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  • 25.01.2014           127      Teilen:   |

Talkshow zu homophober Petition

Zum Bildungsplan: Ein SWR-Talk über der Gürtellinie

Artikelbild
Moderator Wieland Backes (r.) sorgte für peinliche Momente wie für eine insgesamt gelungene Debatte

Im Streit um eine bessere Schulaufklärung über Homo- und Transsexualität in Baden-Württemberg sorgt das "Nachtcafé" selbst für Aufklärung.

Von Norbert Blech

Der Streit um einen Bildungsplan in Baden-Württemberg, der über sexuelle Vielfalt aufklären soll und erst durch eine homophob begründete Online-Petition ins Rollen kam, hatte sich zuletzt potenziert: Die Petition steht bei fast 170.000 Unterzeichnern; die Kirchen, rechte Blogs und die AfD sprangen auf den Vorurteilszug auf, Union und FDP nutzten die Vorbehalte in einer Landtagssitzung. Würde eine Talkshow, zu der auch der Ersteller der Petition und ein evangelikaler Gleichstellungsgegner eingeladen wurden, hier Luft aus der aufgeheizten Debatte nehmen?

Der Anfang des "Nachtcafé" war zunächst beschwerlich. Moderator Wieland Backes wirkte zwischenzeitlich, als könnte er noch während der Sendung ableben, und sorgte für einen unangemessenen Ton der grabesstimmigen Betroffenheit, als ein Jugendlicher von seinem Coming-out erzählte – das wirkte überproblematisierend, stigmatisierend. Die Redaktion erlaubte sich zudem einen Schnitzer: Das Insert besagte, der junge Mann arbeite bei einem Projekt zur "Hilfe bei sexueller Orientierungslosigkeit".

Die erst danach beginnende Diskussion hatte Backes aber professionell im Griff und sorgte für einige unterhaltsame wie gelegentlich peinliche Momente (da war der ungelenke Versuch, von der eigenen Heterosexualität zu sprechen, ohne diskriminierend wirken zu wollen). Vor allem sorgte er durch durchdachte bis kritische Fragen für eine Diskussion, die das Aufklärende betonte.

Berührende Momente gab es, etwa als Stephan Schmidpeter angemessen viel Zeit erhielt, um von seinem Sohn zu erzählen, der sich im Alter von 17 Jahren das Leben nahm. Mit dem Michael-Schmidpeter-Preis unterstützt er die Auseinandersetzung von bayrischen Schülern mit dem Thema Homosexualität.

Die lesbische und verpartnerte "taz"-Chefin Ines Pohl erzählte von ihrer "unendlichen Einsamkeit" während des Aufwachsens in der Provinz, einer "brutalen" Erfahrung (worin übrigens auch der Grund ihrer Ablehnung von Politiker-Outings liegt, womit sie freilich gestandene Minister mit zu beschützenden und unterstützenden Jugendlichen gleichstellt). Der Stuttgarter CDU-Abgeordnete Stefan Kaufmann kündigte an, seinen Freund in diesem Jahr heiraten zu wollen – auch kirchlich, eine Anfrage an den Bischof, dem katholischen Pfarrer vor Ort einen Segen zu ermöglichen, laufe derzeit.

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Herzliche Kritik an der Kirche

Bildungsminister Andreas Stoch (SPD) kämpfte gekonnt gegen Vorurteile und Desinformation
Bildungsminister Andreas Stoch (SPD) kämpfte gekonnt gegen Vorurteile und Desinformation

Auf Seiten der Befürworter der Schulaufklärung stachen vor allem zwei Personen heraus: Zum einen Traudl Fuchs, die Mutter einer lesbischen Tochter und inzwischen stolze Oma. Es sollte mehr von ihrem entwaffnenden Schlage in Talkshows, in Schulprojekten geben. Sie machte deutlich, wie schwierig es für Kinder – wie auch Eltern – ist, auf dem Land Beratung und Unterstützung beim Coming-out zu bekommen und wie wichtig es daher sei, in der Schule früh zu vermitteln, wie normal Homosexualität ist.

Die evangelische Kirchengemeinderätin forderte im schönsten heimischen Dialekt, beide Kirchen müssten sich "schnell auf den Weg machen und die Menschen dort abholen, wo sie sind, und nicht sagen: Ihr seid zwar toleriert, aber alles andere darf nicht sein. Da sind Sie auf dem Holzweg." Bildungsminister Andreas Stoch ergänzte an anderer Stelle, so würde ein Großteil der Bevölkerung die Bibel verstehen.

Er war der andere Gewinner dieser Debatte, ein eher zurückhaltender Jurist und Familienvater, der erst seit wenigen Jahren im Landtag sitzt und sich hier klar für Berlin empfahl, würde die Bundes-SPD denn mal auf die Idee kommen, vernünftige Leute aufzustellen. Er begegnete den Gegnern des Bildungsplans gelegentlich mit einem Gesichtsausdruck zwischen Erschütterung und Empörung, den man in seiner betroffenen Ernsthaftigkeit gesehen haben muss.

Die Petition ziele in ihrer Betonung auf das Sexuelle unter die Gürtellinie, betonte der Minister, dabei gehe es um den Bereich darüber. Um das Herz, um den Wert eines Menschen, um die Menschenwürde, um das "Glück des Kindes" anstatt der Wertvorstellungen der Eltern. Die Petition sei unehrlich und schüre Ängste, obwohl nur ein Arbeitsentwurf für Fachkommissionen vorliege, der natürlich auch andere Themen umfasse. Auf entsprechende Nachfrage stellte er resolut fest, dass er mit dieser "Einordnung" keinen Richtungswechsel vollziehen oder die Pläne relativieren wolle. Die Probleme nicht nur von Schwulen und Lesben, sondern der ganzen Fülle der sexuellen Vielfalt müssten "dringend" angegangen werden.

Vermeintlich zahme Aufklärungsgegner

Petitionsersteller Gabriel Stängle (l.) und Evangelikalen-Chef Hartmut Steeb kämpften Seite an Seite
Petitionsersteller Gabriel Stängle (l.) und Evangelikalen-Chef Hartmut Steeb kämpften Seite an Seite

Dagegen stehen Menschen wie Hartmut Steeb. Der Generalsekretär der Evangelischen Allianz hat fast 3.500 Freunde auf Facebook (von denen einige dort angaben, für ihn während der Sendung zu beten), und er ist auch ansonsten gut vernetzt: Der Fraktionschef der Union im Bundestag und Gleichstellungsgegner Volker Kauder ist gern gesehener Gast auf seinen Veranstaltungen.

Steeb bemühte sich, kritischen Fragen möglichst auszuweichen und als tolerant zu wirken. Zwischendurch fiel ihm aber die Maske herunter, etwa als er davon sprach, "glücklicherweise" kein homosexuelles unter seinen zehn Kindern zu haben, oder als er forderte, dass man Menschen, "die unter ihrer sexuellen Orientierung leiden", Hilfe anbieten müsse, "davon wegzukommen". Es ist dies die offzielle Umschreibung der deutschen Evangelikalen für "Homo-Heilung", von der Steeb abstritt, dass es sie in seinen Reihen gibt. Auf die Beweise warte man noch, fuhr ihm Backes schön in die Parade.

Steeb kritisierte, als "homophob" abgestempelt zu werden, und forderte Toleranz ein für Personen, die für Ehe und Familie kämpften. Keine Toleranz für Intoleranz, quittierte das Pohl kurz und angemessen. Es gäbe keine Notwendigkeit für ein Adoptionsrecht für homosexuelle Paare, argumentierte Steeb einmal vordergründig pragmatisch, da es jetzt schon mehr Kinder als potentielle Eltern gäbe – zuvor hatte ein schwuler Mann, der mit seinem Partner ein Pflegekind aufzieht, von den rechtlichen Problemen dieser Kinder erzählt und davon, wie bei homosexuellen Paaren vor allem Kinder landeten, die keiner will oder von früheren Familien zerrüttet wurden.

Wenig zu Wort kam Gabriel Stängle, der Initiator der Online-Petition gegen den Bildungsplanentwurf, der so wirkte wie man sich eine Lexikon-Bebilderung vorstellt zum Begriff "Klemmschwester", und zwar einer, die unter zahlreichen "Konversionstherapien" zusätzlich gelitten hat. Aber sowas von.

Stängle betonte, dass es einen Unterschied gäbe zwischen Toleranz und Akzeptanz – weil er bei letzterem quasi "die gegnerische Haltung" übernehmen müsse. Sein "Grundimpuls" sei, nicht über andere zu urteilen; die Petition stelle nur "Anfragen" an die Landesregierung. Diese sensationelle Verharmlosung der eigenen Petition hing wohl auch damit zusammen, dass dem Realschullehrer sein knurrender Dienstherr gegenübersaß.

Hat die Sendung etwas gebracht? Hoffentlich bei dem ein oder anderen Zuschauer. In den Kommentarspalten von "Politically Incorrect" ging der Menschenhass allerdings während und nach der Show ungebremst weiter, das evangelikale Portal Medrum befragt gerade seine Leser zur angeblichen Unausgewogenheit der Sendung, um Druck auf den SWR ausüben zu können.

Diesen Kulturkampf, diesen Rollback-Versuch wird man nicht so einfach los. Auf Facebook verlinkte Steeb gestern eine Online-Petition gegen den "Lunacek-Bericht", der auf EU-Ebene Verbesserungen zur Akzeptanz von LGBT vorsieht.

Die Sendung ist nun in der SWR-Mediathek verfügbar.

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Tags: baden-württemberg, bildungsplan, swr, nachtcafé, hartmut steeb, evangelische allianz, gabriel stängle, andreas stoch, ines pohl
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Reaktionen zu "Zum Bildungsplan: Ein SWR-Talk über der Gürtellinie"


 127 User-Kommentare
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Die ersten:   
#1
25.01.2014
13:34:31


(-16, 20 Votes)

Von Miro


Dass die Sendung unausgewogen war, kann kein objektiver Beobachter bestreiten.

Wer zählen kann, kommt bei den Gästen auf ein Kräfteverhältnis von 2:7.

Man kann dabei auch nicht ernsthaft von einer Debatte sprechen.

Die öffentlich-rechtlichen Anstalten sind politisch eindeutig positioniert.


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#2
25.01.2014
13:34:54


(0, 8 Votes)
 
#3
25.01.2014
13:44:14


(+15, 17 Votes)

Von Enyyo


"Gabriel Stängle, der Initiator der Online-Petition gegen den Bildungsplanentwurf, der so wirkte wie man sich eine Lexikon-Bebilderung vorstellt zum Begriff "Klemmschwester", und zwar einer, die unter zahlreichen "Konversionstherapien" zusätzlich gelitten hat. Aber sowas von."

Perfekt beschrieben, das war genau mein Eindruck!

Ansonsten eine m.E. gute Sendung, denn auch wenn Herr Backes z.T. etwas sehr betulich rüber kommt, ist er doch einer der angenehmsten Talkmaster, der nicht nur seine Gäste respektvoll behandelt, sonderen auch eine kontroverse Sendung so leiten kann, dass sie nicht in Schreierei ausartet.

Auch die Gäste waren m.E. sehr gut ausgewählt und auch nicht die Sektenfreunde wie sonst oft überproportional vertreten.


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#4
25.01.2014
13:46:27


(-13, 17 Votes)
 
#5
25.01.2014
13:52:08


(+12, 16 Votes)

Von columbo


so war's. stimmt, mehr traudls.

war auch gut: bent vansbotter, lebt mit seinem partner jörg und pflegesohn ein glückliches familienleben in berlin. er merkte u.a., ohne großstadtgroßkotz das stadt-land- bzw. nord-süd-gefälle von toleranz und krampf an.

"Moderator Wieland Backes wirkte zwischenzeitlich, als könnte er noch während der Sendung ableben,.." backes-gucker wissen das.
nicht selten kommen dann aber, in den totesten momenten, auch die furztrockensten entlarvenden anmerkungen oder einwürfe von ihm.


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#6
25.01.2014
14:16:04


(+11, 13 Votes)

Von Ottfried Kern


"Es ist peinlich", sagt eine junge Kellnerin über die Petition und wünscht einen guten Tag.

Link zu www.zeit.de


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#7
25.01.2014
14:23:37


(+7, 9 Votes)

Von Sebi
Antwort zu Kommentar #1 von Miro


Wenn ich das richtig lese, war das aber 5:2 zu unseren Gunsten...


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#8
25.01.2014
14:33:36


(+14, 16 Votes)

Von ehemaligem User Tonner66


Es ist wie immer und überall. Eine zutiefst gestörte und verbitterte Klemmschwester zieht in den "Kampf" gegen Seinesgleichen ! Sind immer die selben "Nestbeschmutzer" am Werk. :-(


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#9
25.01.2014
14:34:01


(+10, 14 Votes)

Von unfassbar
Antwort zu Kommentar #1 von Miro


bei der puren menschenverachtung und lebensgefährlichen, antiwissenschaftlichen nazi-propaganda ("von homosexualität wegkommen") sowie verfassungsfeindlichen gesinnungen dieser "petition"sfaschisten kann es in einem demokratischen rechtsstaat mit schutz der menschenwürde und gleichheitsgrundsatz auch nur eine position geben:

nämlich endlich ein wirksames gesetz gegen hassrede (wie raffiniert verpackt sie auch immer sein mag), das diese art der diffamierung und herabwürdigung unter harte strafe stellt!

es ist erschreckend, dass solchen glasklaren nazi-gesinnungen vom öffentlich-rechtlichen fernsehen schon wieder eine plattform geboten wird.


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#10
25.01.2014
14:35:36


(+13, 17 Votes)

Von Talk Talk Talk


Und wann "talkt" der SWR mit Rassisten und Antisemiten darüber, ob Schwarze und Juden in den Schulen als "normal" und "gleichwertig" behandelt werden dürfen?


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