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  • 09.02.2014           17      Teilen:   |

Zunahme der Flucht-Wünsche u.a. nach Deutschland

Aktuell 15 Asylverfahren schwuler und lesbischer Russen

Artikelbild
Dimitri Chusonow, kurz Dima, bei einer Festnahme 2012. Da ihm zwei Anklagen wegen Extremismus / Rowdytums drohen, hat er in dieser Woche mit seinem Ehemann in Köln einen Asylantrag gestellt.

Der kleine deutsch-russische Verein Quarteera ist damit ausgelastet, Flüchtlingen aus Russland zu helfen. Die Anfragen sind sprunghaft gestiegen. Ein Interview.

Quarteera, eine Vereinigung russischsprachiger LGBT in Deutschland mit den Schwerpunkten Berlin und Hamburg, ist drei Jahre nach der offiziellen Eintragung als Verein ein fester Name in der deutschen LGBT-Szene: Aktivisten beteiligen sich mit kreativen Aktionen an CSDs, reisen durch halb Deutschland, um über die Lage in Russland aufzuklären, und helfen auch der Szene vor Ort durch Vernetzung und der Mitplanung von Events wie den Rainbow Flashmobs zum Internationalen Tag gegen Homophobie.

Die privat entstandene und bis heute ehrenamtliche Initiative, die zunächst vor allem russischsprachigen LGBT in Deutschland Unterstützung und die Möglichkeit zum gegenseitigen Kennenlernen bieten wollte, stößt seit spätestens einem Jahr an ihre Grenzen. Seitdem sind die Anfragen an die Gruppe aus Russland nach Asyl oder anderen Möglichkeiten der Flucht gestiegen.

So kümmert sich die kleine Gruppe inzwischen um LGBT aus Russland, die in ganz Deutschland verteilt in Asylverfahren stecken – auch um das Aktivistenpaar Wanja und Dima, das am Mittwoch in Köln einen Antrag auf Asyl stellte (queer.de berichtete). Am Rande der Konferenz "Gold for equal rights" in Berlin am letzten Wochenende sprach queer.de-Redakteur Norbert Blech mit Regina Elsner von Quarteera.

Wieviele Personen betreut ihr gerade und wie?

Wir wissen aktuell von 15 Personen im Asylverfahren. Davon unterstützen wir elf aktiv. Unsere Unterstützung sieht in den meisten Fällen so aus: Wir suchen und vermitteln Fach-Anwälte und bieten Übersetzungen beim Gang zu ihnen und zu den Behörden. Dann helfen wir bei der Suche nach russischsprachigen Ärzten und Psychologen, unterstützen Anwälte durch Informationen und Gutachten aus Russland. Und wir stehen natürlich im regelmäßigen Kontakt zu den Flüchtlingen – die moralische Unterstützung in Krisenmomenten ist wichtig, vor allem, weil die Prozesse oft sehr lange dauern und die Ungewissheit und Angst vor der Rückkehr sehr schwer zu ertragen sind.

Auch der Kontakt zur lokalen Flüchtlingshilfe, um z.B. Unterkunftsbedingungen zu verbessern, ist wichtig. Wir hatten beispielsweise einen Fall, wo zwei junge Frauen in getrennte Heime verlegt werden sollten, obwohl sie eindeutig angegeben hatten, dass sie ein Paar sind. Wir haben dann mit der Flüchtlingshilfe vor Ort und der zuständigen Bezirksregierung Kontakt aufgenommen, um das zu verhindern. Die Reaktion ist eine eigene Geschichte: Zunächst wurden die beiden dann als Schwestern geführt, um sie gemeinsam weiter zu bearbeiten – nett gemeint, aber eventuell verheerend für ihr Verfahren, weil das ja eine Falschaussage wäre. Soviel zum Thema LGBT-Sensibilität in den deutschen Ämtern…

Fortsetzung nach Anzeige


Dima und sein Partner Iwan Jarzjew (Wanja). Die beiden Männer hatten am Freitag vor einer Woche in Kopenhagen geheiratet. - Quelle: nb
Dima und sein Partner Iwan Jarzjew (Wanja). Die beiden Männer hatten am Freitag vor einer Woche in Kopenhagen geheiratet. (Bild: nb)

Was sind die Gründe für die Asylsuche?

Etwas grob kann man das in zwei Gruppen einteilen: Die einen haben handfeste psychische und physische Gewalt in ihrer Heimat erlebt, in den meisten Fällen auch direkt durch die Staatsgewalt, also Polizei, Miliz oder mafiöse Gruppen. Dazu gehören auch ausstehende Gerichtsverfahren, wie bei Dima – natürlich nicht wegen "Propaganda", sondern wegen handfesten strafrechtlichen "Verbrechen" wie Extremismus oder Rowdytum. Sie fürchten teilweise um ihr Leben, ihnen drohen echte Gefängnisstrafen. Sie können daher nicht zurückkehren.

Die andere Gruppe – bisher nur Frauen – sind gekommen, weil sie die zukünftigen Folgen der homophoben Gesetzgebung fürchten und bereits mit Alltagsdiskriminierung konfrontiert wurden, also Kündigungen, Ablehnung von Kindergartenplätzen für das eigene Kind, Bedrohungen oder Erpressung durch Nachbarn, dass sie die Familie dem Jugendamt melden werden etc. Die Sorge, dass schon geborene oder erwartete Kinder durch die Ämter entzogen und in Kinderheime gesteckt werden, sind enorm. Und natürlich will niemand warten, bis das entsprechende Gesetz wirklich angenommen wurde und das Jugendamt vor der Tür steht.

Beiden Gruppen ist gemeinsam, dass sie mit keinerlei Schutz durch staatliche Stellen – Polizei, Gerichte, Ämter usw. – rechnen können, sondern im Gegenteil mit zusätzlichen Repressionen rechnen müssen, wenn sie sich an diese um Hilfe wenden.

Wie stehen die Chancen für solche Asylanträge allgemein und speziell für Dima und Wanja?

Das ist immer sehr schwer zu sagen, denn das Bundesamt trifft ausschließlich Einzelfallentscheidungen. Bei klar nachweisbaren Fakten der persönlichen Verfolgung stehen die Chancen nicht so schlecht, wie der Fall von Pawel und ein anderer gezeigt hat. Schwieriger ist es, wenn es (noch) keine konkreten Vorfälle gibt, die Menschen also aus Angst vor zukünftiger Bedrohung geflohen sind, oder aber – und das ist dramatischer – nicht nachweisen können, dass ihnen wirklich Dinge passiert sind.

Das betrifft vor allem die Situationen, in denen eine Anzeige bei der Polizei nicht gestellt werden kann, weil die Polizei dann selbst gegen einen vorgeht – keine Anzeige, kein Protokoll, kein Nachweis. Das gleiche gilt für ärztliche Gutachten – wenn man die Gefahr eingeht, zwangseingewiesen zu werden, wenn man sich an einen Arzt wendet, um Spuren von Missbrauch protokollieren zu lassen, wird man das lieber lassen. Aber man hat dann eben auch keine Dokumente. Der fehlende (Rechts-)Schutz ist die größte Bedrohung – er ist aber auch am schlechtesten nachweisbar.

Für Dima und Wanja sind die Chancen nach dem ersten Eindruck und den bekannten Mechanismen des Bundesamtes nicht gänzlich schlecht, denn es gibt klar auf der Hand liegende Materialien und Vergleichsfälle in Russland. Aber wie gesagt: Eine Garantie gibt es nicht.

Regina Elsner (r.) mit Mitstreiterin Zlata beim Berliner CSD
Regina Elsner (r.) mit Mitstreiterin Zlata beim Berliner CSD (Bild: Olgerta Ostrov)

Welche Alternativen zum Asyl gibt es?

Alternativen, um aus Russland rauszukommen? Arbeit oder Studium – das sind die Wege, die wir empfehlen, weil Asyl wirklich ein sehr harter Weg ist und oft eine zusätzliche Traumatisierung bedeutet.

Wie kann man euch unterstützen?

Finanziell, damit wir mehr Möglichkeiten haben, die Leute etwa bei Anwalts-, Übersetzungs- oder Fahrtkosten zu unterstützen. Es gibt einige Flüchtlinge, die versuchen, ohne Anwalt durch die Anhörungen zu kommen – das ist riskant, weil es Dinge gibt, die, wenn sie einmal auf dem Papier stehen, nicht noch mal besser erklärt oder formuliert werden können. Die Unterstützung durch erfahrene Fachanwälte kann da entscheidend sein – ist aber nicht billig.

Und es wäre auch gut, mal eine Aufwandsentschädigung für die zahlen zu können, die oft sehr viel persönliche Zeit in die Unterstützung stecken. Wir sind zur Zeit personell sehr auf Berlin konzentriert, haben aber auch Fälle in NRW, Mecklenburg-Vorpommern und Bayern. Da wäre es gut, Ansprechpartner zu haben, die Russisch können und spontan unterstützen können, wenn es irgendwo brennt.

Nicht zuletzt wünschen wir uns eine größere Sensibilität für LGBT-Flüchtlinge – und das nicht nur aus Russland! – bei den Ämtern, Flüchtlingshilfen etc. Die Flüchtlinge erleben in den Flüchtlingsheimen oft eine ähnliche diskriminierende Situation wie in ihrer Heimat, aus der sie geflohen sind. Es wäre wichtig, nach Möglichkeit darauf Rücksicht zu nehmen, ob es in den Orten LGBT-Organisationen gibt, die sie psychologisch unterstützen können.

Links zum Thema:
» Spenden an Quarteera (absetzbar)
» Quarteera-Homepage
» Quarteera bei Facebook
Mehr zum Thema:
» Sotschi-Liveblog
» Schwules Aktivisten-Paar aus Russland bittet in Deutschland um Asyl (6.2.1014)
» Quarteera: Olympische Spiele nicht boykottieren, sondern nutzen (28.08.2013)
» Russland am Abgrund – Was tun? (28.07.2013)
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Tags: russland, asyl, flüchtlinge, quarteera
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Reaktionen zu "Aktuell 15 Asylverfahren schwuler und lesbischer Russen"


 17 User-Kommentare
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Die ersten:   
#1
09.02.2014
15:42:09
Via Handy


(+5, 9 Votes)

Von Martin28a
Profil nur für angemeldete User sichtbar


Von mir aus lasst sie slle nach Deutschland kommen, kann nicht genug schwule hier geben ;)


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#2
09.02.2014
17:01:56


(+2, 4 Votes)

Von Harry1972
Aus Bad Oeynhausen (Nordrhein-Westfalen)
Mitglied seit 21.02.2013


Hat sich Quarteera denn schonmal an die Auswanderer in Deutschland gewendet, die hierzulande als Russlanddeutsche bezeichnet werden.?
Ich meine, daß sind doch auch Menschen, die letztenendes auch aus Russland geflohen sind und da gibt es sicher einige, die Übersetzungen machen können und auch Zeit haben.
Klar wird es da auch Homohasser drunter geben aber ich denke, die Chancen stehen gut, dort Hilfe zu bekommen.


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#3
09.02.2014
17:28:55
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(+5, 5 Votes)

Von Schweiz


Die Schweiz hat knapp gegen übermäßige Einwanderung gestimmt.

Volksabstimmungen im politischen Bereich können gefährlich sein.
Ich hoffe die schwulen und lesbischen Schweizer haben größtenteils dagegen gestimmt.


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#4
09.02.2014
17:47:55
Via Handy


(+4, 4 Votes)

Von Schweiz
Antwort zu Kommentar #3 von Schweiz


Also ich meinte gegen die Abschottung


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#5
09.02.2014
18:21:28


(+2, 4 Votes)

Von Achtung Obacht
Antwort zu Kommentar #3 von Schweiz


"Übermäßige Einwanderung" ist etwas Anderes als Asylbewerbung.


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#6
09.02.2014
18:29:54


(+5, 5 Votes)

Von Bux1
Antwort zu Kommentar #4 von Schweiz


du meintest: sie haben für! die Abschottung entschieden.


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#7
09.02.2014
19:26:17
Via Handy


(+5, 5 Votes)

Von Schweiz
Antwort zu Kommentar #6 von Bux1


Ja aber ich meinte ich hoffe die schwulen und lesbischen Schweizer haben mehrheitlich gegen die Abschottung gewählt.


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#8
09.02.2014
20:22:32
Via Handy


(+5, 7 Votes)

Von Martin28a
Profil nur für angemeldete User sichtbar
Antwort zu Kommentar #7 von Schweiz


Wen interessiert das die Schweiz ist jetzt sowieso am Arsch
Du glaubst doch nicht allen Ernstes das die EU hier weiter Begünstigung gegenüber der Schweiz zulässt

Ich finde gerade wir deutsche sollten mal begreifen das die EU mehr unser Freund als unser Feind ist da sie als verlängerter Arm deutscher Interessen funktioniert


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#9
09.02.2014
20:38:00


(+7, 9 Votes)

Von Felix


Schlimm, dass die keinen anderen Ausweg sehen, als ihre Heimat, ihre Familie und ihre Freunde zu verlassen.

Hoffentlich bekommen sie wenigstens Asyl...


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#10
09.02.2014
20:53:18


(-6, 8 Votes)

Von Mikesch
Antwort zu Kommentar #3 von Schweiz


Solch eine Abstimmung ginge bei uns, wenn man sich denn trauen würde, auch nicht anders aus, zumal es sich überwiegend um Nicht-EU-Bürger handelt, die zu uns kommen.


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