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Jahresrückblick

Höhepunkte des Jahres 2013


Tom Daley outete sich ohne großes Tamtam im Alter von 19 Jahren - ein Vorbild für viele junge Menschen. Leider haben immer noch viele Sportler Angst vor diesem Schritt

Vor dem Jahreswechsel blicken wir zurück: Im ersten Teil analysiert queer.de die zehn Höhepunkte des Jahres aus schwul-lesbischer Sicht – das Coming-out von Tom Daley gehört natürlich dazu.
Von Dennis Klein

Coming-outs des Jahres: Tom Daley und Robbie Rogers

Am Vorbildern für Schwule im Sport mangelt es bislang: Daher waren die Coming-outs des britischen Turmspringers Tom Daley und des US-Fußballers Robbie Rogers wichtig. Im Fall Rogers wird aber deutlich, wie schwierig es für einen Schwulen ist, im Profifußball zu bestehen: Aus Angst vor der Reaktion der Fans hatte Rogers nach seinem Coming-out seinen Rücktritt erklärt, weil er sich dem Druck nicht gewachsen sah. Allerdings erhielt der Nationalspieler so viele positive Rückmeldungen, dass er wenige Monate später doch wieder kickte – für die Mannschaft von Los Angeles.

Homo-Aktivist des Jahres: Bundesverfassungsgericht

Wir wiederholen uns: Bereits im letzten Jahr haben wir denselben Titel an das höchste deutsche Gericht vergeben. Damals hatte es zwei Gesetze für eingetragene Lebenspartner als verfassungswidrig eingestuft und der Merkel-Regierung hinter die Ohren geschrieben, dass sie nicht grundlos Homo-Paare schlechterstellen darf als Hetero-Paare. Der Bundesregierung war das wurscht: Sie setzte nur um, was sie unbedingt musste. Und daher appellierte Karlsruhe dieses Jahr noch vehementer: Einstimmig entschieden die Richter, dass das Verbot der Sukzessivadoption ebenso verfassungwidrig ist wie die Diskriminierung beim Steuersplitting. Besonders ungewöhnlich: Alt-Richter ebenso wie der aktuelle Gerichtspräsident Andreas Voßkuhle äußerten sich in Interviews zunehmend genervt über die Diskriminierungslust der Union.

Politiker des Jahres: David Cameron

Der britische Premierminister zeigt, dass sich ein konservativer Politiker beim Thema Homo-Rechte ändern kann: Noch 2003 stimmte er als einfacher Abgeordneter dafür, Section 28 beizubehalten, also das Verbot von Homo-"Propaganda" an britischen Schulen. Sechs Jahre später würde er sich als Parteichef für dieses Votum entschuldigen – und seitdem seine völlig überraschte Partei für die Ehe-Öffnung begeistern. 2011 erklärte er in einer historischen Rede beim Tory-Parteitag, dass die Gleichstellung im Eherecht eigentlich eine konservative Forderung sein sollte. In diesem Jahr löste er das Versprechen ein, das Parlament beschloss die Öffnung der Ehe. Auch wenn Cameron bei anderen Themen ein echter Kotzbrocken ist – Stichwort Europa- oder Ausländerpolitik – und auf europäischer Ebene eine Fraktionsgemeinschaft mit Homohassern wie der Kaczynski-Partei aus Polen bildet, zeigt sein Einsatz konservativen Schwulen und Lesben, dass es auch anders geht als in Deutschland, wo es den Konservativen schon zu weit geht, gleichgeschlechtliche Paare beim Zwangsversteigerungsgesetz gleichzustellen.


Wiesbadens neuer OB Sven Gerich (Bild: SPD Wiesbaden)

Aufsteiger des Jahres: Sven Gerich
Im März setzte sich der schwule SPD-Politiker bei der OB-Wahl in Wiesbaden überraschend gegen den CDU-Amtsinhaber durch. Er ist stets offen mit seiner sexuellen Orientierung umgegangen. Im Interview sieht er sie sogar als Vorteil an: "Womöglich schadet es in der Politik gar nicht, wenn man sich in Minderheiten-Positionen hineindenken kann. Bei vielen in der Bevölkerung herrscht die Ansicht: Politiker schweben über allem. Das trifft auf mich nicht zu."

Land des Jahres: USA

In der Gleichstellungspolitik haben dieses Jahr Brasilien, Frankreich, Uruguay und Neuseeland die Ehe für Schwule und Lesben geöffnet. Besonders interessant ist aber die Entwicklung in den USA, dem Land des Stonewall-Aufstands, das traditionell großen Einfluss auf Europa ausübt: In den Vereinigten Staaten sind – anders als in Deutschland – Homo-Rechte seit Jahren eines der Hauptstreitpunkte in den Medien. Es gibt kaum einen Politiker, der sich nicht zum Thema positioniert. Und dieses Jahr hat erheblich Fortschritte gebracht: Zum einen gab es im Juni eine historische Entscheidung des Supreme Courts, das den Weg für eine landesweite Ehe-Öffnung ebnet. Zum anderen hat sich die Zahl der Bundesstaaten, die die Ehe für Schwule und Lesben geöffnet haben, von neun auf 18 verdoppelt. Damit leben rund 40 Prozent der Amerikaner in einem Bundesstaat mit "Marriage Equality". Und für die anderen könnte die Ehe durch Gerichtsentscheidungen schnell geöffnet werden, wie im erzkonservativen Mormonenstaat Utah. Vorbild ist die Entscheidung Loving versus Virginia aus dem Jahr 1967, in dem das Verbot sogenannter "interrassischer" Hochzeiten in 16 Bundesstaaten für verfassungswidrig erklärt wurde.

Aktion des Jahres: GQ-Mundpropaganda

Heten wie Herbert Grönemeyer oder Moses Pelham schmatzen sich ab, um ein Zeichen gegen Homophobie zu setzen. Auch wenn es Kritik an der Aktion gab – etwa wegen der fehlenden Frauen oder einer allzu penetranten Eigen-PR des Magazins – hat sie das Thema Homophobie endlich mal in den Schlagzeilen nach ganz vorne gebracht und sonst schwer erreichbare Leute angeregt, sich über das Thema Gedanken zu machen.

Überraschung des Jahres: Papst Franziskus

Wirklich getan hat er ja noch nicht viel, aber im Vergleich zu seinem Vorgänger ist die Rhetorik des neuen Papstes erfrischend: Ein Satz wie "Wenn jemand schwul ist und guten Glaubens den Herrn sucht – wer bin ich, über ihn zu urteilen?" wäre wohl einem Benedikt nie über die Lippen gekommen. Noch ist aber unklar, ob es sich um eine wirkliche Richtungsänderung der Kirche handelt oder um eine reine PR-Offensive. Ihn zur schwul-lesbischen Person des Jahres zu ernennen, wie es das US-Magazin "The Advocate" getan hat, ist wohl etwas übertrieben, gerade wenn man daran denkt, dass auch Franziskus versucht, die Gleichstellung von Schwulen und Lesben im katholischen Ausland zu verhindern, siehe Frankreich. Ob er wirklich etwas verändern wird, das weiß wohl nur der liebe Gott – und wahrscheinlich nicht mal der.

Fortschritt des Jahres: Evangelische Kirche

Die EKD hat im Juni überraschend eine Orientierungshilfe herausgegeben, in der es unter anderem heißt: "Liest man die Bibel von dieser Grundüberzeugung her, dann sind gleichgeschlechtliche Partnerschaften, in denen sich Menschen zu einem verbindlichen und verantwortlichen Miteinander verpflichten, auch in theologischer Sicht als gleichwertig anzuerkennen". Damit gibt die Kirche praktisch zu, dass der Widerstand gegen die Gleichbehandlung von Schwulen und Lesben im Eherecht, der immer noch in großen Teilen der Kirche virulent ist, eigentlich ein Ding aus der Vergangenheit sein sollte. Das Papier führte auch dazu, dass erstmals eine Pfarrerin wagte, ein schwules Paar mit kirchenrechtlicher Beurkundung zu trauen. Wie bei Kirchen aber üblich, gibt es zwei Schritte vorwärts und gleich wieder einen zurück: EKD-Chef Nikolaus Schneider biederte sich im August Homo-Hassern an, indem er sagte, dass die Gleichstellung keinen Sinn ergebe.


Die Gruppe hat Exodus International hat über Jahre versucht, Schwule und Lesben zu verunsichern

Erkenntnis des Jahres: Homo-Heilung funktioniert nicht
Jahrzehntelang hat Exodus International in den USA und 18 anderen Ländern versucht, Homosexuelle zu "heilen". Im Juni musste sich die Gruppe eingestehen, dass es so nicht weiter geht. Exodus-Chef Alan Chambers entschuldigte für den Schmerz, den er und seine Organisation Homosexuellen zugefügt hat. Ein gutes Signal für junge Schwule und Lesben, die gerade in konservativen Gegenden darunter gelitten haben, "krank" zu sein.

Trauzeuge des Jahres: Helmut Kohl

Als er Kanzler war, hat er für die Rechte von Schwulen und Lesben nichts getan. Seit Jahren gehört aber ein schwuler Anwalt zu seinen engsten Vertrauten – und da wirft man schon mal die alte Rhetorik von der "geistig-moralischen Wende" in den Wind: Der 83-Jährige war Trauzeuge bei der Verpartnerung des "sehr guten Freundes". Damit ist Kohl reifer als sein früherer Zögling Wolfgang Schäuble, der im "Stern" den homophoben Macho heraushängen ließ.

Schnuckel des Jahres: Prinz Harry

Eigentlich lieben wir den Rotschopf, weil er als fescher Partyprinz für Stimmung sorgt und auch mal gerne Männer küsst. Aber er ist auch ein guter Mensch: Während seiner Armeezeit hat Captain Wales, wie er in den Streitkräften genannt wurde, einen schwulen Kameraden vor einer homophoben Attacke gerettet, wie ein Panzerschütze in einer im Juni veröffentlichten Autobiografie beschrieb. Wer Harry trifft, sollte ihm dafür mal ein oder zwei Bier ausgeben.



#2 ChapmanAnonym
#3 m123Anonym
  • 27.12.2013, 15:32h
  • Ich darf die queer.de-Redaktion korrigieren. Das Urteil des BVerfG zur Gleichstellung beim Ehegattensplitting (Steuersplitting) erging nicht einstimmig, sondern mit zwei Gegenstimmen. Es überrascht aber auch nicht so sonderlich, denn diese beiden Richter wurden von der CDU zu Bundesverfassungsrichtern gemacht.

    Ich finde, dass das Bundesverfassungsgericht viel zu langsam urteilt. Beispielsweise hätte das Urteil zur Gleichstellung bei der Volladoption schon längst kommen müssen. Von daher kann ich die Lobeshymnen auf das Bundesverfassungsgericht nur bedingt nachvollziehen. In anderen Ländern öffnen Verfassungsgerichte national die Ehe für gleichgeschlechtliche Paare. In Deutschland wird haarklein um jede Gleichstellung in einem Einzelrecht gerungen und das BVerfG kriecht wie eine Schnecke anstatt endlich mal Tacheles zu urteilen.
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#4 FoXXXynessEhemaliges Profil
  • 27.12.2013, 16:54h
  • Daß das Bundesverfassungsgericht in der Kategorie Homoaktivist Volker Beck den Rang abläuft ist hier die größe Überraschung!
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#5 antos
#6 anomeProfil
  • 27.12.2013, 17:18hKassel
  • >>> Auch wenn Cameron bei anderen Themen ein echter Kotzbrocken ist Stichwort Europa- oder Ausländerpolitik<<<

    Was für eine dreiste politische Propaganda auf BILD-Niveau. Cameron ist der einzige Regierungschef in Europa, der noch ein bisschen Verstand hat und sich für sein Volk einsetzt. Ich unterstütze seine Europa- und Ausländerpolitik und die Mehrheit der Briten und Deutschen tut das auch.
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#9 SebiAnonym
  • 27.12.2013, 20:54h
  • Naja, finde ich teilweise sehr ambivalent.

    USA und GB mögen viele Fortschritt bei Homorechten machen, andererseits sind sie auch für totale Überwachung verantwortlich (obwohl jetzt bekannt wurde, dass das gar nicht mehr Sicherheit bringt).

    Und David Cameron ist für die britischen Pornofilter verantwortlich, wo auch massenhaft (nicht pornografische) Aufklärungsseiten, schwule Seiten, etc. von betroffen sind.

    Und das Lob für den Papst ist wohl verfrüht. Der mag ja da, wo Homophobie nicht mehr ankommt, Kreide gefressen haben, aber was nur zählt ist das praktische Handeln.
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#10 Martin28a
  • 27.12.2013, 21:43h

  • Sotschi fehlt hier:

    Ich hab mich jetzt nochmal schlau gemacht :

    Die föderalem Gesetze haben sich an dem zu messen was die EMRK zulässt
    Das heißt auf föderaler Ebene wird sich die Judikative daran halten was die EGMR sagt
    Konsequenz wäre nur der Austritt aus der EMRK und das würde ich Westeuropa nicht empfehlen
    Es macht absolut keinen Sinn such Russland diplomatisch zum Feind zu machen

    Propaganda von nicht-traditionellen sexuellen Beziehungen gegenüber Minderjährigen, so das Gesetz hat nun viele Ableger, etwa eines in Kaliningrad, was aus meiner Sicht der einzig regionale Part des Gesetzes ist, der gegen die EMRK verstoßen könnte
    Dort wird nämlich auch unter Erwachsenen eine positive Berichterstattung verboten.

    Homosexualität its keine Krankheit und bislang sagt das auch für russische Regierung nicht anders
    Aussagen über Homosexualität bleiben unter Erwachsenen legal

    Zu kritisieren sind aber neueste Gesetze wonach Homosexuellen das Sorgerecht für leiblichen Kinder entzogen werden soll, was meines Erachtens ein eindeutiger Verstoß gegen die Menschenrechte darstellt
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