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Die rotzfreche "Rosie"

Mutti säuft, der Sohn ist schwul

  • 07. Mai 2014, noch kein Kommentar

Mehr als eine Reise in die Vergangenheit: Der in Berlin lebende Schriftsteller Lorenz wird nach einem Schlaganfall seiner Mutter Rosie dazu genötigt, in sein Schweizer Heimatörtchen zurückzukehren. Dort verliebt er sich in einen deutlich jüngeren Mann (Bild: KOOL Filmdistribution)

Ab Donnerstag im Kino: Im urkomischen Familiendrama "Rosie" kehrt ein homosexueller Schriftstelller aus Berlin in ein Schweizer Kaff zurück, um seine Mutter zu pflegen.

Von Michael Thiele

Lorenz Meran, Anfang 40, lebt als schwuler Autor in Berlin. Soeben ist sein neuer Roman erschienen, der von den Kritikern verrissen wird. Steckt Meran etwa in einer Schreibkrise, fragen die Rezensenten nicht ohne Sensationslüsternheit.

Währenddessen erleidet seine Mutter Rosie, die in einem Kaff namens Altstätten in der östlichen Schweiz wohnt, einen Schlaganfall. Ihre beiden Kinder Lorenz und Sophie eilen zu ihr. Alles noch mal gut gegangen, sagen die Ärzte, empfehlen aber die Unterbringung im Altersheim. Doch die verdächtig nach Schnaps riechende Rosie will nicht. Fortan teilen sich Tochter und Sohn die Pflege, sie pendeln zwischen dem halb verfallenen Elternhaus und ihren erwachsenen Leben: Sophie ist unglücklich verheiratet, Lorenz lernt ausgerechnet hier in der Provinz den jungen Mario kennen und beginnt eine Affäre mit ihm.

So weit die Ausgangslage von Marcel Gislers großartigem Drama "Rosie", das nun mit reichlich Verspätung in die deutschen Kinos kommt. Immerhin lief der Film schon vor einem Jahr in der Schweiz, daneben auf etlichen internationalen Filmfestivals, wo er vielfach prämiert wurde.

Künstlerporträt, Liebesgeschichte und Mutter-Sohn-Studie


Ein Jahr nach dem Filmstart in der Schweiz kommt "Rosie" am 8. Mai 2014 nun endlich auch in die deutschen Kinos

Doch zurück zum Plot, der offensichtlich einiges bereit hält. So verhandelt "Rosie" Themen wie Großstadt versus Provinz, Homosexualität, Alkoholismus und Midlife-Crisis, es geht um Heimat und Wurzeln, die man nicht kappen kann, um Altern und letzte Lebensjahre, zugleich eignet sich der Film als Künstlerporträt, Liebesgeschichte und Mutter-Sohn-Studie.

Aber, und das ist das Erstaunliche und Meisterliche an "Rosie", der Film ist nicht überladen. Denn so groß und gewichtig die Themen sind, so humorvoll und beschwingt werden sie aufbereitet.
Tatsächlich umweht "Rosie" eine weise Leichtigkeit. Die Dialoge sind teils starker Tobak, Schwulsein wird als angenehm selbstverständlich thematisiert, die realistische Inszenierung ermöglicht ein hohes Maß an Identifikation – und zwar mit allen Protagonisten.

Dabei sind es die vermeintlich kleinen, alltäglichen Szenen, die berühren: Etwa wenn Rosie nachts durch die winterlichen Straßen irrt, um ihre verschwundene Katze zu suchen, und Lorenz die nur mit einem Nachthemd Bekleidete behutsam zurück ins Haus führt. Oder wenn Mutter und Sohn im örtlichen Supermarkt auf alte Bekannte treffen, über die Rosie eben noch amüsant abgelästert hat, die sie im nächsten Moment aber listig grüßt. Oder wenn Lorenz Rosie wäscht, sie dabei so entspannt ist, dass sie plötzlich einen – pardon! – fahren lässt, woraufhin Lorenz schimpfend aus dem Bad rennt und Rosie herzlich loslacht.

Sibylle Brunner in ihrer Paraderolle

Für die Darstellerin der Rosie Meran, die zum Zeitpunkt des Drehs 73-jährige Theaterschauspielerin Sibylle Brunner, ist es nicht nur die erste Hauptrolle in einem Kinofilm, sondern auch gleich ihre Paraderolle. In den 106 Filmminuten spielt sie sich durch alle tragisch-komischen Facetten der Figur: Sie ist störrisch und verbittert, klug und scharfzüngig, schimpft und weint, gibt sich derb und divenhaft zugleich. Sie steht damit im Mittelpunkt des Dramas, in dem der selbst aus Altstätten stammende Gisler vermutlich den ein oder anderen autobiografischen Aspekt untergebracht hat.

Am Ende des heimlichen Filmjuwels gibt es übrigens ein Happyend auf allen Ebenen: Ein erschütterndes Familiengeheimnis wird aufgedeckt, Lorenz überwindet seine schriftstellerische Schaffenskrise, indem er einen Roman über seine Mutter schreibt, und mit Mario wagt er ein neues, gemeinsames Leben in Berlin.

Youtube | Offizieller Trailer zum Film
Infos zum Film

Rosie. Drama. Schweiz 2013. Regie: Marcel Gisler. Darsteller: Sibylle Brunner, Fabian Krüger, Judith Hoffmann. Laufzeit: 106. Minuten. Sprache: Deutsch. FSK 12. Bundesweiter Kinostart: 8. Mai 2014.
Galerie:
Rosie
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