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  • 31.05.2014           33      Teilen:   |

Die Homoerotik des Orientalismus

Lustobjekt: Araber

Artikelbild
Nicht nur die arabischen "Hengste" stehen bei schwulen Männern aus dem Westen seit langem hoch im Kurs: In seiner Ahmed-Serie hat Fotograf Wilhelm von Gloeden (1856-1931) auch den zarten Jünglingen ein Denkmal gesetzt (Bild: Columbia University Press)

In seinem Buch "The Homoerotics of Orientalism" untersucht Joseph Allen Boone, wie und warum Männer aus der westlichen Hemisphäre seit Jahrhunderten den Orient zum schwulen Sehnsuchtsort stilisieren.

Von Kevin Clarke

Ich habe eine Schwäche für Exotismus, besonders wenn er einen Tausend-und-eine-Nacht-Anstrich hat. Weswegen mir die Anzeige für "The Homoerotics of Orientalism" sofort auffiel, als ich im Frühjahr die "Gay & Lesbian Book Review" durchblätterte und das sinnliche Cover dieser Columbia-University-Press-Publikation sah, die da angekündigt wurde.

Mein erster Gedanke war: Dieses Buch muss ich haben! Mein zweiter: Wie ausführlich wird diese Studie wohl sein und wie reich bebildert? Und ist es wirklich ein "schwules" Buch oder nur eine weitere Studie, die versucht zu widerlegen, dass es sowas wie Homosexualität im modernen Sinn des Wortes im Orient je gegeben hat und eine entsprechende Interpretation der umfangreichen Lyrik aus Persien beispielsweise eine völlig Fehlinterpretation sei? (Wie das Joseph A. Massad in "Desiring Arabs" tut, wo der Titel etwas anderes verspricht als der Inhalt liefert.)

Um es gleich zu sagen: "The Homoerotics of Orientalism" ist von der Themensetzung eindeutig "schwul". Mehr noch, der Band ist im Vergleich zu diversen anderen Büchern auch wirklich humorvoll und offen im Blick. Das heißt, obwohl Autor Joseph Allen Boone ein sehr genau arbeitender Gender-Forscher ist, der fundiert zu analysieren weiß, finden seine Untersuchungen nicht in irgendeinem Elfenbeinturm statt, sondern er bezieht alles in seine umfassende Interpretation ein, was er für interessant hält. Und das ist glücklicherweise eine ganze Menge.

Fortsetzung nach Anzeige


Wenn sich der Sultan mit dem Diener vergnügt

Das bei Columbia University Press in New York erschiene Sachbuch ist unter diesem Link auch bei Amazon in Deutschland erhältlich
Das bei Columbia University Press in New York erschiene Sachbuch ist unter diesem Link auch bei Amazon in Deutschland erhältlich

Gleich zu Beginn des Buchs berichtet er von einem Hetero-Porno aus Frankreich, aus dem frühen 20. Jahrhundert, wo mitten in einer Szene, in der ein Reporter namens Dickie in den Harem eines Sultans eingedrungen ist und sich mit dessen Damen vergnügt, der Sultan selbst mit seinem Diener auftaucht – und den Reporter zur Strafe für die Entweihung des Harems durchvögelt, während dieser dem Diener einen Blowjob geben muss.

Boone findet es bemerkenswert, dass solch eine Szene mitten in einer Hetero-Kurzfilmsammlung auftaucht und stellt fest, dass es der entrückte Raum des Orients sei, der selbst in Heterofantasien derartige Mann-Mann-Mann-Gruppensexszenen möglich macht – die einerseits Lust bereiten, andererseits Furcht einflößen. Es sind die zwei Pole, zwischen denen sich die meisten Orient-Fantasien westlicher Männer abspielen, egal ob sie homo oder hetero sind.

Der Streifzug, auf den Boone den Leser mitnimmt, ist umfangreich. Nach einleitenden Überlegungen und vielen plastischen Beispielen aus Literatur, Film und Kunst widmet sich der Literaturwissenschaftler Einzelaspekten wie "The Beautiful Boy", "The Bath or Hamam", "The Hypervirile Male Other", "The Eunuch or Castrated Male", er untersucht einzelne Regionen und wie sie sich in westlichen Fantasien spiegeln (das Ottomanische Reich, Ägypten, Persien usw.). Und er schaut sich an, welche Genres benutzt werden, um welche Fantasien zu transportieren. Die Darstellungen sind dabei durchweg ausführlich und gehen in die Tiefe. Man kann das Buch also nicht im Schnellverfahren lesen, sondern muss sich in den einzelnen Abschnitten auf die behandelten Themen einlassen.

Das ist allerdings lohnend, auch weil eine solche Fülle von Literatur vorgestellt und diskutiert wird, dass ich angefangen habe Listen mit Romantiteln zu machen, die ich demnächst lesen will – etwa Robin Maughams "Testament: Cairo 1898" über einen britischen Offizier, der sich im Krankenhaus in einen ägyptischen Jungen verliebt, was zu einem unerhörten sadomasochistischen sexuellen und emotionalen Durcheinander führt, aber auch zu einem überraschenden Happy End, das dann doch keins ist. Außerdem werden einzelne stets wiederkehrende Topoi untersucht, etwa "Monumental Manhood" (= Riesenschwänze). Boone zeigt, wie solche XXXL-Projektionen auf orientalische Männer bis in die Hollywoodklassiker von Cecil B. DeMille hineinwirken.

Westliche Männer aus arabischer Perspektive beleuchtet

Autor Joseph Allen Boone ist Professor für englische Literaturwissenschaften und Gender Studies an der University of Southern California
Autor Joseph Allen Boone ist Professor für englische Literaturwissenschaften und Gender Studies an der University of Southern California

Die Mischung der Themen ist abwechslungsreich, was die Lektüre spannend hält. Man hat nie das Gefühl, in irgendeiner wissenschaftlichen Ecke zu stranden, wo's plötzlich nur noch um Gedichte, um Fotos und Postkarten oder um Gemälde geht, sondern alles hängt bei Boone mit allem zusammen. Auch mit heutiger Politik. So dekonstruiert er mit spürbarer Lust die Behauptung von Mahmud Ahmadinedschad, dass es im Iran keine Homosexualität gibt und nie gegeben habe. Die Vers-Satire "Aref Nameh" von 1921, vom iranischen Dichter Iraj Mirza, liefert eine eloquente Gegendarstellung, dass es zumindest bis in die 1920er Jahre hinein im Iran – auch in der Selbstwahrnehmung der Bewohner dort – anders war.

Eine andere Gegendarstellung findet Boone in Fazil Bey Enderunis "Hube-name" (1792-1793), ein "Book of Beautiful Boys", das ich gern auf Deutsch lesen würde. Weil der arabische Autor hier alle möglichen Männer/Liebhaber Revue passieren lässt und sie nach Nationalitäten auf ihren sexuellen Reiz abklopft. Zu den Nationalitäten gehören u.a. Deutschland, Frankreich, Schweden, Großbritannien, die aus arabischer (!) Perspektive beleuchtet und in Beziehung gesetzt werden zu Männern des Orients. Spannend ist das und teils ziemlich amüsant. (Die Briten tragen die Krone davon, so viel sei verraten.)

Wie gesagt, das Buch ist dennoch ein wissenschaftliches Buch, keine pornografische Veröffentlichung, auch wenn Pornos behandelt werden. Mit erfrischender Selbstverständlichkeit. Man muss keine Angst haben, dass es hochtrabendes Akademiker-Englisch ist, mit dem man sich abmühen muss. Und die vielen Schwarzweißbilder illustrieren fast auf jeder Seite, wovon der Autor spricht. In der Mitte des Buchs gibt's sogar eine sehr schöne Strecke mit Farbabbildungen, teils aus Boones eigener Sammlung von historischen Postkarten, die schlichtweg grandios sind. Eigentlich wäre die Studie ein dankbares Thema für einen opulenten Bildband, den es in dieser Form noch nicht gibt. Aber vielleicht kommt das ja noch. Material gibt's offensichtlich genug.

Ich für meinen Teil habe mir sofort die DVD mit "Mektoub, Fantasie Arabe" bestellt, um in diesem sechsminütigen französischen Porno die Szene zu sehen, in der Sultan El-Zab Reporter Dickie beiseite nimmt und ihm zeigt, wer das Sagen hat. Es ist eine Szene, die aus einem modernen Raging-Stallion-Film stammen könnte, nur das der historische Charme dieses Pornos doch deutlich aufregender ist. Und die Flexibilität, mit der da zwischen Hetero- und Homo-Sex gewechselt wird, ist beeindruckend.

Wie überhaupt die Tatsache, dass Publikationen wie "The Homoerotics of Orientalism" im anglo-amerikanischen Raum bei großen, renommierten Verlagen in aufwendig lektorierten Ausgaben erscheinen können, die ein breites Publikum ansprechen wollen. Da haben die Amerikaner den Deutschen in Sachen Gay & Lesbian sowie unterhaltsamen Queer Studies merklich was voraus.

  Infos zum Buch
Joseph Allen Boone: The Homoerotics of Orientalism. Sachbuch in englischer Sprache. Columbia University Press. New York City 2014. 37,20 €. ISBN: 978-0-231-15110-8
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Lustobjekt: Araber

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Tags: araber, homoerotik, orientalismus, joseph boone, columbia univ pr
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Reaktionen zu "Lustobjekt: Araber"


 33 User-Kommentare
« zurück  1234  vor »

Die ersten:   
#1
31.05.2014
11:05:35


(+12, 18 Votes)

Von Robin


Wo Schwule unterdrückt, interniert, gefoltert oder sogar die Todesstrafe fürchten müssen, ist für mich nun wahrlich kein "schwuler Sehnsuchtsort"...


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#2
31.05.2014
11:09:28
Via Handy


(-10, 16 Votes)

Von Martin28a
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Interessantes Thema und es stimmt, Araber sind die besten ;)


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#3
31.05.2014
11:18:11


(+6, 8 Votes)

Von DCVDNS


lso ich kann nur für mich sprechen, aber ich steht nicht soo extrem auf Araber.


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#4
31.05.2014
11:53:35


(-7, 19 Votes)

Von Benedictus
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Antwort zu Kommentar #1 von Robin


Und doch fahren Horden schwuler, passiver Männer nach Nordafrika, Israel oder in die Türkei, um dort ihre Beine breit zu machen und Sehnsüchte zu erfüllen, die sie in der "entmaskulisierten" Schwulenszene Deutschlands, bei den unklaren Rollenverteilungen des westlich geprägten Schwulenlebens, in dem angeblich jeder soooo flexibel ist, und demnach jeder aktiv als auch passiv gleichermaßen sein will... (wers glaubt), nicht finden.

Schwule sind so herrlich scheinheilig. Der Reiz, den die orientalische Interpretation von Homosexualität vor allem auf die vielen Dosen hier ausübt (auf die Dosen, die aus Verzweifelung bedingt des Mangels an Aktiven, schon selbst miteinander klappern) können sie sich nicht eingestehen.

Mag es nicht viel mehr die Enttäuschung bei den Schwulen sein, dass die hier lebenden heterosexuellen Araber und Türken, die sie erleben, aber doch so sehr anhimmeln, so schwulenfeindlich ihnen gegenüber eingestellt sind, was sie zu pauschalen Ressentiments (oder in manchen Fällen sogar zu Rassismus) gegen diese Homophoben verleiten lässt?

Die Schwulen verwirklichen immer noch nicht, dass Homophobie nicht ursprünglich der Einfluss des Orients sondern die der christlichen Missionare war und heute die westliche Definition und "affektierte" Trennung von Hetero- und Homosexualität ist und Zurschaustellung von Sexualität, wonach besonders junge Männer dieses Kulturkreises heute Probleme damit haben, Nähe zu anderen Männern zeigen, was traditionell unter Arabern wie auch Türken eigentlich ohne Angst, gleich stigmatisiert zu werden, üblich war. Wo man damals als Mann andere Männer penetriert hat und sich nichts dabei gedacht hat, so überwiegt heute die Furcht, für schwul gehalten zu werden, selbst wenn man einen Anderen lediglich herzlich begrüßt, umarmt, oder Hand in Hand geht. Arabischer Einfluss? Türkischer? Mitnichten! Es ist der Westen und seine eigene, moderne Interpretation von Homosexualität, die dazu führt.

Die westlichen Schwulen ernten heute nur die Früchte, die ihre Kultur einst sääte und heute noch propagiert. Gepaart mit den islamistischen Missionaren geht die Saat auf.


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#5
31.05.2014
12:02:22


(+13, 21 Votes)

Von Samad Häberle
Antwort zu Kommentar #4 von Benedictus


Willschd Verkehr?


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#6
31.05.2014
12:08:47


(-5, 9 Votes)

Von Benedictus
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Antwort zu Kommentar #5 von Samad Häberle


"Willschd" zum Thema "Lustobjekt: Araber" etwas beitragen?


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#7
31.05.2014
12:25:57


(+3, 11 Votes)

Von Peer


Ich vermute mal, der Autor überträgt seine eigenen Vorlieben auf die Allgemeinheit...


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#8
31.05.2014
13:01:03


(+8, 12 Votes)

Von Samad Häberle
Antwort zu Kommentar #6 von Benedictus


Ja.

Filmkunst und -historie

Link zu www.wwwvintageporn.com


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#9
31.05.2014
13:07:47


(-1, 11 Votes)

Von MeineFresse


Ich stehe auch auf Araber, Türken und alles was südländisch aussieht.
Optisch haben die einfach oft was an sich. Aber emotional/kulturell gibt es da langfristig gesehen oft.....Unstimmigkeiten zumindest meine Erfahrung.

Ich sass neulich im Taxi mit so einem älteren türkischen Riesen-Bären, mega breitschultrig, der hatte so einen richtigen Türkischer-Baba-Schnauzbart und riesige Hände mit Haaren auf dem Handrücken


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#10
31.05.2014
13:14:53


(+2, 6 Votes)

Von ehemaligem User Tonner66
Antwort zu Kommentar #8 von Samad Häberle


Haha....lustiger Film aber nicht erotisch!
Warum wohl leben so viele alte schwule Engländer und Franzosen in Marokko? Bestimmt nicht wegen Kunst und Kultur.


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