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  • 12.04.2014           9      Teilen:   |

Auszeichnung für Barrie Kosky in London

Der Sieg der "Pink Opera Mafia"

Artikelbild
Ein Australier in Berlin: Barrie Kosky ist seit Beginn der Spielzeit 2012/2013 Intendant und Chefregisseur der Komischen Oper (Bild: Komische Oper Berlin)

Herzlichen Glückwunsch zum International Opera Award, Barrie Kosky! Kein Opernhaus ist schwuler als seine Komische Oper in Berlin.

Von Kevin Clarke

Diese Woche wurde in London Barrie Kosky von der Komischen Oper Berlin bei den "International Opera Awards" als bester Regisseur ausgezeichnet. Was bemerkenswert ist, denn Koskys Inszenierungen legen seit Jahren einen unverhohlenen Schwerpunkt auf jüdische und schwule Aspekte. Besonders mit seinen Erfolgsinszenierungen in der deutschen Hauptstadt versucht Barrie Kosky mit halbnackten Tänzern, Gay Icons wie Dagmar Manzel, den Geschwistern Pfister oder Gayle Tufts, mit flimmerndem Kitsch und mit Medienpartnerschaften wie mit der Stadtzeitschrift "Siegessäule" gezielt schwule Zuschauer ins Theater zu locken.

Und hat damit Erfolg. Riesigen Erfolg sogar. Im zurückliegenden Kalenderjahr ging die Auslastung dramatisch nach oben. Lag sie 2012, dem ersten Intendanten-Jahr Koskys, bereits bei 70,6 Prozent, stieg sie 2013 auf 78,0 Prozent. Verglichen mit den Zahlen seines heterosexuellem Vorgänger Andreas Homoki ist das geradezu ein Wunder. Zur Erinnerung: Während Homokis Blut-und-asexueller-Klamauk-Ära eilte die Auslastung zeitweise der 50-Prozent-Marke entgegen.

Doch dann wurde alles anders. Homoki wanderte in die Schweiz ab und beglückt seither Züricher Operngänger. Während Kosky mit seiner betont lustvollen und entertainmentlastigen Spielplangestaltung sogar vom strunzkonservativen Fachblatt "Opernwelt" zum "Opernhaus des Jahres" gekürt wurde. Was Koskys schwules PR-Team groß ausschlachtete. Völlig zurecht. Jetzt folgte der Ritterschlag von internationaler Seite.

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Konservative Auszeichnung für einen flamboyanten Exzentriker

Zum ersten Mal sind die Geschwister Pfister auf der Bühne eines Berliner Opernhauses zu sehen – in einem Stück, das seit vielen Jahren auf ihrer "Wunschliste"steht: Nico Dostals Operette "Clivia" - Quelle: Gunnar Geller
Zum ersten Mal sind die Geschwister Pfister auf der Bühne eines Berliner Opernhauses zu sehen – in einem Stück, das seit vielen Jahren auf ihrer "Wunschliste"steht: Nico Dostals Operette "Clivia" (Bild: Gunnar Geller)

Der International Opera Award wurde 2013 von John Allison, dem Herausgeber des britischen Fachmagazins "Opera", initiiert und 2013 erstmals vergeben. Da die anglo-amerikanische Opernwelt weit konservativer ist als alles, was es in Deutschland gemeinhin zu sehen gibt, ist eine solche Auszeichnung für den flamboyanten Exzentriker Kosky umso bemerkenswerter. Sie zeigt, dass die Anglo-Amerikaner vielleicht szenisch konservativer denken als deutsche Regietheater-Berserker, dafür aber offener für Unterhaltung und schwule Aspekte sind als das pseudo-intellektuelle deutsche Feuilleton. Dem ist sowas meist viel zu unseriös.

Angesichts dieses Rundum-Sieges der "Pink Opera Mafia" – wie manche hiesige heterosexuelle Kritiker gern sagen – gratulierte auch Berlins Regierender und Kulturoberhäuptling Klaus Wowereit sofort: "Die Kunst- und Kulturmetropole Berlin ist stolz darauf, dass die Arbeit von Barrie Kosky international gewürdigt wird. Damit wird auch deutlich, dass unsere Stadt als Metropole der Opernkunst weltweit anerkannt wird. Herzlichen Glückwunsch, Barrie Kosky!"

Kosky ist ein seltenes Beispiel dafür, dass ein Opernregisseur und vor allem Opernintendant derart offen mit seiner Homosexualität umgeht – und diese genauso offen und selbstverständlich in seine Arbeit einfließen lässt. Zwar tummeln sich im Opernbetrieb schon immer Homosexuelle, vor und hinter der Bühne, aber aus Panik vor Stigmatisierung halten die meisten ihren spezifisch "schwulen" Geschmack zurück. Sie fürchten, damit könnten sie sonst die heterosexuelle Operngängermehrheit verschrecken. Denn was sinkende Auslastungszahlen für die Vertragsverlängerung bedeuten, weiß jeder. Besonders in Zeiten von klammen Kulturetats. Vor diesem Risiko haben viele schlichtweg Angst. Die durchaus berechtigt ist, wenn man sich anschaut, mit welcher Vehemenz in anderen Bereichen – etwa der Bildungspolitik – gegen queere Sichtbarkeit zu Felde gezogen wird.

Kosky hat bewiesen, dass ein ungeniertes Ausspielen von stereotypen schwulen Elementen wie Camp und Kitsch, Glitter und Glamour, eine betont männliche Körperlichkeit und eine Auswahl von Entertainment-Stücken, die die meisten Heteros als "anti-intellektuell" abtun würden, ein allgemeines Publikum begeistern kann. Fernsehsender übertrugen Produktionen wie "Kiss Me, Kate" und "Ball im Savoy", "Clivia" und "West Side Story" sind ständig ausverkauft. Und sogar "seriöse" Raritäten wie "Der feurige Engel", "Castor und Pollux" und "Die Soldaten" erfreuen sich einiger Beliebtheit bzw. erzeugen gespannte Vorfreude.

"Kiss Me, Kate" zum CSD, "Clivia" zum Ledertreffen

Camp: Tanzende Schafe mit dicken Eutern in der Händel-Oper "Xerxes"
Camp: Tanzende Schafe mit dicken Eutern in der Händel-Oper "Xerxes" (Bild: Karl Forster)

Und das nicht nur bei hiesigen Zuschauern. Bekanntlich setzt sich das Berliner Publikum zu sehr großen Teilen aus auswärtigen Besuchern zusammen, speziell internationale Touristen gehen hier in die Oper. Und tragen die Eindrücke dann nach Hause. Weswegen die Jury des International Opera Award sicher von mehreren Seiten vom Berliner Opernwunder gehört haben wird. Schließlich lief Koskys "Kiss Me, Kate" gezielt zum CSD, jetzt wird zu Ostern und zum Ledertreffen das Camp-Spektakel "Clivia" mit Christoph Marti alias Ursli Pfister in der weiblichen Hauptrolle gegeben. Die Aufführung am Ostersonntag ist seit Monaten restlos ausverkauft – vermutlich auch, weil der ein oder andere Lederkerl sich diesen südamerikanische Paso-Doble-Spaß nicht entgehen lassen möchte, bevor nachts mit Harness weitergefeiert wird.

Im Interview mit der Zeitschrift "Männer" sagte Kosky unlängst: "Schwule Operngänger machen vielleicht zehn bis 20 Prozent des Publikums aus. Aber ich mache ja Oper nicht nur für Schwule." Er ergänzte aber: "Wenn im Publikum Kinder und Bären sitzen neben Lederqueens, Omas und Bänkern – wenn es diese Mischung gibt, ist es für mich erfolgreich." Man kann mit Blick auf typische Opernabende in der Behrenstraße sagen – ganz sicher an Wochenenden wie Ostern -, dass da tatsächlich genau diese Mischung anzutreffen ist. Womit Kosky im Rahmen der Berliner Opernszene mehr für die Integration und (!) Sichtbarkeit und (!) Akzeptanz von Schwulen getan hat als die anderen Intendanten. Zwar gibt es, beispielsweise, an der Deutschen Oper auch einen offen schwulen Intendanten und ein offen schwules Leitungsteam, aber keine vergleichbar offen schwule Spielplangestaltung. Und ganz sicher keine besondere Betonung von irgendwas, das in Richtung von Camp und Glamour gehen würde. Oder halbnackte Jungs auf der Bühne.

Während Kosky schwule Opernsehnsüchte nach Over-the-Top-Diven und hemmungslosem Entertainment besser bedient als jeder andere in der Metropole, hat er – im Gegensatz zu diversen anglo-amerikanischen Häusern – noch keine explizit schwule Oper auf den Spielplan gesetzt. Man denke etwa an "Two Boys" von Nico Muhly, die gerade an der Met in New York zu sehen waren, oder "Harvey Milk" von Steward Wallace. Von Benjamin Brittens "Tod in Venedig" ganz zu schweigen, an den sich – trotz Britten-Jubiläumsjahr – noch nicht mal die Kollegen an der Deutschen Oper im Rahmen ihres Britten-Zyklus gewagt haben. Dafür geht da demnächst die homoerotische Matrosenoper "Billy Budd" in Premiere, auf ein Textbuch von E. M. Forster.

Bei schwulen Pornostars hört der Spaß auf

Ebenfalls erstaunlich ist, dass die Komische Oper unter Kosky es gar nicht komisch fand, dass Pornostar Jordan Fox in ihrem Haus drehte – als Teil des Dokumentarfilms "Naked Opera", der letztes Jahr bei der Berlinale zu sehen war und preisgekrönt wurde (queer.de berichtete). Fürs Poster mussten die beiden Hauptdarsteller, Jordan und Marc Rollinger, aus dem Zuschauerraum der Komischen Oper rausgephotoshopped und in einen anderen Zuschauraum versetzt werden. Was amüsant ist, wenn man die – auch von Kosky – vielbeschworene Vergangenheit des Hauses bedenkt, wo die Prosituierten der Friedrichstraße bis zum Ersten Weltkrieg mit Ermäßigung eingelassen wurden, damit sie sich in den Wandelgängen ums sexuelle Vergnügen der männlichen Zuschauer kümmern konnten.

Heute zieht Kosky da eine klare Linie: aufreizende Tänzer-mit-Tattoos in den Produktionen, ja. Bären und Lederkerle neben Omis und Kindern im Zuschauerraum, ebenfalls ja. Porno vor Ort, absolut nein. Aber vielleicht kommt das ja noch – wer weiß? Die Teddy Awards fanden 2014 erstmals in der Komischen Oper statt. Da wäre der Hustla Ball doch ein naheliegender nächster Schritt, nach einer Aufführung des Einakters "Salome", um in die richtige Stimmung zu kommen.

Auf alle Fälle, auch von meiner Seite, herzlichen Glückwunsch, Barrie. Ich liebe dein Theater mit allem drum und dran! Und ich komme gern mit Jordan und Marc zur nächsten Premiere!

Links zum Thema:
» Homepage der Komischen Oper
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Tags: barrie koskie, komische oper, international opera award
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Reaktionen zu "Der Sieg der "Pink Opera Mafia""


 9 User-Kommentare
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Die ersten:   
#1
12.04.2014
08:15:36


(+4, 4 Votes)

Von schwarzerkater
Profil nur für angemeldete User sichtbar


homepage und die clips auf der hp der komischen oper machen LUST auf mehr!!!
gratuliere zur auszeichnung


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#2
12.04.2014
08:44:56


(+4, 4 Votes)

Von goddamn liberal


Was der aus den Omas Lieblingsoperetten wie 'Ball im Savoy' des von den Nazis verfemten Paul Abraham herausholt - alle Achtung!

Das ist nicht allein glamourös und queer. Da werden auch die jüdischen Wurzeln freigelegt, die abgehackt werden sollten.

Alles leider immer noch aktuell.


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#3
12.04.2014
09:42:48


(+3, 3 Votes)

Von Smartakus
Aus Möhnesee (Nordrhein-Westfalen)
Mitglied seit 10.01.2014


Auch in der Deutschen Oper gab es schon vor langer Zeit in der Carmina Burana den Auftritt eines Bodybuilders im Posingslip. Im gleichen Outfit stand der Darsteller dann später in der Szene an der Bar.


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#4
12.04.2014
12:12:28


(+3, 5 Votes)

Von sperling


die opernaffinität der lederkerle wäre mal eine diplomarbeit wert. oder gibt's die schon?


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#5
12.04.2014
20:27:42


(0, 2 Votes)

Von ehemaligem User Robby


Herzlichen Glückwunsch zur Auszeichnung!


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#6
13.04.2014
02:51:36


(+3, 3 Votes)

Von Liddl
Aus Braunschweig (Niedersachsen)
Mitglied seit 01.04.2014


@sperling

Die wirds nicht geben weil es doch nur noch Bätscheler und Master gibt. Außerdem wirste mit dem Thema hinterher definitiv arbeitslos,-)

Stelle mich aber gern als Interviewpartner zur Verfügung Oder begleite dich, falls dir echt was am Thema liegt, mit Boots und Harness zum Jobcenter


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#7
13.04.2014
11:02:58


(+2, 2 Votes)

Von ehemaligem User FoXXXyness


Den Preis hat er sich redlich verdient!


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#8
13.04.2014
12:32:29


(+3, 3 Votes)

Von madness


P.S. nicht die ganze PR-Abteilung ist schwul :-)


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#9
13.04.2014
12:45:33


(+2, 4 Votes)

Von sperling
Antwort zu Kommentar #6 von Liddl


oh, eine "master"-arbeit zum thema wäre natürlich noch viel passender!


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