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Die Mütter und Väter, die in "My Child" zu Wort kommen, sind in der Gruppe "Listag" (Families of LGBTs in İstanbul) organisiert (Bild: Surela Film)

Can Candans beeindruckende Feature-Doku "My Child" wird am Samstag bei den 25. Türkischen Filmtagen in München gezeigt.

Von Marie Lange

In der Türkei – einem Land, das zwar nicht offiziell, aber doch offensichtlich unter muslimischer Führung steht – ist Homosexualität nach wie vor ein Tabuthema. "My Child" will das Schweigen brechen, thematisieren, wo sich andere verstecken, und ist dafür auf den ungeheuren Mut von sieben Eltern angewiesen. Can Candans Film ist ein Protest, er ist ein stolzer Schritt in Richtung Freiheit und schließt sich der jüngsten türkischen Protestwelle an.

Mutter und Vater berichten in dem Film vom Aufwachsen ihrer Kinder. Die Geschichten scheinen zunächst genauso unscheinbar wie die bildliche Umsetzung. Im sterilen dokumentarischem Stil begegnet der Zuschauer seinem Gegenüber in einer Interviewsituation. Die Erzählenden sind so unterschiedlich wie die Geschichten, die folgen werden.

Die Söhne und Töchter sind schwul, lesbisch oder transsexuell


Face to face: Im dokumentarischem Stil begegnet der Zuschauer den Eltern in einer Interviewsituation (Bild: Surela Film)

Jede Schilderung beginnt ähnlich: Die Eltern erzählen, wie sie ihre Kinder haben aufwachsen sehen und erreichen dann alle diesen einen Augenblick, der insbesondere für muslimische Eltern nicht einfach zu verkraften scheint. Die Söhne und Töchter sind schwul, lesbisch oder transsexuell. Parallel montiert werden die Geschichten der Frauen und Männern zu einer emotionalen Einheit.

Keiner der Erzählenden war auf das Coming-out des eigenen Kindes vorbereitet. Sie berichten von Unsicherheit, davon, wie ihre heile Welt zusammenbrach, und von Vorwürfen, die sie sich machten und von anderen anhören mussten. Die Reaktionen decken alles Denkbare ab: Während einer die Homosexualität seines Kindes für eine zu behandelnde Krankheit hält, nehmen es andere erstaunlich locker. Die Protagonisten, so kann man wohl sagen, hätten nicht besser gewählt sein können.

Dadurch, dass die Interviews zum Großteil in den Wohnzimmern der Familien geführt wurden, erreichen die geschilderten Empfindungen und Erlebnisse uns noch viel intensiver, beinahe intim. Chapeau für das Setting, das allerdings nichts daran ändert, dass der Film einen rein dokumentarischen Charakter hat. Wer Entertainment oder viel Aktion sucht, wird hier enttäuscht. Bis auf ein paar Szenen bei einer türkischen Ärztin, mit der sich die Eltern über ihre Kinder unterhalten, und Aufnahmen einer Demonstration setzt "My Child" eben eher auf Inhalte.

Vimeo | Offizieller Teaser zum Film

Die "Families of LGBTs in İstanbul" baten um Hilfe

Das Thema, dass sich die Produktionsfirma Surela Film ausgesucht hat, wäre selbst in einem religionsferneren Land brisant, doch die Energie der Feature-Doku begeistert sofort. Die Mütter und Väter, die in "My Child" zu Wort kommen, hat Regisseur Can Candan bei einer Konferenz in Istanbul getroffen. Sie sind in "Listag" (Families of LGBTs in İstanbul) organisiert und baten den Filmemacher um Hilfe. "Ein Film", so sagten die Eltern so Can Candan, "würde dabei helfen, ihre Kinder Teil der Normalität werden zu lassen".

Candan war begeistert von dem Mut von "Listag". Der Dokumentarfilmer ist selbst Vater eines neunjährigen Sohnes und weiß, dass Homo- und Transsexuelle in der Türkei ausgegrenzt werden und auch körperlicher Gewalt ausgesetzt sind. Der Entschluss, sich dem Thema anzunehmen, kam schnell. Anfängliche finanzielle Schwierigkeiten hat die Produktionsfirma durch Crowdfunding schnell abgewandt. Das Team war jung, motiviert und hatte eben ein klares Ziel vor Augen: an erster Stelle Protest, an zweiter ein guter Dokumentarfilm.

Die Reaktionen in der Türkei waren für Ayşe Çetinbaş, der Geschäftsführerin von Surela Film, erstaunlich positiv. Die breite Masse der Medien hat "My Child" thematisiert und gelobt, nur eine einzige streng islamische Zeitung nannte die Doku "pervers" und "unverschämt". In einer Sondervorstellung für Parlamentarier haben sich immerhin zehn Politiker den Film angeschaut. Schade nur, dass neun davon der ohnehin eher liberalen kemalistischen Partei angehören.

Momentan tourt "My Child" von Festival zu Festival und wird, vielleicht nicht wegen Spannung oder atemberaubender Bilder, aber sicher auf Grund der enormen Courage den einen oder anderen Preis mit nach Istanbul nehmen.

In Deutschland ist "My Child" am Samstag, den 22 März 2014 während der 25. Türkischen Filmtage in München zu sehen.

Infos zum Film

My Child (Originaltitel: Benim Çocuğum). Dokumentation, Türkei 2013. Regie: Can Candan. Laufzeit: 82 Minuten. Türkische Originalfassung mit englischen Untertiteln. Aufführung am Samstag, den 22. März 2014 um 16 Uhr im Rahmen der 25. Türkischen Filmtage München. Ort: Gasteig, Vortragssaal der Bibliothek. Eintritt: 5 €
Galerie:
My Child
12 Bilder


#2 -hw-Anonym
#3 FoXXXynessEhemaliges Profil
#5 NEWROZ 2014Anonym
#6 goddamn liberalAnonym
#8 HugoAnonym
  • 23.03.2014, 11:15h
  • Für die Türkei gilt eigentlich dasselbe wie bei uns, keine religiösen Parteien wählen.
    Die Khemalisten sind auch keine Demokratischen Vorbilder aber trotzdem das kleinere Übel.
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#9 Torsten_Ilg
  • 23.03.2014, 18:15h
  • Ein bemerkenswerter Film. Man muss wirklich solche Entwicklungen uneingeschränkt unterstützen. In Gesprächen mit vielen türkischen Migranten erfahre ich vielfach, dass diese sich sehr über integrationsunwillige Zuwanderer ärgern, die letztlich das Bild der türkischen Kultur in einem eher negativen Erscheinungsbild erscheinen lassen. Um so begrüßenswerter ist diese Entwicklung in der Türkei selbst. Aber Istanbul ist sicher auch nicht mit Städten z.B. in Anatolien zu vergleichen. Aber der Mut dieser Eltern ist sicher vorbildlich!
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