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  • 25.05.2014               Teilen:   |

"Armer Junge!"

Karl Heinrich Ulrichs' schwuler Zombie

Artikelbild
Ausschnitt aus dem Cover: Aus zuvor in der Homo-Zeitschrift "Der Eigene" erschienenen Erzählungen stellte Adolf Brand, ihr Begründer und Verleger, 1927 die Anthologie "Armer Junge!" zusammen

Im Jahr 1927 erschien die Homo-Anthologie "Armer Junge!" mit neun "Freundschaftsnovellen". Jetzt wurde sie in der Bibliothek rosa Winkel neu aufgelegt.

Von Angelo Algieri

"Dieses Buch ist eine Frechheit!", empörte sich der bekannte Dichter und Schriftsteller Hanns Heinz Ewers (1871-1943) an Heiligabend 1927. Was war geschehen? Der schwule Herausgeber Adolf Brand ließ auf dem Cover des Erzählungsbandes drucken: "Hanns Heinz Ewers, Armer Junge! und acht andere Freundschafts-Novellen". Hetero Ewers war irritiert, schließlich hatte er für das Buch nur eine Homo-Geschichte beigesteuert – und nicht alle neun. Brand gab nach und ließ die Anthologie mit einem neuen Einband versehen: "Armer Junge! Und acht andere Freundschafts-Novellen angesehener Autoren – ohne nun Ewers zu erwähnen…

Diese amüsante Anekdote steht in der bibliografischen Notiz von Wolfram Setz in der Wiederauflage von "Armer Junge! Freundschaftsnovellen". Der Band ist nun in der Bibliothek rosa Winkel des Hamburger Männerschwarm Verlags erschienen. Eine Anthologie, in der unterschiedliche Erzählungen versammelt sind von Autoren, die bereits in der Homo-Zeitschrift "Der Eigene" (mit Unterbrechungen von 1896 bis 1932 erschienen) veröffentlichten oder mit dem Magazin verbunden waren. Herausgeber Brand hat somit eine Art "Best-of" zusammengestellt.

Einige Erzählungen sind tatsächlich meisterlich. Etwa die Schauergeschichte "Manor" von Karl Heinrich Ulrichs (1825-1895). Sie handelt von einer Liebesgeschichte zwischen einem 15- und einem 19-Jährigen – auf den Färöer-Inseln. Sie verlieben sich unsterblich ineinander, bis Manor, der ältere, stirbt. Ein Schock für den 15-Jährigen. Doch nach dem Begräbnis, besucht Manor ihn Nacht für Nacht als Zombie und schmiegt sich in sein Bett, saugt des Lovers Blut aus. Der 15-Jährige wird immer blasser. Doch eine alte weise Frau des Dorfes weiß vermeintlich Rat… Mit kurzen Pinselstrichen erschafft Ulrichs in fünf kurzen Episoden, eine packende Atmosphäre. Temporeich und mitfühlend zugleich. Die Sprache aufs Wesentliche konzentriert – einfach faszinierend! Wenn bloß einige junge schwule Autoren sich eine kleine Scheibe davon abschneiden würden…

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Homo-Abenteuer auf Capri und den Färöer-Inseln

Adolf Brand gab von 1896 bis 1932 die erste regelmäßig erscheinende schwule Zeitschrift heraus
Adolf Brand gab von 1896 bis 1932 die erste regelmäßig erscheinende schwule Zeitschrift heraus

Ähnlich spannend die Schauergeschichte "Die Wachsfigur" vom Kriminalautor Georg Ph. Pfeiffer (1887-1926/27). Sie spielt gleich um die Ecke der Färöer-Inseln: in Schottland. Der Ich-Erzähler besucht dort seinen alten Kommilitonen, der sich in einem Ahnenschloss zurückgezogen hat. Er ist nicht mehr so heiter wie zu Studienzeiten, wo er gerne mit anderen Studenten vögelte. Ist er betrübt, weil er sich nicht die Liebe zum jugendlichen, sexy Sohn des Pächters eingestehen möchte? Und was hat das alles mit der Homo-Love-Story seines Ahnen zu tun, dem eine Wachsfigur gewidmet ist? Wir vermuten es: Diese brillante Geschichte endet tragisch!

Auch verstrickt, aber in wärmeren, heiß-erotischen Gefilden spielen die folgenden Storys: "Armer Junge!", der den Titel der Anthologie liefert, des oben erwähnten Ewers spielt auf Capri. Ein junger Kadett verliebt sich unglücklich in einen hedonistischen Hetero. Während Bernhard Jülg (1888-1975) seine Geschichte "Pao Sannesio" in Rom angesiedelt hat: Jugendliche Bengel entdecken in ihrem katholischen Seminar das gegenseitige Begehren – doch wie damit umgehen? Ein feuriger Kuss lässt den Protagonisten wahnsinnig werden…

Interessant auch die unter Pseudonym geschriebene Erzählung "Der Marquis von Saint Brissac" von H.H.v.W. – nicht weil die Rahmenhandlung auch auf Capri spielt, sondern weil durch ein lesbisches Begehren das Geheimnis der Marquise – eine Dragqueen samt Homo-Ehe – aufgeflogen ist. Und seitdem der Marquis einsam ist…

Auffallend ist: Die meisten dieser Storys haben Protagonisten aus der Aristokratie oder dem Großbürgertum. Die Arbeiterschicht kommt kaum vor. Und wenn, dann als dämonische Verbrecher wie etwa in "Der Jettatore" des erfolgreichen Tier- und Kriminalautoren William Quindt (1898-1969) oder als schmachtende ideal-kitschige Liebhaber. Da die meisten Geschichten nicht in Deutschland angesiedelt sind, steht der Schandparagraf 175 nicht im Vordergrund. Dafür treten gesellschaftlich- oder religiös-homophobe Normen auf, etwa in Italien oder in Frankreich.

Allerdings beschäftigt sich eine Satire doch mit dem Paragrafen 175: "Der politische Bart" des bekannten jüdischen Feuilletonisten Theodor Lessing (1872-1933). Eine Satire über einen strammen, machohaften verheirateten Nationalisten, der am Vorabend seiner Reichstagsrede für die Verschärfung des Paragrafen 175 von einer Dame, mit der er einen Seitensprung haben wollte, im Hotel Adlon seiner Männlichkeit beraubt wird: Sie rasiert ihm seinen "Wodansbart" ab. Eine herrliche Satire, die an ihrer Aussage nichts verloren hat.

Die schwule Flucht vor der Realität von Armut und Krieg

"Armer Junge!" ist der 67. Band in der Bibliothek rosa Winkel
"Armer Junge!" ist der 67. Band in der Bibliothek rosa Winkel

Bei aller Bewunderung und teils exzellenten Erzählungen stellen sich in der Einordnung dieser Anthologie jedoch einige Fragen. In Mitten der Weimarer Republik und den heftigen Auseinandersetzungen unterschiedlicher politischer Strömungen (Nazis gegen Kommunisten, Demokraten gegen Monarchisten, Modernisten gegen Traditionalisten usw.) scheint diese Sammlung ein befremdliche Flucht vor der Realität zu sein. Auch die Folgen des Ersten Weltkrieges – mit Kriegsversehrten, Armut und urbanes Prekariat – scheint es in dieser Welt nicht zu geben. Und dies obwohl etwa um das Erscheinungsjahr 1927 Erich Maria Remarques "Im Westen nichts Neues" oder der schwule, pazifistische Roman "Alf" von Bruno Vogel, der den Ersten Weltkrieg mit dem Paragrafen 175 verquickt (queer.de rezensierte), erschienen sind.

Da hätte ich mir im Nachwort von Wolfram Setz mehr literaturhistorische Zuordnung gewünscht. Auch eine mögliche Erklärung erwartet, warum diese Geschichten auch für 1927 arg konventionell daherkommen – von neuen literarischen Strömungen (von Bewusstseinsstrom, Futurismus, Surrealismus, Dadaismus bis hin zum Expressionismus) fehlen jede Spur. Auch was die Informationen zu den einzelnen Autoren angeht, hätte ich mehr erfahren (überwiegend fehlen etwa Geburts- und Sterbedaten). Manche Angabe scheint mir beschönigend zu sein; so war Ewers nicht nur NSDAP-Sympathisant und trat 1931 in die Partei ein, sondern er schrieb ab 1932 unsägliche Nazi-Propaganda. Das hätte Setz deutlicher formulieren müssen!

Auch die Angaben zu Theodor Lessing sind lediglich angedeutet. Etwa, dass er von zwei Nazis Ende August 1933 im tschechischen Marienbad ermordet worden ist, nachdem die Nazi-Führer ein Kopfgeld von 80.000 Reichsmark angesetzt hatten. So verhasst war Lessing bei den Braunen. Einer der Mörder lebte bis 1978 unbehelligt in der DDR, wie Elke-Vera Kotowski in ihrer Lessing-Biografie hinweist. Auch dass Adolf Brand nationalistisch und auch mal rassistisch agierte, wäre eine Erwähnung Wert gewesen. Doch davon nichts. Außerdem hätte Setz aufzeigen können, wie einzelne Storys bis heute Autoren beeinflusst haben – und welche heutigen LGBT-Texte Bezug auf etwa Ulrichs' "Manor" nehmen.

Diese schöne Anthologie hätte ein abgerundeteres und informativeres Nachwort verdient. Äußerst schade!

  Infos zum Buch
Adolf Brand (Hrsg.): Armer Junge! Freundschaftsnovellen. Bibliothek rosa Winkel, Band 67. 168 Seiten. Männerschwarm Verlag. Hamburg 2014. 16 €. ISBN: 978-3-86300-067-7.
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» Mehr Infos zum Buch und Bestellmöglichkeit bei Amazon
» Online-Leseprobe auf der Verlags-Homepage
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Tags: adolf brand, der eigene, bibliothek rosa winkel, männerschwarm, georg ph. pfeiffer, wolfram setz, karl heinrich ulrichs
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