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  • 21.05.2014               Teilen:   |

"Die andere Seite des Regenbogens"

Ein Denkmal für vier Berliner Que(e)rköpfe

Artikelbild
Mit Wein und BH für die queere Revolution: Thomas Bartels war mit seiner Kamera auch beim Transgenialen CSD in Kreuzberg dabei

Zwei Jahre nach der erfolgreichen Crowdfunding-Kampagne kommt jetzt die bemerkenswerte Doku "Die andere Seite des Regenbogens" in ausgewählte Kinos.

Von Robert Niedermeier

Spaziergänger schlendern durch den Berliner Tiergarten, das junifrische Sommergrün ist mit Sonnenlicht durchflutet. Lediglich ein bislang unbestimmt diffuses, leises Wummern durchbricht die Idylle. Die Bässe hämmern lauter, als der Blick auf die CSD-Parade von 2010 schwenkt.

"Für Gleichstellung, gegen Diskriminierung – und es macht auch Spaß", stanzt der Regierende Bürgermeister Wowereit routiniert ins Mikrofon und lächelt dabei in die Kamera. Doch ohne Widerworte kommt "Wowi" nicht davon. Schließlich befinden wir uns auf "Der anderen Seite des Regenbogens."

Das ist der Name des Dokumentarfilms von Thomas Bartels. Der 33-Jährige hat einen absolut ansehnlichen Film zum genauen Zuhören geschaffen. "Der offizielle CSD ist eine Werbeveranstaltung für Firmen, die glauben jetzt couragiert zu sein, was natürlich totaler Blödsinn ist", setzt etwa der körperlich behinderte Mark den optimistischen Worten des Regierenden Bürgermeisters entgegen.

Fortsetzung nach Anzeige


Die schwul-lesbischen PR-Seifenblasen zerplatzen an der Realität

Plakat zur Doku: Als erste Aufführungstermine stehen Hannover, Dresden, Würzburg, Berlin und Leipzig fest
Plakat zur Doku: Als erste Aufführungstermine stehen Hannover, Dresden, Würzburg, Berlin und Leipzig fest

In der knapp eineinhalb Stunden langen Doku überblenden immer wieder die kritischen Töne die gezeigten bunten Paradebilder. Ebenso werden die wohlfeilen Worte von CSD-Veranstalter Robert Kastl durch höhnische Aussagen von Ruth Luschnat konterkariert. "Ob der CSD eine Demo ist, das weiß ich nicht", lacht laut die Kreuzberger Heilpraktikerin, die bis 2011 den alternativen Transgenialen CSD (TCSD) mit organisierte. Wowereits und Kastls professionell-charmanter Optimismus wird entblößt und löst sich bereits zu Beginn des Films bildhaft in Seifenblasen auf.

Wohldosierte dramaturgische Elemente wie die düster-melancholische E-Gitarren-Musik von Florian Holzner tun ihr Übriges, um den Zuschauer von Anfang an einzustimmen. Kein Pathos, keine Meere von Regenbogen-Fahnen, keine universelle Botschaft, kein Loblied auf die vereinte Community. Von all dem bleiben die Zuschauer verschont. Vielmehr suhlt sich Regisseur Bartels genüsslich in der Tristesse des schnöden Alltags.

Spannend ist "Die andere Seite des Regenbogens" trotzdem – und gerade aufgrund des Blicks auf das ganz normal langweilige und dennoch spannende Privatleben von Individuen. "Ich wollte Menschen porträtieren, die sich etwas abseits der sonst von den Massenmedien vereinnahmten Klischees bewegen", erläutert Bartels gegenüber queer.de. Es ist ihm gelungen. Vier Hauptprotagonisten werden über einen Zeitraum von fast zwei Jahren begleitet.

Ein Punk, ein Transmann, eine Bisexuelle und ein Krüppel

Da ist zum einen Nico, der schwule Punk um die Vierzig, der sich in seinem Mikro-Kosmos zwischen Friedrichshain und Kreuzberg die Zeit gerne im Tattoo-Studio vertreibt oder "erst neulich ein Punk-Konzert mit einem Marianne-Rosenberg-T-Shirt" besuchte, weil das "viel lustiger ist als mit einem Punk-T-Shirt". Hin und wieder schreibt der jung gebliebene Berlin-Einwanderer vom Land Konzert-Rezensionen, im Film ist er jedoch vor allem ein Zeitzeuge. Nico berichtet nicht nur über als Punks verkleidete Spießbürger, die sich in Schönebergs Cruising-Clubs erhoffen dank Camouflage "öfters gefickt zu werden", sondern auch über die rasante Veränderung einer Subkultur, die längst im Mainstream angekommen scheint.

Autor und Performancekünstler Jayrome C. wandelt sich während der Dreharbeiten von einer lesbischen, verträumt-poetischen und zarten jungen Frau zum vorlauten Kerl mit Muckis und nach wie vor viel Grips in der Birne. Ein Glücksfall für einen Dokumentarfilmer und sicherlich ein gefundenes Fressen für Homo-Hasser ist auch Isabelle. Die bisexuelle junge Frau, die sich sehr wohl hätte ein heterosexuelles Leben mit Ehemann und Kinder vorstellen können, wird in Neukölln von einer zehn Jahre älteren Lesbe auf einen komplett anderen Weg der bürgerlich-romantischen Liebe geführt. Der eingangs erwähnte Mark widerum humpelt durch den Prenzlauer Berg und redet glasklar übers nicht Perfekt- und trotzdem Glücklichsein.

Ein Film voller Standpunkte und ehrlicher Worte

Regisseur Thomas Bartels studierte Film in den USA. Feinschnitt, Farbkorrektur und Tonmischung seiner Doku finanzierte er über Crowdfunding
Regisseur Thomas Bartels studierte Film in den USA. Feinschnitt, Farbkorrektur und Tonmischung seiner Doku finanzierte er über Crowdfunding

Bartels' Dokumentation steckt dank der Porträts voller Standpunke und ehrlicher Worte. Mit Oberflächlichkeiten hält er sich nicht lange auf, er deckt sie aber schonungslos auf. Wackelnde Popos, schlecht sitzende Parade-Kostüme und mit dem Kopf schüttelnde Passanten funktionieren in diesem guten Stück Doku-Kino als das Salz in der schmackhaften Suppe. Und zwischendurch immer wieder grandiose Einstellungen. Etwa der Zoom auf eine trostlos am Boden liegende leere Weinflasche, während sich dahinter das etwas verwahrlost wirkende Ende des Paraden-Trosses in Richtung Siegessäule entfernt.

Es macht richtig Spaß, den Film beim Zuhören anzuschauen, denn die starken Bilder, der tolle Schnitt und die Kameraführung haben Klasse. Der hauptberuflich als Cutter arbeitende Bartels hat eine Menge Arbeit rein gesteckt. Angestrengt wirkt seine Produktion indes nicht und das Schöne an diesem Film lenkt keinesfalls von der gezeigten Realität ab. Es sind die Bilder und persönlichen Geschichten zugleich, die den opulenten Rahmen für einen Blick auf die jüngere Berliner CSD-Geschichte bilden.

Die aktuellen Turbulenzen der letzen Monate, der TCSD-Streit, das Tohuwabohu über das CDU-Verbot von 2013, und die momentan stattfindenden Ereignisse um die drohende Zersplitterung des großen Berliner CSDs fehlen in dem bereits 2012 fertig gestellten Film. Zeitlos hingegen sind die klugen, kompetenten Antworten von Sozialwissenschaftler Dr. Michael Bochow zur schwulen Identität und dem Coming-out als Symptom der Anpassung an die heteronormative Gesellschaft während Markus Behrens von Mann-o-Meter zum Thema sagt: "Der Wind bläst einem ordentlich ins Gesicht".

Aufklärung, Widerspruch und Humor

Widersprüche offen legen, das künstlerisch Wertvolle dem Aufklärerischen dienen lassen. Das erfüllt Bartels Doku. Wie in jedem guten Film, gibt es derweil viele Höhepunkte. Etwa wenn der Transmann die Solidarität der Geschlechter untereinander in Frage stellt, stattdessen eine Haltung über geschlechtliche Grenzen hinweg propagiert. Lacher provoziert die Szene, in der TCSD-Teilnehmer per Megafon erklären, dass ein Transparent keine Werbung, sondern eine Botschaft sei.

Eine Fortsetzung von "Die andere Seite des Regenbogens" wird es nicht geben. Doch queer.de darf den Lesern verraten, dass Isabel heiratet und Marks Physiotherapie große Fortschritte macht. Wie es mit dem CSD in Berlin weitergeht, tut da eigentlich nichts zur Sache. Denn der Zuschauer hat zum Ende des Films ohnehin an jenen Typen einen Narren gefressen, denen der große CSD ziemlich Schnurz ist. Das Leben der Berliner Qu(e)erköpfe geht weiter. Bartels Film hat ihnen ein sehens- und hörenswertes Denkmal gesetzt.

Youtube | Trailer zur Doku
  Kino-Termine
22.5. Hannover – Medienhaus (21 Uhr)
22.5. Dresden – Kino Im Dach (20 Uhr)
24.+25.5. Würzburg – FemFest (diverse Vorstellungen)
11.6. Berlin – Xenon (20 Uhr, mit anschließender Diskussionsrunde mit Regisseur und Protagonisten)
12.6. Leipzig – KinoBar Prager Frühling (20 Uhr)
Links zum Thema:
» Homepage zum Film
» Facebook-Seite zum Film
Mehr zum Thema:
» Doku über vier queere Berliner (16.07.2012)
Galerie
Die andere Seite des Regenbogens

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Tags: thomas bartels, queer berlin, die andere seite des regenbogens, dokumentarfilm
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