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  • 01.06.2014           14      Teilen:   |

"Hexenblut"

Der erste Intersex-Comic: Als Baby kastriert

Ein wilder Comic wie ein Punksong: "Hexenblut" ist im Luftschacht Verlag erschienen
Ein wilder Comic wie ein Punksong: "Hexenblut" ist im Luftschacht Verlag erschienen

In der autobiografischen Graphic Novel "Hexenblut" erzählt Suskas Lötzerich die Geschichte eines Jungen, aus dem die Ärzte nach der Geburt ein Mädchen machten.

Von Angelo Algieri

Eins ist jetzt schon sicher: Autor, Illustrator und Maler Suskas Lötzerich hat mit seinen erst 35 Jahren viel erlebt. Das belegt er in seinem autobiografischen Comic "Hexenblut", die die ersten 30 Jahre seines Lebens erzählen bzw. illustrieren.

Lötzerich ist intersexuell geboren. Doch schon kurz nach der Geburt am 25. September 1979 wird seine "Fehlbildung" kastriert. Ohne dass seine Mutter informiert wurde. Als man ihr das Baby gibt, blutet es an der Schnittstelle. "Hexenblut", gibt man der Mutter zur Antwort – "das ist sowas wie die erste Monatsblutung", da das Kind die von der Mutter aufgesogenen Hormone abstoße, informiert die Krankenschwester. Eine unverantwortliche Entscheidung mit tragischen Folgen!

Den Drang, ein Junge zu sein, hat Lötzerich schon früh: Bereits als Dreijähriger behauptet er, ein Penis würde ja noch wachsen. Und die langen Haare? Na klar: Er ist doch ein Wikinger … Noch vor der Einschulung weigert er sich, die Prinzessin zu spielen. Er verhält sich für ein "Mädchen" sehr jungenhaft: Er hört gerne Spielkassetten: "He-Man and the Masters of the Universe", wünscht sich ein BMX-Rad, rauft gerne mit Jungs.

Die Pubertät soll seinem Wunsch, ein Junge zu sein, näher bringen. Allerdings werden seine Probleme noch größer: Er bekommt seine Tage, ihm wachsen kleine Brüste. Er geht zu einigen Psychologen und Psychoanalytikern. Sie können ihm nicht viel helfen – solange er in der Pubertät ist. Die rechtliche Lage in den 1990ern ist rigide. Er solle sich weitmöglichst wie ein Junge anziehen, in der Schule aufs Männerklo gehen und jedem erzählen, ein Junge zu sein. Dem pubertierenden Lötzerich ist das zu viel. Er versucht es nochmal als Mädchen zur Konfirmation – doch das scheitert grandios.

Fortsetzung nach Anzeige


Nach Sex mit einem Neonazi probiert es Suskas mit einer Frau

Ausschnitt aus der Graphic Novel: "Wann krieg ich die Hormone?"
Ausschnitt aus der Graphic Novel: "Wann krieg ich die Hormone?"

Sex darf natürlich nicht fehlen, und auch das hat eine gewisse Brisanz. Punker Lötzerich ist auf eine Party eingeladen. Der Gastgeber unterhält Freundschaften auch zu Neo-Nazis – und so hat Lötzerich zum ersten Mal Sex mit einem attraktiven Nazi. So heftig, dass das Bett – wie in einer guten Komödie – in zwei Teile kracht. Das erinnert ein wenig an den Film "Oi! Warning"…

Suskas hat keinen Orgasmus bekommen und will es nun mit einer Frau versuchen. Doch auch mit "lesbischen" Sex fühlt er sich nicht wohl. Er will unbedingt die Hormontherapie beginnen. Doch auch hier ist das Recht streng. Er muss sich im Alltag für ein Jahr bewähren – und von Dritten als Mann "anerkannt" werden. Doch in der Öffentlichkeit erkennt man an Stimme und Brüsten, dass er kein Mann ist. Frustrierend!

Der Transgender-Film "Boys don't cry" gibt ihm nochmals Kraft: Weg vom Punker, hin zum braven, konservativ-gekleideten Boy. Es scheint zu klappen. 2002 bekommt er die Hormontherapie, bald werden ihm die Brüste abgenommen. Doch zufrieden ist er immer noch nicht. Immer wenn es zum Sex kommt – unabhängig ob mit Mann, Frau oder Transgender – blockiert er. Besser: Er ist innerlich blockiert. Er fühlt sich nicht komplett. Wird ihm ein Penoid Erlösung bringen?

Mit kurzen Schlaglichtern hat Lötzerich seine eigene Lebensgeschichte spannend aufgezeichnet. Dabei konzentriert und verdichtet er Szenen oder Situationen auf manchmal nur einer Seite. Eine Aneinanderkettung von präzise austarierten Episoden seines Lebens – dramaturgisch blendend umgesetzt. Mit einfachen Zeichnungen und großzügigen Schwarz-weiß-Bildern erzählt Lötzerich seiner Identitätsentwicklung meilenweit entfernt von Betroffenheit und Kitsch.

Das verstärkt sich durch die Erzählperspektive. Denn wir erfahren kaum Gedankengänge oder innere Emotionen. Gedankenblasen sind kaum vorhanden. Nüchternheit heißt die Devise – und dennoch packt einen die Story ungemein!

Lötzerich zeigt sich nicht nur von seiner Schokoladenseite

Suskas Lötzerich, geboren 1979, entschied sich im Jahr 2001, als Mann zu leben
Suskas Lötzerich, geboren 1979, entschied sich im Jahr 2001, als Mann zu leben (Bild: privat)

Auch inhaltlich: Zum einen zeigt Lötzerich, welche Allmacht die Ärzte früher hatten und bei Intersexuellen mit einem "ganz kleinen Schnitt" dem Säugling ein Geschlecht aufgezwungen haben. Ohne die Eltern auch nur zu fragen. Zum anderen schildert diese Autobiografie, welche rechtlichen Hürden für eine Geschlechtsanpassung bestanden und noch immer bestehen. Und stellt somit einen klugen Diskussionsbeitrag dar, ob Jugendliche oder gar Kinder ein Recht haben sollten, ihr Geschlecht zu ändern.

Der Comic "Hexenblut" macht nicht nur Mut, sondern zeigt eindrucksvoll, wie verstrickt das Leben sein kann – aber auch wie widersprüchlich Lötzerich selbst ist. Er zeigt sich nicht nur von seiner Schokoladenseite. War er immer fair zu anderen? Stieß er die anderen, die ihn liebten, nur deshalb ab, weil er keinen Schwanz hatte? Als sein bester Freund stirbt, war es richtig, nicht zu weinen?

Wie bei Autobiografien üblich, sind die Einblicke, je näher wir der Gegenwart kommen, sporadischer, weil vielleicht Lebensabschnitte nicht abgeschlossen sind. Hier verhält sich Lötzerich ähnlich wie andere Transgender-Biografen, etwa Valeska Réon oder Kate Bornstein. Bedauerlich, dass der Autor seine Comic-Karriere nicht eingewoben hat – eine comic-reflexive, zusätzliche Ebene hätte dieser schon berauschenden und temporeichen Story das letzte I-Tüpfelchen gegeben.

Doch wer nun glaubt, dass Suskas' Leben nach seinem 30. Geburtstag "normal" verlaufen ist, der irrt. Auf seiner Homepage beschreibt er, dass er "wahnsinnig" geworden sei. Durch beruflichen Stress, Alkohol und Kiffen glaubte er, ein außerirdischer Parasit sitze in seinem Kopf, den er mit einem Schraubenschlüssel töten wollte – er stach durch seine Ohren. Die Folgen: Taubheit, Gleichgewichtsstörungen und Gesichtslähmung. Suskas musste Gebärdensprache lernen und bekam ein Hirnstam-Iimplantat. Er könne nun etwas hören, aber sehr fragmentiert, schreibt er weiter auf seiner Homepage.

Diese Lebensgeschichte ist wahrlich filmreif.

  Infos zum Buch
Suskas Lötzerich: Hexenblut. Comic. 144 Seiten. Format: 14,8 x 21 cm. Softcover. Luftschacht Verlag. Wien 2014. 15,50 €. ISBN 978-3-902844-40-8
Links zum Thema:
» Mehr Infos zum Buch und Bestellmöglichkeit bei Amazon
» Homepage von Suskas Lötzerich
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Tags: hexenblut, suskas lötzerich, kuftschacht verlag, intersexualität, comic, graphic novel
Schwerpunkte:
 Intersexualität
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Reaktionen zu "Der erste Intersex-Comic: Als Baby kastriert"


 14 User-Kommentare
« zurück  12  vor »

Die ersten:   
#1
01.06.2014
18:44:10


(+8, 8 Votes)

Von Robin


Ein sehr wichtiges Thema.

Diese geschlechtsanpassenden Operationen Intersexueller im Kindesalter sind ein Unding, weil man noch gar nicht weiß, mit welchem Geschlecht die Betroffenen sich später wirklich identifizieren oder vielleicht wollen sie sich auch gar nicht entscheiden, sondern als Intersexuelle(r) leben.

Das ist vorsätzliche Körperverletzung und kann auch noch schlimme psychische Folgen haben!

Stattdessen sollte man lieber für die volle Akzeptanz Intersexueller kämpfen! Es gibt mehr als nur zwei Geschlechter...

Und wenn sie selbst irgendwann durch eine OP etwas ändern wollen, können sie das später immer noch.


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#2
01.06.2014
18:47:40


(+8, 8 Votes)

Von Sebi


Ich bin nicht intersexuell, finde aber, dass da viel zu wenig aufgeklärt wird.

Ich danke dem Autor, dass er mit seiner eigenen Geschichte so offen umgeht und sie durch das Comic mit anderen teilt. Das ist ein weiterer Schritt zu mehr Wissen, mehr Verständnis und mehr Akzeptanz!

Nur durch solche Offenheit und Selbstverständlichkeit kann man etwas ändern.


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#3
01.06.2014
19:41:32


(+4, 8 Votes)

Von Finn


Ein wichtiges Thema, das leider (und zum Nachteil der Betroffenen) immer noch zu sehr tabuisiert wird.

Da herrscht noch sehr viel Nachholbedarf in den Köpfen der Menschen, in der Medizin, in der Politik und bei den rechtlichen Regeln.

Umso wichtiger sind solche Werke, die das Thema aufgreifen und in das Bewusstsein rücken. Ich wünsche diesem wichtigen Comic viele Leser und guten Absatz! Und dem Autor alles Gute!


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#4
01.06.2014
20:02:38


(+8, 8 Votes)

Von Koriko
Aus Wiesbaden (Hessen)
Mitglied seit 20.08.2013


Soweit ich weiß, ist "Hexenblut" nur der erste Comic einer Reihe - Suskas arbeitet an einer Fortsetzung, wo genau die Punkte behandelt werden, die noch fehlen: das Comiczeichnen und sein weiteres Leben. Sprich es lohnt sich, den Zeichner im Auge zu behalten :)


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#5
01.06.2014
21:23:18


(+7, 7 Votes)

Von Simon H


Ich kann mich nur meinen Vorrednern anschließen:
man weiß soviel über Schwule, Lesben und Bisexuelle - das wird häufig thematisiert. Bei Transsexuellen und Transgendern sieht das schon ein wenig schlechter aus. Aber Intersexualität ist immer noch ein Tabu und da weiß man kaum etwas drüber. Das wird viel zu wenig thematisiert.

Auch wenn die quantitative Anzahl geringer sein sollte, ist das falsch. Die Wichtigkeit eines Themas hängt nicht von seiner Häufigkeit ab!

Das sollte sich ganz schnell ändern. Und dieser Comic ist ein Beitrag dazu...


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#6
01.06.2014
22:47:08


(+8, 8 Votes)

Von MeineFresse


Hammer gezeichnet und interessantes Thema.


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#7
02.06.2014
10:22:58


(+2, 6 Votes)

Von Andreas V


Suskas hat unter dem Pseudonym "Andi Lirium" übrigens auch den schwulen Punk-Comic "Punkrock Heartland" bei Männerschwarm veröffentlicht, der ebenfalls empfehlenswert ist:
Link zu www.maennerschwarm.de

Falls wer "Hexenblut" kaufen möchte, aber keinen Buchladen in seiner Nähe hat (die können es innerhalb von 24 Stunden bestellen), und sein Geld nicht dem miesen Amazon-Konzern in den Rachen werfen will, kann es auch bei gaybooks.de bestellen und ein wenig die Community unterstützen:

Link zu www.gay-and-lesbianbooks.de


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#8
02.06.2014
13:23:28


(+6, 6 Votes)

Von ehemaligem User FoXXXyness
Antwort zu Kommentar #1 von Robin


Volle Zustimmung!


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#9
23.10.2014
09:17:25


(+3, 3 Votes)

Von xHaraldx
Aus Wiesbaden (Baden-Württemberg)
Mitglied seit 03.09.2013
Antwort zu Kommentar #1 von Robin


Robin, nur ein Unding? Für mich ist das Körperverletzung und gehört unter Strafe gestellt!
Jeder, der dieser Verstümmelung zustimmt oder sie ausführt, gehört vor Gericht!


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#10
23.10.2014
09:41:04
Via Handy


(0, 2 Votes)

Von Robby69
Profil nur für angemeldete User sichtbar
Antwort zu Kommentar #9 von xHaraldx


Stimmt. Nur leider passiert da nichts. Die Intersexuellen-Organisationen versuchen schon seit Jahren, genau das durchzusetzen. Ohne Erfolg - weil die verdammten ewiggestrigen Politiker mauern. Und 'offiziel' gibts keine Zwangsoperationen bei intersexuellen Kindern mehr - die werden aber trotzdem 'inoffiziell' nach wie vor gemacht. Ich hab mich auf dem Münchner CSD mit einer/einem Betroffenen lange über dieses Thema unterhalten. Es ist wirklich zum Kotzen, was die 'Götter in Weiß' diesen Menschen antun!


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