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  • 25.05.2014           19      Teilen:   |

Benjamin Britten

Deutsche Oper entschwult "Billy Budd"

Artikelbild
Jedwede Homoerotik gekillt: Die "Billy Budd"-Inszenierung von David Alden spielt im Laderaum eines pseudo-faschistischen Stahldampfers. Premiere war 22. Mai (Bild: Marcus Lieberenz/Deutsche Oper Berlin)

Ausgerechnet im weltoffenen Berlin geriet die Premiere der berühmtesten Schwulenoper aller Zeiten zum homophoben Tiefschläger.

Von Kevin Clarke

Man kommt aus dem Staunen gar nicht mehr raus. Die von homoerotischen Themen nur so durchsetzte Seemannsoper "Billy Budd", die Komponist Benjamin Britten 1948 zusammen mit dem Romancier E. M. Forster ("Zimmer mit Aussicht", "Maurice") zu schreiben begann und die 1951 am Royal Opera House Covent Garden mit Brittens Lebenspartner Peter Pears in der Rolle des Kapitän Vere herauskam, feiert seit Jahrzehnten Erfolge – im konservativen München an der Bayerischen Staatsoper, im katholischen Österreich an der Wiener Staatsoper, an der New Yorker Met und an vielen, vielen anderen Großbühnen.

Überall dient das Stück als Star-Vehikel für Baritone mit Charisma und aufgepumptem Oberkörper, den sie in diversen Szenen schweißverschmiert präsentieren dürfen. Und überall erlagen nicht nur Homos dem Charme dieser auf einem britischen Kriegsschiff im Jahr 1797 spielenden Dreiecksgeschichte zwischen Kapitän, dem attraktiven Matrosen Billy und dem finsteren Waffenmeister John Claggart, der seine sexuelle Sehnsucht nach Billy dadurch erstickt, dass er den Matrosen an den Galgen bringt mit Falschaussagen und Intrigen. Frei nach dem Oscar-Wilde-Spruch: "Every man kills the thing he loves."

Dass das Setting mit Schiff, Meer und Matrosen visuell reizvoll sein kann – um nicht zu sagen: stimulierend – weiß jeder, der "Querelle" oder "Master & Commander" gesehen hat. Von Tom of Finlands Seemannsphantasien will ich hier gar nicht erst anfangen. Dass dieser Klassiker der modernen Oper und dieses wichtige Werk aus der Geschichte der schwulen Emanzipation (denn als Plädoyer für Akzeptanz hat Forster es eindeutig konzipiert) erst im Jahr 2014 nach Berlin kommt, ist bemerkenswert. Aber besser spät als nie, könnte man sagen. Und sich freuen, dass unter dem offen schwulen Leitungsteam von Intendant, Chefdramaturg und Besetzungschef nun doch endlich ein "Billy Budd" an die Deutsche Oper Berlin (DOB) kam, als Teil eines Benjamin-Britten-Zyklus, der in dieser Stadt ebenfalls überfällig ist.

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Ein veritabler Barihunk in der Hauptrolle

Einer der wenigen Hingucker: Der Amerikaner John Chest hat die Hauptrolle übernommen - Quelle: Marcus Lieberenz/Deutsche Oper Berlin
Einer der wenigen Hingucker: Der Amerikaner John Chest hat die Hauptrolle übernommen (Bild: Marcus Lieberenz/Deutsche Oper Berlin)

Dass sich mit homophilen Produktionen in der Hauptstadt Publikum anlocken lässt, hat Barrie Kosky an der Komischen Oper hinlänglich vorgemacht. Mehr noch, er hat einzelne Inszenierungen sogar von Magazinen wie "Siegessäule" präsentieren lassen oder gezielt zum CSD angesetzt. Was zu ausverkauften Vorstellungen und glänzenden Jahresbilanzen führte.

Nun kommt also die Konkurrenz in der Bismarckstraße daher mit einem Stück, das alles bisher da gewesene potenziell in den Schatten stellen könnte – im direkten Vorfeld von CSD und Motzstraßenfest. Die DOB kaufte sogar die Titelseite der aktuellen "blu". Und bietet in der Hauptrolle einen veritablen Barihunk, der als "Rising Star" durchgehen kann: der Amerikaner John Chest, mit langen blonden Haaren, massiven Armen und einem samtweichen Timbre.

Um ihn herum ein Aufgebot von attraktiven Ensemblemitgliedern und Gästen mit imposanten Stimmen, Luxuskörpern und Spielfreude. Zu nennen wären u.a. Seth Carico und Tobias Kehrer, aber auch Gidon Saks als Claggart. Eine Klasse für sich. Was hätte das für ein Opernfest werden können? Dazu der grandiose Thomas Blondelle als verschreckter "Neuling", der honigsüße Töne produziert, selbst wenn er ausgepeitscht wird.

Schon die britische Presse ließ an der Inszenierung kein gutes Haar

Doch dann kommt alles anders. Die DOB hat keine eigene neue Produktion für ihre Talente herausgebracht, sondern eine Inszenierung in London bei der English National Opera eingekauft, bei deren Premiere 2012 die britische Presse bereits bemerkte: "None of the characters emerge well from this reading." Die Zeitschrift "The Arts Desk" schrieb: "It should be hard to make Britten's Billy Budd a bloodless, passionless, contextless bore, shouldn't it? […] And yet it's what David Alden and English National Opera have achieved with this new production." Der "Telegraph" verweist darauf, dass andere Regisseure die Chance nutzen, gut geölte Oberkörper zu zeigen, aber Alden "firmly buttoned up" bleibt. "Opera Britannia" fasst zusammen: "Even [the] quietly coded opportunities […] the work offers (and which in the modern era surely can surely be more forcefully realised) for depictions of barely-repressed homoeroticism go for virtually nothing, Claggart and his ancient, gnawing sense of 'depravity' are reduced to fumbling with Billy's confiscated red neckerchief. Even Claggart climbing on top of the terrified and cowardly Novice carries no theatrical frisson, so poorly and schematically is it prepared and half-heartedly executed. Trust me, it's not that I'm actually sitting there gagging in anticipation of all the frigging in the rigging: but if you can't manage to realise and actualise on stage the bulging vein of gay subtext that pulsates barely below the surface in this of all works, then I do rather wonder why you'd even bother staging it at all."

Diese Verweigerung von schwulen Subtext mag ein Verkaufsargument fürs Bolschoi Theater in Moskau sein, das ebenfalls Koproduzent ist. Aber für Berlin? Ist es ein Fall von schwulem Selbsthass, dass man nicht als "schwul" abgestempelt werden möchte und dann alles tut, um selbst die leiseste Ahnung eines solchen "Vorwurfs" zu vermeiden? (Und das bei einem schwulen Bürgermeister, der Chef der Kulturabteilung ist und einem langjährigen schwulen Kulturstaatssekretär.) Oder geht das alles aufs Konto des schottischen Dirigenten und Generalmusikdirektors Donald Runnicles, der mit Homo-Themen nichts zu tun haben will – obwohl er den Britten-Zyklus vorantreibt und sicher auch noch "Death in Venice" nach Berlin holen wird?

Panzerkreuzer Potemkin statt sexy Matrosen

Männer in Ledermänteln und schlecht sitzenden Overalls stampfen über die Bühne
Männer in Ledermänteln und schlecht sitzenden Overalls stampfen über die Bühne (Bild: Marcus Lieberenz/Deutsche Oper Berlin)

Die Inszenierung David Aldens lässt die Geschichte nicht 1797 spielen, sondern im Laderaum eines pseudo-faschistischen Stahldampfers à la "Panzerkreuzer Potemkin", wo Männer entweder als gedemütigte Gefangene in schlecht sitzenden Overalls am Boden kauern oder in Ledermänteln und Boots über die Bühne stampfen. Das Meer sieht man nicht, attraktive Matrosen-in-weiß auch nicht. Alles, was "Billy" an Schauwert haben könnte, fällt weg. Auch eine schlüssige Interpretation der Dreiecksgeschichte Vere-Budd-Claggart. Klar, man kann eine Britten-Oper "nicht-homosexuell" angehen, wie das einst der kanadische Tenor Jon Vickers als Peter Grimes in Brittens berühmtestem Werk getan hat. Aber Vickers lieferte eine emotional und stimmlich so überwältigende Interpretation eines Außenseiters, dass sich mit dessen Seelenschmerz jeder identifizieren konnte, egal ob Homo oder Hetero. Bei David Aldens "Billy Budd" gibt es nichts, womit sich irgendwer identifizieren könnte, weil es keine seelische oder emotionale Größe der Figuren gibt, so wie er sie darstellen lässt.

Das heißt praktisch, dass sich Berlins Kulturschaffende mit sehenden Augen eine mittelmäßige Produktion ins Haus geholt haben, die aus unerklärlichen Gründen auf alles Schwule verzichtet, aber auch auf alles Spektakel, das Zuschauer ins Theater locken könnte und damit dafür sorgt, dass "Billy Budd" an der Spree vermutlich schnell wieder vergessen sein wird. Eine Parade von Barihunks, die hier vorbeischauen, wie in München, Wien, New York, London oder sonst wo, wird es wohl nicht geben. Eine anhaltende Auseinandersetzung mit E. M. Forsters Utopie einer frei liebenden Welt auch nicht.

Es geht auch anders: Alternative Los Angeles

Kann man sagen, dass hier aus einer homophoben Grundhaltung heraus ein Werk kaputt gemacht wurde und für Berlin verloren ging, das eigentlich ideal hierher gepasst hätte? Als Geheimtipp für schwule Opernfreunde im Vorfeld des CSD taugt dieser "Billy" jedenfalls nicht. Und ob ein Heteropublikum daran Freude haben wird, bezweifle ich. Dafür passiert zu wenig in der Inszenierung. Dafür ist die Musik ohne jegliche szenische Entsprechung nicht knallig genug. Und damit wird Benjamin Britten in Berlin wohl keinen dauerhaften Platz auf den Spielplänen erringen können.

Da war die gleichfalls aus England importierte Covent-Garden-Produktion von Francesca Zambello, die gerade in Los Angeles als Koproduktion zu sehen war, doch ein anderes Kaliber, wo mit all den erwähnten Erfolgselementen des Stücks offener und effektvoller umgegangen wurde. Das Bolschoi hätte da vermutlich entsetzt "njet" gerufen, aber Berliner? Vermutlich "Willkommen, Bienvenue, Welcome".

Youtube | So kann man "Billy Budd" auch inszenieren: Video aus Los Angeles
  Termine
Weitere Aufführungen am 28. und 31. Mai sowie am 3. und 6. Juni 2014, jeweils um 19.30 Uhr. Deutsche Oper Berlin, Bismarckstr. 35. Karten-Tel. (030) 343 84 343.
Links zum Thema:
» Mehr Infos auf der Homepage der Deutschen Oper Berlin
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Tags: billy budd, benjamin britten, deutsche oper, dob, e. m. forster, john chest
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Reaktionen zu "Deutsche Oper entschwult "Billy Budd""


 19 User-Kommentare
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Die ersten:   
#1
25.05.2014
15:45:47
Via Handy


(+10, 10 Votes)

Von daVinci6667
Profil nur für angemeldete User sichtbar


"Diese Verwei­gerung von schwulen Subtext mag ein Verkaufs­ar­gument fürs Bolschoi Theater in Moskau sein, das ebenfalls Koproduzent ist."

Na dann ist ja alles klar! Jeder weitere Kommentar erübrigt sich.


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#2
25.05.2014
16:24:00
Via Handy


(+10, 12 Votes)

Von Alex


Das ist wohl ein weiterer Beleg für den konservativen Rollback. Eine schwule Oper, die noch vor wenigen Jahren die Massen begeisterte, wird heute sogar in Berlin nur noch als Hetero-Version gezeigt um nur ja nicht die erstarkenden Homohasser aufzuregen.

So etwas gehört boykottiert.

Und wir müssen endlich etwas gegen den konservativen Rollback unternehmen...


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#3
25.05.2014
17:12:51


(+6, 10 Votes)

Von Robin
Antwort zu Kommentar #1 von daVinci6667


Ja, ich finde es unerträglich, dass sich jetzt auch schon deutsche Kulturschaffende dem Druck aus Russland beugen statt mutig für Freiheit der Kunst einzustehen.

Solche Theater, die sich als fünfte Kolonne Moskaus gerieren, sind eine Schande für Kunst und Kultur und haben eigentlich nur noch den Untergang verdient...


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#4
25.05.2014
17:50:37
Via Handy


(+5, 7 Votes)

Von Simon H


"Und wir müssen endlich etwas gegen den konservativen Rollback unternehmen..."

Dazu haben wir ja heute schon mal bei der EU-Wahl die Möglichkeit!

Denn gerade in Menschenrechtsfragen wird mittlerweile das meiste bei der EU entschieden!


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#5
25.05.2014
19:34:25


(+6, 14 Votes)

Von Business Today
Antwort zu Kommentar #3 von Robin


Öhm, die Massenmedien in der BRD sind so voll von aggressivsten (Hetero-) Sexismen wie noch nie. Homoerotische und schwule männliche Körperlichkeit, Zärtlichkeit, Geilheit werden gleichzeitig so unsichtbar gemacht wie selten zuvor.

Das schaffen die "DEUTSCHEN Kulturschaffenden" - oder besser die herrschenden sexistischen Geschäfts- und Marketingmodelle - also ganz ohne die Business und Policy Maker in Russland.


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#6
25.05.2014
19:39:06


(+11, 13 Votes)

Von XDAS
Antwort zu Kommentar #3 von Robin


So hat es im Dritten Reich angefangen.

Da brauchte man niemanden zu zwingen, die haben das alles freiwillig gemacht...


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#7
25.05.2014
23:43:27
Via Handy


(+5, 5 Votes)

Von ginfizz


Ach, der ehemalige Kulturstaatssekretär André Schmitz ist schwul? Interessant! Also, nicht, dass es nicht nahe läge...


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#8
26.05.2014
04:13:29


(+2, 4 Votes)

Von MikeV2001
Aus Berlin
Mitglied seit 14.05.2014


Natürlich ist André Schmitz schwul, sonst hätte es doch das ganze Gemauschel nicht gegeben.

Ja, schade, daß sie auf der Bühne nicht gefickt haben!


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#9
26.05.2014
11:07:52


(0, 2 Votes)

Von ehemaligem User FoXXXyness


Was hat sich David Aldens bei der Inszenierung dieses Werks eigentlich dabei gedacht? Konnte oder wollte er sich nicht an die Vorlage halten?


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#10
26.05.2014
11:13:40


(-2, 2 Votes)
 
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