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Bin ich eine Lesbe, kann ich nicht schwul sein. Oder doch?

Der "Pseudo-Hermaphrodit" Tucké Royale hat keine Lust, sich auf ein Geschlecht festzulegen. Sein Solo-Abend ist eine Mischung aus bildender Kunst, Popkultur, Trash und biografischem Strip.

Von Elke Koepping

Entscheidungen. Ob in unserer schönen glitzernden Warenwelt oder im knallharten Alltagsbusiness: Wer sich entscheiden kann, zeigt charakterliche Stärke. Der oder die hat sich im Griff, unter Kontrolle, weiß, wo's langgeht. Ein geborener Leader. Menschen, die sich nicht entscheiden können, kommen dagegen nicht weiter im Leben, die bleiben einfach irgendwo auf der Mitte des Weges stecken, sinnieren immer noch, ob rechts oder links lang, während der Entscheider bzw. die Entscheiderin schon kilometerweit vorausgeeilt ist. Auf einem nur ihm oder ihr bekannten Weg, aber absolut in der Zielgeraden.

Aber ist das Konzept des Entscheidens nicht auch von einer massiven Einschränkung begleitet? Wer sich an der Weggabelung für links entscheidet, weiß nicht, was rechts passiert. Wer sein Leben als Frau verbringt, hat keine Ahnung, was für interessante Dinge in der Männerwelt so abgehen. Bin ich eine Lesbe, kann ich nicht schwul sein.

Schauspieler und Performer Tucké Royale will sich nicht entscheiden – das wiederum ist eine ganz bewusste Entscheidung. Nicht für den Weg in der Mitte, das wäre ja auch irgendwie gradlinig. Sondern für den Fluss der Dinge. Für ein uneindeutiges und unentschiedenes Dazwischen. Für ein Oszillieren zwischen den Geschlechtern – mit einem Ausschlag mal in die eine und mal in die andere Richtung.

Audio / MP3 | Tucké Royale im Gespräch mit unserer Autorin Elke Koepping

"Ich bin Pseudo! Ich bin eine Fassade ohne Haus."


Tucké Royale: "Die normative Konditionierung muss dort ausgemerzt werden, wo sie passiert. Auf der Pronominalebene." (Bild: Claudia Kohl)

Die männliche Anrede in diesem Text führt in die Irre und ist dem Umstand geschuldet, dass unsere Sprache mit der Idee geschlechtlicher Vielfalt nicht umgehen kann – das Problem ist hinlänglich bekannt. Und ja, da gibt es die Unterstrich-Sternchen-Lösung, das ist richtig und auch angemessen. Tucké hat dafür aber auch nochmal einen zweiten Weg gefunden (siehe oben verlinktes Audio-Interview). Er sieht sich im Übrigen ebenfalls bewusst nicht als Transsexuelle_r. In seiner ersten Solo-Show aus dem Jahr 2010 beschreibt er sich vielmehr als Pseudo-Hermaphrodit.

"Ein Pseudo-Hermaphrodit ist kein Hermaphrodit. Ein Pseudo-Hermaphrodit ist keine Frau. ein Pseudo-Hermaphrodit ist auch kein Mann. Ein Pseudo-Hermaphrodit ist ein Zwitter. Naja. Ein Pseudo-Hermaphrodit ist kein richtiger Zwitter. Ist ein Pseudo-Zwitter… Ich bin Pseudo! Ich bin eine Fassade ohne Haus. Äußerer Schein, das Als-Ob. Wie das Theater."

Tucké spielt gerne. Das führt dazu, dass manche Menschen meinen, wenn jemand spielerisch an den Alltag, an Dinge wie Gender im Allgemeinen und Theater im Besonderen herangeht (Das Theater ist schließlich eine ernste Angelegenheit!), dann sei das, was er_sie von sich gibt, lebt oder worin sie_er sich ausdrückt nicht ganz ernstgemeint. Vielmehr so eine Grundsatzverarsche. Ein großer Witz, eine "Zirkusnummer".

"Damit ist sehr schwer umzugehen, weil es viele Leute gibt, die gerne eine sichere Antwort hätten, die eine Stabilität erwarten, die ich ihnen nur in der dauerhaften Unsicherheit geben kann. Damit können sie natürlich nicht umgehen", sagt Tucké im Gespräch mit queer.de.

Sich-ständig-verändern macht Angst


Das neue Programm "Ich beiße mir auf die Zunge und frühstücke den Belag, den meine Rabeneltern mir hinterließen" hat am 20. Dezember 2013 in Berlin Premiere

Eine klar umrissene Identität ohne Brüche und Kanten ist einfacher zu (be-)greifen. So etwas Diffuses, so ein summendes, brummendes Sich-ständig-verändern macht auch Angst. Da werden Fluchtinstinkte wach. Denn ein Ding, ein Mensch, ein Tier, das ich nicht klar einordnen kann, das macht mich angreifbar. Verletzlich. In meiner eigenen Klarheit, in meiner glatten äußeren Unversehrtheit. Es erfordert meine Auseinandersetzung mit ihm. Und das Aufgeben meiner scheinbar sicheren eigenen Grenzen. Es erfordert eine Erweiterung meines Selbst. Das ist anstrengend. Das stört mich in meinem ohnehin stressigen und überfordernden Alltag.

Tucké Royale erklärt seinen Körper, seine Identität, sein Sein zur Spielwiese. Er macht sich auf der Bühne zu seinem eigenen Crashtest-Dummy, einer Puppe in den Händen eines Puppenspielers, der er selbst ist. Oder auch andere. Wie es sich gerade ergibt. Und fährt dabei immer wieder frontal gegen die Wand unseres ach-so-bequemen Schubladensystems. Das hat er übrigens auch mal richtig handwerklich gelernt, das mit dem Puppenspiel, an der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch. Es geht ihm also doch nicht nur ums Spielen. Sondern auch um die Kunst. Im Leben wie auf der Bühne.

In seiner aktuellen Performance "Ich beiße mir auf die Zunge und frühstücke den Belag, den meine Rabeneltern mir hinterließen" geht es um Ausgrenzung. Ob als Kind in der Provinz oder als Erwachsene(r) auf der großstädtischen Schauspielschule, überall ging und geht es in Sachen Identität um Erklärungsnöte auf der einen und Sprach- und Verständnislosigkeit auf der anderen Seite. Tucké Royale gelingt auch hier die Gratwanderung: er zeigt auf süffisante, um nicht zu sagen: zynische Weise Missstände auf. Und weil er ein unglaublich komisches Talent hat, verspricht der Abend sehr unterhaltsam zu werden. Auch wenn uns bei näherer Betrachtung letztendlich das Lachen im Halse stecken bleibt.

Event-Tipp

Tucké Royale: Ich beiße mir auf die Zunge und frühstücke den Belag, den meine Rabeneltern mir hinterließen, Solo-Performance, Premiere: Freitag, 20.12.2013 um 20 Uhr im Ballhaus Ost, Pappelallee 15, Berlin. Weitere Vorstellungen: 21.12.2013 sowie 06.-08.02.2014. Mehr Infos und Tickets auf ballhausost.de.


#1 SamuelAnonym
  • 20.12.2013, 09:48h
  • "Die männliche Anrede in diesem Text führt in die Irre und ist dem Umstand geschuldet, dass unsere Sprache mit der Idee geschlechtlicher Vielfalt nicht umgehen kann"

    Das liegt daran, dass "geschlechtlicher Vielfalt" halt nur eine Idee ist, die einer rationalen, wissenschaftlichen Überprüfung nicht standhält. Menschen sind Säugetiere und keine Regenwürmer. Die überwältigende Mehrheit ist heterosexuell und ist entweder männlich oder weiblich. Das anzuerkennen mag schmerzlich sein, ist aber nicht zu ändern. Und im Grunde genommen, weiß dass auch jeder Schwule. Wie kann Geschlecht denn eine Konstruktion sein wenn man selbst auf das gleiche Geschlecht und eben nicht auf das andere steht?
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#2 sperlingAnonym
  • 20.12.2013, 10:46h
  • Antwort auf #1 von Samuel
  • >"Wie kann Geschlecht denn eine Konstruktion sein wenn man selbst auf das gleiche Geschlecht und eben nicht auf das andere steht?"

    inwiefern sollte ein bestimmtes sexuelles begehren ein beweis für die nicht-konstruiertheit von geschlecht sein? glaubst du, gesellschaftliche konstruktionen könnten nicht geil machen? glaubst du, dein begehren sei in einem sozialen vakuum entstanden?
  • Antworten » | Direktlink »
#3 NickAnonym
#4 TheDad
  • 20.12.2013, 13:59h
  • Antwort auf #1 von Samuel
  • ""Die männliche Anrede in diesem Text führt in die Irre und ist dem Umstand geschuldet, dass unsere Sprache mit der Idee geschlechtlicher Vielfalt nicht umgehen kann""..

    Den Inhalt des Satzes hats Du nicht verstanden ?

    Die Inuit (Eskomo´s) haben in ihrer Sprache kein Wort für Sommer..

    Aber über 30 verschiedene Bezeichnungen für Schnee..

    Nur das, was Mann nicht kennt, findet in Sprache keinen Niederschlag, kennt keine Bezeichnung..

    Das unsere, und mit ihr viele andere Sprachen, immer nur von 2 Geschlechtern ausgehen hat auch etwas mit Heteronormativität zu tun, die allerdings jünger ist, als die Worte "Hermaphrodit" und "Zwitter"..
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#5 ganz dumme frageAnonym
  • 20.12.2013, 14:06h
  • Antwort auf #1 von Samuel
  • steht jeder schwule auf ausnahmslos alle menschen, die als mann eingeordnet werden?

    jeder heterosexuelle auf alle menschen, die als frau eingeordnet werden?

    bedarf es einer zweiteilung, um individuelles sexuelles begehren zu entdecken und durchaus auch klar zu bestimmen?
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#6 1940er 50erAnonym
#7 FoXXXynessEhemaliges Profil
#8 VelloAnonym
  • 13.02.2014, 18:19h
  • Nur weil sich manche nicht entscheiden können, oder sich ihrer Geschlechtsidentität nicht sicher sind bedeutet dies nicht dass man diese allgemein anzweifeln sollte.
    Ich bin ein HOMOSEXUELLER MANN, also ein Mann der sich in andere Männer verliebt und sich auch körperlich von diesen angezogen fühlt und das hat mit den normalen biologischen Geschlecht zu tun.
    Mir zu sagen ich soll mir mal Strapse anziehen oder so nur um mal auszuprobieren wie es ist, man kann sich ja nie sicher seinund vllt verpasst man ja was, ist SCHWACHSINN.
    Ich gestehe jedem Menschen das Recht zu transsexuell oder transident zu leben, aber ich weiß wer ich bin und sowas was ihr hier schreibt ist absolut fehl am Platz.
    Geschlechter sind keine Erfindung, höchstens die Rollenauslegung, allerdings sind Geschlechter so real wie der Mond.
    Schönen Tag noch und wie gesagt ich diskriminiere niemanden und akzeptiere LGBT-People (meistens) so wie sie sind, aber solche Aussagen sind deplatziert und schlichtweg falsch, schönen Tag noch.
    (Wer mich haten will nur zu, vllt kann mich ja jemand belehren)
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#9 RobbyEhemaliges Profil