Service   Gewinne   Jobs   Newsletter   Bild des Tages   Presseschau   Partner   Gay Hotels
Queer.de - das schwul-lesbische Magazin
 Community | CSD-Termine
Suche:  (News-Übersicht)
 
Login (Nick / Passw.):  (Registrieren)
  Autologin  
 Home || Politik | Szene | Boulevard | Blog | Meinung | Glaube | Lifestyle | Reise | Kultur | Buch | CD | DVD | Liebe | TV-Tipps || Galerie
  • 16.05.2014, Autor: Norbert Blech           80      Teilen:   |

Friedmans Menschenzoo

N24 fragt zynisch: "Schwule: normal oder pervers?" – ein neuer Tiefpunkt der Talkshows zum Thema Homosexualität.

Man kann den Schock und den Ärger, die sich gestern beim Anblick dieser Einblendung einstellten, noch immer kaum in Worte fassen. Man will es gar nicht müssen.



Diese Einblendung in der Talk-Sendung von Michel Friedman ist eine der größten Medien-Unverschämtheiten gegenüber LGBT der letzten Jahre; bei einer anderen Minderheit hätte ein vergleichbarer beleidigender, ja menschenverachtender Zwischentitel zu einem öffentlichen Aufschrei und mindestens einer Entschuldigung, wenn nicht gar zu Entlassungen und Einstellung der Sendung geführt.

Egal, wie die Einblendung entstanden sein mag, von der Ingoranz eines Praktikanten bis zur zynischen Quotengeilheit eines Verantwortlichen ist vieles denkbar: Als Zeitung wäre der Sendung eine Presseratsrüge sicher gewesen. Aber leider gibt es hierzulande für das Fernsehen weder eine ordentliche Selbstkontrolle noch eine ernstzunehmende Medienaufsicht.

Vieles spricht für Quotengeilheit: Norbert Geis war das letzte Mal vor weniger als zwei Jahren bei Friedman zu Gast, um auch damals über Homosexualität zu sprechen. Niemand anderes kann das so peinlich und aufgeregt und selbstüberführend wie er, und so durfte er wieder ran, obwohl Geis mittlerweile Politiker im Ruhestand ist. Ihm gegenüber setzte die Redaktionen allerdings nicht ebenfalls einen Politiker (damals war es noch Christian Ströbele), sondern eine Drag Queen, Nina Queer aus Berlin. Die Idee, die Sendung dadurch "reizvoller" zu machen, hat man sich wohl bei Menschen bei Maischberger abgeschaut.

Aus einer angekündigten Sendung über den Bildungsplan wurde damals eine wirre und oberflächliche Debatte pro und contra Homosexuelle, was in sich schon einen Sieg der Homo-Hasser darstellt – als sei in dieser Frage noch eine gesellschaftliche Debatte und nicht eine klare gesellschaftliche Antwort fällig.

Auch die neuste Talkshow setzte auf eine Aneinanderreihung dieser oberflächlichen wie vermeintlichen Pro und Contras, was letztendlich nicht mehr ist als ein unsinnige Gegenüberstellung von Vernunft gegen Bauchgefühl – das fiese "Schwule: normal oder pervers?" bringt das traurigerweise gut auf den Punkt.

Die verschiedensten Themenbereiche, von Conchitas Sieg über Homo-Ehe hin zum Adoptionsrecht, wurden so kurz angeklopft, dass zwar wie gewünscht kontroverse Meinungen über den Äther gingen, aber in keiner Sekunde eine überzeugende, informierende Debatte. Was auch an der Gästeauswahl liegt: Geis ist nicht in Regierungsverantwortung. Dass sich ein Regierungsmitglied für eine mangelnde Gleichstellung verantworten muss, kommt in Talkshows ja nur alle paar Jahre vor und das dann auch nur dank einer Zuschauerfrage.

Nein, auf Fakten zur Diskriminierung Homosexueller oder zum Kindeswohl in gleichgeschlechtlichen Partnerschaften wartete man hier vergeblich. Bereits die Einleitung Friedmans war eine Mischung aus Klischee und Realitätsausblendung: "Noch nie war Schwulsein so hip, so cool, so geil." Der offizielle Titel der Sendung: "Conchita Wurst – Liebe, Lust und Laster: Verzweifelt jetzt der deutsche Spießer?" Was hat die Sängerin, haben Schwule mit "Liebe, Lust und Laster" zu tun?

Was nicht zur Krawallsendung passte, wurde ausgeblendet, Lesben etwa. Conchita Wurst ermutige "Schwule, ihr Schwulsein zu leben, zu genießen, und vor allem darauf zu pfeifen, was der Spießer davon hält", so Friedman – dabei war die Botschaft Conchitas alles andere als nur auf Schwule gemünzt und sollte zwar nicht den Homo-Hasser, aber durchaus auch den Spießer erreichen.



Was Friedman von Maischberger unterscheidet, war das kritische Nachfragen Richtung Geis; man könnte fast zu der Meinung gelangen, er hätte die Forderungen des Waldschlösschen-Appells zum medialen Umgang mit Äußerungen, die Homosexuelle diffamieren, erfüllt und Geis nur eingeladen, um ihn dann zu konfrontieren und Homophobie bloßzustellen. Aber dazu hätte er eine inhaltliche Diskussion leiten müssen, die über Moral und Bauchgefühle hinaus gegangen wäre.

In Wirklichkeit führte er Geis einfach nur etwas deutlicher vor als Nina Queer, die, machen wir uns da nichts vor, auch nur aus Unterhaltungsgründen eingeladen wurde – die TV-Entsprechung all der Zeitungsberichte zu einem CSD, die auf Begriffe wie "schrill" und auf Drag Queens setzen und den ganzen Rest ignorieren (das ist keine Aussage gegen Drag Queens, sondern gegen eine mediale Aufbereitung, die auf Äußerlichkeiten und nicht auf Inhalte setzt, von denen auch Drag Queens einige zu erzählen hätten). Homos und Anti-Homos sind bei Friedman & Co. nichts anderes als die Tiere, die von Dompteuren im Zoo vorgeführt werden.

Der Sendung ging es um Krawall, nicht um Inhalte. Um Unterhaltung, nicht um Haltung. Zum x-ten Mal wurden Fragen zu Homosexualität und Homophobie als zynisches Quoten-Spektakel auf Kosten unserer Minderheit umgesetzt. Der Waldschlösschen-Appell, der für den allgemeinen Bereich des TV-Journalismus wichtig wie ungehört bleibt, greift bei Talkshows zu kurz: Er fordert eine Lösung von einem Format, das selbst das Problem ist, indem es "Normal oder pervers?" zur Frage erklärt.

Die ganze Sendung:




 Update  17.30h So reagierte eben die Sendersprecherin:

Kommentare: Selbst kommentieren | Bisher 80 Kommentare | FB-Debatte
Teilen: 1610             13     
Service: | pdf | mailen
Tags: michel friedman, waldschlössschen-appell, norbert geis, nina queer, conchita wurst, talkshow
Schwerpunkt:
Unterstützen:
  |   Überweisung / Abo / weitere Infos

Reaktionen zu "Friedmans Menschenzoo"


 80 User-Kommentare
« zurück  12345678  vor »

Die ersten:   
#1
16.05.2014
14:55:12


(+9, 11 Votes)

Von ehemaligem User reiserobby


"Wir bleiben unserem Motto treu: Schwul, pervers und arbeitsscheu!"
(Graffito, Berlin-Kreuzberg, 80er Jahre)


Antworten | Kommentar schreiben | Direktlink zu diesem Kommentar
 
#2
16.05.2014
15:01:35


(-8, 20 Votes)

Von m123


Schlimm finde ich immer, wenn in Massenmedien wie dem Fernsehen Schwulsein immer in Form von Drag-Queens dargestellt wird, so als würde jeder Schwule im Alltag als Drag-Queen rumlaufen. Auch die alljährlichen Bilder vom CSD in der Tagesschau zeigen immer Drag-Queens.

Mit Conchita Wurst's Figur und der zugehörigen massenmedialen Erwähnung von Homosexualität wird Homosexualität wieder vermehrt mit Travestie und Transidentität vermischt. Auch wenn Conchita Wurst nicht transident ist, erweckt es für den gewöhnlichen Bürger den Eindruck, dass Transidentität etwas mit Homosexualität zu tun hat. Nicht jeder gewöhnliche Bürger ist über queere Sachen und Fakten so gut informiert wie wir und nicht jeder gewöhnliche Bürger kann mit diesen Begriffen umgehen. Wir sollten nicht den Fehler machen zu denken, dass alle die Botschaft der Conchita Wurst verstehen und richtig einordnen.

Im Grunde werden große Teile der Öffentlichkeit zum Thema Homosexualität durch falsche Begriffsverwendung in den Massenmedien verwirrt und desinformiert. Das ist die negative Seite des Sieges der Conchita Wurst. Schuld daran ist nicht Conchita, sondern die Medienleute, die ständig die falschen Begriffe verwenden und Zusammenhänge vorgaukeln wo keine Zusammenhänge sind.


Antworten | Kommentar schreiben | Direktlink zu diesem Kommentar
 
#3
16.05.2014
15:02:54


(+6, 8 Votes)
 
#4
16.05.2014
15:16:35
Via Handy


(+4, 8 Votes)

Von Alex


N24 halt...

Und Friedmann halt...


Antworten | Kommentar schreiben | Direktlink zu diesem Kommentar
 
#5
16.05.2014
15:28:15


(+9, 9 Votes)

Von ehemaligem User reiserobby


Hatte heute schon überlegt, ob Queer.de auf eine Berichterstattung verzichtet, weil die Sendung schlicht zu blöd gewesen ist.
Nach dem Lesen des Blog-Posts bin ich unsicher, ob man so eine "Krawallsendung" unkommentiert stehen lassen sollte, wie ich es heute Morgen noch dachte.
Was noch fehlt, besser; was in der mittlerweile immer mehr staatstragend daherkommenden LGBTIQ-Bewegung verloren gegangen ist, ist eine kritische Debatte über die Fragen, wie sich organisierte und individuelle LGBTIQ gegen politischen Sexismus wehren sollen. Krawall, Inhalte, mit wem redet man, wen haut man besser einfach nur vors Maul?
Keine Frage ist: Politischer Sexismus ist eine Form des Faschismus. Und Friedmann hat dem gestern nichts entgegen gesetzt, sondern in der Tat die Fascho-Klaviatur mit Genuss rauf und runter geklimpert.


Antworten | Kommentar schreiben | Direktlink zu diesem Kommentar
 
#6
16.05.2014
15:30:59


(+4, 8 Votes)

Von RWTH


Ausgerechnet derjenige, der sich durch die Gegend hurt, muss fragen, ob Homosexualität normal oder pervers sei...


Antworten | Kommentar schreiben | Direktlink zu diesem Kommentar
 
#7
16.05.2014
15:38:15


(+11, 11 Votes)

Von ehemaligem User reiserobby
Antwort zu Kommentar #6 von RWTH


Nichts gegen SexarbeiterInnen und Freier, aber die Tatsache, das Nina sich da hat vor den Karren spannen lassen, ist der eigentliche "szeneinterne" Skandal. Sie wurde ja bereits von den Nachmittags-TV-Luden bestens eingeritten. Als erfahrene Mediennutte ist sie also sicherlich nicht "unverschuldet", ahnungslos in diesen Sumpf geraten.


Antworten | Kommentar schreiben | Direktlink zu diesem Kommentar
 
#8
16.05.2014
17:13:18


(+5, 7 Votes)

Von Hugo


Und deshalb schaue ich keine Polittalksendungen und schon gar nicht bei den privaten.
Egal um was für ein politisches Thema es sich handelt, die wichtigen Themen werden angerissen und wenn jemand unangenehmes sagen will, dann wir er abgewürgt, auch oft vom Moderator.


Antworten | Kommentar schreiben | Direktlink zu diesem Kommentar
 
#9
16.05.2014
17:29:00


(+8, 8 Votes)

Von Dennis
Profil nur für angemeldete User sichtbar


Friedmann war, ist und bleibt das was er ist: EIn Zyniker


Antworten | Kommentar schreiben | Direktlink zu diesem Kommentar
 
#10
16.05.2014
17:30:50


(+7, 13 Votes)

Von TheDad
Profil nur für angemeldete User sichtbar
Antwort zu Kommentar #2 von m123


""Nicht jeder gewöhnliche Bürger ist über queere Sachen und Fakten so gut informiert wie wir und nicht jeder gewöhnliche Bürger kann mit diesen Begriffen umgehen.""..

""Im Grunde werden große Teile der Öffentlichkeit zum Thema Homosexualität durch falsche Begriffsverwendung in den Massenmedien verwirrt und desinformiert""..

Du hältst den Durchschnitts-Hetero offenbar immer noch für genauso bescheuert, wie der Sender..

Der Sender weiß genau was er dort macht !

Und die meisten Heten wissen auch das Schwule nicht im kleinem Schwarzen zur Arbeit gehen..

Dem Gros der Leute per se Dummheit zu unterstellen ist ebenso blödsinnig, wie zu denken, das die Unsichtbarkeit von LGBT´s zu einer gesteigerten Akzeptanz in der Gesellschaft führte, denn was die Gesellschaft nicht sieht, kann sie auch nicht wahrnehmen, und schon gar nicht als normalen Bestandteil dieser Gesellschaft..


Antworten | Kommentar schreiben | Direktlink zu diesem Kommentar
 
« zurück  12345678  vor »


 Queer.de-Blog

Top-Links (Werbung)

 MEINUNG



Anderswo
Bild des Tages
Aktuell auf queer.de
LiSL: Keine deutschen Steuergelder für Verfolgerstaaten Marokko: Küssende Mädchen freigesprochen Niederlande: Kommission empfiehlt bis zu vier Eltern pro Kind Israel: Gleichstellung ausländischer Homo-Partner geplant
 © Queer Communications GmbH 2016   Unternehmen | Team | Mediadaten | Logos | Impressum / AGB | Spenden | Kontakt