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  • 29.04.2014           67      Teilen:   |

Interview

Bettina Böttinger: "Wir werden nur geduldet"

Artikelbild
Bettina Böttinger wurde 1996 von Entertainer Harald Schmidt tief unter der Gürtellinie geoutet: "Was haben eine Kloschüssel und Bettina Böttinger gemeinsam? Antwort: Kein Mann würde sie je anfassen!" (Bild: WDR/Fürst-Fastré)

Man könne sich in Deutschland nicht auf die Toleranz gegenüber Lesben und Schwulen verlassen, glaubt die Fernsehmoderatorin und Botschafterin der Hirschfeld-Tage NRW.

Interview: Marvin Mendyka

Sie und Klaus Nierhoff sind Botschafter der Hischfeld-Tage NRW, die noch bis zum 18. Mai laufen. Wie kam es zu der Zusammenarbeit?

Klaus Nierhoff und ich waren schon vorher als Botschafter für die Arcus-Stiftung aktiv. Dort geht es speziell um ältere Schwule und Lesben, die ja immer ein bisschen im Hintertreffen sind. Dass wir dann auch für die Hirschfeld-Tage Botschafter wurden, war eigentlich keine Frage. Die Aufgabe als Botschafter halten wir für eine wichtige, sonst würden wir sie nicht machen.

Was wäre Ihrer Meinung nach das Wichtigste, um die Akzeptanz gegenüber LGBT in Deutschland, aber auch in NRW, zu verbessern?

Das ist ein sehr weites Feld. Von den Hirschfeld-Tagen erwarte ich mir grundsätzlich erst einmal mehr Öffentlichkeit für Anliegen von Lesben und Schwulen. In den vergangenen Jahren ist in Sachen Emanzipation eine Menge passiert. Aber ich glaube – und das ist eine meiner Grundüberzeugungen -, dass die Decke der Zivilisation sehr dünn und brüchig ist. Bei jeder sich bietenden Gelegenheit könnte das, was wir als "Toleranz" so sehr schätzen, zusammenbrechen. So wie es bei vielen zivilisatorischen Leistungen in den vergangenen Jahrhunderten der Fall war.

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Das klingt recht pessimistisch…

Alle reden davon, wie frei und tolerant wir hierzulande sind. Ich glaube aber, wir werden lediglich geduldet. Der Punkt ist genau dann erreicht, wenn die Forderungen von Schwulen und Lesben auch nur ein bisschen zu weit gehen. Wenn Homosexuelle auch nur ein Stückchen zu selbstbewusst in der Öffentlichkeit auftreten, dann ist genau dieser Punkt erreicht, an dem es wieder einen Schritt zurück geht.

Nehmen Akzeptanz und Toleranz denn hierzulande ab?

Gut möglich. In letzter Zeit sind wir wieder sehr stark daran gewöhnt, dass sich Menschen zu Wort melden, die alles andere als Toleranz predigen. Das meine ich nicht nur im Hinblick auf sexuelle Vielfalt. Das geht von Sarrazin über Lewitscharoff und Pirinçci bis hin zu Matussek. Letzterer war es ja auch, der so richtig die Klappe aufriss, um zu sagen: "Ich bin homophob und das ist auch gut so!"

Man kann sich einfach nicht darauf verlassen, dass die Toleranz gegenüber Homosexuellen in Deutschland tatsächlich gesichert ist. Der Wert der Freiheit muss immer wieder verteidigt werden. Und genau so muss auch die Toleranz, die wir erfahren, immer wieder aufs Neue verteidigt werden.

Haben Sie selbst Diskriminierungen oder Nachteile aufgrund Ihrer Homosexualität erlebt?

Ich bin 1956 geboren, habe also eine sehr lange Lebensgeschichte hinter mir. Wenn ich ihnen jetzt aufzählen würde, wo ich als Lesbe diskriminiert wurde, dann sitzen wir noch lange hier. Selbstverständlich habe ich schon Diskriminierung erfahren! Aber wenn ich jetzt bei meiner Schulgeschichte anfange, von meinem Studium erzähle und vom WDR, würde das einfach zu weit führen.

Ich versuche, in meinem Leben offensiv damit umzugehen und in der Gesellschaft Stellung zu beziehen, wie zum Beispiel durch meine Botschaftertätigkeit für die Hirschfeld-Tage NRW. Aber mit meinen persönlichen Empfindlichkeiten und Erfahrungen möchte ich nicht an die Öffentlichkeit gehen.

Die vier Köpfe der Hirschfeld-Tage NRW (v.l.n.r.): Bettina Böttinger, Gabriele Bischoff (Arcus-Stiftung), Jörg Litwinschuh (Bundesstiftung Magnus Hirschfeld) und Co-Botschafter Klaus Nierhoff
Die vier Köpfe der Hirschfeld-Tage NRW (v.l.n.r.): Bettina Böttinger, Gabriele Bischoff (Arcus-Stiftung), Jörg Litwinschuh (Bundesstiftung Magnus Hirschfeld) und Co-Botschafter Klaus Nierhoff (Bild: BMH/Norbert Mispelbaum)

Raten Sie allen Menschen zum Coming-out oder gibt es auch Ihrer Sicht auch gute Gründe, die eigene sexuelle Orientierung zu verheimlichen?

Das kommt ganz auf das Selbstbewusstsein der Leute an. Man muss damit rechnen, dass man einen vor den Bug bekommt. Also muss man abschätzen, ob man die Stärke hat, damit umzugehen oder lieber in Deckung bleibt.

Es ist sicherlich auch ein großer Unterschied, ob man in den Medien arbeitet oder in einem ganz normalen Betrieb. Genau so macht es auch einen Unterschied, ob man in Berlin, Köln oder auf dem Land lebt. Das Großstädtische hat einen eigenen "Biotop-Charakter". Dort geht es ganz anders zu als in dörflichen, eher konservativen Strukturen.

Eine mutige Vorkämpferin für die Rechte von Homosexuellen war Johanna Elberskirchen, die auch bei den Hirschfeld-Tagen im Mittelpunkt stand. War Ihnen der Name schon vorher bekannt?

Nein, den Namen kannte ich vorher gar nicht. Aber darin liegt auch eine wichtige Aufgabe einer öffentlichen Bewegung. Bestimmte Themen, Jahrestage oder Persönlichkeiten wieder ins Gedächtnis zu rufen bzw. sie überhaupt erst bekannt zu machen, wie es bei Johanna Elberskirchen der Fall ist.

Wird man Sie denn auch persönlich auf Veranstaltungen der Hirschfeld-Tage treffen?

Ich selbst werde bei einer Veranstaltung am 15. Mai in Düsseldorf vor Ort sein. Dort findet die Arcus-Ausstellung in Zusammenarbeit mit der Bundesstiftung Magnus Hirschfeld im Düsseldorfer Landtag statt, zu der die Landtagspräsidentin eingeladen hat. Es wird Gespräche mit der Presse geben, bei der wir als Botschafter selbstverständlich dabei sein werden. Dass die Hirschfeld-Tage auch von politischer Seite auf Unterstützung treffen, finde ich ganz großartig und wichtig.

Links zum Thema:
» Homepage der Hirschfeld-Tage NRW mit dem detaillierten Programm
Mehr zum Thema:
» Interview mit Botschafter Klaus Nierhoff: "Das Erreichte muss ständig verteidigt werden (02.04.2014)
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Tags: bettina böttinger
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Reaktionen zu "Bettina Böttinger: "Wir werden nur geduldet""


 67 User-Kommentare
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Die ersten:   
#1
29.04.2014
11:20:53


(-27, 29 Votes)

Von Oliver42


"Ich glaube aber, wir werden lediglich geduldet."

---> Diesen Eindruck habe ich in Deutschland in keinster Weise im Jahre 2014.

Böttinger ist mir da zu pessimistisch mit dieser Aussage.

Nach meinen Eindruck gilt eher der Satz:

"Ich glaube, homosexuelle Menschen werden in Deutschland akzeptiert."


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#2
29.04.2014
11:26:00


(+18, 20 Votes)

Von BWLer
Antwort zu Kommentar #1 von Oliver42


Man kann Ihnen keine Kinder, Haushaltskassen, Tiere, Pflanzen und Schlüssel anvertrauen.


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#3
29.04.2014
11:48:13


(+20, 22 Votes)

Von stephan
Profil nur für angemeldete User sichtbar


Ich halte Göttingers Auffassung für sehr realistisch und gut auf den Punkt gebracht.

"Der Punkt ist genau dann erreicht, wenn die Forderungen von Schwulen und Lesben auch nur ein bisschen zu weit gehen."

Das ist genau der Punkt, wo es sich besonders deutlich zeigt: Kaum dass man anspricht, dass Schwule und Lesben immer noch diskriminiert werden, immer noch nicht repräsentativ in Medien und oder Filmen vertreten sind, kommt von gar nicht so kleinen Teilen der Bevölkerung Widerspruch und man verweist darauf, dass jede Erwähnung des Themas der Bevölkerung gewaltig auf die Nerven gehe.

Man muss sich z.B. nur - immer dann wenn es um das Thema Homosexualität geht - nur die Leserkommentare - z.B. bei der FAZ durchlesen, dann erkennt man sehr gut, was da im Untergrund brodelt!

"... die Decke der Zivilisation sehr dünn und brüchig ..."

Genauso ist es!


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#4
29.04.2014
11:53:46


(+21, 23 Votes)

Von Sven89


Toll, dass sie sich durch ihren Alltag und ihre Lebenswelten nicht blenden lässt und ruhig die Gefahren beschreibt.

"Genau so macht es auch einen Unterschied, ob man in Berlin, Köln oder auf dem Land lebt. Das Großstädtische hat einen eigenen "Biotop-Charakter". Dort geht es ganz anders zu als in dörflichen, eher konservativen Strukturen."


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#5
29.04.2014
11:54:47


(+18, 20 Votes)

Von Dennis
Profil nur für angemeldete User sichtbar
Antwort zu Kommentar #3 von stephan


Das ist das traurige Ergebnis - der Hintergrund dieser "Sowas wird man ja nochmal sagen dürfen" Kultur.

#Oliver42

Hurz!


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#6
29.04.2014
12:37:17


(+16, 18 Votes)

Von Felix


Ich kann ihr nur zustimmen.

Wir sind und bleiben Menschen 2. Klasse, die allenfalls geduldet sind, aber nicht voll akzeptiert.

Dass das nicht nur für den Zusammenhalt der Gesellschaft verheerend ist, sondern sogar wirtschaftliche Nachteile hat, zeigt wie groß der Homohass sein muss, wenn die Politik das alles billigend in Kauf nimmt.

Wir hätten so viel Macht (das hat man z.B. bei Barilla und dem neuen Mozilla-CEO gesehen), wenn wir sie nur nutzen würden. Aber solange immer noch Schwule und Lesben die Union, die AfD oder die rückgratlosen Opportunisten von FDP und SPD wählen, die für die Macht alles mitmachen, wird sich hierzulande auch NICHTS an unserer Lage ändern.


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#7
29.04.2014
12:46:48


(+16, 16 Votes)

Von ehemaligem User Tonner66


Bettina Hat RECHT........"wir werden nur geduldet" und sollte sich je einmal etwas politisch ändern in Deutschland sind wir schneller dran als es uns lieb ist!


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#8
29.04.2014
12:53:12


(+15, 17 Votes)

Von Joonas
Antwort zu Kommentar #6 von Felix


Würden wir nur ein einziges mal ausschließlich Parteien wählen, die uns zu 100% gleichstellen wollen (Eheöffnung, Volladoption, Art. 3 GG, AGG ohne Ausnahmen, Bildungs- und Aufklärungsprograme, etc.) und das auch nicht nur versprechen, sondern auch halten, würden sich auch die anderen Parteien sehr schnell ändern...

Denn eines will jede Partei: Macht. Und wenn sie merken, dass sie ohne uns keine Macht bekommen, werden sie uns sehr schnell anders behandeln.

Wir werden nur deshalb wie Dreck behandelt, weil wir es uns gefallen lassen!!


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#9
29.04.2014
13:12:00


(+14, 14 Votes)

Von jochen
Aus münchen (Bayern)
Mitglied seit 03.05.2008


Ich kann Bettina Böttinger nur zustimmen in ihrer Einschätzung, dass die Zivilisationsdecke der Toleranz gegenüber Minderheiten leider oft sehr dünn sein kann.

Darum ist es wichtig, dass sich Homosexuelle jetzt etablieren.
Das heisst auch Netzwerke schaffen und Strukturen schaffen, die uns für eventuelle zukünftige "Stimmungsschwankungen" in der Gesellschaft ( denn der Wind kann sich manchmal schneller drehen wie man denkt..) stark machen .

Auch wenn niemand weiss, ob wir in Zukunft weiter akzeptiert bzw. toleriert werden/bleiben , oder vielleicht wieder drangsaliert werden.

Jüngere ,also bis ca. 20 -- 25 Jährige, die keine Strafverfolgung oder kaum Diskriminierung vom Staat kennen, können sich oftmals leider nicht vorstellen , dass ein Staat auch bösartig werden kann.


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#10
29.04.2014
13:20:49


(-19, 21 Votes)

Von ehemaligem User FoXXXyness
Antwort zu Kommentar #6 von Felix


Felix jammert: "Wir sind und bleiben Menschen 2. Klasse, die allenfalls geduldet sind, aber nicht voll akzeptiert."

WEnn man es sich wie Du diesen Quatsch jedesmal einredet, darf man sich nicht wundern! Das ist das typisch deutsche Pessimistengeschwätz, was jeden auf die Palme bringt!

Es gibt keine Menschen 2. Klasse oder steht davon etwas im Grundgesetz? Nein, tut es nicht!


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