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Die Schauspielerin Judy Winter zählt zu den renommiertesten Schauspielerinnen im deutschen Fernsehen und Theater. Derzeit ist sie in dem Theater-Stück "Die Hochzeitsreise" in Hamburg zu sehen. Darüber hinaus engagiert sie sich stark im Kampf gegen Aids. Für Judy Winter war es ein sehr persönlicher Grund, sich mit der Krankheit zu beschäftigen: Ein vertrauter Freund verstarb an Aids. Nach Vorstellungen im Theater ist sie stets mit einer Sammelbüchse für die Aids-Hilfe anzutreffen. Im Interview mit queer.de erzählte Judy Winter über ihre Arbeiten, ihr soziales Engagement und die Herkunft ihres Namens, der von zwei großen Schwulen-Idolen herrührt.

Von Jan Gebauer

Ihr Künstler-Name geht auf zwei Schwulenikonen zurück: Judy Garland und Shelley Winters. Warum diese beiden Frauen?

Bei Judy Garland natürlich ihre Stimme und ihr wahnsinnige Verletzbarkeit, die sie aber in Kraft umgesetzt hat. Sie hat nicht nur gelitten, sondern mit einer unbeschreiblichen Power gelebt und gearbeitet – das fand ich atemberaubend und sensationell. Shelley Winters faszinierte mich wegen ihrer Uneitelkeit. Eine hinreißende Schauspielerin. Ich erinnere mich besonders gut an "Die amerikanische Tragödie" unter der Regie von George Stevens mit Elizabeth Taylor und Montgomery Clift. Da spielte Shelley großartig eine schrecklich nölige Frau, furchtbar unsympatisch. Aber sie war einfach brillant in dieser Rolle.

Ähnlich wie Garland und Winters haben Sie immer Mut zum Grotesken oder Hässlichen bewiesen. Sie haben 1995 zum Beispiel neben Hape Kerkeling in dem Film "Club Las Piranhas" eine betrunkene Hotelchefin gespielt.

Das war einfach großartig. Wir hatten eine tolle Zeit und unbeschreiblich viel Spaß. Der Film ist mittlerweile auch zum Kult-Film geworden. Ich liebe Hape Kerkeling wirklich sehr, er ist einfach ein Traum. Und meine Rolle war eben mal etwas ganz anderes. Kein Schwein hat von mir erwartet, dass ich so eine versoffene Frau spielen würde. Auch während der Dreharbeiten haben wir viel Spaß und Quatsch gemacht, obwohl es natürlich auch harte Arbeit war. Aber das kam einem nicht so vor.

Ihre vielleicht erfolgreichste Rolle war die der Marlene Dietrich im Theater-Stück "Marlene". Was zieht besonders schwule Männer hin zu solch großen Frauen?

Ich glaube die Stärke. Bei Marlene sicher auch das Göttinnen-Syndrom. Wie sie den Mantel geschmissen hat, ihre demütige Arroganz beim Verbeugen. Das war Wahnsinn. Überhaupt war Marlene der Inbegriff einer Frau – sich nie ganz hingeben, immer noch kontrolliert bleiben, eigentlich die Männer lächerlich machen. Für Schwule eine Art Vorbild oder Ideal, das sie gerne wären, wenn sie die Möglichkeit hätten, eine Frau zu sein.

Ist es einfacher, eine historische Figur wie Marlene Dietrich zu spielen oder eine völlig fiktive Figur?

Es ist viel schwerer eine Figur wie Marlene Dietrich zu spielen, auch wenn man viel Material als Vorlage hat. Jeder kennt sie und vergleicht immer. Auch wenn die Leute auf mich zukommen und sagen: "Genau wie Marlene!" Die haben doch keine Ahnung, wie Marlene war, auch wenn jeder meint zu wissen, wie sie war. Die haben nur ihre Filme gesehen, aber das war nicht die wahre Marlene, sondern nur Rollen. Die "Bild"-Zeitung hat mal als Überschrift geschrieben, dass ich monatelang mit Marlene gelebt habe, aber das hatte ich anders gemeint. Ich habe monatelang gelesen, Videos angeschaut – wie ein Schwamm alles in mich aufgesaugt, um eine gute Essenz zu haben. Ich weiß letztendlich selber nicht, wie sie war. Mein Darstellung ist nur meine Art der Interpretation – so könnte sie gewesen sein. Sie war nicht nur gütig, sondern auch sehr ungerecht, manchmal auch unsicher. Sehr verletzlich, zeitweise bösartig und wahnsinnig ängstlich. Und dann hat sie "gebissen".

Sie reichen nach jedem Auftritt Sammelbüchsen für die Aids-Hilfe herum. Gab es beim Sammeln schon mal Anfeindungen?

Ohja, aber nicht im Theater. Dort stehen die Leute Schlange, um zu spenden. Es war beim Sammeln auf dem Christkindel-Markt in Berlin, merkwürdigerweise zusammen mit Guido Westerwelle. Wir bekamen Sachen zu hören wie "Neee, für DIE nicht!". Danach wurde sogar gespuckt! Wir mussten aber ohnehin die ganze Zeit fast betteln, um Geld in die Dosen zu bekommen. Das war unfassbar.

Wie gehen sie mit so einer Extrem-Situation um?

Ich versuche den Unwillen der Menschen gelassen zu nehmen, wenn sie etwas nicht verbalisieren können und lieber so extrem regieren wollen. Ich überlasse sie ihrer eigenen Wut und will da auch nicht missionieren. Da ist mir meine Zeit und Kraft zu schade für, die stecke ich liebe woanders rein.

Judy Winter ist zwischen dem 25. Dezember 2004 und dem 21. Januar 2005 in dem Theaterstück "Hochzeitsreise" im Ernst-Deutsch-Theater in Hamburg zu sehen. Ab dem 10. März wird sie wieder auf "Marlene"-Tour gehen. Die genauen Daten können der Ticket-Seite von getgo oder Judy Winters Homepage entnommen werden.

28. Dezember 2004