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  • 02.05.2014           10      Teilen:   |

Denkmal für homosexuelle NS-Opfer gefordert

Razzien und Zwangskastrationen in Düsseldorf

Artikelbild
Der Historiker Frank Sparing berichtete im Auftrag der Mahn- und Gedenkstätte Düsseldorf ausführlich und kenntnisreich über die Schwulenverfolgung im Dritten Reich (Bild: Dietrich Dettmann)

In keiner anderen westdeutschen Stadt wurden im Dritten Reich derart viele Männer aufgrund ihrer Homosexualität verhaftet, berichtete der Historiker Frank Sparing im Rahmen der Hirschfeld-Tage.

Von Dietrich Dettmann

Im Rahmen der Hirschfeld-Tage NRW beleuchtete Frank Sparing am 28. April im Düsseldorfer "Zakk" die Verfolgung von Homosexuellen während der NS-Zeit am Beispiel Düsseldorfs. Rund 50 Zuhörer lauschten dem Vortrag des Historikers. Frank Sparing, geboren 1963, studierte Geschichte und Romanistik und ist Autor von mehreren Veröffentlichungen zum Thema Nationalsozialismus.

In seinem Vortrag unter dem Titel "Die Ausgrenzung und Verfolgung der Homosexuellen im nationalsozialistischen Düsseldorf" berichtete er zunächst über die bisherige Forschung zu diesem Thema in der Landeshauptstadt. Die Mahn- und Gedenkstätte Düsseldorf, Veranstalter des Informationsabends, hatte Ende 1996 ein umfassendes Projekt zur Verfolgung der männlichen Homosexuellen im Nationalsozialismus durchgeführt. Die Lokalstudien ergaben, das Düsseldorf in gewisser Hinsicht eine zentrale Rolle bei der Verfolgung von Homosexuellen spielte. In keiner anderen westdeutschen Stadt wurden derart viele schwule Männer während der von der Gestapo durchgeführten Razzien festgenommen. Über 400 Verhaftungen sind aktenkundig.

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Schwule Männer wurden zu Staatsfeinden erklärt

Die Radikalisierung der Verfolgung setzte dabei keineswegs unvermittelt mit der Machtübernahme 1933 ein. Zunächst richteten sich die Maßnahmen in erster Linie gegen die homosexuelle Subkultur sowie die starke Bürgerrechtsbewegung und ihre Presse. Erst Mitte der 1930er Jahre sollte dann der breite Zugriff auf Homosexuelle einsetzen, die nun nicht mehr nur als Kriminelle behandelt, sondern zu Staatsfeinden erklärt und entsprechend hart durch Kriminalpolizei und Gestapo verfolgt wurden. Die Opfer mussten damit rechnen, nicht nur in Gefängnisse und Zuchthäuser, sondern auch in Justizstraflager, Konzentrationslager oder Heil- und Pflegeanstalten eingewiesen zu werden. Darüber hinaus wurden sie Zwangskastrationen unterworfen, die zentral für West- und Nordwestdeutschland im Düsseldorfer Gefängniskrankenhaus Ulmer Höh' durchgeführt wurden.

Nach der Verschärfung des § 175 im September 1935 wurden alle möglichen homosexuellen Betätigungen kriminalisiert, nicht nur "beischlafähnliche Handlungen". In einigen Fällen genügten ein Blickaustausch oder ein Gespräch oder gar die Denunziation durch einen Dritten.

Das Klima veränderte sich schnell seit der Wahl Hitlers zum Reichkanzler 1933. Der "Bund der Menschenrechte", dem sich viele Homosexuelle anschlossen, wurde für illegal erklärt, Publikationen und Zeitungen ("Schund- und Schmutzschriften") wurden verboten, und es erfolgte die Anweisung, reichsweit Szenelokale zu schließen, darunter einige rund um den Düsseldorfer Hauptbahnhof und die heutige Altstadt.

Die anschließende Verhaftungswelle folgte dabei nach einem ganz bestimmten Muster: Insbesondere in öffentlichen Bedürfnisanstalten kam es zu Festnahmen. Nicht selten spielten vorher verhaftete Strichjungen, angestiftet durch die Gestapo, die Lockvögel oder Spitzel. In der Haft wurden die Geständnisse oft erpresst und mit schwerer Folter erzwungen.

Zwangskastration als kleineres Übel zum Konzentrationslager

In vielen Akten finden sich Hinweise auf massive Misshandlungen der Düsseldorfer Gefangenen. Einem Zeitungsbericht ist zu entnehmen, dass "Sittlichkeitsverbrechen", zu denen auch homosexuelle Handlungen gezählt wurden, "bei einzelnen Kammern […] 60 Prozent aller zu verhandelnden Fälle" ausmachten. In homosexuellen Beziehungen lebende Männer wurden besonders hart bestraft, weil "der Vorsatz der Angeklagten von vornherein darauf ausgerichtet war, ständig Unzucht zu treiben".

Nach § 175 Verurteilte wurden auch in Konzentrationslager verschleppt. Hier wurden sie oft in besonders schweren und gefährlichen Arbeitskommandos eingesetzt und besonders gekennzeichnet. In vielen Fällen kam es in der "Schutzhaft" zu Zwangskastrationen, denen sich die Angeklagten unterzogen, um mildere Urteile zu erlangen und weiteren Qualen aus dem Weg zu gehen. Gerade in Düsseldorf lässt sich eine hohe Zahl von Fällen feststellen, in denen Homosexuelle ihrer Einweisung in ein KZ dadurch entgingen, in dem sie "freiwillig" ihre Kastration beantragten.

Diese Zwangskastrationen wurden im Gefängniskrankenhaus Düsseldorf-Derendorf durchgeführt. Das Gefängnis, das Ulmer Höh' genannt wurde, gehörte seit 1933 zum Strafvollzugsamt Düsseldorf und wurde 2012 geschlossen. In Gedenken an den geschichtsträchtigen Ort soll auf dem Neubaugebiet die ehemalige JVA-Kapelle stehenbleiben und möglicherweise Raum für eine Gedenkstätte oder Mahnmal bieten.

Da es in Düsseldorf bisher kein Denkmal für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen gibt, wurde in der abschießenden Diskussion und Fragestunde von Vertretern aus der Community vorgeschlagen, ein solches auf der Ulmer Höh' zu errichten. Frank Sparing begrüßte den Vorschlag: "Hier muss man tätig werden, den Ort einfach verschwinden zu lassen wäre eine Katastrophe".

Links zum Thema:
» Homepage der Hirschfeld-Tage NRW mit dem detaillierten Programm
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Tags: düsseldorf, ulmer höh
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Reaktionen zu "Razzien und Zwangskastrationen in Düsseldorf"


 10 User-Kommentare
« zurück  1  vor »

Die ersten:   
#1
02.05.2014
07:39:41


(+11, 11 Votes)

Von kuesschen11
Aus Darmstadt (Hessen)
Mitglied seit 26.08.2012


Es ist von hoher Wichtigkeit, dass diese Thematik der NS-Opfer aufgearbeitet wird und zwar in jedem Gebiet Deutschlands. Zu lange wurde über dieses Thema geschwiegen.

Immer noch werden Gedenkstätten mutwillig beschädigt. Daran erkennt man, wie präsent Homophobie in der Gesellschaft ist und wieviel Aufklärungsarbeit noch zu leisten ist.


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#2
02.05.2014
09:01:10


(+4, 4 Votes)

Von ehemaligem User FoXXXyness
Antwort zu Kommentar #1 von kuesschen11


Das sehe ich genauso!


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#3
02.05.2014
09:30:07


(+10, 12 Votes)

Von Robin


Und man darf nicht vergessen, dass der entsprechende §175 noch bis in die 1990er-Jahre hinein in unterschiedlichen Formen existierte.

(Und Union und FDP hätten ihn am liebsten auch damals noch nicht abgeschafft.)

Und nach wie vor wird die Rehabilitierung aller Opfer dieses Nazi-Paragraphen verweigert... Aktuell von der schwarz-roten Bundesregierung, so wie vorher schon von Schwarz-Gelb...


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#4
02.05.2014
12:04:12


(0, 4 Votes)

Von userer
Profil nur für angemeldete User sichtbar


Interesante Forschung. Und wieso gerade Düsseldorf? Ist es die Mischung aus Blut&Boden-Katholizismus und dem Bauerntum der aus der nahen Provinz zugezogenen Bauernsöhne, die sich in städtischen Zusammenhängen beweisen wollen und in die Mittelschicht streben?


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#5
02.05.2014
12:14:05


(+7, 7 Votes)

Von GeorgG


In Düsseldorf gab es bis weit in die 1970er Jahre noch Hexenjagden auf Schwule. Ebenso war damals ein Großteil der Polizei mit dem Aufspüren von "Unmoral" beschäftigt, also auf der Suche nach erotischem Bildmaterial. Wenn ein Streifenpolizist in einer Galerie ein Foto mit etwas Nacktheit entdeckte, war dies ein Grund, einzugreifen.
Die anti-schwule Haltung von Düsseldorf ist im Grunde nie ganz verschwunden. Noch vor wenigen Jahren sagte der OB Erwin, man wolle keine Verhältnisse wie in Köln.
In Köln ist "düsseldorf-schwul" ein Schimpfwort für eine mit Klunkern behangene alte Tunte.
Eigentlich ist diese Haltung erstaunlich, denn Düsseldorf ist in keiner Hinsicht klerikal so wie es Köln ist/war. Wer aber die kleinbürgerlichen Schützenvereine im Raum Düsseldorf/Neuß sieht, ahnt etwas von der Spießigkeit dieser Gegend.


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#6
02.05.2014
12:45:53


(+19, 21 Votes)

Von Deutsche Schande


Während der nationalsozialistischen Herrschaft wurden in Deutschland ungefähr 150.000 Menschen, aufgrund ihrer Homosexualität, verhaftet und davon etwa 10.000 bis 15.000 in Konzentrationslager deportiert und viele von ihnen ermordet. Die homosexuellen KZ-Häftlinge wurden gezwungen auf ihren Sträflingsanzügen, den "Rosa Winkel" zu tragen.

Der § 175 bestand in seiner, von den Nationalsozialisten verschärften Form, bis 1969 weiter, endgültig abgeschafft wurde er aber erst 1994 nach der sog. "Wiedervereinigung" und das auch nur auf Druck der beigetretenen DDR, ansonsten hätte er in den neuen Bundesländern erst wieder eingeführt werden müssen.

50.000 Männer wurden noch nach dem 2. Weltkrieg aufgrund dieses Unrechts-Paragraphen verurteilt! Teils von denselben Richtern, die schon zur Zeit des sog. "Dritten Reiches" homosexuelle Männer verurteilt hatten, nur weil diese homosexuell waren.

Es war legalisiertes Unrecht, das teilweise noch heute mit der dümmlichen Behauptung "was gestern (also während der Nazi-Diktatur) Recht war, kann heute nicht Unrecht sein", von Ewig Gestrigen verteidigt wird.

Artikel zum Thema in der 'Frankfurter Rundschau' am 27.12.2012 (auch veröffentlicht in der Berliner Zeitung):

Link zu www.fr-online.de


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#7
02.05.2014
13:28:25
Via Handy


(+9, 11 Votes)

Von Alex


Es ist eine Schande, dass Deutschland sich in weiten Teilen weigert, seine historische Verantwortung zu übernehmen und seine eigene Geschichte aufzuarbeiten.

Das hat die Union schon mit der FDP verhindert und jetzt macht die SPD das auch mit.

Die wollen wohl die Sache aussitzen, bis alle Geschädigten des §175 tot sind.


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#8
02.05.2014
13:53:51


(+7, 11 Votes)

Von Sven89


Hitlers Rede vor dem Industrie-Club Düsseldorf

Link:
de.wikipedia.org/wiki/Hitlers_Rede_vor_dem_Industr
ie-Club_D%C3%BCsseldorf


"Wenn es nach den Franzosen ginge, müßte Alfried Krupp wieder ins Kriegsverbrechergefängnis Landsberg zurück, trotz Amnestierung durch Hochkommissar McCloy und trotz der laufenden Gespräche um eine Europa-Armee französischen Musters.[...] Die Hausmeier erinnern sich nicht, daß Alfrieds Vater Gustav an jener berüchtigten Industriellenkonferenz im Düsseldorfer Park-Hotel am 27. Januar 1932 teilgenommen hätte, die Fritz Thyssen arrangierte und auf der Hitler sprach. Zu seinem 70. Geburtstag 1940 bekam Vater Gustav wohl die Goldene Ehrennadel der Partei, wodurch er automatisch Pg. wurde. Aber mehr als 12 Mark Monatsbeitrag hat der reichste Mann Großdeutschlands nie gezahlt."

Link zu www.spiegel.de

Link zu www.queer.de


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#9
02.05.2014
14:20:20


(+9, 11 Votes)
 
#10
02.05.2014
22:18:22


(+5, 5 Votes)

Von ehemaligem User paren57


Das scheint ja bis heute nachzuwirken. Der Düsseldorfer Oberbürgermeister hat sich ja schon mehrfach als intimer "Freund" der Schwulen erwiesen.


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