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  • 21.01.2014           11      Teilen:   |

Sachbuch zur Homophobie in Russland

Vom ersten positiven Coming-out-Roman Europas zum "Propaganda"-Verbot

Artikelbild
Der russische Dichter Sergei Jessenin (l.) hatte Beziehungen zu Männern und Frauen. 1925 nahm er sich im Alter von 30 Jahren das Leben, sein Abschiedsgedicht an seinen letzten Geliebten gilt als sein berühmtestes Werk. Das "Osteuropa"-Magazin informiert u.a. ausführlich über diese Epoche der russischen Literatur.

Über die Geschichte und Lage von Lesben und Schwulen vor allem in Russland informiert die Ausgabe "Homosexualität und ihre Feinde" des Magazins "Osteuropa".

Von Bodo Niendel

Um es gleich vorweg zu sagen, dieses Büchlein ist eine Bereicherung und trägt zur Versachlichung der Debatte um die Homosexuellenfeindlichkeit in Osteuropa bei. Die Mehrzahl der Beiträge widmet sich der Situation in Russland. Der Historiker Dan Healey zeichnet die Situation sexueller Minderheiten nach. Ähnlich wie in anderen europäischen Staaten entwickelten sich auch in Russland ab etwa 1870 Formen homosexueller Subkulturen. Marginalisiert und zumeist auf St. Petersburg und auf Moskau beschränkt, trafen sich Schwule aber auch Lesben in Cafés, Parks und öffentlichen Plätzen und es kam zu gleichgeschlechtlichen Begegnungen in Toilettenanlagen.

Die patriachalen Verhältnisse diskriminierten diese Lebensweisen, jedoch wurde sie nicht strafrechtlich verfolgt, anders als in Deutschland. Entgegen so mancher linker Mythen stellte das Engagement Alexandra Kollontais für die sexuelle Befreiung in der Folge der Oktoberrevolution nur eine Randerscheinung dar. Die Bolschewiki sahen in der Homosexualität einen "nicht zu tolerierenden Makel". Sie gingen mit Razzien gegen Treffpunkte vor, und so war es nur konsequent, dass 1933/1934 "Sodomie" zum Straftatbestand erklärt wurde. Sie galt als westlich, dekadent und Ausdruck kapitalistischer Verhältnisse.

Der mittlerweile verstorbene Igor Kon zeichnet anhand empirischer Erhebung seit 1990 die erschreckend negative Einstellung der Bevölkerung gegenüber Lesben und Schwulen nach und stellt eine ideologische Polarisierung fest, bei der sexuelle Minderheiten zur "unfreiwilligen Geisel einer neuen Konfrontation zwischen Russland und dem Westen geworden" sind. Wenn der Grad der Homophobie der Lackmustest für eine Demokratie ist, so färbt sich das Lackmuspapier im Fall Russland schamrot, so Kon.

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Politischer Kampf der orthodoxen Kirche

Auf 240 Seiten bietet das Magazin in Buchform einen Beitrag zur Versachlichung der Debatte
Auf 240 Seiten bietet das Magazin in Buchform einen Beitrag zur Versachlichung der Debatte

In der russischen Literatur kam Homosexualität zum Anfang des letzten Jahrhunderts zumeist nur am Rande oder kodiert vor, erläutert Ullrich Schmid in seinem Beitrag. Eine Ausnahme bildete der Roman "Kryl'ja" von Michail Kuzmin, der 1906 ein Boheme-Ideal einer homosexuellen Identität besang – "der erste europäische Coming-out-Roman mit glücklichem Ausgang", wie Dan Healey anmerkt. Im Kontext der repressiven russischen Sexualpolitik wagten LiteratInnen daran kaum noch anknüpfen. Diese Zeit wog nach und so ist Homosexualität in der russischen Literatur weiterhin eine Randerscheinung.

Ein Interview mit der russischstämmigen Berliner Aktivistin Zlata Bossina vom Verein Quarteera lässt düsteres erahnen. Sie berichtet von erschreckenden Fällen von Verfolgung und gar zwei Morden in der Folge des "Propaganda"-Gesetzes.

Erhellend ist der Beitrag von Konstantin Michajlov zur Russisch-Orthodoxen Kirche (ROK). Er belegt, dass ihre zumeist ablehnende Haltung nur selten theologisch, dafür umso mehr politisch begründet ist. Das Putin-Regime stützt sich in seiner Begründung des Gesetzes gegen Homo-"Propaganda" auf die Positionen der ROK, auch weil es sonst kaum eine akzeptable zivilgesellschaftliche Gruppe gibt, auf die es sich stützen könnte. Natürlich gibt es innerhalb der Kirche auch Modernisierer und – oh, wer hätte es gedacht – innerhalb dieses Männerbundes auch unzählige versteckte Schwule.

Doch es fehlt der ROK an einer theologischen Debatte, wie sie andere Religionsgemeinschaften ausbildeten, da die Sowjetdiktatur diese rigoros unterband. So klammert sich die Kirche an die konservativen Positionen des Putin-Regimes und umgekehrt.

Ermutigung aus Polen und Tschechien

Ein schwuler Kuss am Rande des Europride 2010 in Warschau
Ein schwuler Kuss am Rande des Europride 2010 in Warschau

Tschechien ist anders gelagert, wie Franz Schindler darlegt. Bereits 1921 gab es in Prag den ersten sexualwissenschaftliche Lehrstuhl weltweit, der einen regen Austausch zum Berliner Privatinstitut des Sexualwissenschaftlers Magnus Hirschfeld pflegte. Tschechien bzw. die Tschechoslowakei nahm eine sehr säkulare Entwicklung, und es bildete sich auch in der Zeit des Staatssozialismus eine sexuelle Liberalität heraus. Während der Zeit des großen Wandels, dem Fall des eisernen Vorhangs, spielten die Kirchen hier nicht die bremsende Rolle wie z.B. in Polen. So verwundert es nicht, dass Tschechien als erstes osteuropäisches Land eine gleichgeschlechtliche Partnerschaft im Parlament beschloss, für die überraschenderweise die Kommunistische Partei im Parlament immer geschlossen gestimmt hat.

Thomasz Kitlinski und Pawel Leszkowicz vermitteln Hoffnung. Polen galt unter der Ära der Kaczynski-Brüder als das homophobe Land Osteuropas par excellence. Doch nach dem Abgang der Brüder hat sich die Situation erheblich verändert. Zwar kann man nicht von einer ausgesprochenen Homofreundlichkeit sprechen, doch die krassen Zeiten sind vorbei und es hat sich in den letzten Jahren eine bedeutsame und sehr rege queere Kunst- und Kulturszene ausgebildet.

Diese wissenschaftliche Publikation ist nicht nur lesenswert, sie ist notwendig. Sie hilft vereinfachte West-/Ost-Schemata aufzubrechen und zeigt, dass sich Befreiungsmodelle und Ausdrucksformen wie Gay Prides nicht einfach exportieren lassen. Vor gerade einmal 20 Jahren wurde in Deutschland der Paragraf 175 aus dem Strafgesetzbuch gestrichen, vor gerade einmal zehn Jahren in Großbritannien "Section 28", das Vorbild des "Propaganda"-Gesetzes. Wir sollten uns vor einem überheblichen Zeigefinger gen Osten hüten, stattdessen zuhören und unsere Brüder und Schwestern in ihrem eigenen und spezifischen Kampf fördern, wenn und so wie sie es wünschen.

Bodo Niendel ist stellvertretender Vorsitzender der Initiative Queer Nations, Referent für Queer-Politik der Bundestagsfraktion Die Linke und wissenschaftlicher Mitarbeiter des Abgeordneten Harald Petzold. Am 5. Februar um 19 Uhr moderiert er zusammen mit Jan Feddersen die Queer Lecture "Die sexuelle Vielfalt und ihre Feinde in Osteuropa" im taz-Cafe, Rudi-Dutschke-Straße 23, Berlin. Teilnehmer: Tomasz Kitlinski (Sozialwissenschaftler), Zlata Bossina (quarteera) und Volker Weichsel (Redakteur "Osteuropa").

  Infos zum Buch
Manfred Sapper, Volker Weichsel (Hg.): Spektralanalyse. Homosexualität und ihre Feinde. Osteuropa Heft 10/2013. Broschiert. 67 Abbildungen, 4 Karten. 240 Seiten, Berliner Wissenschaftsverlag. Berlin 2013. 20 €. ISBN 978-3-8305-3180-7
Links zum Thema:
» Homepage der Zeitschrift "Osteuropa" mit Bestellmöglichkeit
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Tags: russland, osteuropa, sachbuch, polen, tschechien
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Reaktionen zu "Vom ersten positiven Coming-out-Roman Europas zum "Propaganda"-Verbot"


 11 User-Kommentare
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Die ersten:   
#1
21.01.2014
13:16:52


(+6, 8 Votes)

Von StefanBroniowski


Dem hochinteressanten Band sind möglichst viele Leser und Leserinnen zu wünschen. Das kann die Sachkundigkeit in einschlägigen Diskussionen nur erhöhen. Darum finde ich diese Besprechung sehr erfreulich.


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#2
21.01.2014
14:23:07


(+5, 9 Votes)

Von -hw-
Antwort zu Kommentar #1 von StefanBroniowski


Stimmt.

Klein zu Kon:
"...In den Bedingungen unseres Landes, mit seiner bizarren Mischung aus marxistischen Dogmen und mittelalterlichem Klerikalismus, korrupten Wissenschaften und Aberglaube, dies erforderte ein enormes Wissen, ständige Arbeit und Mut...."

Kon war der Autor von mehr als 60 Bücher und 300 Artikel (seine Werke wurden in viele Sprachen übersetzt worden), er war auch der Gründer einer Reihe von neuen Richtungen in der russischen Sozialwissenschaften.

(Bei andere Sprachen auch Russisch anklicken und von Google übersetzen lasse)n

Link:
de.wikipedia.org/wiki/Igor_Semjonowitsch_Kon


Link:
de.wikipedia.org/wiki/Lew_Samuilowitsch_Klein


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#3
21.01.2014
15:20:19


(+5, 9 Votes)

Von -hw-
Antwort zu Kommentar #2 von -hw-


Zu Klein noch eine große Anmerkung:

"Die Waräger/Wikinger entsandten daraufhin Rjurik, der sich 862 in Nowgorod niederließ. Sein Nachfolger Oleg zog nach Süden und unterwarf Kiew. Das erste russische Großreich war geboren. So will es die Chronik. Zu Zeiten des Kommunismus wanderte man für diese These in den Gulag.

Erst heute dürfen russische und ukrainische Archäologen offen aussprechen, dass an der Legende etwas Wahres sein könnte.

[Waräger, auch Name für eine im Zweiten Weltkrieg geplante Division der Waffen-SS.)

Professor Evgenij Nosov ist Grabungsleiter einer der ältesten Ausgrabungen Russlands in der Nähe von Nowgorod. Er sagt: "Wenn es Rjurik wirklich gegeben hat, dann hat er von hier aus sein Reich regiert." Die gefundenen Befestigungen weisen den Ort eindeutig als Sitz der ersten Fürsten Russlands aus."

Text:

Youtube-Video:


Erst seit einigen Jahren läßt übrigens der chin. Staat das zu und chin. Wissenschaftler kooperieren:

"Neben dem einmaligen Erhaltungszustand der Mumien ist vor Allem ihr Aussehen überraschend. Denn die Mumien wirken mit ihren kräftigen Gesichtszügen, Bärten und hellbraunen oder sogar blonden Haaren alles andere als chinesisch. Könnten sie zu einem europäischen Volk gehören, das die Menschen in China schon in der Bronzezeit in Kontakt mit dem Westen brachte? Brachten sie sogar wichtige Kulturtechniken wie den Bronzeguss mit nach China? Der renommierte Mumien-Experte Professor Victor Mair will diese Fragen nun mit modernsten Methoden auf den Grund gehen. Eine DNA-Untersuchung soll zeigen, ob die Mumien tatsächlich europäische Wurzeln haben."

Link zu www.zdf.de


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#4
21.01.2014
16:03:45


(+2, 10 Votes)

Von ehemaligem User FoXXXyness
Antwort zu Kommentar #1 von StefanBroniowski


Genau so ist es!


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#5
21.01.2014
16:44:57


(+4, 6 Votes)

Von TheDad
Profil nur für angemeldete User sichtbar


Mann sollte vielleicht mal über folgende Idee nachdenken, die mir gerade kam als ich das Bild der küssenden beim Euro-Pride in Warschau sah..

Mit den Olympischen Spielen "gewinnen" die Ausrichter gleichzeitig die Ausrichtung der "Behinderten-Olympiade", neudeutsch Paralympics..

Aus der Nummer kommen die ja seit einigen Spielen auch nicht mehr heraus..

Also sollte Mann daran arbeiten das mit dem Gewinn der Olympischen Spiele neben den Paralympics im Anschluß auch die Gay-Games ausrichten MÜSSEN..
Als Abschlußfeier mit einem World-Wide-Pride..

Damit könnte Mann entweder die Bewerbung der Ausrichter entsprechend zurückdrängen die so wie Russland gegen Menschenrechte agieren, andererseits dafür sorgen das die Anliegen der LGBT´s eine größere mediale Aufmerksamkeit genießen..

Für Russland ist es kurzfristig zu spät..
Für Brasilien 2016 kann das funktionieren..

In London 2012 HAT das bereits funktioniert..


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#6
21.01.2014
20:27:02


(+9, 15 Votes)

Von fakten-check


"stellte das Engagement Alexandra Kollontais für die sexuelle Befreiung in der Folge der Oktoberrevolution nur eine Randerscheinung dar"

Die Volkskommissarin für soziale Fürsorge, die erste Ministerin der Welt, die 1920 den Vorsitz der Frauenabteilung beim ZK der KPdSU übernahm, war eine "Randerscheinung"?

Die Abschaffung sämtlicher zaristischer Gesetze und Legalisierung von Homosexualität durch die revolutionären Bolschewiki in den 1920er Jahren auch? Wie sah es damals eigentlich mit solchen "Randerscheinungen" in Deutschland aus?

Warum unterscheidet der Text nicht zwischen revolutionärer Politik der Bolschewiki im Zuge der Oktoberrevolution und konterrevolutionären Entwicklungen in der Folgezeit? (Die ganz nebenbei auch in einem internationalen Kontext (siehe Installation des Faschismus in Deutschland und Folgezeit) standen?!)

Warum wird nicht erwähnt, dass Kommunist*innen die sexuelle Befreiung und insbesondere die Befreiung von Schwulen und Lesben heute als zentralen Bestandteil der Befreiung der Arbeiter*innenklasse und überhaupt der Menschheit von den herrschenden kapitalistischen Ausbeutungs- und Unterdrückungsverhältnissen, die unmittelbar verknüpft sind mit der bürgerlichen Geschlechterordnung und Heteronormativität, verteidigen?


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#7
21.01.2014
21:40:04


(+7, 9 Votes)

Von rentenbescheid
Antwort zu Kommentar #6 von fakten-check


rentenbescheid


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#8
22.01.2014
05:56:21


(-4, 8 Votes)

Von Timm Johannes


Zumindest bestätigt der Band, wie massiv das Versagen der Linken und Kommunisten auch in Russland im Ungang mit homosexuellen Menschen war.

Da erzähle mir noch einer "mit den Linken gibt es Fortschritte im Bereich LGBT".

Dazu bedarf es schon der liberalen bürgerlichen und grünen geprägten Kräfte, die in der Mitte der Gesellschaft sich finden.

Die Linken neigten immer schon zur Ausgrenzung Andersdenkender. Sie waren darin nur nicht ganz so gewalttätig und verbrecherisch wie die Rechtsradikalen. Aber wenn man an Stalin denkt, waren Sie es vielleicht doch.


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#9
22.01.2014
16:02:41


(+2, 4 Votes)
 
#10
23.01.2014
06:08:42


(-2, 2 Votes)

Von Master Roob
Antwort zu Kommentar #6 von fakten-check


Lese den Text mal genau
vorher wurde Homosexualität nicht strafrechtlich verfolgt in Russland !!!
also ist der Quatsch für die Befreiung von Schwulen und Lesben nicht wichtig !!!!!


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