Service   Gewinne   Jobs   Newsletter   Bild des Tages   Presseschau   Partner   Gay Hotels
Queer.de - das schwul-lesbische Magazin
 Community | CSD-Termine
Suche:  (News-Übersicht)
 
Login (Nick / Passw.):  (Registrieren)
  Autologin  
 Home || Politik | Szene | Boulevard | Blog | Meinung | Glaube | Lifestyle | Reise | Kultur | Buch | CD | DVD | Liebe | TV-Tipps || Galerie
  • 13.03.2014           56      Teilen:   |

Propaganda-Dreh in Deutschland

Quarteera warnt vor russischem Fernsehen

Artikelbild
Journalisten wie Dmitri Kiseljow hetzen in ihren Sendungen regelrecht gegen LGBT. Nun sollen dazu auch Bilder aus Deutschland dienen.

Der Staatssender Rossija 1 dreht in Deutschland eine Dokumentation über LGBT-Rechte. Dabei kann nur homofeindliche Propaganda herauskommen, warnt der Aktivist Wanja Kilber.

Quarteera, die Vereinigung russischsprachiger LGBT in Deutschland, ist besorgt über eine geplante Dokumentation des russischen Staatssenders Rossija 1 über LGBT-Rechte, für die der Sender auch in Deutschland Interviewpartner sucht. Der Verein warnt vor einer Zusammenarbeit, die nur zu einer homofeindlichen Propaganda genutzt werden könne. Queer.de-Redakteur Norbert Blech sprach mit dem Quarteera-Aktivisten Wanja Kilber über diese Gefahr und den aktuellen Zustand der Medien in Russland.

Ihr ratet deutschen Produktionsfirmen, nicht mit Rossija 1 zu arbeiten. Warum?

Der Sender hat sich in den letzten Jahren seinen Ruf als Propaganda-Sender der schlimmsten Art hart erarbeitet. In seinen Dokumentationen und Berichten über die Opposition oder über die Ukraine werden kritische Stimmen kleingemacht. Und so geht er auch beim Thema Homosexualität vor.

Der Vizedirektor des Senders ist der berühmt-berüchtigte Dmitri Kiseljow, der Herzen von schwulen Männern nach ihrem Tod verbrennen lassen wollte, damit sie nicht zur Organspende genutzt werden (queer.de berichtete). Für den Sender arbeitet auch der Journalist Arkady Mamontow, der Homosexuellen Schuld am Meteor von Tscheljabins gab und in einer ganzen Sendung das Reiz- und Zerrbild einer vom Ausland geführten LGBT-Bewegung zeichnete (queer.de berichtete). Solche Beispiele gibt es viele.

Fortsetzung nach Anzeige


Arkady Mamontow warnt immer wieder vor einem Sodom und Gomorrha, das die Gleichstellung von LGBT bringe. Für seine Sendung soll in Deutschland gedreht werden.
Arkady Mamontow warnt immer wieder vor einem Sodom und Gomorrha, das die Gleichstellung von LGBT bringe. Für seine Sendung soll in Deutschland gedreht werden.

Bereits vor wenigen Wochen hatte Kiseljow in seinem sonntäglichen Magazin einen Beitrag aus Frankreich ausgestrahlt, in der eine "Diktatur" der Minderheiten kritisiert wurde und prominente Gleichstellungsgegner wie Beatrice Bourges zu Wort kamen. Was habt ihr von den Aktivitäten in Deutschland mitbekommen?

Eine deutsche Produktionsfirma war auf uns zugekommen und hatte nach Kontakten gesucht, um Material für eine Dokumentation von Rossija 1 über Homosexualität in Deutschland und Frankreich zu drehen. Sie suchten etwa nach lesbischen Müttern mit Kindern oder luxuriösen Homo-Bars. Nach der Rücksprache mit uns hat die Produktionsfirma den Auftrag abgelehnt; der Sender, der gut zahlt, könnte aber andere Partner finden.

Auf den ersten Blick sieht die Anfrage gut und fast LGBT-freundlich aus, aber wenn man die Namen dahinter und die Zusammenhänge kennt, wird die Stoßrichtung der Dokumentation klar. In dem Film für die Show von Mamontow wird jede Aussage um 180 Grad gedreht oder falsch übersetzt werden. Am Ende geht es um eine "Verschwulung Europas", oder, wie sie es auch schon nannten, "Euro-Sodom" oder "Gayropa". Das sind so die gängigen Begriffe.

Wir raten nicht nur Produktionsfirmen, sondern auch möglichen Interviewgästen, nicht mit Rossija 1 zusammenzuarbeiten. Russische Aktivisten haben schlechte Erfahrungen gemacht: Da werden Aussagen aus den Zusammenhang gerissen oder nur Bilder genutzt, um darüber abscheuliche Dinge zu sprechen.

Jetzt, wo die homophoben Kräfte auch in Deutschland lauter werden, wird das Land für die Propaganda interessanter: Die Anti-Homo-Aktivisten können als die "wahren Bewahrer" der konservativen Werte in Deutschland dargestellt werden, die von der Regierung ignoriert werden. So hat das Fernsehen etwa über die "Compact"-Konferenz in Leipzig berichtet: Kein deutscher Politiker habe den Mut gehabt, zu dieser Konferenz zur Verteidigung von Familienwerten zu kommen, hieß es dort. Dabei verschwieg das Fernsehen die extremen Hintergründe der Redner, dass kein demokratischer Politiker sich mit ihnen ein Podium teilen würde.

Youtube | Ein Beitrag des russischen Fernsehens zur "Compact"-Konferenz in Leipzig, übersetzt von einem Leser des Magazins.
Wanja Kilber (r.) war selbst per Sat-Schaltung aus Hamburg in russischen Talkshows zu Gast, dabei unterstützte ihn auch seine Mutter
Wanja Kilber (r.) war selbst per Sat-Schaltung aus Hamburg in russischen Talkshows zu Gast, dabei unterstützte ihn auch seine Mutter (Bild: Andrey Ditzel)

Welchen russischen Medien kann man als Leser oder Interviewpartner vertrauen?

Vorgestern hätte ich an erster Stelle noch das reichweitenstarke Portal lenta.ru genannt, aber dann wurde gestern die Direktorin entlassen und ein Putin-treuer Chef eingesetzt. In Folge haben 39 Mitarbeiter gekündigt. Noch ein gutes Medium weniger. Derzeit gibt es ja noch den Sender TV Rain / Doschd, der wohl in Kürze schließen muss: Er ist aus politischen Gründen aus allen wichtigen Verbreitungskanälen geflogen und kann sich allein als Internet-Sender nicht finanzieren. Er hatte noch angemessen über die "Compact"-Konferenz berichtet, anders als die staatlichen oder privaten Fernsehsender mit Regierungsnähe.

Noch unabhängig sind die Agentur Rosbalt oder die Portale grani.ru und snob.ru, wobei grani.ru heute mit einigen Oppositionsmedien auf einer Sperrliste gelandet und derzeit nicht aus dem Inland abrufbar ist. Dann sind da noch die Zeitung "Novaya Gazeta" oder das Fundraising-Projekt "The New Times", das Magazin hat ausführliche Berichte etwa zu "Kinder 404" gebracht. Sonst ist es eher selten, dass man in einem schlechten Kanal noch auf etwas gutes stößt. Das war vor einem Jahr noch anders: Ein Sender wie NTV konnte noch kritisch oder positiv berichten. Mittlerweile wurde da alles gleichgemacht. Der Krieg in der Ukraine, soweit er kommen mag, oder die Vorbereitung dazu ist nur mit regierungstreuer Berichterstattung möglich.

Zu dem Thema gibt es auch viel Propaganda.

Der Aufstand in der Ukraine wird überwiegend als Putsch durch Neonazis beschrieben; auch der Hinweis, dass das Land in das homofreundliche Europa strebe, kommt öfters. Ich glaube, der Konflikt wurde nur möglich durch die massenhafte Verdängung von kritischen Stimmen aus den Medien und durch diese Dauer-Propaganda. Selbst in einer Kindersendung, "Gute Nacht, ihr Kleinen", wurde diese Woche die Hauptfigur, eine Hundepuppe, als Soldat dargestellt, der die Werte seiner Heimat verteidigen möchte.

Welche Wirkung hat das alles auf die Bevölkerung?

Putin ist so beliebt wie lange nicht, nach der Olympiade und nach dem Krim-Konflikt legte er deutlich an Popularitätspunkten zu. Ob die Umfragen stimmen, ist in dieser gelenkten Demokratie unklar. Es ist aber gut möglich, dass dieser Größenwahn und Revanchismus ankommt. Von meinen Freunden und Bekannten hingegen ist davon niemand überzeugt.

Wie schaffen es russische LGBT, den Eindrücken der Medien entgegen zu treten?

Wo alle Türen zu den wichtigen Printmedien oder TV-Sendern verschlossen sind, bleibt eigentlich nur übrig, auf die Straße zu gehen. Zugleich haben die schreienden Ungerechtigkeiten gegenüber Schwulen, Lesben und Transsexuellen im Zusammenhang mit den anderen Einschränkungen von Rechten dazu geführt, dass viele Journalisten sich erstmals mit dem Thema auseinandersetzten, und das auch speziell aus dem Blickpunkt von Menschenrechten. Früher wurde es überwiegend ignoriert, heute ist es in einigen Medien durchaus ein wichtiges Thema.

Das Problem ist nur, dass diese Medien nach und nach umgekrempelt werden, wie ja auch die internationale Nachrichtenagentur Ria Novosti, die früher professionell und häufig über das Thema berichtete und nun unter dem angehenden neuen Chef Kiseljow, der mit den schwulen Herzen, zur Propagandamaschine umgebaut werden soll.

Sollte ein Sender wie Rossija 1 Mitglied der European Broadcasting Union und damit u.a. für den Eurovision Song Contest zuständig sein dürfen?

Es wäre falsch, eine dieser wenigen Brücken ins Hauptprogramm und des Austausches von Journalisten vorab zu verschließen. Aber die EBU muss dem Sender auf die Finger schauen, dass etwa kritische Töne oder homosexuelle Inhalte nicht aus der Show herausgeschnitten oder nicht übersetzt werden, und ansonsten Konsequenzen ziehen. Auch zählt die EBU ja die Förderung der Meinungsfreiheit, die Stärkung von Pressefreiheit und -pluralismus sowie die Integration von gesellschaftlichen Gruppen zu ihren Zielen. Diese Gedanken könnte man sicher, nicht nur in Russland, mit mehr Leben füllen.

Kommentare: Selbst kommentieren | Bisher 56 Kommentare | FB-Debatte
Teilen: 545             3     
Service: | pdf | mailen
Tags: russland, medien, propaganda, quarteera, wanja kilber, dmitri kiseljow, arkady mamontow
Schwerpunkt:
Unterstützen:
  |   Überweisung / Abo / weitere Infos

Reaktionen zu "Quarteera warnt vor russischem Fernsehen"


 56 User-Kommentare
« zurück  123456  vor »

Die ersten:   
#1
13.03.2014
20:26:53


(+10, 14 Votes)

Von schattentheater


Wer heute die Lüge und Unwissenheit bekämpfen und die Wahrheit schreiben will, hat zumindest fünf Schwierigkeiten zu überwinden. Er muss den Mut haben, die Wahrheit zu schreiben, obwohl sie allenthalben unterdrückt wird die Klugheit, sie zu erkennen, obwohl sie allenthalben verhüllt wird; die Kunst, sie handhabbar zu machen als eine Waffe; das Urteil, jene auszuwählen, in deren Händen sie wirksam wird; die List sie unter diesen zu verbreiten. Diese Schwierigkeiten sind gross für die unter dem Faschismus Schreibenden, sie bestehen aber auch für die, welche verjagt wurden oder geflohen sind, ja sogar für solche, die in den Ländern der bürgerlichen Freiheit schreiben.

Link zu www.gleichsatz.de


Antworten | Kommentar schreiben | Direktlink zu diesem Kommentar
 
#2
13.03.2014
20:33:30
Via Handy


(-5, 11 Votes)

Von Martin28a
Profil nur für angemeldete User sichtbar


Bin ja eig nicht gläubig aber wenn's nen Gott gibt, wird der die Russen strafen, davon bin ich überzeugt ;)


Antworten | Kommentar schreiben | Direktlink zu diesem Kommentar
 
#3
13.03.2014
20:35:28


(+5, 13 Votes)

Von alexander
Profil nur für angemeldete User sichtbar


MAN WIRD IMMER SPRACHLOSER!!!
mit sicherheit werden diese hyänen einen bereitwilligen partner finden, mit dem sie ihre hetzkampagne durchziehen können! schon allein, weil sie kräftig zahlen!
ES KOMMEN "TOLLE ZEITEN" AUF UNS ZU!!!

heute muss ich immerhin schon lachen, wenn ich bedenke, dass es hier user gab, die behaupteten, ES GIBT DOCH GAR KEINEN ROLLBACK; alles nur einbildung???(der letzte vor 1 jahr!)
etliche user und ich warnten schon vor 8 jahren vor dieser entwicklung, die sich bereits am horizont abzeichnete! aber viele, auch heute noch nicht wahrhaben wollen.
es ist wie immer, je mieser die verhältnisse werden, umso mehr wird ein BAUERNOPFER gebraucht??? sei es nun politisch oder sozial?
im moment beides!!!


Antworten | Kommentar schreiben | Direktlink zu diesem Kommentar
 
#4
13.03.2014
20:42:10


(+7, 13 Votes)

Von gefunden
Antwort zu Kommentar #1 von schattentheater


lenta.ru

Link:
de.wikipedia.org/wiki/Alexander_Leonidowitsch_Mamu
t


Außerdem ist die Hinwendung zur Religion ein Zeichen für das eigene Unvermögen. Die Menschen vertrauen der Kirche und glauben, dass sie ihre Probleme löst, die der Staat nicht lösen kann.

Link:
de.ria.ru/zeitungen/20140313/268027724.html


Antworten | Kommentar schreiben | Direktlink zu diesem Kommentar
 
#5
13.03.2014
21:29:53


(+6, 22 Votes)

Von ehemaligem User reiserobby


Nun, um fragwürdige Berichterstattung beobachten und kritisieren zu können, muss man sie erst einmal produzieren und zulassen.
Ausschluss aus dem ESC-Verbund ist schon harter Tobak. Finde es fragwürdig, dass auch Medien von queerer Seite daran mitwirken, den Eisernen Vorhang-Relaunch mit Gegen-Propaganda zu untermauern. Russland ist Europa, auch wenn es nicht der schönste Teil davon ist. Kann sich aber ändern. Potenzial ist da, da Leben Menschen wie wir. Aber Türen zuschlagen hilft bestimmt nicht.


Antworten | Kommentar schreiben | Direktlink zu diesem Kommentar
 
#6
13.03.2014
21:52:26


(+4, 10 Votes)
 
#7
13.03.2014
22:03:13
Via Handy


(+6, 12 Votes)

Von daVinci6667
Profil nur für angemeldete User sichtbar
Antwort zu Kommentar #5 von reiserobby


"Aber Türen zuschlagen hilft bestimmt nicht."

Ich schliesse die Türe ganz bestimmt wenn Faschisten dran klopfen! Putin ist ein faschistischer Diktator.

Die Krim ist wohl erst der Anfang. Die Olympiade nicht zu boykottieren war ein riesiger Fehler. Jetzt ist dieser Grössenwahnsinnige noch schwieriger zu stoppen. Schwule sind die neuen Juden.

Nur für russische Schwule sollten wir die Türe breit öffnen.


Antworten | Kommentar schreiben | Direktlink zu diesem Kommentar
 
#8
13.03.2014
22:10:23


(+7, 13 Votes)

Von sperling
Antwort zu Kommentar #5 von reiserobby


>"Finde es fragwürdig, dass auch Medien von queerer Seite daran mitwirken, den Eisernen Vorhang-Relaunch mit Gegen-Propaganda zu untermauern."

kannst du eine der aussagen des interviews konkret widerlegen?


Antworten | Kommentar schreiben | Direktlink zu diesem Kommentar
 
#9
13.03.2014
22:19:24


(+7, 9 Votes)

Von Sven89


"Ein Beitrag des russischen Fernsehens zur "Compact"-Konferenz in Leipzig, übersetzt von einem Leser des Magazins."

Das Verlinken hier war richtig. So nimmt man Leser und ihr Urteilsvermögen ernst.


Antworten | Kommentar schreiben | Direktlink zu diesem Kommentar
 
#10
13.03.2014
22:21:05


(0, 18 Votes)

Von Finn


Die Russen schrecken echt vor nichts zurück...


Antworten | Kommentar schreiben | Direktlink zu diesem Kommentar
 
« zurück  123456  vor »


 POLITIK - EUROPA

Top-Links (Werbung)

 POLITIK



Anderswo
Bild des Tages
Aktuell auf queer.de
Israel: Gleichstellung ausländischer Homo-Partner geplant Tag der Menschenrechte: EKD wirbt für LGBTI-Gleichbehandlung Die Poesie der ersten schwulen Liebe US-Politiker: Homo-Paare sind von Dämonen besessen
 © Queer Communications GmbH 2016   Unternehmen | Team | Mediadaten | Logos | Impressum / AGB | Spenden | Kontakt