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  • 24.11.2013           5      Teilen:   |

Dorftratsch und Berber-Rebellen

Ein Coming-out in Marokko

Artikelbild
Berber-Dorf in Marokko: Protagonist Pablo wuchs in einem kleinen Ort im Rif-Gebirge auf (Bild: Adam Axon / flickr / cc by 2.0)

In seinem Roman "Marokkanische Minze" erzählt Gregorio Ortega Coto die Geschichte einer Kindheit in der spanischen Kolonie während der Franco-Diktatur.

Von Angelo Algieri

1967 fährt der 20-jährige Protagonist Pablo von Barcelona nach Marokko. Genauer in das Dorf des Rif-Gebirges im Nordosten des Landes, wo er geboren wurde und bis 1956 aufwuchs. Gibt es die Freunde von damals noch? Wie ist es ihnen bis heute ergangen? Wie hat sich das Dorf nach der marokkanischen Unabhängigkeit entwickelt? Pablo kommt dort an und erinnert sich…

So beginnt der Roman "Marokkanische Minze" von Gregorio Ortega Coto. Der Autor ist, ähnlich wie sein Protagonist, 1946 in Spanisch-Marokko geboren. Mit zwölf Jahren zog er mit seinen Eltern nach Spanien. 1972 zog er weiter auf Umwegen nach Deutschland und studierte Sozialarbeiten. Seit ungefähr einem Jahrzehnt veröffentlicht er Texte. Neben Prosa für Erwachsene sind bereits zwei Bücher für Kinder erschienen: "Chuyo" und "Tufans Murmeln".

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Befreundet mit dem schwulen Kumpel der Mutter

Der junge Pablo begibt sich auf die Suche nach seiner Geschichte im Marokko der Franco-Diktatur
Der junge Pablo begibt sich auf die Suche nach seiner Geschichte im Marokko der Franco-Diktatur

Zurück zur Story. Pablo blickt in Bab-Qarf auf einige Ereignisse seiner Kindheit zurück. Etwa auf seine besten erwachsenen Freunde. Da ist etwa Ernesto. der schwule Kumpel seiner Mutter, der in das Dorf floh, weil sein Freund von Soldaten in Spanien totgeschlagen wurde. Und Idir, der den Rebellenführer der Berber Abd el-Krim verehrte und sich ihm anschloss. Freunde in seinem Alter hatte Pablo damals nicht. Denn er galt als Schwächling, der kein Fußball spielen konnte. Zudem zogen ihn die Klassenkameraden auf, dass seine Mutter eine Schlampe wäre. Sie spiegelten den Dorftratsch wider, weil Pablos Mutter nach dem "Unfalltod" des Vaters nicht lange Schwarz tragen wollte und sich aufreizender anzog.

Eines Tages bekam Pablo es auch körperlich zu spüren: Er wurde von den Kindern mit Steinen beworfen und verlor dabei ein Auge. Er beschuldigte den Sohn des Arztes, der ihn am Auge traf. Das Perfide: Als er seine Aussage bei der Polizei machen wollte, wurde er vom behandelnden Arzt und Vater des Schuldigen unter Druck gesetzt – Pablo gab auf und hatte nichts zu vermelden.

Natürlich darf auch keine kindliche Liebesgeschichte fehlen: Pablo war von Naïma, der zweiten jungen Frau von Idir, begeistert. Da er noch ein Kind war, durfte er ohne weiteres in das Haus eintreten. Pablo erzählte von den Filmen, die er im Kino gesehen hatte; während Naïma ihm das Drachenbasteln lehrte. Eine Freundschaft mit großer Zuneigung entstand, bis eines Tages das spanische Militär das Haus von Idir in Beschlag nahm und bald darauf Pablo mit seiner Mutter Marokko verließen – die Unabhängigkeit des Landes wurde eingeläutet.

Der jetzt 20-jährige Pablo findet somit ein Dorf vor, das mit seiner Kindheit kaum etwas zu tun hat. All seine Bekannten sind von Bab-Qarf weggezogen. Er erfährt, dass der schwule Ernesto nun in Tanger lebt. Er trifft ihn dort. Dabei offenbart Ernesto ihm ein Geheimnis, das Pablos Mutter ihm noch nicht erzählt hatte. Doch auch Pablo hat ein Geheimnis, das mit Rache und Selbstjustiz einhergeht…

Eine Story über religiöse Bigotterie, Macht- und Kindesmissbrauch

Gregorio Ortega Coto emigrierte Anfang der 1970er Jahre nach Deutschland und lebt seitdem in Berlin
Gregorio Ortega Coto emigrierte Anfang der 1970er Jahre nach Deutschland und lebt seitdem in Berlin (Bild: Querverlag)

Autor Ortega Coto erzählt einen Teil der spanischen Geschichte, die kaum bekannt ist: die Kolonialzeit im Norden Marokkos unter dem Franco-Regime. Aber es ist auch die Story über religiöse Bigotterie, Macht- und Kindesmissbrauch sowie die Lebensverhältnisse der Berber. Besonders hervorzuheben ist, wie Ortega Coto im Kleinen erzählt, wie der Kolonialismus funktioniert. Wie Machtpräsenz die Einheimischen unterdrückte, aber wie sich beispielsweise Idir Freiheiten verschaffte, um mit den Rebellen in Kontakt zu treten.

Genauso bemerkenswert: Wie Dorftratsch und -tuschelei Auswirkungen auf das Verhalten von Kindern haben. Die aggressive Stimmung im Dorf färbt auf die Kinder und vor allem auf Pablo ab.

Trotz der spannenden Thematik, hat der Roman einige handwerkliche Schwächen. Erzählweise und Handlung scheinen nicht kohärent durchdacht zu sein. Mal sind wir in der dritten Person ganz nahe dabei und der Erzähler weiß nur so viel wie der Protagonist, dann gibt es Stellen, da entpuppt er sich als allwissend. Was nun? Hinzu kommt, dass die Reflexionen von Pablo aus naiver Kindersicht beschrieben werden, so als ob es den älteren Pablo nicht, der Zusammenhänge erkennt, nicht gäbe – wenig plausibel.

Vielleicht kleinlich, aber nicht minder peinlich: Pablo verliert zwar sein Auge, allerdings ist ein paar Kapitel weiter sein "verlorenes" Auge wieder da – und nein, es ist keine zeitlich vorgelagerte Episode.

Ein beinahe verschämtes Coming-out

Des Weiteren ist die Charakterisierung der schwulen Figuren unglaubwürdig. Ernestos Geschichte wirkt distanziert und beinahe steril. Hingegen wird das lang erwartete Coming-out des Protagonisten erschreckend leicht angedeutet, beinahe verschämt. Da hätte ich mehr Herzschmerz, mehr Verwirrtheit, mehr Empathie erwartet. Verdammt schade!

Fazit: Es hätte eine schöne Story werden können zu einer Zeit, die wir in Deutschland kaum kennen. Und die unbedingt erzählt werden muss. Ähnlich wie es Almudena Grandes beispielsweise in ihrem Roman Der Feind meines Vaters macht. Ihr Text spielt in den 1940er und 1950er Jahre unter der Franco-Diktatur und erzählt von den letzten roten Rebellen in den Bergen von Andalusien. Hier wird die Geschichte aus der Sicht eines 10-jährigen Jungen erzählt. Zudem lässt sie sich Zeit für Gerüche, Klänge, Stimmungen und Atmosphären von damals.

Einen ähnlich gelungenen Roman hätte ich mir für "Marokkanische Minze" gewünscht – auch um mehr über die Situation von Schwulen unter dem verächtlichen Franco-Regime plastischer zu erfahren!

  Infos zum Buch
Gregorio Ortega Coto: Marokkanische Minze. Roman. Querverlag, Berlin 2013. 278 Seiten. 14,90 €. ISBN: 978-3-89656-215-9
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» Mehr Infos zum Buch und Bestellmöglichkeit bei Amazon
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» Homepage von Gregorio Ortega Coto
» Literaturport über Gregorio Ortega Coto
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Tags: gregorio ortega coto, spanisch-marokko, franco-diktatur
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Reaktionen zu "Ein Coming-out in Marokko"


 5 User-Kommentare
« zurück  1  vor »

Die ersten:   
#1
24.11.2013
19:51:30


(-2, 2 Votes)

Von Gerhard


"Ein Coming-Out in Marokko" ist so wie "Ein bisschen Luft schnappen im Weltall" :D


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#2
25.11.2013
21:15:52


(0, 2 Votes)
 
#3
25.11.2013
21:52:00


(0, 2 Votes)
 
#4
26.11.2013
10:09:13


(0, 2 Votes)
 
#5
30.11.2013
18:58:06


(+1, 1 Vote)

Von Menuetto


Der Rezensent wollte wohl eine flotte Kritik schreiben und hat den Roman entsprechend flott gelesen. Dabei scheint ihm einges entgangen zu sein: Der Pablo der Rahmenhandlung ist 19, nicht 20. Das Dorf heißt Bab-Qarfa, nicht Bab-Qarf. Er verliert die Sehkraft auf einem Auge, nicht das gesamte Auge. So viel zur Gründlichkeit des Rezensenten. Wesentlicher ist aber: Er kritisiert, dass der Roman nicht das Coming-Out-Drama liefert, das er erwartet. Ist es ein Fehler des Buches, wenn der Rezensent mit falschen Erwartungen herangeht? Marokkanische Minze ist keine Coming-Out-Geschichte, sondern erzählt u.a. von einer vielschichtigen Identitätssuche und einer sehr speziellen Kreuzung unterschiedlicher Kulturen, und zwar mit scharfem Blick auf Details, mit viel Sinn für Atmosphäre und insgesamt mitreißend. Kurz: Ich finde den Roman - im Gegensatz zur Rezension - sehr gelungen und empfehlenswert.


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