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  • 13.01.2014           2      Teilen:   |

Warten auf die Abschiebung

Ein schwuler Flüchtling auf der Alm

Artikelbild
Eine trügerische Idylle: Auch auf der Alp bei Brünig im Berner Oberland kann der schwule Algerier Sabri Homophobie und Menschenverachtung nicht entkommen (Bild: Wiki Commons / Kabelleger/David Gub / CC-BY-SA-2.0)

Anja Siouda greift in ihrem Roman "Ein arabischer Sommer" ein Tabuthema auf: Sabri flüchtete wegen der Homophobie in Algerien in die Schweiz.

Von Angelo Algieri

Nach einem heftigen Sommergewitter auf der Alm bei Brünig, im Schweizerischen Berner Oberland, entdeckt Protagonistin Elena Erb einen verwundeten Araber in ihrem Vorgarten. Der junge Mann hat sich auf seine Wunden Lattichblätter aus ihrem Garten aufgelegt. Sie geben ihm Kühlung. Zunächst aufgewühlt, doch bald versorgend, nimmt Elena den attraktiven Algerier in ihre Hütte auf. Seine Verletzungen? Ein homophober Angriff im nahegelegenen Flüchtlingsheim…

So der dramatische Beginn des Romans "Ein arabischer Sommer" von Anja Siouda. Die Schweizer Autorin, Jahrgang 1968, ist Übersetzerin aus dem Arabischen und Französischen, wie ihre Hauptfigur Elena. Siouda lebt und arbeitet im französischen Ville-La-Grand. "Ein arabischer Sommer" ist die Fortsetzung ihres Romans "Steine auf dem Weg zum Pass", das in einer neuveröffentlichten Ausgabe ebenfalls im Schweizer Adliswiler Verlag Ben Hamida International vorliegt.

Doch nun zurück zum Plot: Der junge Algerier Sabri wurde von zwei anderen Flüchtlingen zusammengeschlagen, die gemerkt haben, dass er schwul ist. Er hielt es nicht mehr dort aus, flüchtete auf die Alp. Doch die gesetztestreue Elena überzeugt ihn, zurückzugehen und mit den Autoritäten zu sprechen. Zudem bietet sie ihm an, bei sich zu arbeiten: ein vor vielen Jahren umgefallener Baum soll klein gesägt und abgetragen werden. Sabri freut sich auf die Beschäftigung. Die bange Frage: Wie lange darf er in der Schweiz bleiben? Denn er wurde bereits als illegal eingestuft – und wartet nur noch auf seine Abschiebung.

Audio:
Hörprobe (ca. 12 Minuten)
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Von der Familie wegen seiner Homosexualität verstoßen

Schreibt "für mehr Toleranz unter den Menschen": Anja Siouda - Quelle: Ben Hamida International
Schreibt "für mehr Toleranz unter den Menschen": Anja Siouda (Bild: Ben Hamida International)

Sabri hat Angst. Was soll er denn zurück in Algerien? Seine Familie hat ihn aus Ehrengründen verstoßen, weil er schwul ist. Zudem wurde sein Freund im algerischen Todes-Verließ gefoltert und schließlich ermordet. Ereilt ihn dort das gleiche Schicksal? Ihm blieb damals nur die heimliche Flucht in einem Containerschiff über Italien in die Schweiz. Den Schweizer Behörden vertraute er seine wahren Fluchtgründe aus Scham zu spät an.

Doch Hoffnung kommt von Elena. Gemeinsam mit ihrer wiedergefundenen Liebe Qais aus Tunis wollen sie ein Übersetzungsinstitut in der tunesischen Hauptstadt gründen. Elena möchte den Informatiker Sabri als Administrator einstellen – unter anfänglichen Vorbehalten von Qais. Da ein Schwuler die Ehre des Instituts beschmutzen würde. Allerdings ändert er seine Ansicht, als das zweite heftige Gewitter auf die Alm stürzt…

Der Roman greift anerkennenswerterweise einige Tabus in arabischen Gesellschaften auf: Homosexualität, männliche Unfruchtbarkeit und Prostitution. Letzteres anhand der marokkanischen Figur Halima, die in die Schweiz von Menschenhändlern gelockt wurde und sich in Zürich zwangsprostituieren musste. Ein Schicksal, das vielen jungen Frauen nicht nur in den arabischen Gebieten ereilt – wie die engagierten Autorinnen Lydia Cacho oder Shereen El Feki (queer.de besprach "Sex und die Zitadelle") in ihren Sachbüchern darstellen.

Und ja, die restriktive und widersinnige Asyl- und Flüchtlingspolitik der Schweiz wird folgerichtig von der Autorin hinterfragt. Sie erklärt etwa, wie Flüchtlinge wie Sabri mit dem NEE (Nichteintretensentscheid) als illegal eingestuft und unwiderruflich abgeschoben werden.

Kein Aufmüpfen in der Heile-Heidi-Welt

Allerdings geht Siouda mit ihrer Kritik nicht weit genug. Denn letztlich beugt sich die Protagonistin den Gesetzen. Kein Aus-der-Reihe-Tanzen, kein Aufmüpfen, kein ziviler Ungehorsam – schlicht mutlos. Unverständlich auch, dass Siouda sinnieren lässt, dass die Schweiz kein El Dorado sei, wie sich die Flüchtlinge das vorstellen. Aber mit Verlaub, die Schweiz ist eines der reichsten und sichersten Länder der Welt! Kann man es Flüchtlingen verdenken, dass sie es nicht so sehen? Zusätzlich verteidigt Siouda zu sehr die Schweizer Abschottungspolitik, so dass die angesprochenen Missstände ärgerlicherweise verpuffen: Es lebe die wohlsituierte, bürgerliche Heile-Heidi-Welt!

Kommen wir zur Kritik am Plot: Zum einen ist die überfrachtete Story ziemlich hanebüchen! Elena hat es in einem Sommer mit drei verschiedenen Männern aus dem Maghreb (Marokko, Algerien, Tunesien) zu tun. Und das noch auf einer abgelegenen Alm. Jeder mit einem anderen Tabu, zudem noch mit Klischees charakterisier. Am Beispiel Sabri: Informatikstudent, Derbouka-(Bechertrommel)-Spieler – und natürlich ist er den ganzen Sommer brav wie ein Lämmchen. Wenn schon Klischee, dann doch bitte auch eine queere Liebes- und Sexgeschichte auf der Alm! Die Jugendbücher "Marderbach – Mörderbach" und "Wenn kleine Wölfe heulen" des Schweizer Autorenduos Felix Imhof und Mario Myll haben vorbildlich gezeigt, das es geht! Abgesehen davon, dass sie spannender, kritischer und herzzerreißender sind als diese schwache Schmonzette.

Auch die Dialoge in "Ein arabischer Sommer" sind teils an den Stil des 18. Jahrhunderts angelehnt. Nichts gegen die Aufklärer der damaligen Zeit. Aber da sind wir schon viel weiter. Holzschnittartige, gestelzte und zu erklärende Dialoge, als ob man teils Lessings "Nathan der Weise" lesen würde. Herrje, fehlt nur noch die Ringparabel…

Fazit: Sioudas Roman ist insgesamt zu harmlos, zu schnulzig und zu pädagogisch. Trotz der ausdrücklich lobenden Benennung der Tabus! Wer jedoch radikalere, mutigere Inhalte und gut erzählte Romane zum Themenkreis mag, dem seien "Heiße Schokolade" von Rachid O., sämtliche Romane von Abdellah Taïa – etwa "Infidèles", "L'armée du salut" (spielt übrigens zur Hälfte auch in der Schweiz), "Der Tag des Königs" – oder Saphia Azzedine mit "Zorngebete" sehr ans Herz gelegt!

  Infos zum Buch
Anja Siouda: Ein arabischer Sommer. Roman. 256 Seiten. Ben Hamida International. Adliswil 2013. 16,50 €. ISBN 978-3-906021-16-4.
Links zum Thema:
» Mehr Infos zum Buch und Bestellmöglichkeit bei Amazon
» Homepage von Anja Siouda
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Tags: anja siouda, asyl, schwuler flüchtling, algerien
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Reaktionen zu "Ein schwuler Flüchtling auf der Alm"


 2 User-Kommentare
« zurück  1  vor »

Die ersten:   
#1
13.01.2014
10:35:21
Via Handy


(+2, 2 Votes)

Von Kranich


Nein, das ist falsch. Prostitution betrifft nicht nur Frauen und warum immer nur deren "Schicksale" erwähnt werden ist mir schleierhaft.
Wenn selbst schwule Kritiker bei dem Thema nur auf die Situation von Frauen Aufmerksam machen, läuft was falsch.
Man schreibt ja auch allgemein über Homosexualität obwohl es eine Minderheit ist. Warum das nur beim Thema Prostitution anders behandelt wird weiß der Kuckuck.
Auch die Autorin sollte sich entscheiden welchen Themenbereich sie aufzeigen will.
Und dazu noch das Thema Unfruchtbarkeit?
Mit der Vermischung von so vielen Handlungssträngen hat das Buch was von einer tragischen Telenovela.


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#2
25.03.2014
14:10:05


(0, 0 Vote)

Von Anja Siouda


Es gibt aber auch Gay-Stimmen, die diesen Roman ganz anders lesen!
Buchtipp der Schwubliothek Bern

Link:
gaybern.ch/magazin/artikel/2014/03/02/anja_siouda_
ein_arabischer_sommer_


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