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  • 22.04.2014           5      Teilen:   |

"Lavender Country"

Schwul-lesbische Country-Musik

Artikelbild
Patrick Haggerty, einst Lead-Sänger der ersten schwul-lesbischen Country-Gruppe Lavender Country, tritt heute noch auf, wie hier beim "Seattle Gay Pride" (Bild: Paradise Of Bachelors)

Artefakt oder spannende Zeitreise zwischen Aufbruch und Ablehnung? Vor knapp 40 Jahren erschien das erste queere Country-Album.

Von Jan Gebauer

Die Frage ist schnell beantwortet: Nein! Wie sie lautet? Hat es jemals einen offen schwulen oder lesbischen Country-Star gegeben? Also einen echten Star, nicht den Geheimtipp, der durch kleine Clubs tingelt. Einer, der offen über gleichgeschlechtliche Liebe, das Coming-out oder die einhergehenden gesellschaftlichen Probleme singt.

Klar, es gibt k.d. lang. Die gehörte Ende 1980er Jahre zwar tatsächlich zum Nashville-Mainstream, hatte dem Country-Mekka bei ihrem Coming-out im Jahre 1992 aber bereits den Rücken zugewandt. Auch Kristen Hall verkaufte mit ihrer Band Sugarland 2004/5 rund drei Millionen CDs, wurde dann aber kurz vor ihrem lesbischen Coming-out aus dem Trio gedrängt. Und Chely Wright durchschritt gerade ein Karrieretief, als sie sich 2010 im "People"-Magazin outete. Vorher mutig dazu stehen? Undenkbar – ihr Nummer-eins-Hit "Single, White, Female" wäre sofort als lesbische Kontaktanzeige im Songformat eingestuft worden.

Shane McAnally hatte als Sänger keinen Erfolg, als Songwriter gewann er Grammys und jeden wichtigen Country-Preis, schrieb Hits für Lady Antebellum, Kenny Chesney und sogar Kelly Clarkson. Und ist offen schwul, lebt mit Partner und zwei Kindern glücklich zusammen. Aber ein Star ist er nicht, zieht nur hinter den Kulissen an den Hitfäden.

Immer wieder hört man dasselbe: Nashville ist nicht bereit für einen offen homosexuellen Country-Künstler. Randgruppen sind generell nicht gerne gesehen. Schließlich kann man selbst die schwarzen oder lateinamerikanischen Country-Stars an einer Hand abzählen. Und dann eine Lesbe oder Schwulen losschicken, die im erzkonservativen "Bible Belt" mit Fiedel, Dobro und Gitarre um die Gunst der Hörer kämpfen? Aussichtslos!

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Auf den Spuren schwul-lesbischer Country-Musik

Wurde 1973 nur 1.000 Mal gepresst: Das CD-Cover zur Wiederauflage von "Lavender Country" - Quelle: Paradise Of Bachelors
Wurde 1973 nur 1.000 Mal gepresst: Das CD-Cover zur Wiederauflage von "Lavender Country" (Bild: Paradise Of Bachelors)

Doch wie fing alles an? Für den Urknall schwul-lesbischer Country-Musik muss man weit in die Vergangenheit reisen. Zum Glück gibt es ein kleines Label in North Carolina namens Paradise Of Bachelors, das einen kleinen musikalischen Schatz aus dem Jahre 1973 gehoben und wieder aufgelegt hat: "Lavender Country", das wohl erste schwul-lesbische Album der Welt. Der Titel war gleichzeitig auch der Name der Gruppe, die von 1972 bis 1976 in Seattle existierte und aus dem Lead-Sänger Patrick Haggerty, dem Keyboarder Michael Carr, beide schwul, der lesbischen Sängerin und Fiedlerin Eve Morris sowie dem offen heterosexuellen Gitarristen Robert Hammerstrom bestand.

Produziert und vertrieben wurde die heute extrem seltene, nur 1.000 Mal gepresste LP von den Gay Community Social Services of Seattle. Die Platte spiegelt Haggertys eigene Erfahrungen wieder: seine Erziehung auf einer Farm im ländlichen Washington, an der kanadischen Grenze; seine Entlassung aus dem Friedenscorps mit der fadenscheinigen Begründung seiner Sexualität, die anschließende Einweisung in eine psychiatrische Anstalt und seine gesellschaftlichen Kämpfe als junger, äußerst wütender homosexueller Mann in der Zeit unmittelbar nach Stonewall. Alles Themen, mit denen man in Nashville keine Chance hat, was Haggerty durchaus bewusst war. Er wollte ja auch in erster Linie informieren – andere Schwule und Lesben. Zeigen, dass keiner von ihnen alleine ist. Notfalls mit unverblümter Sprache: "Cryin' These Cocksucking Tears" heißt einer der Titel und er kostete einem weiblichen Radio-DJ ihren Job, als sie es wagte, den Titel im Lokalradio von Seattle zu spielen.

Das Genre war für Haggerty zwar eine Herzensangelegenheit, letztendlich aber auch Mittel zum Zweck: "Es gab kein Musik-Genre, das schwule Musik einfach so akzeptiert hätte, von daher war es eigentlich egal, welches wir wählten. Die Hauptsache war, wir standen 'out' auf der Bühne und zeigten den Menschen, dass es uns gibt." Die Reaktionen reichten von blankem Entsetzen und purer Abscheu bei den Country-Fans bis hin zu tränenreichen Lobeshymnen aus der Community. Ein großes Publikum konnte Lavender Country mit seinen direkten Texten nie erreichen – und selbst heute würde die Platte vermutlich von den Radio-Stationen abgelehnt werden. Zumal das Album teilweise klassischen Country bietet, den man paradoxerweise nicht mal mehr im amerikanischen Format-Radio hört, wo jeder zweite Song mit soviel Studio- und Rock-Bombast aufgedonnert wird, als ob Bon Jovi an den Reglern sitzen.

Youtube | Interview mit Patrick Haggerty (mit Song-Beispielen)

Kommt bald der erste schwule Mainstream-Country-Star?

Das einzige Foto der Gruppe Lavender Country, das heute noch existiert: Links Eve Morris, rechts Patrick Haggerty
Das einzige Foto der Gruppe Lavender Country, das heute noch existiert: Links Eve Morris, rechts Patrick Haggerty (Bild: Paradise Of Bachelors)

Immerhin, im Jahre 2000 nahm die altehrwürdige "Country Music Hall of Fame" in Nashville "Lavender Country" in ihr Archiv auf, ein kleiner Gunstbeweis. Daraufhin trat auch Haggerty wieder auf. Und mittlerweile gab es sogar ein paar offen schwule Country-Sänger, wie zum Beispiel Mark Weigle. Natürlich abseits großer Bühnen und lukrativer Plattenverträge. Wohl auch deshalb warf Weigle 2007 nach einigen Indie-Alben die Gitarre ins Korn, nachdem er von seiner Musik nicht mehr leben konnte. Gleichzeitig klagte er aber auch die schwule Community an, sich nicht genug für schwule Künstler einzusetzen. Das Interesse bestünde fast nur an "heterosexuellen Berühmtheiten, hübschen 20-Jährigen, Porno-Darstellern und Drag-Queens".

Im vergangenen Jahr wurde schließlich der smarte Sunny-Boy Steve Grand, wohl auch mit einem gewissen Marketing-Kalkül, als erster "offen schwuler Country-Star" angepriesen (queer.de berichtete). Haggerty wird sich gewundert haben. Ob Grand jemals den Sprung in den Mainstream schafft, bleibt offen, das Talent und Aussehen dazu hat er gewiss.

Haggerty (70) indes hat der Country-Musik die Treue gehalten, spielt seine Titel immer noch regelmäßig live. Er lebt mit seinem Ehemann außerhalb von Seattle, 28 Jahre sind die beiden mittlerweile zusammen. Er hat außerdem eine Tochter, ist Großvater und freut sich, dass seine alte Scheibe nun wieder erhältlich und zumindest ein kleiner "Untergrund-Hit" ist: "Und bevor ich ins Grab steige, lache ich zuletzt", sagt Haggerty im Hinblick auf die Ablehnung in den 1970ern, "denn 'Lavender Country' wird mich überleben."

Youtube | Reinhören: "Cryin' These Cocksucking Tears"
Links zum Thema:
» Die CD bei Amazon bestellen
» Mehr über die Gruppe Lavender Country, weitere Fotos und Song-Beispiele
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Tags: country music, lavender country, patrick haggerty
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Reaktionen zu "Schwul-lesbische Country-Musik"


 5 User-Kommentare
« zurück  1  vor »

Die ersten:   
#1
22.04.2014
10:38:11


(+6, 8 Votes)

Von -hw-


" Gay socialist activist Patrick Haggerty had sung selections from his album of gay music. Lavender Country, and (Catherine Bourne, also a socialist activist, had read poetry. That night, at Occidental Park on the mudflat, another rally had been held; socialist feminist Cindy Gippie had played drums to provide music. In 1975 the event expanded, with a gay wedding between two men at a Capitol Hill church, a lesbians-only picnic at Woodland Park, a lawn festival at Volunteer Park, a street dance at Occidental Park, and a rally at Seattle Center. In 1976, more expansion: Radical Women panels, a champagne boogie at Shelly's Leg, a picnic at Volunteer Park, another rally at Seattle Center."

"Gay Seattle: Stories of Exile and Belonging", S. 265


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#2
22.04.2014
13:21:20


(+5, 7 Votes)

Von O-Ton
Antwort zu Kommentar #1 von -hw-


You had to be explicit to be valid. And the information had to be on topic, it had to be on point. Thats what we were trying to do in pretty much every song. Each one is very topical. OK, now were going to write a song about lost love, and now were going write a song about the nature of institutionalized political oppression against us. And now were going to write a song about what its like to be in the closet. Now were going to write a song about our problems with straight men, not because theyre especially attracted to women, but because they treat us terrible. Now were going to write a song about having to kick our way into the movement in the first place, be validated by the anti-war movement and other progressive movements, and kicking our way into socialist parties, which were supposed to be very liberated. Lets write a song about how hard it is to be gay when youre trying to be straight, living the straight white patterns.

Link:
grantland.com/hollywood-prospectus/discovering-lav
ender-country-a-conversation-with-country-musics-h
idden-gay-icon/


Youtube-Video:


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#3
24.04.2014
15:53:57


(-2, 2 Votes)

Von Ferrante


Mark Weigles Kommentar zu seinem Karriereende ist sicher traurig, aber wahr. Besonders, da ich in seinen Song 'Two Cowboys Waltz' hineinhörte und mir dachte, wow, tolle Stimme und sauguter Song, der Mann hats drauf (ich höre ja selbst gerne auch mal Country)!:

Link:
youtu.be/ONOVpdKC8ng


Bei Songtiteln wie "Cocksucking Tears" werde ich ja ehrlich gesagt eher schon mal abgeschreckt. Damals war man aber halt gerne mal extrem.


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#4
25.04.2014
20:21:31
Via Handy


(0, 2 Votes)

Von ehemaligem User Robby
Antwort zu Kommentar #3 von Ferrante


Selten so einen Schwachsinn gelesen!


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#5
30.04.2014
00:16:57


(-2, 2 Votes)

Von Ferrante
Antwort zu Kommentar #4 von Robby


Ebenso.


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