Service   Gewinne   Jobs   Newsletter   Bild des Tages   Presseschau   Partner   Gay Hotels
Queer.de - das schwul-lesbische Magazin
 Community | CSD-Termine
Suche:  (News-Übersicht)
 
Login (Nick / Passw.):  (Registrieren)
  Autologin  
 Home || Politik | Szene | Boulevard | Blog | Meinung | Glaube | Lifestyle | Reise | Kultur | Buch | CD | DVD | Liebe | TV-Tipps || Galerie
  • 30.11.2013           31      Teilen:   |

Intersexualität

Die scheinbare Eindeutigkeit von Geschlecht

Artikelbild
Bereits vor der Geburt werde jeder Mensch als "weiblich" oder "männlich" erwartet und von Geburt an als Mädchen oder Junge unterschiedlich behandelt, kritisiert Heinz-Jürgen Voß (Bild: Glam Valley)

Seit einem Monat ist das neue Personenstandsgesetz in Kraft, das das Geschlecht eines intersexuellen Kindes im Geburtsregister offenlässt. Dem Biologen Heinz-Jürgen Voß reicht das bei weitem nicht aus.

Seit 1. November 2013 gibt es in Deutschland offiziell ein unbestimmtes "drittes Geschlecht". Nach dem neuen Personenstandsgesetz wird bei einem Baby, das weder eindeutig männlich noch weiblich ist, die Angabe im Geburtenregister freigelassen (queer.de berichtete). Eine fragwürdige Verbesserung, die zu einem "Zwangsouting" im Kindergarten führen könne, kritisiert Heinz-Jürgen Voß, der sich auf einer biologisch-medizinischen Ebene mit der Idee der Geschlechterdekonstruktion beschäftigt. Wir sprachen mit ihm über die Rechte von Intersexuellen, die gesellschaftliche Konstruktion der Zweigeschlechtlichkeit und die scheinbare Eindeutigkeit von Geschlecht.

Warum ist in unserer Gesellschaft die Zweiteilung von Geschlecht so wichtig?

Die Unterscheidung in zwei Geschlechter ist eine zentrale Differenzkategorie der "modernen" europäischen Gesellschaften, neben "Rasse" und Klasse. Blickt man historisch vor die europäische Moderne, so stellt man fest, dass "Uneindeutigkeiten", Ambiguitäten in einem weit größeren Maß selbstverständlich waren als es heute der Fall ist. Heute, in dieser Gesellschaft, werden Menschen hingegen bereits vor der Geburt als "weiblich" oder "männlich" erwartet und von Geburt an als Mädchen oder Junge unterschiedlich behandelt. Jeder Mensch wird auf eines der zwei Geschlechter zugerichtet, auch mit Gewalt.

Fortsetzung nach Anzeige


Dr. Heinz-Jürgen Voß ist externe_r Mitarbeiter_in am Lehrstuhl Sprachwissenschaft und therapeutische Kommunikation an der Europa Universität Viadrina. 2010 promovierte er zur "Dekonstruktion des Geschlechts aus biologisch-medizinischer Perspektive"
Dr. Heinz-Jürgen Voß ist externe_r Mitarbeiter_in am Lehrstuhl Sprachwissenschaft und therapeutische Kommunikation an der Europa Universität Viadrina. 2010 promovierte er zur "Dekonstruktion des Geschlechts aus biologisch-medizinischer Perspektive"

Was ist an dieser Einteilung so unnatürlich?

Unter dem Schlagwort "Natürlichkeit" verbirgt sich eben die Zurichtung von Menschen ganz individuell unterschiedlicher Merkmale unter die großen Differenzkategorien der europäischen Moderne. Biologie und Medizin sahen immer zunächst Pluralität – oder besser Ambiguität – von Merkmalen und versuchten diese in ein Raster von "typisch weiblich" und "typisch männlich" zu pressen, das sie zu diesem Zweck erst detailliert entwickelten.

Zunächst sollten dabei die Keimdrüsen (Hoden, Eierstöcke bzw. Mischungen daraus) die Ursache für unterschiedliche "Aufgaben" von Männern und Frauen in der Gesellschaft und die Zurückstellung der Frauen darstellen. Immer wieder kamen Fragen der Erblichkeit mit ins Spiel. Aber es zeigte sich – und es zeigt sich auch heute – bei all den betrachteten Merkmalen, dass eine einfache binäre Unterscheidung in "weiblich" und "männlich" nicht klappt. Das gilt sowohl für die Chromosomen- und genetischen Theorien, als auch für Keimdrüsen, Hormone etc. Biologie und Medizin kamen immer wieder bei Widersprüchlichkeiten an – sie kamen de facto immer wieder an den Punkt, jeden (!) Menschen als "weiblich und männlich zugleich" beschreiben zu müssen.

Seit 1. November gibt es nun eine neue gesetzliche Regelung zum Umgang mit Geschlecht und Intersexualität. Was ändert sich mit ihr?

Bei den Arbeiten der Biologie und Medizin handelt es sich nicht nur um theoretische. Vielmehr spielte immer der Anwendungsbereich eine Rolle. Man versuchte Uneindeutigkeiten, Widersprüchlichkeiten auszulöschen. Zunächst dachte man auch hier nur theoretisch nach, schlug dann "freiwillige" Eingriffe vor und ging dann zu Zwangsmaßnahmen über. Bezüglich Geschlecht hieß und heißt dies, dass diejenigen Menschen, die aus dem "Typisch-Raster" der Biologie und Medizin herausfielen, an die Norm angeglichen werden sollten.

Die entsprechenden Theorien und Anwendungsmethoden wurden intensiv seit der Nazi-Zeit entwickelt. Zum Beispiel der 1933 in die NSDAP eingetretene Gynäkologe Hans Christian Naujoks, der bereits 1934 das NS-Sterilisationsgesetz begrüßte, diskutierte in seinem Aufsatz "Über echte Zwitterbildung beim Menschen und ihre Beeinflussung" ausführlich Möglichkeiten korrigierender operativer und hormoneller Eingriffe bei intersexuellen Kindern. Dieser Hintergrund wird oft vergessen, wenn nur festgestellt wird, dass das Behandlungsprogramm seit den 1950er Jahren in Europa und den USA zur Routine wurde. Die Eingriffe, um "typisches Geschlecht" bei intergeschlechtlichen Minderjährigen herzustellen, haben sich als sehr problematisch herausgestellt. Deshalb streiten Verbände intergeschlechtlicher Menschen seit Jahrzehnten für das Verbot der geschlechtszuweisenden Eingriffe an intergeschlechtlichen Minderjährigen. '

Und dieses Verbot setzt die Bundesregierung nicht um. Die Regelung ist aber auch deshalb problematisch, da sie einerseits die Definitionshoheit der Medizin festschreibt. Wenn die Medizin auf "Intersexualität" erkennt, "soll" der Geschlechtseintrag offen bleiben. Andererseits ist das "Soll" problematisch. Da jedes Kind bei Kinderbetreuungseinrichtungen und bei Schulen mit Geschlecht angemeldet werden muss, bedeutet diese Regelung eine Art "Zwangsouting". Es könnte damit sogar der Druck auf die Eltern noch größer werden, geschlechtsvereindeutigenden Eingriffen zuzustimmen. Deshalb ist weiteres Streiten notwendig – und die Verbände Intersexuelle Menschen e.V., Zwischengeschlecht und Internationale Vereinigung intergeschlechtlicher Menschen geben diesbezüglich für die Bundesrepublik die Richtung an.

Für die Menschenrechte von Intersexuellen setzen sich bislang nur wenige ein
Für die Menschenrechte von Intersexuellen setzen sich bislang nur wenige ein

Welche Entwicklung sehen Sie für die Zukunft als wünschenswert an?

Zunächst ist notwendig, dass die geschlechtszuweisenden Eingriffe bei intergeschlechtlichen Kindern ein Ende haben – sofort! Nicht die intergeschlechtlichen Kinder sind "krank", sondern ihre intolerante Umgebung – und diese muss von ihrer Intoleranz kuriert werden. Es muss sich also gesellschaftlich das Denken und Handeln verändern: Es muss nun auch in Europa, explizit der Bundesrepublik Deutschland, darum gehen, dass Individualität und Ambiguität von Merkmalen gewertschätzt werden.

Dazu gilt es an vielen Punkten anzusetzen: Unter anderem müssen gesetzliche Bestimmungen und gesellschaftliche Realitäten so verändert werden, dass es keinen Unterschied mehr macht, ob ein Mensch als "Mann" oder "Frau" gilt, in Bezug auf die Ressourcen, die dieser Mensch nutzen kann. Genauso sind die rassistischen und antisemitischen Diskriminierungen und Herrschaftsmechanismen endlich zu überwinden – immerhin geht das aktuelle Staatsbürgerschaftsrecht noch auf das Reichsstaatsbürgerschaftsrecht aus dem Jahr 1913 zurück und gleicht ihm in zahlreichen Bestimmungen. Auch hier gibt es bereits zahlreiche konkrete Änderungsvorschläge von migrantischen Selbstorganisationen. Sie geben hier die einzuschlagende Richtung an.

Aber die meisten Menschen betrifft das Thema Intersexualität doch überhaupt nicht, sie leben doch mit einem eindeutig zugeordneten Geschlecht, oder?

Geschlecht betrifft uns alle. Es spielt für "Jungen" und für "Mädchen" eine Rolle für die Möglichkeiten, die sie in der Bundesrepublik haben. Stereotype schränken die Möglichkeiten von uns allen ein. So gelten "Jungen" als geeigneter für logisches Denken, "Mädchen" für sprachliche Fähigkeiten – es ist selbstverständlich Quatsch, aber es wirkt. Vertiefend kann ich hier den frei online zugänglichen Aufsatz der Biologin und Geschlechterforscherin Sigrid Schmitz "Wie kommt das Geschlecht ins Gehirn?" sehr empfehlen.

Intergeschlechtlichen Kindern wird darüber hinaus ein Problem gemacht, mit äußerst gewaltvollen und als traumatisierend beschriebenen und nachgewiesenen medizinischen Behandlungen. Und hier sollten sich alle, auch die nicht von solchen Eingriffen betroffen sind, für die Situation intergeschlechtlicher Menschen in der Bundesrepublik interessieren und engagieren.

Einen Punkt möchte ich noch hinzufügen, der oft untergeht: Vielen Menschen ist gar nicht bewusst, wie auch in rassistischen und antisemitischen Vorurteilen und institutionellen Mechanismen Geschlecht und Sexualität zentrale Rollen spielen. Auch hier gilt es anzugreifen: Wir müssen verstehen, welch zentrale Rollen Geschlecht und Sexualität bei der Zurichtung und Unterdrückung von Menschen in diesem Land spielen.

Links zum Thema:
» Heinz-Jürgen Voß' Buch "Geschlecht: Wider die Natürlichkeit" bei Amazon
» Sein Buch "Intersexualität – Intersex. Eine Intervention" bei Amazon
Mehr zum Thema:
» Rezension von Voß' Buch "Queer und (Anti-)Kapitalismus" (19.09.2013)
Kommentare: Selbst kommentieren | Bisher 31 Kommentare | FB-Debatte
Teilen: 107                  
Service: | pdf | mailen
Tags: intersexualität, intersexuelle, zwitter, heinz-jürgen voß, geschlechterdekonstruktion
Schwerpunkt:
Unterstützen:
  |   Überweisung / Abo / weitere Infos

loading...

Reaktionen zu "Die scheinbare Eindeutigkeit von Geschlecht"


 31 User-Kommentare
« zurück  1234  vor »

Die ersten:   
#1
30.11.2013
16:02:39


(+5, 7 Votes)
 
#2
30.11.2013
16:13:19


(+7, 7 Votes)

Von graciasalavida


Der Bräutigam erwartet ein Kind, die Braut wurde als Junge geboren: Alexis Taborda und Karen Bruselario sind nach eigenen Angaben das erste Hochzeitspaar Transsexueller, das sich keiner operativen Geschlechtsumwandlung unterzogen hat. Glückwunsch!

Link zu www.spiegel.de

Youtube-Video:


While Perón had rightist tendencies he also performed many acts that focused on labour, women and gay rights, with which Sosa sympathised.

Link zu www.soundsandcolours.com


Antworten | Kommentar schreiben | Direktlink zu diesem Kommentar
 
#3
30.11.2013
17:10:21
Via Handy


(+4, 4 Votes)

Von yomen


Womit doch Geschlecht erst einmal definiert werden müsste in dieser Diskussion. Mag sein, dass es das schon wurde. Der nicht sachkundige Leser dieses Artikels wird aber schnell in die Verwirrung geraten.
Ich glaube, angesetzt muss schon in Rollenverständnis der jetzt erwachsenen Generationen, die ihre Kind erziehen. Jeder sucht nach Identität. Jeder will in seinem Verständnis von "Mann sein/Frau sein" bestehen und sich gut fühlen. Selbstverständlich ist das ein Grundbedürfnis und -recht. Wie geschmeidig das ganze ist zeigt sich in alltäglichen. Der intensiv-hetero-Mann bekommt schon eine gepflegte Panikattacke, wenn er seinen besten Freund in den Arm nehmen soll, aus Angst mit einer Erektion zu reagieren. Dieser Vater wird sicher Probleme haben, seinem Sohn "weiche" Werte wie Mitgefühl, das Bedürfnis nach Nähe und Gemeinschaft, die nicht auf Kneipenkumpelschaft beruhen, beizubringen.

In diesem Kontext lässt sich für mich eine Brücke zwischen Intersexualität und erlerntem Geschlechterverhalten schlagen.


Antworten | Kommentar schreiben | Direktlink zu diesem Kommentar
 
#4
30.11.2013
17:37:57


(+5, 7 Votes)

Von Dollar
Antwort zu Kommentar #1 von staatsknete


Die tanzen den Euro? Ist das Freizeit oder Erhalt ihres Warenwertes?

"Auch hier gilt es anzugreifen: Wir müssen verstehen, welch zentrale Rollen Geschlecht und Sexualität bei der Zurichtung und Unterdrückung von Menschen in diesem Land spielen."


Antworten | Kommentar schreiben | Direktlink zu diesem Kommentar
 
#5
30.11.2013
18:56:05


(+6, 8 Votes)

Von überlänge


@ Dollar

Link zu www.amazon.de

"Das Buch ist hier und dort besprochen worden, am ausführlichsten und besten von Anja Hirsch für den WDR. Auch konservative Medien würdigten noch einmal die im Juni 2012 verstorbene »Grande Dame der Psychoanalyse in Deutschland«, wobei sie gelegentlich anklingen ließen, manches sei doch arg überholt, etwa daß der Mann die Frau untergründig hasse und zu unterwerfen versuche.

Solchen Meinungen wollte Margarete Mitscherlich offensichtlich noch einmal deutlich widersprechen. Sie geht das Thema historisch, psychoanalytisch, politisch an und setzt sich auch mit Mißverständnissen bei der Rezeption ihres früheren Buchs Die friedfertige Frau auseinander.

Frauen seien keine besseren Menschen. Vielmehr gehörten Friedfertigkeit, Hingabe, Unterwerfung, Opferbereitschaft zu dem jahrtausendealten System von Werten und Normen, das das Patriarchat zur Aufrechterhaltung seiner Herrschaft geschaffen hat.

In diesem System werde von Frauen nicht erwartet, daß sie die Männer am Kriegführen hindern, sondern daß sie für ein harmonisches Familienleben sorgen, die Krieger anhimmeln und ihnen den Rücken stärken. [Alice Schwarzer:Nieder mit der Prostitution in Deutsch-Europa!]

Ebensowenig akzeptiert Mitscherlich die männlichen Werte wie Stärke, Leistung, Durchsetzungsvermögen, Rationalität und Erfolg um ihrer selbst willen: »Diese >Werte< unterstützen das narzißtische Männlichkeitsgehabe, hinter dem die Impotenzangst des Mannes lauert.«
Was unter »männlich« und »weiblich« verstanden werde, habe nichts mit biologischen Gegebenheiten zu tun, sondern sei historisch bedingt und veränderlich. In dieser Hinsicht distanziert sich Mitscherlich von Teilen der Frauenbewegung und deren Berufung auf Sigmund Freud.[...]

Wie das konkret aussieht, findet sich exemplarisch in dem kurzen Text »Gretchen gestern und heute« über Margaretha Brandt, die sogenannte Kindsmörderin, die 1772 in Frankfurt öffentlich hingerichtet wurde und die Goethe als Vorlage für seine Gretchen-Figur in Faust diente. Der Text ist nicht nur brillantes Sittengemälde einer dumpfdeutschen Männerkommune, die zur Zeit der Aufklärung noch dem tiefsten Mittelalter verhaftet ist, sondern auch eine flammende Anklage der sozialen und wirt- schaftlichen Verhältnisse, unter denen die niederen Stände leben mußten.

Um einen Bezug zur Gegenwart herzustellen, behandelt Mitscherlich den Fall einer 15jährigen Türkin, die 1994 heimlich ein Kind zur Welt brachte und es in seelischer Not aus Angst vor der »Schande« und der »Entehrung der Familie« aus dem Fenster warf. Heute gebe es zwar keine Todesstrafe mehr, trotzdem habe auch dieser Richter ein abstoßendes Beispiel für fehlendes Mitgefühl, Rassismus und Frauenverachtung gegeben, als er einen Antrag der Verteidigung auf psychologische Betreuung mit den Worten kommentierte: »Wir können nicht jedem Türken eine Therapie bezahlen.«

Männern gehe es da besser, stellt Mitscherlich fest und verweist auf ein Urteil des Landgerichts Mannheim 1992 gegen den aus Weinheim stammenden Nazi Günter Deckert. »Mehr Einfühlung, als ihm von seinen Richtern zuteil wurde, kann sich niemand wünschen.« Im gleichen Atemzug mit seiner Verurteilung wurde Deckert nämlich bescheinigt, daß sein Bekenntnis zu rassistischen Ansichten »im Grunde Ausdruck einer charakterstarken, verantwortungsbewußten Persönlichkeit mit klaren Grundsätzen sei. Deutlicher kann sich wohl kaum ein Richter für die >moralische< Berechtigung des Antisemitismus - und damit auch für deren Folge: den Holocaust - aussprechen.«

Die Mannheimer Richter würden sich von jenen Frankfurter Kollegen, die Margaretha Brandt hinrichten ließen, im wesentlichen kaum unterscheiden. »Einfühlung gibt es für Täter, niemals für die Opfer.« Für Mitscherlich gehen Frauenverachtung und Rassismus immer Hand in Hand.

Übrigens ist Deckert nicht irgendeine Figur, die irgendwann mal Schlagzeilen gemacht hat, sondern einer der Ziehväter der heutigen Nazi-Szene und unermüdlich in Thüringen und Sachsen unterwegs."

"Das Thema der Nazi-Vergangenheit und ihrer Verdrängung durch die Deutschen zieht sich durch das ganze Buch. Es gibt hier keine Altersmilde der über 90jährigen Autorin und auch keine Ermüdung der Argumente. Sie hat die Überlegungen aus dem mit Alexander Mitscherlich gemeinsam verfaßten Buch Die Unfähigkeit zu trauern wieder aufgenommen und versucht, sie auf die schockierende Sympathie für rechte oder rechtsradikale Ideen in Ostdeutschland anzuwenden. Auch in diesem Kontext gibt sie Erläuterungen und bemüht sich, Mißverständnisse auszuräumen. Das Psychoanalytikerpaar hat 20 Jahre nach dem Ende des Nationalsozialismus konstatiert, daß die Deutschen in ihrer großen Mehrheit Hitler verehrt und geliebt hätten, und gefragt, wieso dann eigentlich niemand um ihn trauern würde. Das wurde (und wird) von vielen als provozierende Forderung verstanden, Hitler nachzutrauern und den Verlust einer Person als schmerzlich zu empfinden, die man gerade als Bestie ausgemacht hat. Deshalb weist die Autorin daraufhin, daß es ihrem Mann und ihr um »eine deutsche Art zu lieben« gegangen sei.

Der Deutsche könne nur lieben, wen er idealisiert, aber nicht jemanden, der real ist, Vorzüge und Nachteile, Schwächen und Charme hat und übrigens auch älter wird. Da er sich selbst schlecht mit dem Helden und Übermenschen identifizieren kann, den er allein für liebenswert hält, projiziert er die gewünschten Eigenschaften auf eine über allen stehende Führerfigur, deren angeblicher Glanz ihm als getreuem Anhänger und Verehrer ein wenig Selbstachtung übertragen soll. So kann er sich als »Herrenrasse« fühlen, symbolisiert im Führer, und wird befähigt, alle, die diese Konstruktion anzweifeln, stören, bedrohen oder einfach nicht dazugehören, gnadenlos zu verfolgen und zu vernichten.
Die Unfähigkeit zu trauern meine, daß sich die Deutschen der Frage, wie das geschehen konnte, nicht oder höchstens oberflächlich gestellt hätten. Das gelte im Grunde immer noch. Als Beispiel nennt Mitscherlich Äußerungen von Helmut Schmidt über »die anständige Wehrmacht«. Dieses Problem anzugehen, bedeute vor allem Erinnerungsarbeit: Wie habe ich mehr oder weniger aktiv, mehr oder weniger passiv an dem Geschehen teilgenommen? Was habe ich mir dabei gedacht? Was habe ich gefühlt? Warum war die Welt - oder die Wehrmacht - für mich in Ordnung? Warum war ich begeistert? Wie konnte ich dermaßen verrohen? Den nachkommenden Generationen sagt Margarete Mitscherlich freundlich, aber bestimmt: »Wenn ihr euch mit dieser Geschichte nicht auseinandersetzt, kann sie sich wiederholen, sie ist eine Realität, diese Geschichte, an der auch die Menschen nach Hitler schwer tragen. Ihr seid nicht schuld an dieser Geschichte, aber ihr gehört zu dieser Geschichte.« Ohne diese Fragen zu bearbeiten, kollektiv wie individuell, gebe es keine vernünftige Selbstachtung, und es bestehe nach wie vor die Gefahr, eine perverse »Selbstachtung« aus der Verachtung der anderen zu beziehen. Die deutsche Art zu lieben hat überlebt."


Antworten | Kommentar schreiben | Direktlink zu diesem Kommentar
 
#6
30.11.2013
19:01:49
Via Handy


(+5, 5 Votes)

Von daVinci6667
Profil nur für angemeldete User sichtbar


"Deshalb streiten Verbände interge­sch­lecht­licher Menschen seit Jahrzehnten für das Verbot der geschlechts­zu­wei­senden Eingriffe an interge­sch­lecht­lichen Minderjährigen."

Es ist entsetzlich dafür überhaupt streiten zu müssen. Das sollte eine Selbstverständlichkeit sein!

Bei diesem Thema werde ich genauso wütend wie bei der Beschneidung. Es geht auch hier um das SELBSTBESTIMMUNGSRECHT.

Es ist ganz einfach: Wer nicht selbst bestimmt wird vergewaltigt!

Der Körper IST gut und SCHÖN wie er geboren wurde. Veränderungen sind gut zu überlegen. Eltern, Ärzte, der Staat oder die Religion haben GAR NICHTS zu entscheiden wenn es um den Körper und die Sexualität eines Menschen geht.

Nur der/die/das Betroffene darf darüber entscheiden. Und es darf und muss nicht entscheiden.


Antworten | Kommentar schreiben | Direktlink zu diesem Kommentar
 
#7
30.11.2013
20:15:39
Via Handy


(+6, 6 Votes)

Von daVinci6667
Profil nur für angemeldete User sichtbar
Antwort zu Kommentar #3 von yomen


"Womit doch Geschlecht erst einmal definiert werden müsste in dieser Diskussion."

Viele verwechseln leider das biologische Geschlecht mit den von der Gesellschaft erfundenen und angedichteten Rollen die man quasi automatisch spielen sollte.

Als Kind war ich kein typischer Junge und verweigerte mich dies zu spielen. Ich mochte keinen Sport und hasste es meine Haare schneiden zu lassen.

Wenn mir Mami Geld für den Coiffeur gab, legte ich das beiseite um mir später etwas für meine Modelleisenbahn zu kaufen mit der ich täglich Stunden verbringen konnte.

Viele hielten mich deshalb für ein Mädchen oder fragten was ich denn sei. Mir war das Wurscht. Ich wusste wer ich bin und hatte keine Probleme damit. Andere hätte das wohl zur Verzweiflung gebracht.

In Pubertät fing ich an meinen Körper, meine Stimme, meine Behaarung und natürlich meinen Schwanz zu lieben und erst da identifizierte ich mich als Mann. Zudem wurde mir langsam bewusst dass ich mit Mädchen nichts sexuelles anfangen konnte.

Heute denke ich manchmal ein intersexuelles Kind könnte ähnlich wie ich gefühlt haben. Ist doch egal ob Mädchen, Junge oder drittes Geschlecht solange man sich wohlfühlt. Geschlechtszuweisungen machen doofe Erwachsene die sich nicht darum kümmern wie sich das Kind fühlt.

In einer freien Gesellschaft lässt man Kinder sich zu dem entwickeln was sie sind und zwingt sie nicht in fremde Rollen und schon gar nicht in fremde Körper.


Antworten | Kommentar schreiben | Direktlink zu diesem Kommentar
 
#8
01.12.2013
00:24:12


(+6, 8 Votes)

Von Wissenschaftlich
Antwort zu Kommentar #7 von daVinci6667


Und auch biologisch wird das gesellschaftliche Produkt/Konstrukt der Zweigeschlechtlichkeit eben in keiner Weise der tatsächlichen, objektiv belegbaren Vielfalt individueller geschlechtlicher Ausprägungen gerecht:

Link:
bookview.libreka.de/retailer/urlResolver.do?id=978
3837613292&retid=5105788#X2ludGVybmFsX0ZsYXNoR
mlkZWxpdHk/eG1saWQ9OTc4MzgzNzYxMzI5MiUyRkZDJmltYWd
lcGFnZT0mX19zdGI9U3VjaHRleHQ=


Die herrschende Geschlechterordnung ist nichts anderes als ein Produkt der (klassen-) gesellschaftlichen Produktionsverhältnisse (und der sich daraus ergebenden Reproduktionsverhältnisse) und selbst wieder eine wesentliche stabilisierende Säule dieses Ausbeutungssystems, letztlich ein Herrschafts- und Unterdrückungsinstrument, dem die von Lohn abhängigen Menschen, die Arbeiter*innenklasse, von kleinauf unterworfen und gerade auch so zu Untertanen gemacht werden.

Siehe z. B. auch hier:
Link zu www.queer.de

"Geschlecht" ist (in einer befreiten Gesellschaft) entweder etwas, das Menschen für sich selbst entdecken und bestimmen - und zwar als mit gleichen Lebensrechten ausgestattete Individuen unter vollständiger Anerkennung und Gleichberechtigung der ganzen Vielfalt geschlechtlicher Ausprägungen - oder eben nicht! Die Aufherrschung von Geschlecht in dieser (bürgerlichen Klassen-) Gesellschaft vom Moment der Geburt an und die damit verbundenen Rollenzuweisungen sind ein Verbrechen!

Wichtig finde ich auch den Hinweis von Heinz-Jürgen Voß im obigen Interview, dass die Ausblendung und letztlich gewollte Auslöschung aller Abweichungen vom Konstrukt der Zweigeschlechtlichkeit (und entsprechender Forschungsarbeiten, die diese schon lange bestätigten) gerade auch vom deutschen Faschismus betrieben und eskaliert wurde, ebenso wie die ja für die faschistische Ideologie generell typische, angeblich eindeutige genetische Vorbestimmung aller möglichen menschlichen Eigenschaften, so auch des Geschlechts.

Vor diesem Hintergrund sind auch massenmediale Trends zu bewerten, die - nicht weniger in "öffentlich-rechtlichen" Programmen - rund um die Uhr immer wieder die dümmlichsten Geschlechterstereotype und -klischees herunterbeten. Bis es endlich alle verinnerlicht haben und sich dementsprechend verhalten (sofern sie keine negativen Sanktionen erfahren wollen)
Dass genau so von kleinauf auch Homophobie in die Köpfe gehämmert wird, liegt auf der Hand.


Antworten | Kommentar schreiben | Direktlink zu diesem Kommentar
 
#9
01.12.2013
01:33:24


(+6, 8 Votes)

Von Miguel53de
Aus Wuppertal (Nordrhein-Westfalen)
Mitglied seit 23.07.2012
Antwort zu Kommentar #2 von graciasalavida


Was fuer eine interessante Geschichte mit den beiden Argentiniern. Auch die Geschichte um Mercedes Sosa. Ihr Leben war mir eigentlich sehr vertraut, wie auch Argentinien mir nahe steht. Dass sie sich auch fuer Gay rights engagierte, war mir allerdings nicht bekannt. Das vergrossert meine Hochachtung vor ihr noch einmal.
Sie hat auch mit der griechischen Saengerin Maria Farantouri zusammen gearbeitet und sie haben gemeinsam ein Album herausgebracht, auf dem sie sowohl gemeinsam singen, als auch Maria "Gracias a la vida" und Mercedes ein Wiegenlied von Hatjidakis (Weisse Rosen aus Athen) in Griechisch.
Damals habe ich Sosa kennengelernt und in einem Konzert erlebt. Und war fasziniert.
Doch auch, was das eigentliche Thema hier angeht, habe ich eine sehr persoenliche Erfahrung mit einer Freundin. Einem Freund? Das ist heute schwer zu sagen. Ann Katrin Kunze hat sehr offen und aktiv fuer ihre besondere Situation gekaempft, bis sie nicht mehr konnte und aufgab.
Hier gibt es eine Menge Infos und Links, die diesen queer-Artikel ergaenzen.

Link:
blog.zwischengeschlecht.info/post/2009/04/28/Katri
n-Ann-Kunze-ist-tot


Seit ich Ann Katrin kannte, ist mir klar geworden, wie falsch, wie verletzend, wie boesartig diese typische "Mann und Frau" Definition ist. Es zeigt, dass weder Religionen, noch Politik begreifen wollen, dass die Geschlechtereinteilung sich eben nicht eindeutig definieren laesst.
Die Qualitaet einer Demokratie, so heisst es, zeige sich am Umgang mit ihren Minderheiten. Daraus laesst sich leicht schliessen, dass die Demokratie in Deutschland noch meilenweit davon entfernt ist, eine kraftvolle und wirklich freiheitliche zu sein.
Zu sehr verweigert sie verschiedenen Minderheiten gleiche Rechte. (Im Gegenteil nutzt sie immer wieder Ressentiments zwischen unterschiedlichen Gruppen fuer ihre Politik.) Und eine Kanzlerin Merkel nennt als Grund u.a. "ihr Gefuehl". Das wiederum zeigt die wahre Qualitaet dieser Frau.
Eine Politik nach Gefuehl mit zumindest einer Prise Empathy dabei, waere ja noch ertraeglich. Aber das ist eben nicht das Gefuehl dieser Frau und ihrer "willigen Helfer". Wohl aber das fuer die Macht.


Antworten | Kommentar schreiben | Direktlink zu diesem Kommentar
 
#10
01.12.2013
09:25:20


(-5, 9 Votes)

Von Samuel


Ich finde Geschlecht ja ziemlich eindeutig. Das ist der Grund warum ich nur auf Männer stehe und nicht auf Frauen.
Aber gut, wenn die Homo-Bewegung es dazu kommen lassen will, das Geschlechter zu dekonstruieren und zu negieren, wird sie nicht mehr lange als ernst zu nehmende Kraft existieren.


Antworten | Kommentar schreiben | Direktlink zu diesem Kommentar
 
« zurück  1234  vor »


 POLITIK - DEUTSCHLAND

Top-Links (Werbung)

 POLITIK



Anderswo
Bild des Tages
Aktuell auf queer.de
Malta verbietet Homo-"Heilung" Video: Schwuler Heiratsantrag vor dem Dom Landkreis wehrt sich weiter gegen "Homoheiler"-Verein Russische Abgeordnete: FIFA-Game ist Homo-"Propaganda"
 © Queer Communications GmbH 2016   Unternehmen | Team | Mediadaten | Logos | Impressum / AGB | Spenden | Kontakt