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"Mord am Wannsee"

Homophobie im oberen Geldadel


Tatort Wannsee: In dem grünen Berliner Stadtteil leben eher die Besserverdienenden (Bild: Benjamin Krause / flickr / by 2.0)

In Markus Dullins neuem Krimi "Mord am Wannsee" wird eine steinreiche Homo-Gegnerin an ihrem 67. Geburtstag erschossen. War es der schwule Sohn oder der schwule Enkel?

Von Angelo Algieri

Neuer Fall für die Berliner Mordkommissarin Monika Seyfarth: Christin Wohlfarth wurde in ihrem Anwesen am Wannsee (Kladower Seite) ermordet – und das an ihrem 67. Geburtstag. Jeder der anwesenden Familienmitglieder hatte ein Motiv. Denn die steinreiche Matriarchin war eisenhart und hatte ihre Söhne fest im Griff – bis hin zu ihren Lebensentwürfen. Sie wurde geschickt ermordet, als sie sich am Nachmittag zur Ruhe legte und ihr Enkel Tim Trompete übte. Ein Knall schreckte alle Familienmitglieder auf. Wer hat's getan?

So die Anfangskonstellation des dritten Falls von Monika Seyfarth in "Mord am Wannsee" von Markus Dullin. Der Berliner Autor, Jahrgang 1964, legt in der quer-criminal-Reihe des Berliner Querverlages seinen dritten Band vor; nach "Tödliche Aussichten" und "Leichen-Puzzle" (queer.de rezensierte). Zudem wurde der studierte Anglist und Wirtschaftswissenschaftler zweimal mit Krimi-Kurzgeschichten für den Agatha-Christie-Preis nominiert.

Abwechslung für die depressive Kommissarin


Hauptkommissarin Monika Seyfarth und ihr schwuler Kollege ermitteln wieder: "Mord im Wannsee" ist im Berliner Querverlag erschienen

Doch zurück zum Plot: Die Kommissarin ist froh, dass sie wieder einen Mordfall hat. Abwechslung für ihre depressive Verstimmung wegen Vincent, ihrem (Ex-?)Freund. Nach dem letzten Fall, den er mit Verletzungen und Traumata überlebt hat, wollte er eine Auszeit in der Beziehung. Allerdings hat er sich bei ihr nicht mehr gemeldet.

Hingegen scheint der neue Fall in eine Sackgasse zu führen. Alle relevanten Indizien, Beweise und Alibis sind vorgelegt. Beim Durchspielen von Motiven und Kombinationen folgert Seyfarth, dass der Mörder nicht von außen kam. War es einer der beiden Söhne von Frau Wohlfarth, dessen Lebensentwürfe ihr nicht bürgerlich genug waren? Der eine, Philip, will sich scheiden lassen und präsentierte sich auf dem Geburtstag mit der neuen Freundin Julia, die wiederum auf Christin Wohlfahrt keinen sonderlich guten Eindruck hinterließ. Die Matriarchin bezichtigte Julia, dass sie nur auf das Geld scharf sei.

Der andere Sohn, Konrad, ist Galerist und schwul. Er darf seinen Lebenspartner nicht zur Familie mitbringen. Die homophobe Matriarchin verstand diesen "Lebenswandel" überhaupt nicht – und blieb zeitlebens bitterhart.

Wie steht es mit dem Enkel Tim? Hatte er einen Grund, seine Oma umzubringen? Er behauptet, dass vor zwei Jahren jemand Hilfe verweigerte, als sein Zwillingsbruder Oliver im Wannsee verunglückte. War es seine Oma und rächte er sich an ihr? Immerhin gibt der 16-jährige Tim zu, dass er nach dem Trompetenspiel über dem Balkon runtergestiegen sei. Er will jedoch niemanden gesehen haben.

Wer Geld hat, hat die Macht


Markus Dullin veröffentlichte zahlreiche Romane. Er wurde einmal für den Literaturpreis der Schwulen Buchläden und zweimal für den Agatha-Christie-Preis nominiert (Bild: Bernd Näfe/Querverlag)

Eine vertrackte Situation, bis die Tatwaffe, eine gestrickte Stola und ein Schlüssel gefunden werden. Allerdings ohne Fingerabdrücke. Noch eine Besonderheit: Es scheint, als ob zwei Patronen abgefeuert wurden. Warum zwei? Der schwule Kommissarpartner von Seyfarth gibt einen ungewollten Hinweis: Er mag Giuseppe Verdi – und klar auch den Triumpfmarsch der Oper "Aida", den Tim gespielt hat. Allerdings haben alle Anwesenden gehört, dass er einen Ton nicht getroffen habe, obwohl Tim behauptet, alles richtig gespielt zu haben. Wer lügt? Welches Alibi ist gefakt?

Autor Dullin zeigt in seinem Krimi, wie Homophobie im oberen Geldadel funktionieren kann. Wer Geld hat, hat die Macht. Die Macht, über das Leben der anderen zu bestimmen, koste es was es wolle. Er zeigt aber auch, wie die Söhne sich diesem Prinzip unterordnen. Weil sie wissen, dass sie einen großen Batzen erben werden. Das macht sie auch für ihre Partner attraktiv. Die Homophobie der Großmutter hat für Tim, der seinem Zwillingsbruder nachtrauert – auch weil niemand mit ihm über ihn redet – eine verheerende Konsequenz: Er ist inmitten des Coming-out-Prozesses. Kann sich Tim, nun wo die Großmutter tot ist, endlich emanzipieren?

Trotz dieser spannenden Fragen ist der Krimi weit unter seinen Möglichkeiten geblieben. Die Familienmitglieder wirken teils klischeehaft, teils comichaft; auch hätten die Charaktere besser entwickelt werden können. Man kommt sich vor, wie in einer schlechten deutschen Soap-Opera aus den 1980ern. Auch dramaturgisch ist "Mord am Wannsee" eher schwach. Der langerwartete Mord geschieht erst nach einem Drittel des Buches. Die Kapitel sind teils zu detailreich und zu lang beschrieben. Der Drive und die Spannung bleiben so leider auf der Strecke – trotz des gelungenen Wechsels der Erzählperspektiven. Was im letzten Band zu viel und hanebüchen war, ist jetzt zu wenig und spröde. Schade!

Auch die Nebengeschichte mit dem schwulen 18-jährigen Sohn von Kommissarin Seyfarth wird ungegoren erzählt. Herzschmerz ist in diesem Band angesagt: Sven und Marcel trennen sich. Sven hat mit einem anderen Typen Sex gehabt… Ach, diese junge Liebe! Wie wird es in Sache Liebe mit Mutter und Sohn im nächsten Band wohl weitergehen? Das interessiert leider dann doch mehr als der ganze Fall.

Veranstaltungshinweis: Freitag, 11. April, 20:30 Uhr: Krimilesung im Prinz Eisenherz Buchladen, Motzstraße 23, 10777 Berlin. Markus Dullin stellt "Mord am Wannsee" vor, während Regina Nössler ihren Thriller "Wanderurlaub" präsentiert. Eintritt: 5 €.

Infos zum Buch

Markus Dullin: Mord am Wannsee. Querverlag, Berlin 2013. 256 Seiten. 12,90 €. ISBN: 978-3-89656-213-5.


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