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  • 19.03.2014           6      Teilen:   |

Vaudeville-Show

Gender-Fuck am Kanzleramt

Artikelbild
Spiel mit Männlichkeitsbildern: Die sechs Jungs von Briefs treten in Drag als verführerische Frauen auf, tragen aber gleichzeitig Bart, behaarte Brust und Tattoos (Bild: Jan Wirdeier)

Die queere Burlesque-Truppe Briefs bringt die "horrible prettiness" zurück ins Musiktheater. Noch bis 28. März sind die Australier mit ihrer Show "The Second Coming" im Berliner Tipi-Zelt zu sehen.

Von Kevin Clarke

Nur zur Erinnerung: "Burlesque" ist eine derzeit total im Trend liegende Form der theatralen Unterhaltung, bei der sich Frauen in kunstvollen Kostümen und mit akrobatischer Finesse zu aufwändiger Musik entblättern. Vulgär könnte man von Striptease sprechen, obwohl das die Sache nicht wirklich trifft, da beim einfachen Strip der Kunstanspruch und das bewusst inszenierte Raffinierte meist fehlt. Berühmte Vertreterinnen der "New Burlesque"-Bewegung, die Bilderwelten der glamourösen 1950er und 1960er Jahre wieder auferstehen lässt, sind beispielsweise Dita von Teese, die allgemeine Bekanntheit erlangen konnte mit ihren Shows. Und Outfits.

In der Geschichte des Musiktheaters spielte Burlesque einst eine zentrale Rolle. Als nämlich in den 1860er Jahren Burlesque-Gruppen aus England der Welt zeigten, wie man mit Musik, Theater, Cross Dressing und Nacktheit überholte Gender-Grenzen sprengen und ein neues, emanzipiertes Frauenbild propagieren kann.

Lydia Thompson mit ihren "British Blondes" sind das vermutlich berühmteste Beispiel: Mit dem Stück "Ixion" – eine griechischen Götterparodie à la Offenbachs "Orpheus", in der alle Männerrollen von mehr oder weniger bekleideten Frauen in antiken Roben gespielt wurden und die eine Frauenrolle von einem Mann – lösten sie in den USA eine "Burlesque Mania" aus. Sie waren der größte Theatererfolg, den die junge amerikanische Nation bis dato erlebt hatte. Die Presse sprach schockiert von "satanic subversiveness", von "horrifying grotesqueness", von "anti-actresses producing antitheater". Dennoch attestierten die moralbesorgten Medien den sich kess inszenierenden Damen, die alle damaligen Anstandsregeln in den Wind schlugen: "horrible prettiness". Das ist auch der Titel von Robert C. Allens großartigem Buch über Burlesque und Musiktheater.

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Eine genderverdrehte Welt der sexuellen Freizügigkeit und Anzüglichkeit

Im Januar war Briefs-Chef Captain Kidd bei Gloria Viagras Live-Aufzeichnung von "Thekenschlampe-TV" zu Gast - Quelle: Kevin Clarke
Im Januar war Briefs-Chef Captain Kidd bei Gloria Viagras Live-Aufzeichnung von "Thekenschlampe-TV" zu Gast (Bild: Kevin Clarke)

Diese Art der Burlesque, die Lydia Thompson zeigte, war eng verwandt mit dem, was damals auch in der Opéra bouffe bzw. Operette vorging: eine genderverdrehte Welt der sexuellen Freizügigkeit und Anzüglichkeit, die das Herrenpublikum in Scharen anzog. Je mehr die Presse schäumte und vorm Sittenverfall warnte, umso größer waren die Schlangen rund ums Theater. Der Unterschied zwischen den Genres war eigentlich nur, dass Burlesque bereits vorhandene Musik benutzte (auch aus Operetten und populären Opern), während Operette neu komponierte Musik offerierte. Ansonsten waren Stoffe, Darsteller und Spielweisen fast identisch. Musiktheaterexperte Kurt Gänzl spricht darum zurecht von Burlesque als "Kind der Opéra bouffe und der Spektakel-Muse".

Seit Lydia Thompsons Tagen ist natürlich viel Zeit vergangen. Operette spielt heute niemand mehr als "horrible prettiness" oder mit "satanic subversiveness". Leider. Im Burlesque-Geschäft hat sich dafür aber jüngst einiges getan, das weit über "New Burlesque" à la Dita von Teese hinausgeht. Und einen wichtigen Beitrag zur aktuellen Diskussion um Genderrollen, sexuelle Vielfalt und Akzeptanz vs. Toleranz bietet. Die Rede ist von der rein männlichen australischen Burlesque-Truppe "Briefs", die noch bis 28. März im Berliner Tipi-Zelt am Kanzleramt auftritt. Die Premiere ihrer Show "The Second Coming" fand – sehr passend – eine Woche nach der Premiere des Travestie-Musicals "La Cage aux Folles" und einen Tag vor der Premiere der Nico-Dostal-Operette "Clivia" an der Komischen Oper statt, wo bekanntlich die weibliche Hauptrolle mit einem Mann (Christoph Marti) besetzt ist. Ist in Berlin nun also doch die satanische Subversivität im Musiktheaterbereich ausgebrochen?

Die Tatsache, dass Komische-Oper-Intendant Barrie Kosky mit seinen Produktionen und Besetzungen in der Hauptstadt die Grenzen zwischen Kleinkunst à la Tipi, Bar jeder Vernunft und BKA-Zelt einriss und damit zum "Opernhaus des Jahres" gekürt wurde, deutet in diese Richtung. Genauso unverfroren wie Kosky mischen die "Briefs"-Jungs zuvor klar getrennte Bereiche: Disco und Pop mit Klassik und Schlager. Da hört man mal die Habañera, dann "Also sprach Zarathustra" und einen Pizzicato-Polka, bis alles umschlägt in Barbra Streisand, Kylie und vieles mehr. Genregrenzen zerfließen, und das ist gut so.

Youtube | Offizieller Trailer zur Show

Die Grenzen zwischen homo und hetero verschwimmen

Dallas Dellaforce zeigt in der Show ihr bestes Stück
Dallas Dellaforce zeigt in der Show ihr bestes Stück (Bild: XAMAX)

Doch es ist nicht der post-post-moderne Musikmix, der "Briefs" zum Ereignis macht. Es ist das Spiel mit Männlichkeitsbildern. Oder, wie die Australier es selbst nennen, die "gender fuck"-Attitüde ihrer Show. Denn hier treten sechs sogenannte "ganze Kerle" in Drag auf, als verführerische Frauen, sie tragen aber gleichzeitig Bart, behaarte Brust und Tattoos. Sie planschen wie Dita von Teese fast nackt in einem riesigen Schampusglas und spritzen das Publikum nass – produzierend sich also als Lustobjekt erster Güte -, und dekonstruierend das Ganze gleichzeitig. Auf brillante Weise. Die Grenzen zwischen homo und hetero verschwimmen. Frauen staunen über die Körper und akrobatischen Kunstfertigkeiten der Australier, Schwule staunen, wie Normalitäts-Klischees der schönen neuen, um politische Gleichstellung kämpfenden Homowelt radikal auf den Kopf gestellt und hinterfragt werden. Und alle können sich schlapp lachen, über die schrille Art und Weise, wie immer wieder sogenannte "Anstandsgrenzen" unserer angeblich so toleranten und abgebrühten Zeit durchbrochen werden.

Erwähnt sei hier die "Hunde"-Nummer, bei der in Hamburg in den Fliegenden Bauten beispielsweise ein Teil gestrichen werden musste, weil man das den Hanseaten nicht zumuten wollte. (Es sei hier nicht verraten, was genau an dieser Stelle zwischen "Captain Kidd" und seinem Hund passiert.) In Berlin hatte man von Seiten des Tipi-Managements keine solchen Hemmungen und ließ die Szene drin. Das Berliner Szenepublikum, das zur Premiere kam, hielt zwar kurz den Atem an, applaudierte dann aber begeistert über etwas, was man aus österreichischen Feminismus-Performances der 1960er Jahre kennt, und was hier nun als Absurdität erster Güte durch den Kakao der Geschichte gezogen wird.

Briefs bieten den wahren "Käfig voller Narren"

Gerade im vergleichenden Blick auf die anderen Musiktheaterproduktionen der Hauptstadt fällt auf: Das was die "Briefs"-Jungs machen – Mark Winmill als Captain Kidd, Fez Fa'anana, der niedliche Louis Briggs und die drei anderen -, ist alles, was die braven Herren im neuen "Käfig voller Narren" nicht machen – obwohl Handlung, Setting und sogar Musik sehr ähnlich sind. Stattdessen machen die Australier durch die Lüfte fliegend, durch Reifen springend, im Wasser planschend, mit Hunden spielend, in einer "La Voix Humaine"-Selbstmord-Telefonszene, mit Bananen und goldenen Hula-Reifen alles, was ich persönlich von einer idealen Operetteninszenierung erwarten würde – und was Offenbach & Co. ebenso wie Lydia Thompson und ihre britischen Blondinen im 19. Jahrhundert dem Publikum boten. Und damit spektakulären Erfolg hatten. Sie etablierten damit einst eine neue "klassisch" gewordene Musiktheaterform. Um deren traurigen heutigen Abklatsch neu zu beleben, könnte man "Briefs" mit Opéra bouffe kreuzen, und bekäme vermutlich die großartigste Operette, die das 21. Jahrhundert bislang gesehen hat.

Auch ohne solche Operettenträume: Die Show "The Second Coming" im Tipi-Zelt ist ein genderrevolutionärer Wahnsinn, musikalisch und darstellerisch überwältigend, den man gesehen haben sollte. Eine australische Bombe, die mit ihrem Witz, ihrer Intelligenz und ihrer unverfrorenen Erotik in der Berliner Kulturlandschaft eingeschlagen ist. Und hoffentlich viele Wellen in alle Richtungen schlagen wird. (Vielleicht findet ja sogar "Ixion" den Weg zurück auf eine hiesige Bühne?)

Youtube | Briefs-Boy Captain Kidd live bei "Thekenschlampe TV"
Links zum Thema:
» Mehr Infos zur Show im Tipi-Zeit und Online-Tickets
» Briefs-Homepage
Mehr zum Thema:
» In Wodka veritas: Gloria Viagra trifft Captain Kidd (07.01.2014)
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Tags: briefs, burlesque, tipi-zelt, horrible prettiness, boylesque, vaudeville, gender fuck, the second coming
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Reaktionen zu "Gender-Fuck am Kanzleramt"


 6 User-Kommentare
« zurück  1  vor »

Die ersten:   
#1
19.03.2014
10:18:26


(+4, 4 Votes)

Von Kölner


Schade, dass die nicht auch nach Köln kommen...


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#2
19.03.2014
10:24:30


(+3, 3 Votes)

Von Max_1976


Ich fand diese australier auch sehr viel erfrischender als das, was da beim käfig voller narren zu erleben war. und die bananannummer von louis ist mehr als nur süß.


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#3
19.03.2014
17:59:44


(+2, 2 Votes)

Von ehemaligem User FoXXXyness
Antwort zu Kommentar #1 von Kölner


Kommt bestimmt noch!


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#4
20.03.2014
14:58:04


(+3, 3 Votes)

Von Robin
Antwort zu Kommentar #1 von Kölner


Finde ich auch.

Nach Köln wäre ich noch dafür gefahren. Aber nach Berlin ist definitiv zu weit für mich.


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#5
21.03.2014
08:05:51


(+3, 3 Votes)

Von stromboli
Aus berlin (Berlin)
Mitglied seit 01.05.2008
Antwort zu Kommentar #1 von Kölner


willst wohl dem meissner ein abschiedsständchen schenken...

Aber man kann nur hoffen, dass die eifrige und vor allem gute nachahmer finden!


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#6
23.03.2014
17:51:42


(+2, 2 Votes)

Von MarkT


Geniale Show. Wer noch kurzfirstig Zeit hat, sollte vorbeischauen. Wer jedoch nur Striptease und Schw*nze erwartet, sollte ins nächste P*rnokino gehen. Briefs ist Variete - Boylesque :)


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