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Die große Runde der Toleranz (v.l.n.r.): Jurgen Daenens, Landesvorsitzender LSU Berlin, Arik Platzek, Pressereferent Humanistischer Verband, Moderator Daniel Fallenstein, Dr. Christoph Lehmann, Vorsitzender Pro Reli e.V., stv. Bundesvorsitzender der Katholischen Elternschaft (KED) und Landesvorstandsmitglied CDU Berlin, Stefan Friedrich, Landesvorsitzender CDL Berlin (Bild: Robert Niedermeier)

In Berlin suchten die LSU und die Christdemokraten für das Leben (CDL) bei der gemeinsamen Podiumsdiskussion "Wieviel Staat vertragen Gott, Ehe und Familie?" krampfhaft nach einem Minimal-Konsens.

Von Robert Niedermeier

Eigentlich soll am Dienstagabend im Konferenzraum des Berliner Hotels Sylter Hof über die "zunehmende Bevormundung des Staates" geredet werden, so steht es zumindest in der Einladung, die von Jurgen Daenens, Vorstand des Berliner Landesverbands der Lesben und Schwulen in der Union (LSU), in Kooperation mit dem Landesvorsitzenden der Christdemokraten für das Leben (CDL), Stefan Friedrich, versandt worden ist. Das Ehegatten-Splitting, Kirchensteuer, Religionsunterricht und das Recht auf freie Religionsausübung sollen ebenfalls thematisiert werden.

Bereits im Vorfeld sei die Veranstaltung, gibt Daenens zu, "kontrovers aufgenommen" worden. In der Tat bleiben die meisten LSU-Aktivisten der Veranstaltung fern. Überhaupt finden sich lediglich 18 Personen ein, um den Ausführungen der vier Diskutanten zu lauschen. Der fünfte Mann, Daniel Fallenstein, ein junger IT-Angestellter mit Vollbart, übernimmt die Moderation, die sich darin erschöpft, in Blöcken aufgeteilt fünf von Friedrich und Daenens in einer "persönlichen Erklärung" aufgestellte Thesen vorzulesen.

"Ich muss nicht alles gut finden"


LSU-Landeschef Jurgen Daenens sucht den Dialog mit dem christlich-fundamentalistischen Flügel seiner Partei (Bild: LSU Berlin)

"Ehrliche Toleranz statt falsche, aufgezwungene Akzeptanz", damit ist die zur Diskussion gestellte erste These übertitelt. Gefordert wird "die volle Akzeptanz für jeden Menschen in seiner gesamten Komplexität und Toleranz für unterschiedliche Lebensentwürfe, die auf unterschiedliche Ausprägungen in der Sexualmoral, Glaubensüberzeugungen und sexuelle Identitäten beruhen". Wie das zu verstehen sei, macht der als vehementer Gegner von straffreien Schwangerschaftsabbrüchen bekannte "Christdemokrat für das Leben" deutlich. CDL-Landeschef Stefan Friedrich sagt: "Ich muss nicht alles gut finden" und setzt kurzerhand die Mitgliedschaft in einer schlagenden Studentenverbindung mit der sexuellen Orientierung gleich.

Der wie Friedrich "zum Konsens bereite" LSU-Vorsitzende Daenens wünscht sich die offene Diskussion und beklagt sich über "unterdrückte Vorurteile und Redeverbote". Auch Podiumsteilnehmer Dr. Christoph Lehmann, u.a. Bundesvorsitzender der Katholischen Elternschaft (KED), kann sich mit dieser These anfreunden: "Toleranz ja, aber keine aufgezwungene Akzeptanz", sagt er mehrfach und erklärt: "Toleranz heißt ertragen, Akzeptanz heißt etwas annehmen."

Etwas unterfordert ob der belanglosen Thesen stellt Arik Platzek, Pressereferent des Humanistischen Verbands, mit leicht spöttischem Unterton fest: "Ich freue mich, dass alle in der Runde Menschenrechte grundsätzlich akzeptieren." LSU-Mann Daenens antwortet: "Akzeptanz gilt dem Menschen, Toleranz den Meinungen."

Schwule sollen gegen Abtreibung demonstrieren

Soweit die Konsenssoße, die der Lebensschützer Friedrich mit einer kruden Formulierung umrührt, als er kundtut, dass auch er gegen die Todesstrafe für Homosexuelle sei, zugleich aber darauf verweist, dass es kein christliches, "schon gar nicht katholisches" Land gebe, dass Menschen aufgrund ihrer Homosexualität umbringe. "Ich würde zusammen mit Schwulen gegen die Todesstrafe demonstrieren", sagt er, und stellt dafür eine Bedingung: "Wenn diese Gruppen auch für das ungeborene Leben demonstrieren." Auf den Einwurf des Humanisten Platzek, ob Gefängnis als Strafe für Homosexualität in christlichen Ländern nicht bereits schlimm genug sei, geht der CDL-Aktivist nicht ein.

"Die Würde des Menschen ist unantastbar", lautet die zweite, aus dem deutschen Grundgesetz hinlänglich bekannte These. Gemeint ist hier allerdings die Würde des ungeborenen Lebens, macht Friedrich deutlich, denn diese würde jährlich tausendfach durch Abtreibungen verletzt. Im Wechselspiel mit dem Katholiken Lehmann erklärt Friedrich, was einen Menschen ausmacht: "Der Mensch wird als Mann und Frau gezeugt, in seltenen Fällen als Zwitter." Transidenten fallen aus dieser Definition mit Absicht heraus. "Zu kompliziert", findet auch Daenens, der einzige offen Schwule auf dem Podium, sei jene sexuelle Vielfalt, die sich in Abkürzungen wie LGBTIQ festmache. "Die Identität eines Menschen ist biologisch festgelegt", darauf beharrt Lehmann: "Das ist ein Naturrecht." Lehmann ist überzeugt: "Niemand meiner schwulen Freunde möchte eine Frau sein."

CDL-Chef Friedrich bringt derweil sein Einstecktuch in die Debatte ein: "Wenn ich im Anzug in eine Kneipe gehe und dabei mein Einstecktuch trage, gelte ich auch als Exot, damit muss ich leben." Humanist Platzek muss, wie bei fast jeder Aussage der Polit-Christen, den Nachhilfe-Lehrer geben: "Der Mensch ist nicht allein ein biologisches Wesen. Es gibt Stufen zwischen den Geschlechtern. Das ist die Realität", und diese sei nun mal komplex.

Gegen Krippenpflicht und sexuelle Umerziehung


Viele Plätze bleiben leer am Dienstagabend im Konferenzraum des Berliner Hotels Sylter Hof (Bild: Robert Niedermeier)

Für eine Einmischung des Staates in der Familienpolitik, zugleich aber auch dagegen, macht sich die dritte These des Abends stark. Kinderreiche Familien müssen steuerlich privilegiert werden, geben die Katholiken im Podium kund, sprechen sich generös für die allgemeine Schulpflicht aus, lehnen jedoch eine Krippen- und Kita-Pflicht strikt ab. Auch eine "sexuelle Umerziehung" müsse verhindert werden. Wo oder wie die kolportierte sexuelle Umerziehung in der Gesellschaft bislang vonstatten geht, kann allerdings niemand im Podium deutlich machen.

Vor den Möglichkeiten der Medizin warnt dann die vierte These der mehr und mehr langatmigen wie auch wenig informativen Podiumsdiskussion. LSU-Vorstand Daenens schränkt jedoch ein: "Die Medizin ist eine Chance, Menschenleben zu retten und zu verbessern." Humanist Platzek findet es "ekelhaft", wenn Frauen in Beratungsgesprächen mit Bildern von abgetriebenen Föten konfrontiert werden – ein Vorschlag von Friedrich, der mit dieser drastischen Maßnahme Frauen von einem Schwangerschaftsabbruch abhalten möchte. Katholik Lehmann stellt hierzu fest, dass es gar nicht legal sei, abzutreiben, es gelte in bestimmten Fällen "lediglich Straffreiheit für Frauen".

Die Erkenntnis des Abends: Man ist nicht einer Meinung

"Ehrlicher Dissens statt Selbstleugnung aus Opportunismus", muss der leicht ermüdete Moderator zum Ende der Debattenrunde vorlesen. In der fünften und letzten These geht es darum, so erklären Daenens und Friedrich, dass sie nicht einer Meinung seien. Friedrich würde jedenfalls ein Adoptionsrecht für gleichgeschlechtliche Paare nur dann begrüßen, wenn keine Kinder in Deutschland abgetrieben werden dürften: "Es ist besser, wenn ein schwules Paar ein Kind adoptiert als dass es getötet wird." Die queer.de-Nachfrage, ob er das ernst meint, antwortet Friedrich mit einem "ja". Daenens will indes die Kanzlerin in dieser Frage nicht drängen, sondern wartet "mit Zuversicht" auf ein entsprechendes Urteil aus Karlsruhe.

Dem Humanisten in der Runde wird zum Finale der fast drei Stunden dauernden Glaubensbekenntnisse seine offensichtlich vorhandene Fach-Kompetenz zum Vorwurf gemacht. "Sie schreiben doch in allen möglichen Publikationen gegen uns an", beschwert sich ein Lebensschützer aus dem Publikum über den smarten Aktivisten und Journalisten. "Sie stacheln die Krawallmacher auf", sagt ein weiterer bekennender "Marsch fürs Leben"-Teilnehmer und ergeht sich in Opfer-Mimikry: "Soviel Spott, Hohn und Häme von Linken: Ich habe abends geweint wie ein Schlosshund."

Ein der LSU nahe stehender schwuler Mann im sonst von christlichen Fundamentalisten dominierten Publikum kritisiert, dass die Thesen des Abends sich gegenseitig widersprächen und sagt klipp und klar: "Solche Veranstaltungen spielen nur den Linken in die Hände."



#1 asdfAnonym
  • 01.05.2014, 16:41h
  • Na toll. Sagen die demnächst noch, dass Homosexualität zwar pervers sei, aber immer noch besser als Kindesmissbrauch?
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#2 mx5972Profil
  • 01.05.2014, 16:47hKerpen
  • Ich weiß nur eins!!

    Wir haben von der CDU und von den Schwarzröcken nichts zu erwarten!!!!
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#3 ZeitfensterAnonym
  • 01.05.2014, 16:57h
  • Tja, der Herr Daenens ist halt sehr, sehr dankbar, dass er wegen seiner Homosexualität nicht mehr totgeschlagen werden soll. Und nun darf er sogar ein Kind adoptieren, wenn es ansonsten abgetrieben würde.

    Na, Bravo! Das nenne ich eine erfolgreiche Homo-Politik der Klemmschwestern von der LSU.
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#4 Dont_talk_aboutProfil
  • 01.05.2014, 17:17hFrankfurt
  • Bitte keinen Dialog mit Andersdenkenden. Gefestigte Meinungen sollten unter sich bleiben
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#5 Oliver42Anonym
  • 01.05.2014, 18:01h
  • Eine gute Veranstaltung wie ich finde. Schade das ich nicht dabei war und im Publikum gesessen habe.

    Es ist erfreulich, dass die CDU mittlerweile das Lebenspartnerschaftsinstitut in Deutschland akzeptiert hat und sich nun im Rahmen der Großen Koalition mit der SPD darauf verständigt hat, die letzten bestehenden Diskriminierungen beim Lebenspartnerschaftsrecht abzubauen.

    In diesem Zusammenhang ist es gut, dass nunmehr die sukzessive Adoption gesetzlich von der CDU mitumgesetzt wird.

    Und es ist gut, dass die CDU gemeinsam mit der SPD nächste Woche am 8. Mai 2014 im Bundestag die komplette Gleichstellung nunmehr im Steuerrecht vollendet (Abgabenordnung, Wohnungsbau-Prämiengesetz, Altersvorsorge-Zertifizierungsgesetz, ...) .

    Vielleicht schafft es die GroKo und damit dann auch die CDU noch den bereits von Leuttheusser-Schnarrenberger erarbeiteten Gesetzentwurf zur Gleichstellung in verschiedenen bisher "vergessenen" Gesetzen beim Lebenspartnerschaftsrecht aus dem vorletzten Jahr aufzugreifen und dann doch noch durchzusetzen (Versammlungsgesetz, Höfeordnung, Zivilprozessgesetz, Strafgesetzbuch, Sprengstoffgesetz,...).

    Im Mai 2014 werde ich jedenfalls der CDU meine Wahlstimme geben, weil bei der Europawahl andere Themen vorrangig sind: Agrarpolitik, kein Beitritt der Türkei in die EU, Einhaltung des Subsidiaritätsprinzip, ...).

    Und es freut mich, dass mit Jens Spahn und Stefan Kaufmann gleich zwei offen homosexuelle Bundestagsabgeordnete im Bundestag sitzen.
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#6 stühlchenAnonym
  • 01.05.2014, 18:02h
  • Wieso sitzen die fünf Anzugträger erhöht?
    Und die achtzehn Zuhörer in Tischreihen?

    Man hätte doch einen Sitzkreis machen können oder Muttis Raute?
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#8 MiroAnonym
  • 01.05.2014, 18:08h
  • Wenn der Herr Humanist angeblich bei der Diskussion unterfordert gewesen wäre, warum hat er sich nicht bemüht, das intellektuelle Niveau zu heben?
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#9 Eva BrunneAnonym
#10 AstadenaAnonym
  • 01.05.2014, 18:17h

  • "Die Identität eines Menschen ist biologisch festgelegt" - mag ja sein, nur leider muss sie dann noch lange nicht zum Körper passen.
    Und das ganz mit "zu komplex" abzutun ist wohl das letzte. Das Leben ist nunmal komplex. Ich selbst bin Trans* und habe mir das nicht ausgesucht. Und es, Entschuldigung, kotzt mich immer an, wenn diese religiös verstockten Denker sämtliche wissenschaftlichen Erkenntnisse ignorieren und verlangen, man solle ein über 1500 Jahre altes Buch als die Quelle der Weisheit akzeptieren.
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