Langer, eine fundierte Russland-Kennerin, schnauzte irgendwann einen diesen Kameramänner auf Russisch an, nicht immer die Reihe der Journalisten und deren Bildschirme zu filmen. Ein anderes Kamerateam schaltete Elena Misulina, die für das Gesetz gegen "Homo-Propaganda" verantwortliche Duma-Abgeordnete, live ins russische Fernsehen, wo sie sich über angebliche Tritte gegen sie beschwerte.

Elsässer für Volksentscheid gegen Homo-Rechte

Diese ließen sich zunächst nicht verifizieren, wurden aber auch von "Compact"-Chef Jürgen Elsässer in seiner Eröffnungsrede erwähnt, der sich zudem über die Polizei beschwerte, der er wegen des angeblich laschen Vorgehens gegen Demonstranten Strafanzeigen androhte, am besten von allen Konferenzteilnehmern in jeweils eigenen Worten verschickt. Die Protestler nannte er "geschichtsvergessene Idioten": "Wenn diese Minderheit denkt, sie könne einen Aufstand gegen die Biologie wagen, wird sie sich nicht durchsetzen."

Elsässer betonte erneut, dass man "keine Konferenz gegen Homosexualität" veranstalte. "Im Gegenteil: Wir verteidigen den gegenwärtigen Stand". Nun war das nicht unbedingt das Ansinnen der späteren Redner – und auch den gegenwärtigen Stand sieht nicht nur das Bundesvefassungsgericht als diskriminierend an.

Aber nicht jeder sei für eine Gleichstellung, in der Gesellschaft lägen Befürworter und Gegner bei etwa 50 zu 50, so Elsässer. Im Saal habe man die ungefähre Position wie die von CDU/CSU – Elsässer lobte insbesondere Unions-Fraktionschef Volker Kauder. Man sei zudem gegen "Menschenexperimente an Kindern" und für einen "Volksentscheid wie in Kroatien". Denn nur die Verbindung aus Mann und Frau schaffe Leben und "Zukunft fürs Volk".

Video: (Direktlink)
Elsässer: Nicht seine Redner, sondern eine Verweigerung der Debatte durch u.a. queer.de führe zu Gewalt
Fortsetzung nach Anzeige


Misulina: Kein Grund, Homos zu schützen

Elena Misulina wurde von zahlreichen Kamerateams aus Russland begleitet
Elena Misulina wurde von zahlreichen Kamerateams aus Russland begleitet

Dann machte Elena Misulina in einer wegen des verspäteten Sarrazins längeren wie ersten Rede einen neuen "ideologischen Krieg zwischen Russland und Europa" aus. Dabei sollte man stolz sein auf einen Präsidenten, der sich für Familienwerte einsetze, und auf ein Land, in dem "reale Meinungsfreiheit" herrsche.

Denn es gebe den Versuch, Meinung durch Lüge zu ersetzen, so Misulina. Man habe es bei Homosexuellen "nicht mehr mit schwachen Vertretern von Minderheiten" zu tun, so die Duma-Abgeordnete in Anspielung auf den ach so gewaltvollen Protest draußen, sondern mit lauten Kräften, die Macht ausüben wollten. "Wir müssen sie daher nicht mehr verteidigen, nicht mehr in Schutz nehmen."

Ohnehin gebe es in Russland keine Gewalt gegenüber Homosexuellen – womit sie sich mit "Lüge" den ersten Zwischenruf aus dem Publikum einfing. Putin setze nur "die Meinung des Volkes um", so Misulina. "Das ist Demokratie".

Batalina: Propaganda und Lügen

Dass es noch einen Tick verrückter, ignoranter, zynischer geht, machte dann Olga Batalina, eine weitere Duma-Abgeordnete deutlich. Sie kanzelte mal eben die Demonstranten von draußen als "Opfer" ab, als "Opfer von Propaganda und Lügen" – aus den USA gebe es einen regelrechten "Infokrieg" zu Homosexuellenrechten. Solche Proteste wie in Leipzig seien "in Russland undenkbar" – vielleicht dachte da der ein oder andere im Publikum, "Wahrheit" dazwischen zu rufen.

"Wir werden unser Volk schützen", so Batalina, die sich wunderte, dass kein deutscher Politiker an der Konferenz teilnahm, während sich alle russischen Parteien im Kampf für die Familie und etwa gegen "Börsen für zu adoptierende Kinder" einig seien.

Sarrazin: Das übliche

Homosexualität war nicht das einzige Thema. Thilo Sarrazin kündigte ein neues Buch an (zur angeblich bedrohten Meinungsfreiheit) und wiederholte viele seiner "Statistiken" (Nobelpreise an Muslime im Vergleich zu Christen etwa), Thesen (sieben vermeintliche oder berechtigte "Tabus") und Schenkelklopfer. Dann kam noch die Forderung, Einwanderern in den ersten zehn Jahren keinerlei staatliche Hilfen zukommen zu lassen.



Zwischenzeitlich ertönte es aus einer hinteren Reihe kurz "Rassist", und schnell saßen da zwei Personen weniger im Saal. Wie es halt so ist, wenn "Compact" für Meinungsfreiheit eintritt und eine Debatte wünscht. Anders als im Vorfeld sagte Sarrazin nichts zur Homo-Ehe, so zumindest die Notizen unseres Journalistenpools. Der MDR schrieb ihm heute den folgenden Satz zu: "'Homo-Ehe' unterstellt eine Ähnlichkeit dort, wo es keine gibt. Zwei Homosexuelle – seien es männliche oder weibliche – können zusammen eben keine Kinder bekommen. Und sie haben dasselbe Geschlecht. Und das ist ein Unterschied, der auch durch Worte nicht überdeckt werden kann."

Block gegen Feminismus

Mit Spannung war ein Auftritt der AfD-Sprecherin Frauke Petry erwartet worden, die aber nicht erschien. Peter Scholl-Latour hatte zuvor abgesagt wie auch Norbert Geis und Eva Herman, die in einer Audio-Botschaft (an "meine Damen und Herren" und in einer eher unpersönlichen "Tagesschau"-Sprechweise) noch einmal von angeblichen Drohungen gegen sie berichtete. Sie sprach sich dagegen aus, in Bezug auf Menschen von "krank" oder "geheilt werden" zu sprechen, auch werde fälschlicherweise behauptet, sie sei gegen die Homo-Ehe, was nicht ihr Thema sei.

Leider hat sie aber ein anderes: Die "selbstmörderische Geisteshaltung", wie sie die aktuelle Familienpolitik, speziell der Feminismus darstelle. In einem "perfiden System" würden Kinder zwangsbetreut, während Mütter arbeiten müssten und auf "zynische Propaganda" von Wahlfreiheit und Karriere hereinfielen. Sie sagte diesmal nichts Missverständliches zu Herden oder Autobahnen – das ist auch gut so, eine kostenpflichtige Abmahnung pro Person reicht dieser Redaktion – dafür aber viel zur Meinungsfreiheit, die längst zu einer leeren Hülle geworden sei, und zu "Maulkörben für Andersdenkende".

Ein ähnliches Thema hatte die ehemalige Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Goslar gewählt, die Sarrazin als "tollen Vertreter ihrer Partei" lobte. Monika Ebeling, von allen Fraktionen des Stadtrats später des Amtes enthoben, sagte, sie sei "keine Anti-Feministin", sei aber gegen "positive Diskriminierung" und vor allem für die Rechte der Männer: Diese seien verunsichert. Und: "Die Anzahl gesunder Spermien sinkt." Nebenbei sprach sie sich immerhin gegen Homophobie aus: Es sei egal, wen man liebe.

Noch ein deutlicheres Statement kam von Dr. Dorothea Böhm, die sich für ein Adoptionsrecht für Homosexuelle aussprach: "Zwei Männer, zwei Frauen können Kinder genauso gut aufziehen wie heterosexuelle Paare". Das gab sogar ein wenig Applaus aus dem Publikum, vielleicht auch, weil sie das allgemein an Aufnahmefähigkeit verlierende Publikum ansonsten mit Balkendiagrammen und Statistiken über Cortisol-Ausschüttungen bei Kindern unterhielt.

Thema war, ohne Gewähr, eine angeblich positive Entwicklung des Kindes, wenn es in den ersten Lebensjahren quasi rundum von den Eltern umsorgt wird. In Erinnerung ist dabei noch ein Foto von gebeugten Kindern aus einer Krippe und die Zeichnung eines traurigen Kindes durch ein Kind.

Die Kollaborateure

Zwischendurch gab es immer mal wieder eine Pause – und selbst das Rauchen vor der Tür war verstörend, sprangen da doch immer ein paar Leute herum, die erzählten, schwul und gegen die Ehe-Öffnung oder das Adoptionsrecht sowie gegen Linksextremismus und Meinungsverbote zu sein. In Frankreich gibt es eine ganze Gruppe von Schwulen, die "Manif pour tous" unterstützte und die nun gar schon das Europaparlement nervt.

Die Teilnehmer der "Compact"-Konferenz hingegen waren genervt von einer Mittagspause, die erheblich länger dauerte als geplant. Laut Elsässer hatte das Kongresszentrum weniger Ausgabepersonal als bestellt vor Ort gehabt. Nicht nur er denkt dabei, in Journalistenworten, an einen Akt des zivilen Ungehorsams, zumal das Globana Trade Center die Konferenz wieder hatte los werden wollen, damit aber vor Gericht gescheitert war. Elsässer drohte ihm nun mit der nächsten Klage. Eine geplante "After-Show-Party" gegen eine zusätzliche Gebühr sagte er noch aus angeblichen Sicherheitsbedenken ab; man wisse nicht, was aufgrund der "Kollaboration der Staatsmacht" noch an Protesten bevorstünde. Das erschien, in Journalistenworten, ein wenig unglaubwürdig.

Bernhard Lassahn: "Homos" und Lesben und der Oralsex

Ein weiterer Redner am Nachmittag war der "Käpt'n Blaubär"-Autor Bernhard Lassahn, der nicht nur von "Homos und Lesben" sprach, sondern sich in unendlich komplizierten wie unsinnigen Wortbildern verlor (früher gab es AC/DC, nun soll alles ins gleiche Stromnetz, "Achtung vor Stromstoß" usw., und das auch nur als Beispiel). Ein schöner Satz noch, den ein Zusammenhang auch nicht verbessern würde: "Adam und Eva hatten keinen Oralsex hinterm Busch."



Ungefähr zu dem Zeitpunkt sorgten dann noch vier Jugendliche mit Äpfel-Plakaten und dem Spruch "Was gibt deutscher Jugend Kraft? Apfelsaft" für gehörige Verwirrung, als hätte die Veranstaltung davon nicht genug zu liefern. Nachgefragt: Es handelte sich um die Leipziger Satiregruppe Front Deutscher Äpfel, die auf Facebook zu einem "Compost"-Kongress geladen hatte und vor allem durch Aktionen gegen rechtsextreme Parteien wie die NPD (mit ihrem Vorsitzenden Holger Apfel) bekannt wurde.

Zwischenzeitlich lief auch mal ein Mann mit dem Plakat "Mann und Mann = Pseudowissenschaft" vors Podium und war schon entfernt, bevor jemand um eine Erläuterung bitten konnte. In einem klareren Moment sagte Lassahn, um zu ihm zurückzukommen, dass man Sexualität nicht von Fortpflanzung trennen könne und alles andere "den Beigeschmack des Zweitbesten" habe. Gleichgeschlechtliche Liebe sei eine Liebe wie jede andere auch, aber danach folge die Legalisierung von, unter anderem, Pädosexualität, Inzest, Tiersex und Lustmorden.

Bourges und die Wellen des Aufstands

Das war mehr albern als wirklich erschreckend, aber dann kam Beatrice Bourges auf die Bühne und löste Schockzustände sogar bei gestandenen Homo-Journalisten aus. "Wir stehen kurz vor einem wahrhaften Volksaufstand", sagte die Dame, die selbst "Manif pour tous" zu radikal war. Unter großem Applaus. Und ja, der eigenen Handschrift lässt sich nicht mehr entnehmen, ob sie statt "wahrhaft" sogar "wehrhaft" sagte. In Frankreich hatte sie Politiker schon als "Ziele" bezeichnet, zuzutrauen wäre ihr das also.



Und dann führte sie den Begriff der "symbolischen Gewalt" ein, den die Hollande-Regierung mit der Ehe-Öffnung gegen die Bevölkerung eingesetzt habe. Die war zwar mit diesem Versprechen zur Wahl angetreten, hatte diese gewonnen und in Meinungsumfragen zum Thema die Bevölkerung stets hinter sich. Aber Bourges sprach trotzdem von einer "Verweigerung der Demokratie".

Von den Gegnern der Homo-Rechte sei auch keine Gewalt ausgegangen (das seien Zivilbeamte als Provokateure gewesen, so Bourges), wohingegen Polizisten Frauen und Kinder verprügelt hätten. Kein Wort zu nachweislich gestiegener Homophobie und gestiegenen Überfällen auf Homosexuelle, dafür ein erneutes Gerede von "symbolischer Gewalt".

Es gebe Gesetze, die über den Gesetzen stünden, und für die man "zivilen Ungehorsam" zeigen müsse – wie einst Ghandi. Der Kampf gegen die Ehe-Öffnung, den Bourges mittlerweile in der Gruppe "Französischer Frühling" führt, basiere auf "positiven Werten" und dem Naturrecht. Die LGBT-Bewegung hingegen sei "ein Sklave der Weltmärkte" und internationaler Konzerne und habe die "Zerstörung der Gesellschaft" zum Ziel, in der der Mensch absoluter Herrscher sei. Behinderte, Kranke und Greise passten da nichts ins Bild und hätten in dieser "neuen Weltordnung" keinen Platz.

Ihre Bewegung gegen die Ehe-Öffnung sei nicht niederzuschlagen, so Bourges weiter, die "Welle wird alles mitreißen", auch in anderen Ländern. Mit der Abschlussfrage, "Wann kommt der deutsche Frühling?", erzielte sie rund zweiminütigen Applaus, ein Teil des Publikums erhob sich dazu gar von den Stühlen. Elsässer lobte danach die "wunderbare Rede".

Video: (Direktlink)
Ein Bericht aus den MDR-Abendnachrichten ging vor allem auf die Gegner der Konferenz ein

Protest in der Innenstadt

In der Innenstadt von Leipzig wurde unter anderem geküsst
In der Innenstadt von Leipzig wurde unter anderem geküsst
Bild: Putinmyass

Während drinnen die homophoben Parolen zunahmen, waren die Protestler längst weitergezogen: Am zentralen Augustusplatz beteiligten sich rund 200 Leute, darunter auch viele Schwule und Lesben, an einer Kundgebung. Die Aktivisten von "Putinmyass" hatten die Proteste zunächst initiiert und dann in ein großes Bündnis eingebettet, das am Freitag bereits zu einer Gegenkonferenz in der Uni geladen hatte.

Im LGBT-Themenkomplex sprach dort Hartmut Rus vom LSVD Sachsen über "Homo-Heiler" und der Wissenschaftler Heinz-Jürgen Voß über eine queere Bewegung, die sich u.a. auch gegen Rassismus engagieren müsse. Wanja Kilber hielt einen kurzen Bild-Vortrag zur Lage von Schwulen, Lesben und Transgendern in Russland. Sein kleiner Quarteera-Verein, das ging aus den Bildern nicht hervor, ist derweil zunehmend überfordert von Hilfsanfragen von Homo- und Trans-Flüchtlingen aus Russland. Zwei haben bereits in Deutschland Asyl erhalten.

Das Amen der orthodoxen Kirche

Auf der "Compact"-Konferenz war von den Auswirkungen der russischen Anti-Homo-Politik dagegen nichts zu hören, nichts zu sehen; wohl auch aufgrund der Kooperation mit einem französisch-russischen Think Tank, bei dem sich die Verantwortlichen selbst keine größere Mühe machen, eine breite Finanzierung aus Russland zu kaschieren.

Als weiterer Vertreter des Landes war Andrej Sikojev, der russisch-orthodoxe "Bischof" von Berlin und offizieller Botschafter der russischen Kirche bei der deutschen Politik, nach Leipzig gekommen. Er wies überraschend seine Vorrednerin zurecht: Er tue sich schwer bei Formulierungen über alles mitreißende Wellen. Zugleich sei es "degeneriert", was in Schulen an "Gender Mainstreaming" gelehrt werde und Kinder "krank und depressiv" mache.



Sikojev lobte die fundamentalistische Katholikin Gabriele Kuby für ihr Buch zum Thema Gender Mainstreaming und kritisierte die großen Kirchen Deutschlands, die sich nicht für gemeinsame Kampagnen gegen dieses Thema, das bei Kuby Aufklärung über Geschlechterrollen, Gleichberechtigung von Frauen und Männern sowie sexuelle Orientierung umfasst, hätten einspannen lassen.

Es gehe nicht um die Ausgrenzung von sexuellen Minderheiten, so Sikojew (er habe etwa auf queer.de gelesen, dass diese Angst hätten, das Existenzrecht abgesprochen zu bekommen, was er auf "schwer traumatische Erlebnisse" zurückführt), und auch in Hetero-Familien passiere "viel Unglück". Aber Gesetze hätten Auswirkungen, einen ethischen Relativismus etwa. Gender Mainstreaming sei pure Ideologie, wie es sie zuletzt mit der Mendelschen Rassenlehre gegeben habe. Diese Politik werde mit Milliarden pro Jahr gefördert, vor allem aus den USA.

Nun müsse man "raus aus unserer Lethargie", man könne die "Gesetzgebung nicht der Regierung überlassen" und sollte Bürger- und Elterninitiativen gegen den "Unsinn" und "Dreck" des Gender Mainstreaming gründen. Ein Adoptionsrecht für homosexuelle Paare lehnte er ab.

Homophobe Abschlussrunde mit einem kurzen Moment der Wahrheit

Dann gab es noch eine Abschlussrunde, in der Elsässer als Stichwortgeber für Misulina und Batalina fungierte. Letztere sagte, sie finde in den Gesichtern von Schwulen und Lesben "keine Barmherzigkeit, kein Glück". Homosexualität sei ein "schädlicher Weg für die Zivilisation", den man nicht begehen sollte. In Frankreich sei es bereits verboten, Forschungen zu erwähnen, wonach fünf Prozent aller Homosexuellen "von Natur aus so" seien, während 95 Prozent dies durch das soziale Umfeld und Massenmedien geworden wären.



Kinder könnten so etwas nicht einschätzen, deswegen wäre das "Propaganda"-Verbot richtig gewesen. Deutschland und Frankreich zeigten den Weg, den man in Russland nicht gehen wolle; in Schweden und Dänemark verteidigten Abgeordnete gar schon die Inszest-Ehe. Man müsse dafür kämpfen, in einem "glücklichen Land mit glücklichen Müttern und Vätern" zu leben.

Misulina sprach den Deutschen gar ihr "Beileid" aus, weil sie den Augenblick verpasst hätten, Gesetze wie in Russland zu verabschieden. Das sei "traurig". Aber: "Sie müssen gemachte Fehler korrigieren", die Mehrheit dürfe nicht diskriminiert werden. "Ich wünsche Ihnen Mut."

"Mut zur Warheit" hieß ein überall plakatierter Spruch des "Compact"-Magazins, und den zeigte dann Wanja Kilber, als er mit rot angemalten Händen und einer mit roten Klecksen besudelten Regenbogenflagge nach vorne rannte und auf Russisch und Deutsch sagte: "Misulina hat Blut an den Händen von jungen Schwulen, Lesben und Transsexuellen".

Die kritisierte Abgeordnete auf dem Podium und das Publikum reagierten darauf nicht und Elsässer wird die Szene vielleicht noch gegen "die Schwulen" und/oder "die Linken" nutzen. Sicher ist aber, dass diese Aktion (s.a. das Video unten) von russischen LGBT in den nächsten Tagen mit Genugtuung aufgenommen werden wird.

Doch was machen wir deutschen Schwulen und Lesben aus dieser Konferenz? War sie einfach eine Anhäufung von Unbelehrbaren? Oder gibt es auch in Deutschland die Möglichkeit eines Rollbacks oder gewalttätiger Proteste wie in Frankreich? Die Politik scheint jedenfalls gefragt, endlich Diskriminierung abzubauen und dies auch engagiert zu begründen.

Mit Dank an Jörg Kalitowitsch vom Cologne Pride für einige Bilder und Videos.

 Update  25.11., 13.30h: Nachträge zu Sarrazin und Misulina
Das Sarrazin-Zitat zur Homo-Ehe wurde gegenüber queer.de von einem MDR-Mitarbeiter bestätigt. In der Nacht zum Sonntag wurde das Privathaus von Sarrazin in Berlin von Unbekannten mit rosa Farbbeuteln beworfen. In einem Bekennerschreiben auf Indymedia bekannte sich dazu eine "Group on the Elimination of Racist Discrimination" und bezog sich auf die "rassistische, antifeministische und homophobe Stoßrichtung" der "Compact"-Konferenz.
Während sich rechte Medien in Deutschland auf diesen Vorfall stürzen, empören sich viele russische Staatsmedien über den Angriff auf Misulina, der durch homosexuelle Aktivisten verübt worden sei (während der Protest von Wanja Kilber trotz offenbar vorhandenen Filmmaterials unerwähnt blieb). Die Fakten zu dem Vorfall sind bislang unübersichtlich. Gesichert ist, dass es zu einem Gerangel kam, als eine russische Delegation gerade in dem Moment die Veranstaltung betreten wollte, als die Polizei die Demonstranten zurückdrängte. Eine unabhängige russische Journalisten wurde dabei beleidigt und getreten, gegen ihre Kamera geschlagen. Sie hat den Angriff auf Misulina nicht gesehen, den die Abgeordnete gegenüber "Stimme Russlands" so beschrieb: "Wir drängelten nicht, umgingen ruhig die errichteten Sperren, doch da konnte ein grauhaariger alter Mann der Versuchung nicht widerstehen und stieß insgeheim Natalia Narotschnizkaja und mich mit seinen schweren Stiefeln ins Bein. Ein sehr gehässiger Mann. Ich würde es so sagen, angenehm war es nicht, doch auch nichts Schlimmes." (nb)

Video: (Direktlink)
Wanja Kilber mit einem mehrsprachigen Abschlusswort
Links zum Thema:
» SpOn-Bericht zur Veranstaltung
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Tags: compact, leipzig, homo-ehe, elena misulina, beatrice bourges, wanja kilber, quarteera, russland
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 Compact-Konferenz in Leipzig
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Reaktionen zu ""Compact"-Konferenz: Widerstand gegen Homo-Gleichstellung gefordert"


 112 User-Kommentare
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Die ersten:   
#1
24.11.2013
12:30:42


(-3, 11 Votes)

Von mesoplagial


anstrengende berichterstattung über eine anstrengende 'konferenz'. die protestierenden sind leider nicht viel thematisiert und offenbar auch nicht befragt worden. weiß jemand etwas von einer sitzblockade? warum waren denn nur 'Mann' anwesend... die fotos/videos zeigen anderes. woher weiß autor_in (wer schreib das eigentlich?) wieviel 'Schwule und Lesben' anwesend waren? intersex ist in keiner weise erwähnt, queere menschen gibt es offenbar nicht bei den veranstaltungen, entweder eine gewisse anzahl an offensichtlichen (?) homosexuellen oder eindeutig (?) heterosexuellen menschen...


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#2
24.11.2013
12:38:44
Via Handy


(+8, 8 Votes)

Von janx


Danke für den ausführlichen bericht. Nee was für ein trip das zu lesen. Hab nicht ganz bis zum ende durchgehalten muss ich zugeben... Zu wirr alles...


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#3
24.11.2013
12:43:39
Via Handy


(+5, 7 Votes)

Von Danilo S


Mit Arne Schimmer, der Abgeordneter des Sächsischen Landtages für die Fraktion der NPD ist, war ein deutscher Politiker Teilnehmer der Veranstaltung, einen Podiumsplatz bei Homilius @ Co. für die deutschen Parteinazis bei nächster Gelegenheit würde mich nicht verwundern.


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#4
24.11.2013
12:46:37


(+13, 13 Votes)

Von Hemez
Profil nur für angemeldete User sichtbar


Die Möglichkeit eines Rollback besteht immer. Die Sicherheit ist trügerisch. Wie schnell und drastisch das gehen kann zeigt das Beispiel Russland.
Noch vor etwas über zwei Jahren waren dort positive Tendenzen in der Gesellschaft zu erkennen gewesen. Nichts ist davon übrig. Im Gegenteil, die Zustände sind schlimmer als zu Sowjetzeiten.

Das Redner vom Schlage einer Elena Mizulina oder auch eines Vitaly Milonov in Deutschland Gehör finden macht mir aber weniger Sorgen. Viel gefährlicher ist das Desinteresse und die Ignoranz der Mehrheit. All jene, die ja nichts gegen Homosexuelle haben, aber auch nichts damit zu tun haben wollen.
Auch in Russland ist ein Vitaly Milonov nicht auf Grund einer großen Anhängerschaft zu Macht gekommen, sondern auf Grund der Ignoranz der Mehrheit.


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#5
24.11.2013
12:47:28


(+7, 9 Votes)

Von Bild-Kritiker


Link zu www.bild.de

Das berichtet die Bildzeitung.

Sie LGBT komplett weggelassen und alles auf Sarrazin zugespitzt. Was für ein schlechter Journalismus oder bezweckte Manipulation.


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#6
24.11.2013
12:57:57


(+13, 13 Votes)

Von -hw-


"Ohnehin gebe es in Russland keine Gewalt gegenüber Homosexuellen womit sie sich mit "Lüge" den ersten Zwischenruf aus dem Publikum einfing. Putin setze nur "die Meinung des Volkes um", so Misulina. "Das ist Demokratie"."

Volk steh auf und Sturm brich los!" ...

Link:
ru-antidogma.livejournal.com/2010183.html


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#7
24.11.2013
13:17:12


(-17, 19 Votes)

Von Mataina


kurzer Kommentar zum 1. Videolink:

was Herr Elsässer da sagt, ist in diesem Fall gar nicht so falsch: wenn sich die eine Seite - in diesem Fall der eingeladene Ansgar Dittmar (AG Schwule und Lesben in der SPD) und Norbert Blech (queer.de) - komplett dem Dialog verwehrt, dann ist ein Dialog gar nicht möglich. Ohne diesen Dialog ist aber auch keine Veränderung möglich. Wenn wir - wie ich meine: GUTE ARGUMENTE für unsere Position PRO GAY/LESBIAN MARRIAGE und Adoptionsrecht auch für Schwule und Lesben haben, dann hätte ich mir die Chance nicht entgehen lassen, mich in die Höhle des Löwen zu wagen und meine Position vorzutragen. So sieht es einfach nur danach aus, dass die Gegenseite hier den Schwanz eingezogen hat und die andere Seite kann sagen: wir haben ja die Hand ausgestreckt zum Dialog um der Gegenseite die Möglichkeit zur Darstellung ihrer Argumente zu geben. Was für eine verpasste Chance! Im Saal hätte man damit natürlich nur schwer punkten können, doch eine geschickte Argumentation hätte den Anwesenden und aller Welt gezeigt, wie ewig gestrig, hinterwäldlerisch und weit weg von der Lebensrealität deren Haltung ist.
So bleibt die Gegenseite und deren Position unsichtbar und die unschönen Vorkommnisse mit den Tritten gegen die Journalistin aus Russland tun ihr übriges, um ein verzerrtes Bild darzustellen. Alles in allem ist das nicht optimal gelaufen.


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#8
24.11.2013
13:19:44


(+18, 18 Votes)

Von Loren
Aus Greifswald (Mecklenburg-Vorpommern)
Mitglied seit 02.11.2013


"Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch." (Bertold Brecht)

Danke für den Bericht.


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#9
24.11.2013
13:24:48


(-17, 19 Votes)

Von anome
Aus Kassel (Hessen)
Mitglied seit 01.10.2013


Dass kein deutscher Politiker der CDU an der Konferenz teilgenommen hat, zeigt, dass die Homo-Ehe auch in der CDU mittlerweile akzeptiert ist.


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#10
24.11.2013
13:38:25
Via Handy


(+18, 18 Votes)

Von David77
Antwort zu Kommentar #9 von anome


Und warum findet sich das nicht im koalitionsvertrag, wenn die cdu sooo homofreundlich ist?


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