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  • 30.03.2014           1      Teilen:   |

"Barrakuda"

Die Scham des schwulen Losers

Artikelbild
Buchpremiere im Schwimmbad: Autor Christos Tsiolkas mit der englischsprachigen Originalausgabe seines Romans (Bild: Atlantic Books)

Mit "Barrakuda" hat der australische Autor Christos Tsiolkas einen großartigen Coming-of-Age-, Familien- und Schwimmroman verfasst, der wirklich unter die Haut geht.

Von Angelo Algieri

Danny Kelly, knapp 17 Jahre alt und aus dem australischen Melbourne, hat es weit gebracht. Barrakuda, wie er genannt wird, ist nicht nur der beste Schwimmer seiner Schule. Sondern der beste in ganz Australien seiner Altersklasse – und nun will er die 200 Meter Schmetterling bei den panpazifischen Schwimmmeisterschaften in Japan 1997 gewinnen. Doch ein kleiner Fehler beim Wenden bringt ihn aus der Bahn. Er verliert, wird niederschmetternd fünfter. Vor Publikum schreit und weint er, schlägt um sich, bis er die Beruhigungsspritze bekommt…

So der tragische Wendepunkt eines Hoffnungsträgers im Roman "Barrakuda" des australischen Autors Christos Tsiolkas. Wie sein Protagonist ist der Autor in der südaustralischen Stadt Melbourne geboren. Tsiolkas, Jahrgang 1965, ist in Australien kein Unbekannter. Weltweiten Erfolg hatte er mit seinem Roman "Nur eine Ohrfeige", der mehrfach ausgezeichnet wurde, etwa mit dem Commonwealth Writers Prize 2009. Bereits sein Debüt "Unter Strom", das 1995 in Australien erschien (in Deutschland 1998 bei Bruno Gmünder), hat für Furore gesorgt. Mehr noch: Der Roman wurde 1998 unter dem Titel "Head On" verfilmt – mit dem sexy Alex Dimitriades in der Hauptrolle.

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Der einstige Musterschwimmer wird zum "Psycho"

Die deutsche Ausgabe von "Barrakuda" ist bei Klett-Cotta erschienen
Die deutsche Ausgabe von "Barrakuda" ist bei Klett-Cotta erschienen

Doch zurück zum Plot: Danny erleidet mehr als nur einen Knacks. Mangels Leistung wird er nicht mehr bei der nächsten Meisterschaft aufgestellt. Ihm ist das egal, er nimmt am Training nicht mehr teil, wird aus der Schwimmmannschaft ausgeschlossen. Bei seinen Mitschülern erntet er Hohn, Spott und Mitleid. Das macht ihn wütend, resultierend aus tiefer Scham. Er wird zum Raufbold, zum Fiesling, zum "Psycho". Wandel auch im Namen: Er will nun Dan genannt werden.

Doch es kommt noch dicker: Dan packt den Schulabschluss nicht, hat keinen Ehrgeiz mehr, jobbt in einem Supermarkt. Nach der Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele 2000 in Sydney, die Dan zwangsläufig anschauen muss, fährt er ungebeten zu seinem ehemaligen, geilen Schwimmkollegen Martin, der eine Party gibt. Dan ist völlig angetrunken. Er verspürt in der Runde der Reichen und Schönen Hass – und Eifersucht. Weil Martin sich just an jenem Abend verlobt hat. Es kommt zum Streit. Martin bezeichnet Dan als Loser. Dan schlägt mehrmals zu, Scherben splittern, Blut fließt.

Die Folge: Dan muss ins Gefängnis. Dort lernt er Carlo kennen. Mit dem er gelegentlich fickt. Sie tauschen sich Taschentücher aus, in denen sie Körperflüssigkeiten abwischen, um ihre sehnsüchtige Geilheit in ihren Zellen zu schmälern. Streifen des Taschentuchs steckt Dan in den Mund, um Carlos Sperma, Schweiß oder Spucke zu schmecken. Knacki-Romantik à la Jean Genet!

Doch was soll aus Dan nach dem Gefängnis werden? Seine Scham bringt ihn in die Isolation, er versteckt sich vor ehemaligen Freunden, vor der Familie, vor sich selber. Nachdem er frei ist, lernt er den smarten Schotten Clyde kennen. Sie kommen zusammen. Wird die Beziehung halten? Wird Dan seine Scham überwinden? Kommt er doch noch ins Reine?

Das Gefühl der Scham drastisch durchdekliniert

Christos Tsiolkas gehört zu den populärsten Autoren in Australien. Weltweiten Erfolg hatte er u.a. mit seinem Roman "Nur eine Ohrfeige"
Christos Tsiolkas gehört zu den populärsten Autoren in Australien. Weltweiten Erfolg hatte er u.a. mit seinem Roman "Nur eine Ohrfeige"

Der schwule Autor Tsiolkas zeigt in diesem Roman meisterlich verschiedene Facetten und Auswirkungen des Schamgefühls auf. Es drückt sich aus in Demütigung, Entwürdigung, Entblößung, Versagen, Wut, Aggression, Hass. Aber auch in innerer Leere, Schizophrenie, Angst. Vermutlich in keinem anderen Roman wird das Gefühl der Scham so drastisch durchdekliniert. Man ist tatsächlich einfach nur baff, welche Kraft und Implikationen dieses Gefühl hat. "Barrakuda" zeigt einmal mehr, was Literatur zu vermitteln vermag.

Doch Tsiolkas wäre nicht Tsiolkas, wenn er in seinem Roman nicht Klassenunterschiede und Rassismus in der australischen Gesellschaft aufzeigen würde. Dan(ny)s Vorfahren stammen teils aus Griechenland ab. Er ist für die Nachfahren der weißen Engländer ein "Kanake" aus der Arbeiterschicht. Er besucht ein College, auf das die Söhne der wohlhabenden Mittelschicht gehen. Auch als er Medaille um Medaille bei Schwimmwettbewerben für die Schule holt, lässt man ihn seine soziale Herkunft spüren. Scham als einschüchterndes Machtinstrument.

Das Lob auf die Arbeiterschicht entfällt. Denn der Roman zeigt ihre Zerwürfnisse und Sättigung auf. Dan hinterfragt seinen Vater, ob er sich als Fernfahrer sfür was besseres hält, weil er sich politisch engagiere, zu Demos gegen Krieg gehe und Petitionen für bessere Bedingungen von Flüchtlingen unterschreibe. Dan hinterfragt auch seine beste, lesbische Freundin Dem, ob sie als Akademikerin noch zur Arbeiterschicht angehöre oder doch schon längst zur bürgerlichen Mittelschicht. Ihre Parolen, nur abgedroschene Worthülsen. Sie ist bereits Teil des Systems. Ist das der Lauf der Dinge? Ist diese heteronormative Bürgerlichkeit erstrebenswert?

Diese und ähnliche Fragen stellt klug dieser Text. Denn dirty Danny ist quasi eine schelmische Figur. Er ist ein Außenstehender. Einer, der sich nicht anpassen möchte. Ein Loser, der den anderen den Spiegel vorhält. Aber auch einer, der sich ohnmächtig fühlt gegenüber der Welt und seinem eigenen Schicksal.

Gefangen zwischen Gegenwart und Vergangenheit

Dieses Ohnmachtsgefühl wird kongenial mit der Struktur des Buches eingefangen. Kapitel mit Rückblenden und in der Vergangenheitsform wechseln sich mit Kapiteln in der Vergangenheit in der Präsensform ab. Zusätzlicher Clou: Die Spots der Vergangenheitsform werden chronologisch erzählt, während die Gegenwartsform-Highlights im Jetzt beginnen und mit dem Danny-Knirps aufhören. Der Protagonist ist sozusagen zwischen der Gegenwart und Vergangenheit gefangen. Er befindet sich im Transitbereich, wie es im Text heißt. Es fehlt die Zukunft, die für Dan(ny) nicht beginnen kann, ehe er nicht ins Reine kommt. Wird er es schaffen?

Den Leser ins den Bann schlägt auch der einsogende Erzählstil. Rhythmus und Tonlage spiegeln die Leere und die eindringliche Scham des Protagonisten wider. Ohne kitschig zu wirken – abgesehen von wenigen übertriebenen Metaphern und Stilblüten. Tsiolkas fängt zusätzlich durch genaue Beobachtung, aber auch durch Gegenstände und Musikzitate,die 1990er und die 2000er Jahre emotional und atmosphärisch ein. Wer die Jugend in diesen Jahrzehnten erlebt hat, wird vieles wiedererkennen.

Fazit: Mit "Barrakuda" hat Christos Tsiolkas einen großartigen schwulen Coming-of-Age-, Familien- und Schwimmroman verfasst. Dazu seziert er sozio-ökonomische Ursachen und psychologische Auswirkungen von Scham. So tief und drastisch, dass während des Lesens dieses Gefühl körperlich zu spüren ist. Zudem hält Tsiolkas der Mittel- und Arbeiterschicht der westlichen Welt den Spiegel vor. Indem er deren Habitus und Ideale hinterfragt, ihre Winner-Takes-it-All-Mentalität und Niemand-ist-besser-Gleichmacherei.

Kurz: Dieser mehrschichtige, packende und kraftvolle Roman garantiert eine ungewohnt heftige Leseerfahrung!

  Info zum Buch
Christos Tsiolkas: Barrakuda. Roman. Aus dem Englischen von Barbara Heller. Klett-Cotta. Stuttgart 2014. 468 Seiten. 22,95 €. ISBN: 978-3-608-98013-4.
Links zum Thema:
» Offizielle Homepage zum Roman mit Leseprobe
» Das Buch bei Amazon bestellen
Mehr zum Thema:
» Interview mit Christos Tsiolkas: "Die soziale Klasse hat mehr Einfluss als die sexuelle Orientierung" (22.03.2014)
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Tags: christos tsiolkas, barrakuda, barracuda, scham, versagen, loser
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Reaktionen zu "Die Scham des schwulen Losers"


 1 User-Kommentar
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Die ersten:   
#1
04.04.2014
12:57:46


(+1, 1 Vote)

Von ainerphonfielen


Das Lob für Angelo Algieri durch die Arbeiter- und Angestelltenschicht entfällt.
Gleiches durch Eigentümerversammlungen, Haus- und Grundbesitzervereine sowie grauer Eminenzen des Völklinger Kreises.


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