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Interview in Ketten: Klaus Johannes Wolf, 60 Jahre alt und auch "Odenwald-Gay" genannt, möchte seine Fähigkeiten als Sklave gerne noch perfektionieren

Filmemacher Jan Soldat mag das Explizite. Seine Doku "Der Unfertige" hat am Montag an der Berliner Volksbühne Deutschland-Premiere.

Von Elke Koepping

Jan Soldat hat alles richtig gemacht. So sieht es zumindest nach außen hin aus. Er hat alles richtig gemacht, weil er ziemlich dickköpfig an seiner Auffassung von Film und an seiner Weltsicht festgehalten hat. Die wird mal mehr, mal weniger kontrovers aufgefasst und ist in unserer weichgezeichneten Mainstream-Filmwelt auf jeden Fall außerordentlich sperrig.

Ein Großteil seiner Filme handelt vom Sex. Der ist dabei nicht unbedingt auf der Leinwand zu sehen. Vielmehr reizt ihn die Fragestellung, wie sich Sex als Teil des Alltags unaufgeregt im Film abbilden lässt. Ohne Wertung, ohne Voyeurismus, ungeschönt, nüchtern. So wie es gemeinhin im Dokumentarfilm üblich ist. Wie er dazu gekommen ist, sich so ausführlich mit dem Geschlechtsleben anderer Menschen zu beschäftigen, erzählt er im Audio-Interview.

Audio / MP3 | Jan Soldat im Gespräch mit unserer Autorin Elke Koepping

Nie außerhalb der Grenzen des guten Geschmacks


Junger Filmemacher aus Chemnitz: Jan Soldat hat gerade erst seinen Abschluss von der Filmhochschule in Potsdam in der Tasche (Bild: Miguel Bueno)

Die Kamera in den Filmen von Jan Soldat ist nah genug am Geschehen, so dass man als Zuschauer oder Zuschauerin das Gefühl hat, beim Vögeln mit im Zimmer zu stehen. Und immer noch weit genug entfernt, damit die Intimsphäre seiner Protagonisten nicht verletzt wird. Es geht ihm dabei vordergründig um das Porträt eines oder mehrerer Menschen, eine Abbildung ihrer erotischen Sehnsüchte, um die Lust an der Selbstbefriedigung, aber auch um die Beziehungen, die die Protagonisten zu den Menschen in ihrem Umfeld leben. Manchmal um die darunter versteckte Einsamkeit. Der Filmemacher beobachtet einfach nur, stellt Fragen. Und die Männer vor der Kamera haben Spaß daran, sich zu zeigen. Daran, was über sich zu erzählen, und jemand hört zu.

In seiner Kurzdokumentation "Geliebt" etwa, die 2010 im Kurzfilmwettbewerb der Berlinale gezeigt wurde, erzählen zwei zoophile Männer von ihrer engen Bindung zu ihren Schäferhunden. Jan Soldat bewegt sich dabei nie außerhalb der Grenzen des guten Geschmacks (wo auch immer die liegen), bewertet weder in der einen noch der anderen Richtung, sondern beobachtet vorurteilsfrei und hört zu. Er nähert sich seinen Protagonisten eher mit einer Fragestellung. Danach, wer sie sind und wie sie leben. Das gelingt nicht jedem Zuschauenden.

Jan Soldat weiß, dass viele da schnell an ihre Grenzen kommen. "Die sind schon so geschockt von dem Bild, das bei der Filmbeschreibung in ihren Köpfen entsteht, dass sie den Film gar nicht mehr gucken wollen", sagt er im Gespräch mit queer.de. "Das ist bei mir irgendwie anders. Ich hör so eine Geschichte und denke, 'Krass! Das will ich jetzt erst mal sehen. Was ist da los?'" Er forscht nach, guckt hin, oft mit der Kamera in der Hand. Er nimmt das Publikum auf diese Weise mit auf seine Recherchereise. Dabei gelingt ihm die Gratwanderung, sowohl seinen Protagonisten als auch den Zusehenden mit Respekt zu begegnen.

Mit dem 25-minütigen Kurzfilm "Ein Wochenende in Deutschland" gibt es ein Wiedersehen mit den beiden schwulen Protagonisten aus "Zucht und Ordnung" (2012), Manfred und Jürgen, ebenfalls eine Berlin-Premiere. "Zucht und Ordnung" lief im Panorama der Berlinale und danach weltweit auf über 100 Festivals. Der Film schafft es, gleichzeitig etwas skurril und rührend liebevoll zu wirken. Manfred und Jürgen sind beide Mitte 70 und BDSM-Fans. Sie haben in ihrem fortgeschrittenen Alter Spaß an allerlei Fetischware und Spankingsessions zwischen Schrankwand und Wäscheständer. Und das macht ja doch Hoffnung darauf, dass der altersbedingte Verlust von perfekter Figur und faltenfreier Haut nicht automatisch das Ende des schwulen Sexlebens einläutet.

Youtube | Trailer zu „Ein Wochenende in Deutschland“

Spankingsessions zwischen Schrankwand und Wäscheständer


Szene aus "Der Unfertige": Klaus im Sklavenlager

In "Ein Wochenende in Deutschland" begleitet Jan Soldat die beiden in ihre Sommerresidenz in einer Kleingartenkolonie. Das Szenario besticht durch seine Doppelbödigkeit: während zwischen gepflegten Blumenrabatten und perfekt gestutzten Hecken der deutsche Rentner seinen Lebensabend vor dem Fernseher absitzt, treiben die beiden ganz lust- und liebevolle Spielchen hinter ihrer Hüttentüre – zu zweit oder auch zu dritt. Und anschließend gibt's Kaffee und Bienenstich. Da kann die Bratwurst auf dem Grill der Nachbarn als Genussalternative einfach nicht mithalten.

"Der Unfertige" konzentriert sich auf einen einzigen Protagonisten, Klaus, den "Odenwald-Gay", der sich auch Gollum nennt. Zugegebenermaßen besticht sein Äußeres durch eine gewisse Ähnlichkeit zur Filmfigur, auch in seiner Nacktheit und Verletzlichkeit. Jan Soldat hat ihn über Gayromeo gefunden. "Mich interessierte diese Machtbeziehung Meister-Sklave. Ich hatte den Wunsch, ein Paar oder einen Sklaven zu finden, der das 24/7 lebt", erzählt er. "Klaus fand ich spannend, weil er das Sklave-Sein in seinen Alltag integriert. Wie er nackt vor der Kamera sitzt, sich selbst an sein Bett fesselt, am ganzen Körper rasiert ist." Er sagt, er hat einfach versucht, ihm im Gespräch zu begegnen.

Klaus erzählt von sich, von seinem Coming-out und von seinen Eltern und Geschwistern. Jan begleitet ihn mit der Kamera zu einem regelmäßigen Date als Putzsklave und in ein dreitägiges Sklavencamp in Schwarzenberg im Erzgebirge. "In dem Sklavenlager bin ich schon an meine Grenzen gekommen", sagt Jan. "Das hat mich bestimmt eine Woche beschäftigt. Aber ich versuche diese Emotionen oder Wahrnehmungen nicht in den Film einfließen zu lassen." Er freut sich über die Art, wie der Film bei seiner Premiere in Rom aufgenommen wurde, wo er beim Festival Internazionale del Film di Roma mit dem CineMAXXI-Award ausgezeichnet wurde. "Es ging in den Gesprächen ganz viel um die Würde von Klaus und wie sensibel wir uns begegnet sind. Das war total schön, weil ich das erste Mal durchgehend das Gefühl hatte, die Leute verstehen, um was es mir in dem Film ging."

Der junge Filmemacher aus Chemnitz hat gerade erst seinen Abschluss von der Filmhochschule in Potsdam in der Tasche. Seine Deutschland-Premiere feiert "Der Unfertige" nun am Montag, den 24. März in der Berliner Volksbühne im Rahmen einer Art Werkschau. Das ist schon eine Auszeichnung. Die Volksbühne gilt schließlich als Theater am Puls der Zeit, das Trends und aktuelle politische Diskussionen ebenso wie Diskurse über Kunst und Theater aufgreift. Alle Protagonisten der gezeigten Filme werden anwesend sein und nach der Vorführung gibt es ein Publikumsgespräch. Bei dem sicherlich ebenso gemischte Gefühle zu hören sein werden wie bei anderen Veranstaltungen dieser Art zuvor.

Youtube | Trailer zu "Der Unfertige"
Premierentermin

Montag, 24.03.14, 20.00 Uhr, Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Berlin, "Der Unfertige, Geliebt, Ein Wochenende in Deutschland – Filme von Jan Soldat", in Anwesenheit des Regisseurs und aller Protagonisten der gezeigten Filme, im Anschluss Publikumsgespräch.


#1 schwarzerkater
  • 23.03.2014, 10:01h
  • "... Und das macht ja doch Hoffnung darauf, dass der altersbedingte Verlust von perfekter Figur und faltenfreier Haut nicht automatisch das Ende des schwulen Sexlebens einläutet. ..."
    yep
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#2 schwarzerkater
  • 23.03.2014, 10:04h
  • " ... während zwischen gepflegten Blumenrabatten und perfekt gestutzten Hecken der deutsche Rentner seinen Lebensabend vor dem Fernseher absitzt, treiben die beiden ganz lust- und liebevolle Spielchen hinter ihrer Hüttentüre zu zweit oder auch zu dritt. Und anschließend gibt's Kaffee und Bienenstich. ..."

    herrliches bild
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#3 ChristosTsiolkasAnonym
#4 gatopardo
  • 23.03.2014, 10:21h
  • Skurril ist das Kettenrasseln allemal, was sicher auch vielen alten Heteros nicht fremd ist. Aber immerhin bewegt er seinen Arsch und lässt ihn nicht vor der Glotze verkommen. Auch wenn man seine Vorlieben nicht unbedingt teilen mag, so schlummert doch in vielen von uns ein gewisser Voyeurismus, uns hin und wieder mit dem aussergewöhnlichen Geschlechtsleben anderer zu befassen. Sozusagen als Legitimation für unsere eigenen Praktiken, von denen wir behaupten, dass sie "normaler" sind.
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#6 FoXXXynessEhemaliges Profil
#7 gatopardo
  • 23.03.2014, 14:02h
  • Antwort auf #6 von FoXXXyness
  • Nun ja, wenn das der Kick für jemanden ist, soll er den ruhig ausleben, solange niemand zu Schaden kommt. Dieses kurze Leben wird ja ohnehin schon von Spiessern für alle möglichen Verzichte gekennzeichnet.
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#8 m123Anonym
  • 23.03.2014, 15:02h
  • Mit de, Zeigen solcher Extremfetische bestärkt man nur Klischees über Schwule, was nicht gut für alle Schwulen ist.

    Außerdem sollte man auch mal an Afrika denken. Da nutzen die homophoben Machthaber doch genau solche Bilder aus dem ihrer Ansicht nach "verkommenen" Westen um gegen Homosexuelle im eigenen Land mit langen Haftstrafen oder gar Todesstrafe vorzugehen. Natürlich machen auch einige wenige Heterosexuelle im Westen solche Fetisch-Dinge, aber Material darüber zeigen die Machthaber in Afrika natürlich nicht.
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#9 ZeitfensterAnonym
#10 LennartAnonym
  • 23.03.2014, 15:24h
  • Auch wenn das ziemlich drastisch klingt und aussieht, finde ich es gut, dass hier mal eine ganz andere Seite von schwulem Leben gezeigt wird, weit weg von diesen aufgepumpten Muskeljünglingen, die sich üblicherweise auf den Covern von Gay-Zeitschriften räkeln. Wäre spannend, wenn so etwas mal die Coverstory von "Männer" oder "Du & Ich" (oder "Mate") wäre, statt das ewig gleiche Einerlei. Aber vermutlich sind die Köufer solcher Hefte für so viel Diversity noch nicht bereit (?).
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