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  • 15.06.2014           5      Teilen:   |

"Im Meer, zwei Jungen"

Die Homo-Erotik des Osteraufstands

Artikelbild
Poster "At Swim, Two Boys": Die britische Tanzkompagnie Earthfall hat den Roman von Jamie O'Neill auch auf die Bühne gebracht

Mit "Im Meer, zwei Jungen" hat Jamie O'Neill hat einen mächtigen Roman zum mythenumrankten Freiheitskampf Irlands aus schwuler Sicht geschrieben.

Von Angelo Algieri

Drei Schwule sind die Protagonisten im 700-seitigen Roman "Im Meer, zwei Jungen" des irischen Schriftstellers und Journalisten Jamie O'Neill. Er wurde jetzt im Berliner Bruno Gmünder Verlag neu aufgelegt, nachdem er bereits 2003 im Münchner Luchterhand Verlag erschien. Die Originalausgabe "At Swim, Two Boys" legte der schwule Schriftsteller im Jahr 2001 vor.

Die 16-jährigen Protagonisten Jim und Doyle sind seit Kindertagen Herzensbrüder. Sie leben in Glasthule, nahe Kingstown, dem heutigen Dún Laoghaire; zehn Kilometer südlich von Dublin. Ihre Schulkarrieren sind jedoch unterschiedlich verlaufen: Während Krämersohn Jim auf die weiterführende Schule durfte, hat Doyles Vater und Säufer ihm es verboten – trotz Stipendium.

Die beiden Jugendlichen gehen im Frühjahr 1915 meist morgens täglich in der Forty-Foot-Badestelle im Meer schwimmen. Ihr Ziel: Bis Ostern 1916 die Muglins, einige vorgelagerte Felseninseln, zu erreichen. Das nackte Schwimmen lässt Doyle auf Jim noch geiler werden. Während Jim noch nicht versteht, was mit ihm geschieht. Im Grunde ist er in Doyle auch verliebt, doch seine erzkatholische Erziehung hat für Homosexualität noch nicht einmal eine Sprache. Symptomatisch: Jim beichtet viel später, dass er mit einem Soldaten Sex gehabt hat. Doch der Pfarrer versteht ihn nicht, da Jim dafür keine Sprache findet. Es kommt zu einer traurigen Situationskomik.

Fortsetzung nach Anzeige


Doyle "handorgelt" Jim, MacMurrough erzählt heroische Homo-Storys

Die deutsche Übersetzung des Romans aus dem Jahr 2001 wurde im Frühjahr im Bruno Gmünder Verlag neu aufgelegt
Die deutsche Übersetzung des Romans aus dem Jahr 2001 wurde im Frühjahr im Bruno Gmünder Verlag neu aufgelegt

Doyle versucht Jim zu verführen, während einer national-irischen Feier bei den adligen MacMurroughs. Beide tragen Kilts. Sie verziehen sich und Doyle "handorgelt" Jim. Doch Jim ist es unangenehm und bittet Doyle aufzuhören. Tage später verabschiedet Doyle sich von ihm mit einem Kuss in den Untergrund und bereitet mit der proletarischen Bürgermiliz in Dublin konspirativ den Aufstand vor. Doyle und Jim schwören, sich zu Ostern 1916 wieder zu sehen.

Doch Jim bleibt nicht lange allein: Zum Schwimmen trifft er sich bald mit dem etwa zehn Jahre älteren MacMurrough. Er hatte mit Doyle eine Affäre oder war es eine Stricher-Freier-Beziehung? Mit MacMurrough kann Jim seine Gedanken austauschen. Der ältere erzählt ihm heroische Homo-Storys aus der Antike. Liebende Männer, die in die Schlacht ziehen – von der Goldenen Schar von Theben bis hin zu den Spartanern. Bedingungslose Männerliebe im Augenblick des Sterbens – diese Kriegsmythen beflügeln Jim. Und bringen ihn direkt ins Verderben. Denn der Osteraufstand 1916, der Beginn der Unabhängigkeit Irlands, steht bevor…

Autor Jamie O'Neill hat einen mächtigen Roman zum mythenumrankten Freiheitskampf Irlands aus schwuler Sicht geschrieben. Klug wählt er die Protagonisten aus unterschiedlichen Schichten und Backgrounds aus – ohne dass sie künstlich und konstruiert wirken. Doch bei den Gays bleibt es nicht: Der Text ist ein gelungenes, rundes Gesellschaftspanorama mit viel Zeitkolorit; wir tauchen auch in andere Figuren ein, etwa in Jims Vater oder in die Tante von MacMurrough. Dazu bedient sich O'Neill folgerichtig und der Zeit passend des Bewusstseinsstroms. Jene Technik also, die James Joyce in seinem berühmten Roman "Ulysses" bekannt machte. Eine klare Reminiszenz.

Zudem ist dieses Werk ein klassisch historischer Roman (auch bezüglich der Seitenlänge…). Und natürlich ein Entwicklungsroman – und das ebenso aus erotischer Perspektive; das Knistern, das Begehren, das Männlich-Körperliche steigert sich von Kapitel zu Kapitel, von Zwischenzeile zu Zwischenzeile – extrem sinnlich. Zudem bestückt mit Bezügen zu Oscar Wilde sowie zum irischen Nationaldichter W. B. Yeats und Flann O'Brien, auf dessen berühmten Roman "At Swim Two Birds" O'Neill in seinem Titel spielerisch Bezug nimmt.

Spannend zeigt O'Neill in diesem Werk, wie das schwule Leben Anfang des 20. Jahrhunderts war. Mit Cruising-Points, Klappen, Sohn-Daddy-Beziehungen, Strichern. Aber auch viel Unsicherheit, Schizophrenie und teils krassem Schwulenhass, genährt durch Gesetze, Kirche und Gesellschaft. Es sollte im Übrigen bis 1993 dauern, bis die Republik Irland Homosexualität entkriminalisierte.

Die Verwicklungen und Ursachen des Osteraufstands

Jamie O'Neill, Jahrgang 1962, lebt als Journalist und Autor in einer Gaeltacht-Region im Westen Irlands
Jamie O'Neill, Jahrgang 1962, lebt als Journalist und Autor in einer Gaeltacht-Region im Westen Irlands

Die Mehrschichtigkeit dieses spannenden Werkes zeigt sich auch auf historischer, gesellschaftlicher Ebene. O'Neill erzählt die Verwicklungen und Ursachen des Osteraufstands anhand von Situationen und Figuren meisterlich. Wie Klerus, Adlige, Bürgertum und Arbeiter zwar gemeinsam für die gleiche Sache kämpften, sich aber untereinander teils spinnefeind waren. Mit ein Grund, warum der Osteraufstand kein Erfolg war und 450 Menschenleben forderte: Die Irischen Freiwilligen und die Bürgermiliz hatten unterschiedliche Vorstellungen und behinderten sich gegenseitig. Das zeigt der Roman sehr eindrucksvoll und plastisch. Gleichzeitig entmystifizierend!

Zudem muss man bedenken, dass das British Empire, dem Irland damals angehörte, sich seit 1914 im Krieg gegen Deutschland befand. Die britische Armee suchte in Irland nach Freiwilligen, und es meldeten sich 200.000 Iren, so wie im Text der ältere Bruder von Jim. Zudem war die "Wut" in der Bevölkerung auf die Engländer geringer als die Jahre davor. Denn kurz vor Kriegseintritt wurde die "Home Rule", die mehr Autonomie für die Iren versprach, im britischen Parlament verabschiedet, aber durch den Krieg ausgesetzt. Darum war der Rückhalt in der Bevölkerung für den Aufstand gering.

Und viel kurioser: Ein deutsches Schiff, das unter norwegischer Flagge fuhr, kam vor der irischen Küste zwei Tage zu früh an. Die Ladung: jede Menge Gewehre und eine Tonne Munition, die der Ire Roger Casement aus Deutschland arrangiert hatte. Doch der Kapitän musste sein Schiff kentern, weil die britische Marine ihn enttarnte. Die Folge: Die Aufständischen besaßen viel weniger Waffen als geplant.

Casement, und das vernachlässigt O'Neill in seinem Roman leider sträflich, war schwul. Wie Hans-Christian Kirsch in seinem äußerst spannenden Sachbuch "Rebellen in Dublin" beschreibt, bekam Casement wegen seiner Homosexualität bei den Briten keine Gnade. Zusätzlich hatte Casement das Pech, sich in New York, als er Gelder für den Aufstand sammelte, in einen Norweger zu verlieben und ihn als Assistenten mit nach Europa zu nehmen. Viel zu spät erkannte er, dass er ein Doppelagent war…

Ein Lehrstück über Aufstände, Rebellionen und Revolutionen

Doch die Vorgänge im Jahr 1916 sind auch ein Lehrstück über Aufstände, Rebellionen und Revolutionen. Über Verstrickungen und Mythenbildungen sowie Ausrufungen von Märtyrern. Nach dem Osteraufstand wurden sämtliche führende "Rebellen" zum Tode verurteilt und Tausende in Gefängnissen gesteckt. Die Engländer wurden dafür in der Bevölkerung gehasst, viele gingen in den Untergrund. Es war die Gunst der Stunde von Sinn Féin und der (neuen) IRA, Irish Republican Army. Die irische Republik erreichte die Unabhängigkeit vom British Empire in den südlichen und westlichen Grafschaften der grünen Insel erst nach dem Bürgerkrieg 1922.

Ein guter historischer Roman zeichnet sich dadurch aus, dass er etwa Phänomene für die Gegenwart erklärt. Darum kann man die damalige LGBT-Situation etwa mit der heutigen Situation in Russland vergleichen. Politik, Klerus und Gesellschaft diskriminieren immer mehr queere Menschen, nachdem sie für die Freiheit in den 1990ern gekämpft hatten. Diese Freiheit wird auf dem Altar von Nationalismus und klerikalen Dogmen geopfert. In Irland damals wie in Russland heute. Ukraine morgen? Eine spannende, lehrreiche Lektüre, die an ihrer traurigen Aktualität nichts eingebüßt hat!

  Infos zum Buch
Jamie O'Neill: Im Meer, zwei Jungen. Roman. Aus dem Englischen von Hans-Christian Oeser. 704 Seiten. Bruno Gmünder Verlag, Berlin 2014. 24,95 €. ISBN: 978-3-86787-681-0.
Links zum Thema:
» Mehr Infos zum Buch und Bestellmöglichkeit bei Amazon
» Homepage von Jamie O’Neill
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Tags: jamie o’neill, im meer zwei jungen, at swim two boys, irland, osteraufstand
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Reaktionen zu "Die Homo-Erotik des Osteraufstands"


 5 User-Kommentare
« zurück  1  vor »

Die ersten:   
#1
15.06.2014
13:48:35


(+7, 9 Votes)

Von homo-erotik


Eine spannende, lehrreiche Lektüre,....

Link zu www.queer.de

Sinn Fein

Link:
de.wikipedia.org/wiki/Sinn_F%C3%A9in


Europa
Vereinte Europäische Linke/Nordische Grüne Linke (GUE-NGL)

Link zu www.faz.net

Link zu www.queer.de


Antworten | Kommentar schreiben | Direktlink zu diesem Kommentar
 
#2
15.06.2014
14:16:21


(+8, 10 Votes)

Von diversity
Antwort zu Kommentar #1 von homo-erotik


Bild-Link:
_68370896_mandelaandadams.jpg


Fanning repeated the question more pointedly: "But what was your position, Mr Mandela, on decommissioning weapons? And what advice would you give Gerry Adams?" Mandela's mood turned suddenly steely. He looked seriously and sternly at Fanning. "My position, my position... my position is that you don't hand over your weapons until you get what you want... "

The editors around the table were stopped in their tracks. Here was the other Mandela, unflinchingly gritty, never to be taken lightly, who commanded the respect of a huge revolutionary force inside and outside his prison cell.

Link zu www.belfasttelegraph.co.uk


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#3
15.06.2014
15:05:14


(+4, 6 Votes)

Von irish folk


Family of Chelsea Manning hoping to connect with Irish relatives

Chelsea Manning family: Gender transition was a shock but we support her

Link zu www.thejournal.ie

Chelsea Manning erklärt in der New York Times die Lage im Irak.

By CHELSEA MANNINGJUNE 14, 2014

Link zu www.nytimes.com


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#4
15.06.2014
16:01:07


(+5, 7 Votes)
 
#5
15.06.2014
18:54:12


(+5, 5 Votes)

Von PuderBaer
Profil nur für angemeldete User sichtbar


Tolles Buch. Schon zweimal gelesen.


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