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  • 30.11.2013           22      Teilen:   |

Homosexuelle Emanzipation in Europa

Mit radikalem Humanismus zur Gleichberechtigung

Artikelbild
Prof. Jeffrey Weeks (mi.) mit Dr. Norman Domeier, Mitglied des Fachbeirats der Hirschfeld-Stiftung (li.), und Stiftungsvorstand Jörg Litwinschuh (Bild: Robert Niedermeier)

Im Rahmen des 1. LSBTI*-Wissenschaftskongresses hielt der britische Historiker, Soziologe und Sexologe Jeffrey Weeks eine bemerkenswerte "Hirschfeld Lecture" – inklusive Tipps für jüngere Aktivisten.

Von Robert Niedermeier

Applaus. Über 200 Zuhörer klatschen begeistert, als Professor Jeffrey Weeks seinen Vortrag im großen Saal des dbb Forums Berlin beendet. "Menschenrechte sind kein Naturrecht, sie stehen auch nicht in Felsen gehauen, sondern müssen erkämpft und verteidigt werden", lautet das Fazit der Lesung des britischen Historikers, Soziologen und Sexologen. Im Rahmen des ersten LSBTI*-Wissenschaftskongresses der Bundesstiftung Magnus Hirschfeld hält der Sex-Experte am Freitagabend eine bemerkenswerte Rede und liest dabei ausgerechnet dem Namensgeber der vor zwei Jahren gegründeten Stiftung posthum die Leviten.

"Sexuelle Gleichberechtigung: Gender, Sexualität und homosexuelle Emanzipation in Europa", lautet das Thema von Jeffrey Weeks. Gleich zu Beginn lobt der 1945 geborene Professor der London South Bank University den weltberühmten deutschen Sexualwissenschaftler und Menschenrechtler Magnus Hirschfeld als eine herausragende Persönlichkeit. Seine Forschungen Anfang des 20. Jahrhunderts stellten Meilensteine der Sexualforschung dar, seien gar der Schlüssel gewesen zu mehr Gerechtigkeit im Umgang mit Lesben, Schwulen und Transgendern.

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Der Wissenschaftler warnt vor Wissenschaftshörigkeit

Der LSBTI*-Wissenschaftskongress lockte ein bunte Mischung an Besuchern an - Quelle: Bundesstiftung Magnus Hirschfeld / Sabine Hauf
Der LSBTI*-Wissenschaftskongress lockte ein bunte Mischung an Besuchern an (Bild: Bundesstiftung Magnus Hirschfeld / Sabine Hauf)

"Doch Magnus Hirschfeld musste in den 1930er Jahren vom Exil in Nizza aus beobachten, wie gefährlich es ist, sexuelle Identitäten rein biologisch und lediglich naturbedingt zu definieren." Denn die deutschen Nazis erhoben die Eugenik zur Leitlinie ihrer menschenverachtenden Politik. In der Annahme, nur das, was natürlich gegeben ist, sei auch tatsächlich lebenswert, überzogen sie Deutschland und Europa mit Terror und Vernichtung. Weeks erklärt der gebannten Zuhörerschar, bestehend aus Studierenden, Politikern, Wissenschaftlern, Journalisten, Verbandsmitarbeitern und anderen höchst interessierten Kongressbesuchern, dass auch ein engagierter Menschenrechtler und Begründer der ersten modernen Homosexuellen-Bewegung wie Magnus Hirschfeld die sexuellen Identitäten in biologische Kategorien unterteilt hat.

Weeks macht das Hirschfeld jedoch nicht zum Vorwurf, es sei schließlich die Aufgabe der Wissenschaft zu definieren, was es gibt. Zur wissenschaftlichen Arbeit gehöre auch das Katalogisieren. Doch wie bereits die Feministinnen des frühen 20. Jahrhunderts warnt Weeks vor einer Wissenschaftshörigkeit: "Es ist falsch, die Wissenschaft zum neuen Priestertum zu erheben."

Mit Blick auf die im Durchschnitt rund 30 Jahre alten (und damit deutlich jüngeren) Besucher der "Hirschfeld Lecture" streichelt der Professor seine Glatze, trinkt einen kräftigen Schluck aus einem Wasserglas und sagt: "Ihr müsst eure sexuelle Identität sichtbar leben, Freiräume schaffen und für eure Rechte streiten." Doch mit neuen Dogmatismen erreiche man wenig, meint Weeks: "Es ist egal, ob Homosexualität angeboren sei oder nicht, wir müssen die Vielfalt anerkennen. Es gibt nicht den Homosexuellen, sondern viele unterschiedliche, es gibt schließlich auch unterschiedliche Formen von heterosexuellen Identitäten." Ein liberales Grundverständnis sei die Grundlage für ein friedliches Miteinander, glaubt Weeks zu wissen.

"In Amerika würde man mich lynchen", merkt der Sexualexperte ironisch überspitzt an, als er während seines anderthalbstündigen dauernden Vortags, die Existenz eines Homo-Gens in Frage stellt. "Ich weiß nicht, ob es ein Gen gibt, das bestimmt, ob jemand lesbisch, schwul oder transgender lebt, ich weiß nur, dass es sehr viele Formen der Sexualität gibt, die eine freie Gesellschaft gefälligst anzuerkennen hat."

Achtung für menschliche Autonomie und Würde

Zwei Besucher des 1. LSBTI*-Wissenschaftskongresses in Berlin
Zwei Besucher des 1. LSBTI*-Wissenschaftskongresses in Berlin (Bild: Bundesstiftung Magnus Hirschfeld / Sabine Hauf)

Den "Kern unserer heutigen Kämpfe" bilde ein "profunder und radikaler Humanismus, eine Achtung für menschliche Autonomie und Würde und ein Verständnis, wonach Fürsorge, gegenseitige Verantwortung, Solidarität und Liebe beim Streben nach sexueller Gleichberechtigung im Mittelpunkt stehen müssen", erklärt Weeks. Daran anzuschließen, sei die große Aufgabe der Zukunft, auch im Hinblick auf jene Regionen auf der Welt, wie Afrika oder dem ehemaligen Ostblock, wo Menschen aufgrund ihrer sexuellen Identität von Benachteiligung oder Verfolgung betroffen sind: "Wenn wir im Westen unseren Fokus, etwa wie in Russland, lediglich auf die Probleme der armen Schwulen richten, ist das aber zu kurz gefasst", sagt Weeks und fügt hinzu: "Dort wo Homofeindlichkeit von Staatswesen geduldet ist, werden auch ethnische Minderheiten verfolgt und gehören Repressionen in vielen Lebensbereichen zum Alltag."

Als britischer Staatsbürger blickt Weeks auch auf England: "Vor 50 Jahren gehörte mein Land zu den konservativsten und engstirnigsten in ganz Europa. Heute jedoch zu den liberalsten." Es seien Lesben, Schwulen und Transgender gewesen, die von sich aus Grenzen überschritten und offen gezeigt hätten, dass es sie gibt, damit hätten sie selbst gesellschaftliche Verkrustungen aufgebrochen. "Das müssen wir auch den Menschen in der Karibik oder Afrika zugestehen", mahnt Weeks und glaubt nicht, dass es den Menschen in afrikanischen Ländern dient, wenn der britische Homo-Aktivist Peter Tatchell fordert, den Transfer von Entwicklungshilfe an die Gleichstellung der Homosexuellen zu verknüpfen.

"Genauso wenig hilft es russischen Schwulen, wenn wir die olympischen Spiele in Sotchi boykottieren", spricht sich Weeks gegen Repressalien gegen Russland aus. Das schließe aber nicht aus, dass wir uns im Westen solidarisch zeigten und unsere eigenen Politiker daran erinnern, dass die Anerkennung von Sexualität ein elementarer Bestandteil in der Umsetzung universeller Menschenrechte sei: "Pragmatismus und eine radikale Liberalität – das wirkt."

Links zum Thema:
» Blog zum ersten LSBTI*-Wissenschaftskongress
Mehr zum Thema:
» Interview mit Jörg Litwinschuh zum Wissenschaftskongress: "Raus aus dem Elfenbeinturm"
Event-Galerie
Eindrücke vom 1. LSBTI*-Wissenschaftskongress

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Tags: jeffrey weeks, hirschfeld lecture, lsbti*-wissenschaftskongress, berlin
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Reaktionen zu "Mit radikalem Humanismus zur Gleichberechtigung"


 22 User-Kommentare
« zurück  123  vor »

Die ersten:   
#1
01.12.2013
01:50:42


(-1, 11 Votes)

Von Ferrante


Das war ja mal ein sehr cleverer Redner. Diese ganze "Ursachenforschung", besonders im biologischen Bereich, trägt ja eigtl nur den Zweck der Abstempelung und Kategorisierung. Da werden die Vorurteile der Forscher pseudo-wissenschaftlich unterfüttert und Klischees wie "Schwule haben Frauengehirne" (Titel eines Spiegel-Artikels) als seriös dargestellt. Das hat für mich immer mehr einen unangenehmen Beigeschmack a la Dr Mengele.

Aber Hirschfeld ist mir ehrlich gesagt auch nicht geheuer. Er selbst propagierte ja das Klischee von der "weiblichen Seele" und sprach von Entartung etc. Wirklich schockiert hat mich, was ich in diesen Blogeinträgen über ihn las (alles anscheinend belegt):

Link:
sex-needs-culture.blogspot.de/2011/12/magnus-hirsc
hfeld-das-falsche-idol.html


Link:
sex-needs-culture.blogspot.de/2011/12/magnus-hirsc
hfeld-das-falsche-idol_16.html


Überhaupt ein interessanter, kritischer Blog oft, wobei einem nicht klar wird, wie der/die Autor(in) nun zu gleichgeschlechtlicher Liebe steht (oder sie selbst betreibt).


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#2
01.12.2013
10:25:44


(+5, 7 Votes)

Von warnung
Antwort zu Kommentar #1 von Ferrante


Das ist ein katholisches Propagandablog


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#3
01.12.2013
10:41:12


(-3, 5 Votes)

Von Ferrante
Antwort zu Kommentar #2 von warnung


Das ist jetzt doch eine etwas billige Schubladisierung. Kreuz.net sah dann doch ganz anders aus. Ich werde aus dem Blog auch nicht ganz schlau, ich habe ja auch kommentiert, aber der Mann/die Frau hat schon sehr gute Gedanken, das neue Matthew-Sheppard-Buch aus dem letzten Eintrag habe ich mir ja auch schon bestellt und finde diese Recherche ja auch sehr spannend oder sogar Augen öffnend.


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#4
01.12.2013
11:23:22


(+5, 7 Votes)

Von goddamn liberal
Antwort zu Kommentar #3 von Ferrante


Billige Schubladisierung?

Da heißt es zum Thema eheliche Gleichstellung:

"Wer aber hindert die zerstörerischen Kräfte, die dabei sind, die Grundfesten unserer Gesellschaft zu untergraben? "

Da heißt es von der Tochter eines schwulen Vaters:

"Ich fühlte mich dazu verpflichtet. 2004 sprach ich in Ottawa öffentlich vor dem kanadischen Senatsausschuss für Rechts- und Verfassungsfragen. Ich forderte dort, die sexuelle Orientierung nicht der bestehenden Gesetzgebung über Hassdelikte (hate crime) hinzuzufügen, weil das zu einer Einschränkung der Rede- und Religionsfreiheit führt. "

Das ist verfassungwidrige homophobe Propaganda. Dass die den Sozi Hirschfeld als schwulen Nazi-Juden diskreditieren wollen, ist klar. Der hat übrigens seine sehr problemantischen eugenischen Überlegungen zu Lebzeiten nie veröffentlicht. Er wusste warum.

Der Vortrag in der Hirschfeld-Stiftung wiederum ist gut und wichtig. Ein freies Individuum in eine freien Land braucht heute keine biologistische Schützenhilfe mehr, um frei sein Leben zu gestalten.


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#5
01.12.2013
11:42:53


(+3, 5 Votes)
 
#6
01.12.2013
12:02:51


(+5, 5 Votes)

Von gatopardo
Profil nur für angemeldete User sichtbar


Was für ein kluger Mensch und welche Argumente, die man den ewig Gestrigen auf ihren homophoben und rassistischen Konferenzen gehörig um die Ohren hauen sollte.


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#7
01.12.2013
12:44:27


(0, 4 Votes)
 
#8
01.12.2013
13:23:35


(0, 2 Votes)

Von Iorbi


Man muss aber sehr genau hinschauen - manche verkleiden sich nur als radikale "Humanisten", um so dann ihre faschistoide Weltanschauung besser verbreiten zu können ("Eliteherrschaft" statt Demokratie, Befürwortung der Euthanasie, Zusammenhang zwischen Hautfarbe und "durchschnittlicher Intelligenz", usw.). Auch manche Antisemiten und Homophobe - weil sie Schwule und Lesben nur instrumentalisieren - sind darunter.


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#9
01.12.2013
13:59:04


(0, 4 Votes)

Von TheDad
Profil nur für angemeldete User sichtbar
Antwort zu Kommentar #1 von Ferrante


""wobei einem nicht klar wird, wie der/die Autor(in) nun zu gleichgeschlechtlicher Liebe steht (oder sie selbst betreibt).""..

Du brauchst dringend psychologische Hilfe !

Wer selbst von sich behauptet "gleichgeschlechtliche Liebe zu betreiben"
läuft einer tief verwurzelten Verführungstheorie hinterher !


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#10
01.12.2013
17:59:58


(-8, 10 Votes)

Von Ferrante
Antwort zu Kommentar #9 von TheDad


Du solltest keine Kommentare im Poppersrausch schreiben ;o)...

Und dieser Hater-Tussi mit dem schwulen "Vater" glaube ich ehrlich gesagt jedes Wort (aus dem Blog), das sie jetzt allgemein gerne Stimmung macht, ist irgendwo nachvollziehbar, wenn auch sehr unreflektiert.

Aber soll sie es doch machen, andere ziehen gegen die katholische Kirche ins Feld, etc., ich weiß nicht, warum man als homosexueller Mensch immer unter besonderem Schutz stehen soll.

Und der Blog ist zwiespältig, mal so, mal so, aber nur weil nicht auf jeder Seite steht "Schwule sind so toll", ist er nicht gleich verfassungswidrig, also bitte...

Ich bin ja selbst gegen die Homo-Ehe, aber diese Hysterie, dann ginge Deutschland endgültig unter, ist natürlich auch ein Schmarrn. Das schafft schon die öffentliche Verblödung durch das Fernsehen ganz alleine ;o)...

Ach ja, zum Thema öffentliche Verblödung ein Beispiel:

Link:
malelove.wordpress.com/2013/12/01/i-hate-david-gar
rett/


Und so sieht ein waschechter Hater-Blog nämlich aus:

Link:
malelove.wordpress.com/2013/12/01/psycho-blog/


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