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  • 12.03.2014           26      Teilen:   |

"Am Ende schmeißen wir mit Gold"

Fabian Hischmann: Prüde statt schwul

Artikelbild
Fabian Hischmann war u.a. als Regieassistent am Theater der Stadt Heidelberg sowie am Theater Freiburg tätig - heute lebt er in Berlin. "Am Ende schmeißen wir mit Gold" ist sein erster Roman (Bild: Rabea Edel/Berlin Verlag)

Mit seinem Debütroman "Am Ende schmeißen wir mit Gold" wurde Fabian Hischmann für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert. Er wird ihn hoffentlich nicht bekommen.

Von Angelo Algieri

"Sie sind tot!", schreit der 29-jährige Protagonist und Ich-Erzähler Max. Kurz nachdem er die Nachricht erfahren hat, dass seine Eltern bei einem Gasunfall im Ferienhaus auf Kreta umgekommen sind. Max schlägt sich daraufhin absichtlich den Hinterkopf an, bis er bewusstlos auf dem Boden liegt. Maria findet ihn, bringt ihn ins Krankenhaus…

Mit dieser schockierenden Wendung überrascht uns Autor Fabian Hischmann am Ende des ersten Drittels seines Romans "Am Ende schmeißen wir mit Gold". Der gebürtige Donaueschinger, Jahrgang 1983, ist bisher als Dramaturg aufgefallen. Er studierte in Hildesheim und am Deutschen Literaturinstitut Leipzig und erhielt verschiedene Autoren-Stipendien. Doch sein bisher größter Erfolg beschert ihn sein Debütroman in diesem Jahr mit der Nominierung für den Preis der Leipziger Buchmesse. Der Sieger wird am ersten Messetag, 13. März, bekannt gegeben. Aber bereits einen Preis hat Hischmann sicher: Im Online-Voting errang er beeindruckend den ersten Platz mit 43 Prozent der Publikumsstimmen. Wird es die Jury um den Vorsitzenden Hubertus Winkels genau so sehen?

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Ein Ex-Lehrer mit Wut und Trauer im Bauch

Hischmanns Debütroman ist im Februar 2014 im Berlin Verlag erschienen
Hischmanns Debütroman ist im Februar 2014 im Berlin Verlag erschienen

Doch zurück zum Plot: Max wird genäht, diese Wunde wird heilen. Doch wie heilt man eine seelische Wunde? Mit dem Unbegreiflich-Plötzlichen des Unfalls sucht Max die Schuld bei Hannah, einer Freundin seiner Eltern, und ihrer Familie. Ihnen gehörte das Ferienhaus. Nach der Beerdigung beschließt er, eine Zeitlang auf Kreta zu verweilen. Unter anderem um der Familie ein schlechtes Gewissen zu machen. Mit Wut und Trauer im Bauch, wohnt er bei Hannah und jobbt in ihrer Taverne. Da Max als Lehrer nicht mehr arbeiten möchte, versucht er sich als Tierfilmer und pirscht sich in die Fauna Kretas.

Dem 18-jährigen, sexy Sohn von Hannah, Timon, begegnet er zunächst oberlehrerhaft, doch schon bald freunden sich die beiden an – Timon nennt Max liebevoll "Gastbruder". Und Max profitiert von seiner Inselkenntnis, nimmt ihn als Assistenten zu seinen Tieraufnahmen mit. Etwa auf den Gipfeln, zu einem Seeadler-Nest. Der Schuldzuweisungsknoten löst sich an seinem Geburtstag. Denn die Gastfamilie hat jede Menge Überraschungen parat – allen voran Timon…

Bald darauf bricht Max auf. Er hat noch eine Rechnung offen mit Patrick, seinem personifizierten Schuldbewusstsein: Er fliegt nach New York, wo er den Ursprung des Problems sieht, und kauft sich eine Pistole. Er möchte ins Reine kommen… Kann er nach Deutschland zurückfahren? Nach Bremen zu seinem Freund Valentin, der ihn wahnsinnig vermisst? Oder nach Königsburg, dem fiktiven Dorf im Schwarzwald, in der Nähe von Villingen? Dort wo Maria und Jan, seine ehemalige Freundesclique, eine Kommune gegründet haben? Kurz: Was will Max nun mit seinem Leben anfangen?

Tod, Trennung und Berufsaufgabe bringen Max aus den Fugen

Autor Hischmann zeigt in seinem Roman auf, wie Tod, Trennung und Berufsaufgabe einen jungen Mann aus den Fugen bringt. Das Besondere: Wir bekommen nüchtern nur die archaischen Auswirkungen mit – etwa Selbstverletzung, Amokphantasien, mutwillige Zerstörungen. Es fließt viel Blut – gleich von der ersten Seite an. Doch dabei bleibt es nicht. Denn es geht auch um die Überwindung von Verlust, Ängsten und Gewalt, die teils tief in der Kindheit stecken. Kurz: Es geht auch um das Erwachsenwerden. Nicht umsonst ist Max 29 Jahre alt und erinnert so an Ingeborg Bachmanns Prosa "Das dreißigste Jahr": Was will Max sein?

Dennoch ist "Am Ende schmeißen wir mit Gold" kein psychologischer Roman. Der Ich-Erzähler fungiert wie eine Kamera, die beobachtet und beschreibt. Die Erzählweise ist lakonisch, distanziert und arbeitet mit Hauptsätzen. Einerseits beeindruckend irritierend, andererseits nervig. Da dieser Stil nicht zur Ich-Perspektive passen will. Jegliches Fehlen von Emotionen oder Reflexionen macht den Protagonisten unnahbar, schablonenhaft, unglaubwürdig. Letztlich zieht der Roman den Leser weder intellektuell, noch emotional an. Verdammt schade – bedenkt man die spannenden Themen!

Ein Blick für Details, doch beim Sex wird weggeschaut

Der Preis der Leipziger Buchmesse 2014 wird am 13. März in drei Kategorien vergeben.
Der Preis der Leipziger Buchmesse 2014 wird am 13. März in drei Kategorien vergeben. (Bild: Leipziger Messe GmbH / Norman Rembarz)

Außerdem unverständlich, warum Sex lediglich verschämt vorkommt – allein von der Sprache: Max wichst nicht, sondern "berührt sich". Statt Blasen gibt es "Oral-Sex". Es wirkt klinisch steril. Ein Kommentar der übersexualisierten Gesellschaft? Crime ja, Sex nein? Sicher, man muss nicht über Sex, Orgien und endlose Ficksessions (umgangssprachlich) schreiben. Dass man angemessen darüber erzählen kann, beweist der ähnlich gelagerte, sehr zu empfehlende Debütroman "Rossbreiten" von Florian Naujoks (queer.de besprach).

Befremdlich ist die Aussparung von Sex auch deshalb, da Hischmann einen faszinierenden Blick für Details hat. Sie werden an unerwarteter Stelle herangezoomt – und sind meist wenig appetitlich. Beispiel: "Ich stehe leicht in der Hocke, das Becken nach vorn geschoben. Mein Strahl löst einen Rest Kacke vom Porzellan, Timon hat ihn dort vergessen."

Zudem unbegreiflich, dass Hischmann dem Ich-Erzähler kein sexuelles Begehren, keine sexuelle Identität einwebt. Wen Max geil findet, ist entweder nicht klar oder es wird verschämt, verborgen angedeutet – auch zu Valentin. Zwar braucht man kein sexuelles Label wie schwul oder bisexuell; siehe Turmspringer-Star Tom Daley oder der Autor selbst. Doch vor lauter Unbestimmtheit wirkt der Protagonist erschreckend farblos, prüde und im schlechtesten Sinne beliebig! Da hat etwa Ann Cotten in ihrem Erzählband "Der schaudernde Fächer" sexuelles Begehren beeindruckend sinnlicher und spielerischer gelöst – ohne je ihre Figuren zu kategorisieren!

Fahle Sprache, blasser Protagonist

Fazit: Mit "Am Ende schmeißen wir mit Gold" hat Hischmann zwar die äußerlichen Auswirkungen von Verlust treffend beschrieben. Doch literarisch überzeugt der Text insgesamt kaum. Die Sprache zu fahl, die Dramaturgie mit ihren unzähligen, comichaften "Peng!" zu abgeschmackt, der Protagonist zu blass.

Den Preis der Leipziger Buchmesse wird Hischmann wohl nicht bekommen. Da sind die meisten Texte der anderen vier Konkurrenten, etwa Saša Stanišić mit seinem grandiosen Uckermark-Roman "Vor dem Fest", einfach mehrschichtiger, erzählerisch brillanter und rhythmischer!

  Infos zum Buch
Fabian Hischmann: Am Ende schmeißen wir mit Gold. Roman. Berlin Verlag. Berlin 2014. 18,99 €. 256 Seiten. ISBN: 978-3-8270-1148-0.
Links zum Thema:
» Mehr Infos zum Buch und Bestellmöglichkeit bei Amazon
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Tags: fabian hischmann, berlin verlag, leipziger buchmesse, literaturpreis
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Reaktionen zu "Fabian Hischmann: Prüde statt schwul"


 26 User-Kommentare
« zurück  123  vor »

Die ersten:   
#1
12.03.2014
13:29:03


(+9, 9 Votes)

Von anti homo law


die entsexualisierung gilt aber immer und überall nur für (alles) schwule (und mit aktiver beteiligung der meisten schwulen), während ansonsten immer aggressiver zwangsheterosexualisiert und die dauerobjektifizierung von frauen inszeniert wird. in den massenmedialen bildern und botschaften, im alltag, im öffentlichen raum.

und auch von bösen "labeln" ist immer nur dann die rede, wenn es um eine selbstbewusste schwule und ausdrücklich auf die gesellschaftlich verordnete heterosexualität verzichtende identität geht (d. h. auch eine, die eigene prägungen und konditionierungen durch die allgegenwärtigen heterosexismen als solche erkennt und sich von ihnen emanzipiert.)


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#2
12.03.2014
13:51:17


(+9, 9 Votes)

Von ehemaligem User Smiley


Stephen Hawking hat in seinem populärwissenschaftlichen Werk 'A Short History Of Time' seinen Verleger zitiert demzufolge jede mathematische Formel die Verkaufszahlen halbiere.

Mag sein daß unsere Gesellschaft "übersexualisiert" ist. Sie ist gewiß untersexualisiert wenn es um die Darstellung von schwulem Sex geht. Speziell wenn ein Autor sich bei jedem - sorry - Scheißhäufchen detailverliebten Schilderungen hingibt aber keine Speichelfäden zwischen Zunge und Eichel, keine Schamhaare zwischen den Zähnen, kein kräftiger Geruch frisch herausgeschleuderten Spermas, kein leises Schaudern im kleinen Glücksgefühl des beginnenden Eindringens in den Arsch als Vorbote großen Glücksgefühls danach, alles für Mann von Mann mit Mann durch Mann wohlgemerkt, vorkommen.

Könnte es sein daß jedes Tröpfchen milchigweißen leichtviskösen köstlichen Göttersaftes das zwischen bartstoppelumhegten gierigen Lippen die Vollendung seiner Existenz findet die Leserzahlen genauso halbiert wie die Formeln Hawkings? Beziehungsweise die Angst des Verlegers vor dem schwulen Höhepunkt als gutes Rezept für Ladenhüter?

Schwul geht noch, besser wäre "Homosexuell", aber daß da eine heilige Dreieinigkeit von Mund Schwanz und Arsch mit im Spiel ist, dieses Wissen und was man damit macht, damit müssen wir ja die Leseröffentlichkeit nicht auch noch belästigen.


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#3
12.03.2014
14:07:24


(+1, 5 Votes)

Von Sabelmann
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Mag sein dass er den Preis nicht bekommt,aber Eure Werbung für das Buch wird er händeküssend annehmen!Ich nenne es so weil ja Kritik IMMER subjektiv ist!
Könnte ja sein das es doch so manchem gefällt!


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#4
12.03.2014
14:32:05


(+4, 4 Votes)

Von Lars3110
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Die Meinung des Feuilletons ist mir inzwischen schon ziemlich egal geworden. Man weiß nie, aus welchem Grund die sogenannten Literaturkritiker gerade etwas hypen wollen.
Wenn ich mir den Preisträger des letzten Jahres der Leipziger Buchmesse ansehe (das war "Leben" von David Wagner), dann ist das eher für mich ein Kontraindikator, denn dieses Buch war für mich durch und durch ärgerlich - ich kann diesen Preis nicht nachvollziehen.
Ich schätze gute Literatur, sie muss aber Sinn ergeben - sprachlich und inhaltlich.
Danke für die Warnung vor diesem Roman.


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#5
12.03.2014
15:13:10


(+2, 4 Votes)

Von ehemaligem User LangsamLangsam
Antwort zu Kommentar #4 von Lars3110


Aber eine Leseprobe kann man sich ja trotztem mal auf seinen Kindle laden. Ich machs mal.


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#6
12.03.2014
17:26:05


(-9, 11 Votes)

Von ehemaligem User FoXXXyness


Er wird ihn bekommen und daran kann der Verriß auch nichts ändern!


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#7
12.03.2014
18:25:45


(+4, 6 Votes)

Von ehemaligem User Robby


Gut, das hier bei queer.de wenigstens mal ein ehrliches Statement zu dem Buch steht. In einem Artikel der Münchner Abendzeitung haben sie den Roman so stark belobhudelt, dass es schon richtig unglaubwürdig war. - Ich denke, wenn der Protagonist schon nicht mal mehr ganz normal wichsen darf, sondern "sich berührt" sagt das alles. Und der Rest ist auch nicht gerade vielversprechend. Das Buch kann ich mir getrost schenken. Ich glaube auch nicht, dass es eine große Chance hat, einen Preis zu bekommen, dazu klingt der Plot für mich zu konstruiert.


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#8
13.03.2014
01:38:38
Via Handy


(+3, 5 Votes)

Von ginfizz


Euren Urteilen nach darf es in Büchern schwulen Inhalts ja offenbar keine stilistische Vielfalt mehr geben, sofern sich der Stil nicht unmittelbar der homosexuellen Emanzipation andient.
Für meinen Geschmack hat die ständige demonstrative Verwendung sexuell expliziter Sprache viel vom dauergeilen Mief der 70er Jahre - trotzdem würde ich einem Autor, der hier und da vom "Ficken" schreibt, nie automatisch einen anachronistischen Schreibstil zum Vorwurf machen.

Vielleicht also erst einmal das Buch lesen und zwei, drei Gedanken an Inhalt, Ausdruck und deren Beziehung zueinander verschwenden, bevor man die Welt und ihre Literaten reflexhaft in "emanzipatorisch" und "homophob" unterteilt.


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#9
13.03.2014
11:16:38


(+1, 3 Votes)

Von userer
Profil nur für angemeldete User sichtbar
Antwort zu Kommentar #8 von ginfizz


"stilistische Vielfalt "

Nach der Lektüre des Buches habe ich den Eindruck, dass es sich weniger um stilistische Vielfalt als vielmehr um stilistische Einfalt handelt.


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#10
13.03.2014
12:48:26


(+1, 3 Votes)

Von ehemaligem User LangsamLangsam
Antwort zu Kommentar #8 von ginfizz


Stilistische Vielfalt würde ich mir sogar wünschen. Was es bisher an schwuler Literatur gibt, ist ja meist übler Kitsch. 90 Prozent irgendwie im Strichermillieu. Als Stricher auf der Suche nach sich selbst und solche üblen Sachen. Im günstigsten Fall Latino. Der Höhepunkt ist dann immer, wenn ein verheirateter Familienvater, sich unglücklich in den Stricher verliebt. So oder ähnlich ist die Handlung in jedem Buch mit schwulem Inhalt.
Das Buch erscheint mir da etwas weg vom Kitsch. Warum also vom "Ficken" schreiben.


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