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Grün-Rot in den Rücken gefallen

Der naive CSD-Veranstalter


  • Micha Schulze, Jahrgang 1967, ist Geschäftsführer von queer.de und seit 25 Jahren in schwul-lesbischen Medien zu Hause. Normalerweise schreibt er vor allem Konzepte, Angebote, Rechnungen und Mahnungen, in dieser Kolumne aber immer wieder auch Emails an Leute und Organisationen, über die er einfach nur den Kopf schütteln kann.

    22. Januar 2014, 74 Kommentare

Micha Schulze schreibt an den Stuttgarter CSD-Sprecher Christoph Michl, der fordert, man müsse die Ängste der Bildungsplan-Gegner ernst nehmen und mit ihnen diskutieren.

Lieber Christoph Michl!

Diese Meldung hat mich heute morgen vom Hocker gehauen: "Grün-Rot droht aus Sicht von Homosexuellen bei der Gleichstellung von Schwulen und Lesben über das Ziel hinauszuschießen", heißt es in einem Bericht der Deutschen Presse-Agentur, den gleich mehrere Tageszeitungen veröffentlichten. Dabei beruft sich der Artikel allerdings allein auf Dich, den langjährigen Sprecher der IG CSD Stuttgart e.V.

Nun mag das eine sehr freie, unbeabsichtigte und auch fragwürdige Interpretation Deiner Zitate durch die dpa-Kollegen sein, dennoch bist Du mit Deiner Plauderei der grün-roten Landesregierung im Streit um den Bildungsplan in den Rücken gefallen und hast eine Steilvorlage geliefert für den rechten Mob und Teile der schwarz-gelben Opposition, die sich offensichtlich eine Art Hetero-Propaganda in der Schule wünschen.

Wer mit Vielfalt Probleme hat, hat auch Probleme mit der Demokratie


Christoph Michl kritisiert laut dpa auch die Regenbogen-Flagge der Landesregierung auf dem Stuttgarter Schloss zum CSD 2013: "Nicht alles, was gut gemeint ist, ist auch gut gemacht". Man wolle schließlich keine Sonderrechte, sondern Normalität (Bild: IG CSD Stuttgart e.V.)

Natürlich unterstützt Du die Forderung nach Aufklärung über sexuelle Vielfalt in der Schule, keine Frage. Dennoch sagst Du: Wenn 150.000 Menschen eine Petition gegen den Bildungsplan unterzeichnen, müsse man darauf eingehen. Wörtlich zitiert Dich dpa: "Die muss man ernst nehmen", "Diese Diskussionen muss man führen", "Die Richtung ist richtig, aber man muss die Gesellschaft mitnehmen."

Wie kann man nur so naiv sein?! Nein, wir müssen und dürfen nicht auf den homophoben Pöbel vom rechten Rand, den es immer geben wird, Rücksicht nehmen! Alle Demokraten müssen ihn stattdessen geschlossen in die Schranken weisen! Auch bei 150.000 Online-Unterschriften, die im Übrigen aus der ganzen Welt stammen und mehrfach abgegeben worden sein können, muss man wirklich nicht die Hand zur Diskussion reichen! Hinter den immer wieder zitierten "besorgten Eltern" tarnt sich ein homophobes Bündnis aus christlichen Fundamentalisten, ewig Gestrigen und neuen Rechten, das in seiner Agitation vor gezielten Lügen nicht zurückschreckt.

Worum geht es denn bitte? Der überfällige grün-rote Bildungsplan sieht doch lediglich vor, in der Schule das wahre Leben abzubilden, nämlich auch im Unterricht zu zeigen, dass es mehr Lebensmodelle gibt als die heterosexuelle Kleinfamilie – und keines dieser Modelle besser oder schlechter ist als das andere. Wer mit diesem simplen Bildungsziel Schwierigkeiten hat, der hat auch ernsthafte Probleme mit Toleranz, Demokratie und Menschenrechten, der stellt sich außerhalb unserer Gesellschaft.

Die CDU surft mit CSD-Rückenwind auf der homophoben Welle


Plakat zum CSD Stuttgart 2014: Unter "Aufruhr" hatten wir uns eigentlich etwas anderes vorgestellt

Statt den intoleranten Bildungsplan-Gegnern Paroli zu bieten und sie – wie Ministerpräsident Kretschmann – als "religiös imprägniert" zu entlarven, hast ausgerechnet Du als CSD-Veranstalter den rechten Hetzern neues Futter geliefert. Ein Öffentlichkeitsprofi hätte wissen müssen, was solche Sätze bewirken – da hilft auch all Dein hilfloses Zurückrudern nicht. "Der dpa-Text zeigt natürlich nur die halbe Wahrheit und lässt Zwischentöne außen vor", sagst Du auf Anfrage von queer.de – und behauptest auf der Facebook-Page des CSD Stuttgart ernsthaft, dass die Landesregierung ja nun "mit der heutigen Debatte im Landtag", wie von Dir gefordert, die Ängste der Bevölkerung aufgegriffen habe. Was du dabei verschweigst: Die Aussprache war von der CDU-Fraktion beantragt worden, um das Land weiter zu spalten und durch das Surfen auf der homophoben Welle politisches Kapital zu schlagen.

Der CSD Stuttgart hat in diesem Jahr das wunderbare Motto "Wir machen Aufruhr!" – passend zum 45. Jubiläum der Aufstände in der New Yorker Christopher Street. Wie kann es sein, dass ausgerechnet der CSD-Sprecher die Lektion von 1969 scheinbar nicht gelernt hat, ja selbst eine Regenbogenfahne am Stuttgarter Schloss an einem einzigen Tag im Jahr für eine unnötige Provokation hält?

Hätten die Gäste im "Stonewall Inn" damals auch "Verständnis" für willkürliche Razzien und die "Ängste" der knüppelnden Polizisten gezeigt und zur "Diskussion" mit den Misshandlern aufgerufen, würde es wohl heute keinen CSD Stuttgart geben!



#1 Vor OrtAnonym
  • 22.01.2014, 14:20h
  • Naivität?

    Oder wiederholte Parteinahme - gegen die Community?

    Wer machte 2011 den CDU-Oberbürgermeister Schuster zum Schirmherrn des CSD Stuttgart?
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#2 LorenProfil
  • 22.01.2014, 14:21hGreifswald
  • Ob es um das Hissen der Regenbogenfahne oder den Bildungsplan geht: Die dämlichen Verlautbarungen des Herrn Michl führen zu einer geschichtsvergessenen Appeasement-Politik, die die homosexuellenfeindlichen Kräfte bestärkt und deren "Aufruhr" frischen Wind gibt. Erst denken, dann reden und Eigentore dieser Art in Zukunft bitte vermeiden.
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#3 ZeitfensterAnonym
#4 timpa354Ehemaliges Profil
  • 22.01.2014, 14:36h
  • Bravo, absolut auf den Punkt getroffen, hätte nie gedacht, dass ausgerchnet ein CSD Sprecher so naiv herum tapst. Christoph Michl sei gesagt, wer nichts will, kriegt auch nichts.Hätten die amerikanischen LGBT Verbände so verzagt reagiert wie er nach all den christlichen Unverschämtheiten und Beleidigungen, hätte kein einziger Staat die Ehegleichstellung ,oder schärfere Strafen für Hassverbrechen.
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#5 sperlingAnonym
  • 22.01.2014, 14:43h
  • dieser logik folgend, müssten migrant_innenvereine neonazis "ernst nehmen" und das gespräch mit rassistischen hetzgruppen suchen, wenn die irgendwo eine erfogreiche petition starteten (der unterschied: eine offen rassistische petition würde vermutlich kaum so selbstverständlich überhaupt zugelassen werden).

    ich werde das csd-team stuttgart nie mehr so kritiklos bejubeln, wie ich es hier manchmal tat.

    bin auf die entgegnung gespannt.
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#6 Provinz-ZoraAnonym
#7 Hohn und SpottAnonym
  • 22.01.2014, 15:01h
  • Faschistoide Auslöschungforderungen und -diskurse unter dem Deckmantel einer "Petition", die von der altbekannten Allianz aus Konservativen, Kirchen und Faschisten ausgeschlachtet werden, verharmlosen und sogar verteidigen?

    Und zugleich etwas von "Wir machen Aufruhr" faseln?

    Wann werden CSDs endlich (wieder?) zu Kristallisationspunkten einer echten politischen Debatte und letztlich einer klaren politischen Positionierung der Community, sowohl vor Ort als auch mit nationaler und internationaler Koordination der politischen Forderungen, der Programme, sowie der Aktivitäten und Schritte der Organisation zu deren Durchsetzung, im Gegensatz zu kommerziellen Selbstinszenierungen sich anbiedernder Opportunisten und Karrieristen?
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#8 splitterAnonym
  • 22.01.2014, 15:03h
  • "Hinzu komme, dass viele in Russland die westliche Kritik kaum nachvollziehen können sofern sie sie überhaupt mitbekommen.

    In Russland fehle es an sexueller Aufklärung, sagte die Journalistin Ina Ruck jüngst bei Beckmann."

    ______________________________

    Vor kurzem war ein russischer LGBT-Aktivist in einem Jugendzentrum in Mannheim, um über die
    Lage der LGBTs in Russland zu berichten und den Boden (Unwissenheit)auf dem Homophobie gedeihen kann.

    _____________________________

    Worum geht es denn bitte? Der überfällige grün-rote Bildungsplan sieht doch lediglich vor, in der Schule das wahre Leben abzubilden, nämlich auch im Unterricht zu zeigen, dass es mehr Lebensmodelle gibt als die heterosexuelle Kleinfamilie und keines dieser Modelle besser oder schlechter ist als das andere.
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#9 splitter IIAnonym
#10 lesMam
  • 22.01.2014, 15:24h
  • @Micha Schulze

    Sehr zutreffend geschrieben. Besser hätte ich es auch nicht gemacht .

    An den, sich anbiedernden Herrn Michel:

    MIT LEUTEN, DIE MIR UND ALLEN ANDEREN LESBEN & SCHWULEN AM LIEBSTEN DEN SCHÄDEL EINSCHLAGEN WÜRDEN, DISKUTIERE ICH NICHT !!!
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