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  • 15. Dezember 2004, noch kein Kommentar

Nicht alle Piraten sehen aus wie Käpt'n Hook. Der legendäre Stede Bonnet trieb im 18. Jahrhundert im Fummel sein Unwesen.

Von Dennis Klein

Als Johnny Depp den Piraten Jack Sparrow in "Fluch der Karibik" mimte, widersprach er allen Piraten-Klischees. Er war - auf Deutsch gesagt - ziemlich tuckig. Doch seine Darstellung war keineswegs an den Haaren herbeigezogen: So terrorisierte Stede Bonnet im 18. Jahrhundert die Hafenstadt Charleston im heutigen US-Bundesstaat South Carolina. Er erschien gerne in Frauenkleidern zur Arbeit und soll sich auch sonst Männern gegenüber sehr lüstern genähert haben. Seinen Piratenlaufbahn begann er, weil ihn seine dominante Ehefrau zu sehr nervte, heißt es. Anders als Johnny Depp entrinnt er aber im Alter von gerade Mal 30 Jahren dem Galgen nicht in letzter Sekunde.

Diese Geschichte wird täglich wiederholt von Reiseführern wie Kelle Stone. Die 28-Jährige mag die Piraten-Storys ganz besonders. Die kleine Halbinsel Charleston, das mit Voroten nicht einmal 100.000 Einwohner zählt, bietet heutzutage wahrscheinlich mehr so genannte "Walking Tours" an als jede andere amerikanische Kleinstadt. Touristen schlengeln sich durch die historische Altstadt, ergründen beim "Ghost Walk" die Geschichte der Gespenster (hier glaubt jeder Einheimische an Geister) oder laufen über die Battery, an der der amerikanische Bürgerkrieg 1861 begann.

Mehr und mehr Interesse weckt jedoch derzeit Piratenvergangenheit der Stadt - besonders die Story von Bonnet. Ironischerweise steht das Wort Bonnet im Süden auch für einen mit Bändern geschmückten Strohhut, den nur Frauen tragen. Reiseführerin Kelle Stone berichtet, dass Bonnet der wohl ungewöhnlichste Pirat war. Eigentlich war er ein vollkommener Gentleman aus reichen Haus, der in einer Familie von Großgrundbesitzern auf der Karibikinsel Barbados aufwuchs. Stone sagt, wäre seine Frau nur etwas weniger eine "bitch", frei übersetzt ein "Miststück", gewesen, hätte der Edel-Tranny-Mann wohl nicht das Weite gesucht.

Er war aber wohl nicht für den Job als Pirat geschaffen - schon der Beginn seiner Laufbahn war außergewöhnlich. Anders als in der Branche üblich, kaperte er sich nämlich nicht sein erstes Schiff - er kaufte es auf dem Markt. Nach einigen Anfangserfolgen in Neu-England fuhr er schließlich Charleston an. Und ergatterte neben wertvollen Gütern auch eine stattliche Damen-Garderobe. Dann ging jedoch ein Angriff schief - und er wurde samt Crew gefangen genommen. Zunächst kam er allerdings noch mit einem blauen Auge davon. Sheriff Nathaniel Partridge, der wie Bonnet ursprünglich aus Barbados kommt, beschützte seinen Landsmann. Er musste nicht ins schmutzige Gefängnis, sondern wurde in einem komfortablen Haus am Stadtrand unter Hausarrest gestellt. Unter seinen zahlreichen Landsleuten galt er als Held. Wiederholt gelang es ihnen, den Prozess hinauszuzögern.

Einigen städtischen Bediensteten wurde die Hinhaltetaktik zu bunt - sie setzten einen Termin für das Verfahren. Daraufhin kam es zu Ausschreitungen der Barbadier. Bonnet konnte unerkannt entkommen - allerdings hat eine Armee von Freiwilligen die Flucht nach wenigen Tagen beendet. Sie konnten ihn auf der nahe gelegenen Sullivan's Island festnehmen und nach Charleston zurückbringen. In einem zügigen Prozess wurde er dann der Piraterie schuldig befunden. Strafmaß: Der Tod. Bonnet starb in der Stadtmitte am Galgen - und wurde mehrere Tage hängen gelassen, um andere Querulanten zu warnen.

15. Dezember 2004